Vorstellungen von Regionalität in Europa

Buchbesprechung: "Periphere Zentren oder zentrale Peripherien? Kulturen und Regionen Europas zwischen Globalisierung und Regionalität"

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Jürgen Stoldt

Vor zwei Jahren fungierten „Luxemburg und die Großregion“ gemeinsam als Europäische Kulturhauptstadt. Darüber, ob das Konstrukt Großregion tatsächlich schon in den Köpfen seiner Bewohner existiert, wurde während des „Kulturjahres“ vortrefflich gestritten. Nichtsdestotrotz ist die Großregion eine tägliche Realität zumindest in den Lebensbereichen Mobilität, Arbeitsmarkt und Konsum. Im Gegensatz zu den anderen Kooperationspartnern, den deutschen Bundesländern Rheinland-Pfalz und Saarland, der belgischen Wallonie und dem französischen Lothringen ist Luxemburg der einzige souveräne Nationalstaat, der vollumfänglich zur Europäischen Großregion zählt. Am Beispiel Luxemburgs lässt

sich exemplarisch aufzeigen, dass einst national definierte regionale Räume aufbrechen können und teilweise Legitimation verlieren.

Mehr noch als der Titel des gemeinsam von Wilhelm Amann und Georg Mein von der Universität Luxemburg mit ihrem Bielefelder Kollegen Rolf Parr herausgegebenen Buch Periphere Zentren oder zentrale Peripherien gibt der Untertitel des Werks einen Hinweis darauf, womit sich die insgesamt 13 Autoren in ihren zum Teil sehr wissenschaftlichen und selbst für den interessierten Laien oft nur schwer verständlichen Beiträgen auseinandersetzen: Kulturen und Regionen Europas zwischen Globalisierung und Regionalität. Der Band geht auf eine Tagung an der Universität Luxemburg im Dezember 2007 zurück, diese war Teil eines größeren Forschungsprojekts zum Thema „Regionalität und Globalität“.

Die Beiträge setzen sich allesamt auf höchst unterschiedliche Herangehensweise mit dem Phänomen einer Renaissance des Regionalen in Zeiten der Globalisierung auseinander. Dominierte in der Moderne eine Dichotomie von „Metropole versus Provinz“, hat sich diese unter den Bedingungen der Globalisierung zu einem vermeintlichen Antagonismus von „Globalität versus Lokalität“ entwickelt. Doch mehr noch als diese Feststellung ist für die Autoren des Buchs die Beobachtung grundlegend, dass es einen gegenseitigen und strukturellen Austausch zwischen Peripherie und Zentrum gibt. In Zeiten der Globalisierung habe dies unter anderem dazu geführt, dass es zu einem Bedeutungszuwachs, ja zu einem Erstarken des Regionalen kam. Obwohl sich die Phänomene der Globalisierung bekanntlich zunächst in den Metropolen manifestieren, was deren ohnehin dominierenden Stellung scheinbar Vorschub leistet, sorgten informationstechnische und medienkulturelle Entwicklungen zugleich dafür, dass die ehemals als randständig wahrgenommenen Regionen zu neuer Bedeutung gelangten. Die Her-

Wilhelm Amann, Georg Mein, Rolf Parr (Hrsg.): Periphere Zentren oder zentrale Peripherien? Kulturen und Regionen Europas zwischen Globalisierung und Regionalität, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-939381-22-8

ausgeber sprechen in ihrem einleitenden Kapitel denn auch folgerichtig von einer „eigentümlichen Dialektik“, die in nahezu allen Teilbereichen der europäischen Gesellschaften anzutreffen sei. Doch die Autoren gehen noch einen Schritt weiter und behaupten, basierend auf den Forschungen des Stadtsoziologen Helmuth Berking, dass das Globale „keineswegs ungefiltert auf das Lokale“ wirke, vielmehr das Lokale als „aktiver, prozessbestimmender Faktor zu betrachten“ sei.

In ihrem Band geben die Herausgeber dem Begriff des Regionalen den Vorzug. Denn in der Tat ist die Vorstellung des Lokalen in der deutschen Sprache mit dem unmittelbaren Lebensumfeld, mit direkter Interaktion und der Erfahrung von Nähe und Vertrautheit verbunden. Der technische und mediale Fortschritt und nicht zuletzt die stetig gestiegene Mobilität haben jedoch längst dazu geführt, dass die persönlichen Erfahrungswelten deutlich ausgedehnt wurden, das Nahe ferner liegt und seine begriffliche Entsprechung heute eher im Regionalen denn im Lokalen findet. Das Regionale sei quasi Ausdruck der „auf den Globalisierungsdruck reagierenden Reterritorialisierungsprozesse“, schreiben die Autoren.

Luxemburgs Territorium ist seit 1839 fast unverändert geblieben, im Kontext der Großregion nimmt das Land als einziger Nationalstaat unter den Kooperationspartnern eine institutionelle Sonderrolle ein. Christian Schulz verweist in seinem Beitrag über die „Metropolisierung“ Luxemburgs aber auch auf die sozioökonomische und kulturelle Bedeutung des Großherzogtums, das

„ein zentraler Faktor für grenzüberschreitende Regionalisierungsprozesse geworden“ sei.

Fernand Fehlen beschreibt, in Anlehnung an Zygmunt Baumann, Luxemburg als eine „glokalisierte Gesellschaft“: die lokalen, in der Regel als negativ wahrgenommenen Auswirkungen sind ein konstitutives Element der Globalisierung. Gerade am Beispiel eines Kleinstaates wie dem Großherzogtum lassen sich die Spannungen zwischen lokaler und globaler Ebene verdeutlichen, so Fehlen, der sich in seinem Beitrag mit dem Streit um den Roten Löwen auseinandersetzt. In der Debatte um eine neue Flagge für Luxemburg sei das Interesse aller Beteiligten zum Ausdruck gekommen, den Nationalstaat zu bewahren, schreibt der Soziologe, der in seinem Beitrag gleichwohl keinen Zweifel daran aufkommen lässt, was er von einem Ersatz der Trikolore durch den Roten Löwen hält: nichts.

Gerade weil die Frage der Regionalisierung für das Großherzogtum von so entscheidender Bedeutung ist, hätte man dem Band gerne interessierte Leser gewünscht. Tatsächlich finden sich gerade aus luxemburgischer Sicht sehr lesenswerte Beiträge, wie etwa Christian Willes Aufsatz „Grenzgänger zwischen Regionalität und Globalität“ oder der bereits erwähnte von Fernand Fehlen. Die Lektüre empfiehlt sich aber eigentlich nur ausgewiesenen Kulturwissenschaftlern und Menschen, die sich für raumtheoretische Konzeptionen ebenso interessieren wie für „Ralf Rothmanns Archäologie(n) des Ruhrgebiets“ oder für die Beziehungen Bayerns zu Quebec. ♦

Die Beiträge setzen sich allesamt auf höchst unterschiedliche Herangehensweise mit dem Phänomen einer Renaissance des Regionalen in Zeiten der Globalisierung auseinander.

« QUELS CHOIX POUR LA MOBILITÉ DE DEMAIN ? »

le lundi 20 avril 2009, à partir de 19h.

avec la participation de François Bausch (Déi Greng), Eugène Berger (DP), Gast Gibéryen (ADR), Roland Schreiner (LSAP) et Claude Wiseler (CSV).

Le débat permettra d’échanger sur tous les aspects de la mobilité et ses perspectives en vue des prochaines élections législatives.

Les interventions se feront en luxembourgeois.
La table ronde est gratuite et sera suivie d’un verre de l’amitié.

Adresse :

EXIT07 – Carré Rotondes
1, rue de l’Aciérie L- 1112 Luxembourg

Parking à disposition
Bus n° 1, 4, 14, 21 – arrêt Fonderie.

Plus d’infos : www.acl.lu

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