Großelternschaft im Wohlfahrtsstaat
Die Bedeutung und Ausgestaltung von Enkelbetreuung in Europa
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Steigende Erwerbsraten von Frauen fordern viele junge Eltern heraus, denn Beruf und Familie müssen in Einklang gebracht werden. Großeltern unterstützen ihre Kinder bei der Bewältigung dieser Doppelbelastung, indem sie wichtige Kinderbetreuungsaufgaben übernehmen. Gleichzeitig wird in vielen europäischen Ländern vermehrt das Angebot öffentlicher Betreuungseinrichtungen wie Kindergärten und -krippen ausgebaut. Welche Auswirkungen haben diese politischen Programme auf großelterliche Unterstützungsleistungen? Schwächen sie die Rolle der Großeltern im Beziehungsgeflecht der Familie? Und wie lässt sich das Zusammenspiel zwischen Familie und Staat optimal gestalten?
Corinne Igel
Großelternschaft im Wandel
Mit der steigenden Lebenserwartung hat sich die gemeinsame Lebenszeit von Großeltern und Enkelkindern in den letzten Jahrzehnten beträchtlich verlängert, und Großelternschaft ist aufgrund gesunden Alterns zu einem aktiv gelebten Lebensabschnitt vieler älterer Menschen geworden. Dieser Entwicklung wirkt lediglich die spätere Geburt des ersten Enkelkindes entgegen. Sinkende Geburtsraten führen außerdem dazu, dass Großeltern ihre emotionale Zuwendung und Zeitressourcen auf tendenziell weniger Enkelkinder verteilen müssen, womit vertikale familiäre Strukturen an Bedeutung gewinnen (Höpflinger, Hummel und Hugentobler 1996). Überdies hat sich das gesellschaftliche Rollenverständnis von Großelternschaft innerhalb des letzten Jahrhunderts stark gewandelt. Großeltern nahmen lange Zeit eine eher marginale Position innerhalb der Familie ein. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass der großelterliche Einfluss auf die Enkel als eher schädlich für deren Entwicklung angesehen wurde. Es herrschte ein gesellschaftliches Altersbild vor, das Großeltern und vor allem Großmütter mit altmodischen Ritualen und Verhaltens-
weisen in Verbindung brachte. Man versuchte, den großelterlichen Einfluss einzuschränken, weil man den Großeltern erzieherische Kompetenzen weitgehend absprach und eine übermäßige Verwöhnung der Enkelkinder befürchtete (Chvojka 2003). Heute hat sich das normative Rollenverständnis grundlegend gewandelt. Zwar besteht nach wie vor eine sogenannte non interference norm, das heißt, die Eltern der Enkel lehnen eine Einmischung der Großeltern in erzieherische Belange prinzipiell ab (Aldous 1995). Das gelegentliche Verwöhnen der Enkelkinder durch Oma und Opa wird jedoch weitestgehend akzeptiert. Viele Eltern fördern in ihrer sogenannten gate keeper-Position den Kontakt zwischen Großeltern und Enkelkindern und schätzen diesen als wichtig für die Sozialisation und Entwicklung der Kinder ein (Knipscheer 1988; Meischner 1997).
Corinne Igel hat Soziologie, Volkswirtschaft und Politikwissenschaften an der Universität Zürich studiert und ist seit 2006 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Prof. Dr. Marc Szydlik in Zürich. In ihrer Doktorarbeit beschäftigt sie sich mit intergenerationalen Beziehungen zwischen Großeltern, Eltern und Enkel im Wohlfahrtsstaat und analysiert dabei das Zusammenspiel zwischen Familie und Staat im Bereich der Betreuung von Kleinkindern.
Enkelbetreuung in Europa
Großeltern fungieren heute oft als wichtige Helfer im sozialen Netzwerk junger Eltern und greifen in finanziellen und emotionalen Notlagen oder bei zeitlichen Engpässen unterstützend ein. In diesem Zusammenhang werden Großeltern in der soziologischen Literatur oftmals als sogenannte family watchdogs bezeichnet (Troll 1983). Aufgrund ihrer besonderen emotionalen Nähe zu ihren Enkelkindern sind Großeltern besonders häufig in der Betreuung ihrer Enkelkinder engagiert.
Allerdings hat sich gezeigt, dass die Anzahl betreuender Großeltern zwischen den Ländern Europas stark variiert. Abbildung 1 zeigt, dass in Schweden, Dänemark und Frankreich sehr viel mehr Großeltern auf ihre Enkelkinder aufpassen als im europäischen Süden. Um dieses auf den ersten Blick überraschende Ergebnis richtig zu interpretieren, ist aber die Intensität der geleisteten Betreuung mit zu berücksichtigen (Abbildung 2, S. 18). Großväter und -mütter, die in Italien und Spanien bei der Betreuung der Enkel helfen, tun dies sehr viel intensiver als nordeuropäische Großeltern, welche meist nur ab und zu auf ihre Enkel aufpassen.
Diese nationalen Unterschiede in Bezug auf Enkelbetreuung lassen sich darauf zurückführen, dass familienpolitische Maßnahmen innerhalb von Europa sehr unterschiedlich ausgestaltet sind. So kennen die skandinavischen Länder ein egalitäres, universell ausgerichtetes familienpolitisches Modell, das den Frauen die Integration in den Arbeitsmarkt ermöglicht. Schwedische und dänische Frauen profitieren von einer langen bezahlten Elternzeit für beide Elternteile sowie vom Recht auf einen Betreuungsplatz in öffentlichen Krippen und Vorschulen. Ein ganz anderes Bild ergibt sich für Südeuropa, die Schweiz und Österreich. Familienpolitische Leistungen sind hier eher wenig ausgebaut. Übernimmt also eine italienische Nonna die Betreuung ihrer Enkel, kommt dies oft einem Ganztagsjob gleich, weil nur beschränkt Alternativen zur Betreuung durch die Großeltern bestehen. Betreuungszeiten von 40 Stunden wöchentlich sind in Italien oder Spanien keine Seltenheit (Igel 2009).
Großmütter und -väter verbringen grundsätzlich gerne Zeit mit ihren Enkelkindern und schöpfen aus gemeinsamen Aktivitäten viel Kraft und Freude. Eine ganztägige Betreuung von Kleinkindern birgt jedoch das Risiko einer Überlastung der älteren Menschen (Wheelock und Jones 2002). Im Übrigen stehen Großeltern oft noch aktiv im Arbeitsleben und verfügen deshalb nicht über die zeitlichen Ressourcen, um intensive Betreuungsaufgaben zu übernehmen. In Ländern mit schwach ausgebauten Kinderbetreuungsmöglichkeiten ist die Erwerbstätigkeit junger Mütter jedoch häufig nur möglich, wenn die Großeltern an mehreren Tagen wöchentlich auf die Enkelkinder
Abb. 1: Enkelbetreuung in Europa
Quelle: SHARE 2004, release 2, gewichtet, eigene Berechnungen, n (Großeltern) = 13,066, Anteil an Großeltern, welche angeben, in den letzten zwölf Monaten auf mindestens ein Enkelkind aufgepasst zu haben.
aufpassen. Um eine Überlastung der eigenen Eltern zu vermeiden, entscheiden sich viele junge Frauen gegen eine außerhäusliche Berufstätigkeit (Igel 2009). Die Erwerbstätigkeitsrate von Frauen in konservativen Wohlfahrtsstaaten liegt unter anderem deshalb sehr viel tiefer als in den skandinavischen Ländern.
Wohlfahrtsstaatliche Strukturen und vor allem institutionelle Kinderbetreuungsmöglichkeiten spielen demnach eine Rolle für das Engagement von Großeltern in Enkelbetreuungsaufgaben, das belegen die Untersuchungen der Forschungsgruppe AGES an der Universität Zürich: Investitionen in staatliche Kinderbetreuungseinrichtungen wirken sich positiv auf die Anzahl der betreuenden Großeltern aus, die Intensität der geleisteten Enkelbetreuung wird jedoch negativ beeinflusst (Igel 2009). Enkelbetreuung in Ländern mit einem schwachen Angebot an externer Kinderbetreuung, wie zum Beispiel Italien oder Spanien, hat sehr viel stärker den Charakter einer Pflichtaufgabe und orientiert sich in höherem Maß an den Bedürfnisstrukturen der Eltern der Enkel als in Ländern mit einem gut ausgebauten Kinderbetreuungssystem (Igel 2009).
Diese empirischen Befunde stützen die sogenannte Komplementaritätstheise, die besagt, dass Familienmitglieder, die Unterstützung vom Staat erhalten, komplementär dazu von intergenerationalen Leistungen profitieren (Attias-Donfut
Abb. 2: Intensität von Enkelbetreuung in Europa
Quelle: SHARE 2004, release 2, gewichtet, eigene Berechnungen, n (Großeltern) = 6,740, Anteil an betreuenden Großeltern, welche angeben, in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal in der Woche oder häufiger auf ihre Enkelkinder aufgepasst zu haben.
2000). Hintergrund dieses Zusammenspiels ist die Entlastung der Familie durch öffentliche Leistungen, die eine Aufteilung der Unterstützungsaufgaben erleichtert. So übernimmt der Staat oftmals praktische, regelmäßige Hilfeleistungen, während die Familie weniger intensive, situationsbedingte und emotionale Unterstützung bietet. Diese funktionale Differenzierung geht mit einer gemischten Verantwortung von Staat und Familie bei der Unterstützung von Familienangehörigen einher (z. B. Brandt, Haberkern und Szydlik 2008; Motel-Klingebiel, Tesch-Römer und Von Kondratowitz 2005).
Familienpolitik in Luxemburg
Luxemburg gilt grundsätzlich als konservativer Wohlfahrtsstaatstyp und verfolgt eine vom Subsidiaritätsprinzip geprägte Sozialpolitik. Dies bedeutet, dass sozialpolitische Instrumente vor allem dort zum Einsatz kommen, wo die traditionelle familiäre Sicherung nicht mehr greift (Esping-Andersen 1990). Eine Ausnahme bildet allerdings die luxemburgische Familienpolitik. Familien haben in Luxemburg Anspruch auf universelle Leistungen. Es handelt sich dabei vor allem um unterschiedliche finanzielle Unterstützungsbeiträge, wie beispielsweise Kindergeld oder Mutterschafts- und Erziehungsgeld (Kerschen 2008). Grundsätzlich orientierte sich die luxemburgische Familienpolitik bisher allerdings am klassischen männlichen Ernährermodell. Die
Frauenerwerbsquote ist in Luxemburg traditionell tief und liegt aktuell mit 55 Prozent fünf Prozentpunkte unter dem Durchschnitt in der Europäischen Union (Eurostat 2008).
Zudem kann davon ausgegangen werden, dass in Luxemburg tendenziell ein sogenannter kultureller Familialismus besteht (Huinink 2002), der sich vom strukturellen Familialismus dadurch unterscheidet, dass nicht allein der Mangel an institutionellen Strukturen junge Frauen vom Arbeitsmarkt fernhält, sondern dass viele Mütter ihre Kinder gerne selbst betreuen oder familiäre Kinderbetreuungsmöglichkeiten bevorzugen. In einer CEPS-Studie, die sich auf Daten aus dem Jahr 2003 bezieht, gaben nur 10 Prozent der Haushalte mit einem erwerbstätigen Elternteil an, dass die Entscheidung für dieses Arrangement auf das Fehlen einer externen Kinderbetreuungsmöglichkeit zurückzuführen sei (Bousselin 2006). Gleichwohl steigen aber auch in Luxemburg die Erwerbsraten von Frauen stetig an und die luxemburgische Politik reagiert mit neuen familienpolitischen Instrumenten. Hierzu zählt vor allem der Ausbau der sogenannten maisons relais. Es handelt sich dabei um offene Tagestrukturen zur Betreuung von Kindern außerhalb der Schulzeiten. Zusätzlich kommen seit März dieses Jahres sogenannte chèques-services accueil zum Einsatz. Diese Gutscheine zur Bezahlung von privat oder staatlich zur Verfügung gestellten Betreuungsleistungen reduzieren die Kinderbetreuungskosten für die meisten Familien wesentlich.
Auf dem Weg zu einer ganzheitlichen Familienpolitik
Die neuesten Entwicklungen innerhalb der luxemburgischen Familienpolitik zielen darauf ab, neben der finanziellen Unterstützung das öffentliche Angebot an Betreuungsmöglichkeiten auszubauen. Dies ist zu begrüßen, auch wenn derzeit noch nicht alle familienpolitischen Handlungsoptionen ausgeschöpft sind und die Qualität und Organisationsstrukturen des öffentlichen Betreuungsangebots kritisch diskutiert werden. Die soziologische Analyse von Enkelbetreuung im Wohlfahrtsstaat hat gezeigt, dass die steigende Nachfrage nach externer Kinderbetreuung eine effiziente Kooperation zwischen formalen Organisationen und familialen Helfern erfordert; denn auch dort, wo stark ausgebaute Kinderbetreuungsstrukturen bestehen, sind Großeltern wichtig. Institutionelle Kinderbetreuung kann den Betreuungsbedarf nie vollständig abdecken. Je wirksamer die Großeltern entlastet werden, desto eher können sie ihre Ressourcen mehreren Kindern zugutekommen lassen, und je mehr Hilfe der Staat zur Verfügung stellt, desto leichter fällt die Kooperation zwischen familiärer und institutioneller Betreuung. Eine Ergänzung institutioneller Betreuung durch großelterliche Hilfe ermöglicht dabei einen quali-
© Dan Diemer, flickr.com
tativ hohen Standard von Kinderbetreuung, denn der Einbezug von Großeltern in die Fürsorge der Kinder bietet klare Vorteile. Erstens bilden enge Großeltern-Enkel-Beziehungen die Basis für spätere intergenerationale Unterstützungsleistungen (Silverstein, Giarrusso und Bengtson 2003), zweitens erweist sich ein moderater und ausgewogener Einbezug älterer Menschen in Kinderbetreuungsaufgaben als förderlich für alle Generationen: Enkelkinder profitieren vom Kontakt zu der Bomi und dem Bop und deren Zuwendung, was sich positiv auf ihre Persönlichkeitsentwicklung auswirken kann (Krappman 1997). Die Eltern der Enkel erfahren eine wesentliche Entlastung durch eine vertraute familiäre Bezugsperson und nicht zuletzt wird die ältere Generation ungezwungen in das Familienleben integriert, wobei die Großeltern die gewünschte emotionale Nähe zu den Enkelkindern genießen. ♦
Literatur
Aldous, J. (1995). „New Views of Grandparents in Intergenerational Context“. Journal of Family Issues, 16(1).Attias-Donfut, C. (2000). „Rapports de générations: Transferts intrafamiliaux et dynamique macrosociale“. Revue française de sociologie, 41(4).Bousselin, A. (2006). „Concilier vie familiale et vie professionnelle: Qui garde les jeunes enfants des parents qui travaillent?“ In: Vivre au Luxembourg. CEPS/Instead, 6.Brandt, M., Haberkern, K. und Szydlik, M. (2009). „Help and Care Between Generations in Europe“. European Sociological Review, 25, 5, 585-601.Chvojka, E. (2003). Geschichte der Großelternrollen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Köln: Böhlau Verlag.Eurostat (2008). L’Europe en chiffres – L’annuaire Eurostat 2009. Luxembourg: Eurostat.Esping-Andersen, G. (1990). The Three Worlds of Welfare Capitalism. Cambridge: Polity Press.
Huinink, J. (2002). „Polarisierung der Familienentwicklung in europäischen Ländern im Vergleich“. In: N.F. Schneider und H. Matthias-Bleck (Hrsg.): Elternschaft heute. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und individuelle Gestaltungsaufgaben. Zeitschrift für Familienforschung, Sonderheft 2. Opladen: Leske + Budrich.
Höpflinger, F., Hummel, C. und Hugentobler, V. (2006). Enkelkinder und ihre Großeltern: Intergenerationelle Beziehungen im Wandel. Zürich: Seismo.
Igel, C. (2009). Großeltern und Enkel in Europa. Generationenbeziehungen im Wohlfahrtsstaat. Zürich, unveröffentlichte Dissertationsschrift.
Kerschen, N. (2008). „Entwicklungspfade von den Ursprüngen hin zu Europa: Das luxemburgische Wohlfahrtssystem“. In: K. Schubert, S. Hegelich und U. Bazant (Hrsg.), Europäische Wohlfahrtssysteme. Ein Handbuch. Opladen: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Knipscheer, C. P. M. (1988). „Temporal Embeddedness and Aging Within the Multigenerational Family: The Case of Grandparenting“. In: J. E. Birren und V. L. Bengtson (Hrsg.), Emergent Theories of Aging. New York: Springer Publishing.
Krappmann, L. (1997). „Brauchen junge Menschen alte Menschen?“ In: L. Krappmann und A. Lepenies (Hrsg.), Alt und Jung. Spannung und Solidarität zwischen den Generationen. Frankfurt: Campus.
Meischner, T. (1997). „Transgenerationale Kontakte in Russland und Deutschland: Ist Babuschka anders als Großmutter?“ In: B. Nauck und U. Schönpflug (Hrsg.), Familien in verschiedenen Kulturen. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag.
Motel-Klingebiel, A., Tesch-Römer, C. und Von Kondratowitz, H.-J. (2005). „Welfare Sates do not Crowd Out the Family: Evidence for Mixed Responsibility From Comparative Analyses“. Ageing and Society, 25.
Silverstein, M., Giarrusso, R. und Bengtson, V. L. (2003). „Grandparents and Grandchildren in Family Systems. A Social-Developmental Perspective“. In: V. L. Bengtson und A. Lowenstein (Hrsg.), Global Aging and Challenges to Families. New York: Aldine de Gruyter.
Troll, L. E. (1983). „Grandparents: The Family Watchdogs“. In: T. H. Brubaker (Hrsg.), Family Relationships in Later Life. Beverly Hills: Sage.
Wheelock, J. und Jones, K. (2002). „Grandparents Are the Next Best Thing“. Informal Childcare for Working Parents in Urban Britain. Journal of Social Policy, 31(3).
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