Landwirtschaft in Zeitender Globalisierung

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Grüne Wiesen, auf denen friedliche Kühe grasen, ein Hahn, der auf dem Mist kräht, und Schweine, die sich in einer Suhle sauwohl fühlen: Das entspricht dem romantischen Bild das einige Menschen von der Landwirtschaft haben. Dieses Postkartenklischee setzen die wenigsten in Verbindung mit ihrer täglichen Ernährung, die ihnen genauso fremd wie das bäuerliche Leben geworden ist. Nicht ohne Grund glauben immer mehr Stadtkinder, Kühe seien lila. Doch auch die Erwachsenen wissen oft nicht, wie die Lebensmittel, die sie täglich zu sich nehmen, hergestellt werden oder wo sie herkommen. Vielen fehlt auch das Interesse daran. Essen soll gut, reichlich und kostengünstig sein, Quantität vor Qualität! Dieses Bild steht im Gegensatz zu dem der Mastanlagen. Immer mehr Menschen ist sehr wohl bewusst, dass das meiste Fleisch von Tieren aus Mastanlagen stammt und hier oft der Einsatz von chemischen Betriebsmitteln gang und gäbe ist. Viele greifen aus genau diesen Gründen auf biologisch erzeugte Lebensmittel zurück. Einige entscheiden sich dafür, ihren Fleischkonsum zu reduzieren oder wählen sogar eine vegetarische oder vegane Ernährungsweise. Doch garantiert eine biologische Landwirtschaft wirklich glückliche Kühe und Bauern?

Der Ökolandbau verzichtet auf chemische Mittel und unterwirft sich strengeren Tierschutzmaßnahmen,

men, doch die allgemeinen Marktwirtschaftskräfte gelten im Biostall wie in jedem anderen. Biobetriebe erhalten zwar um den oft geringer ausfallenden Ertrag zu kompensieren, eine sogenannte Bioprämie und können ihre Produkte meistens auch zu höheren Preisen vermarkten als ihre konventionell wirtschaftenden Kollegen. Trotzdem müssen sie sich den Marktanforderungen anpassen und erwarten deshalb ebenfalls hohe Milchleistungen von ihren Kühen. Aus genau diesem Grund stehen in ihren Ställen die gleichen schwarz-weißen Kühe wie bei ihren Kollegen.

Die sogenannten Holstein Friesian haben eine exzellente Milchleistung. Leider können Spitzenleistungen nicht mit einer reinen Weidehaltung gewährleistet werden. Kühe und andere Wiederkäuer sind eigentlich Grasfresser und können die in Cellulose enthaltene Energie von Weideland über Milch und Fleisch für die menschliche Ernährung verfügbar machen. Hochleistungskühe stellen jedoch, genau wie Hochleistungssportler, sehr hohe Ansprüche an ihre Ernährung und begnügen sich nicht mit einer saftigen Wiese. Sie benötigen anderes eiweißreiches Futter. In genau diesem Punkt sind Biokühe und konventionelle Kühe sich einig! Sie wollen Kraftfutter, um Höchstleistungen zu vollbringen.

Wo kommt dieses Eiweiß her, etwa von luxemburgischen oder europäischen Feldern? Nein! Ein großer Teil der Landwirte bezieht die eiweißreiche Tierfutterkomponente aus Übersee, zum Beispiel aus den USA, Brasilien oder Argentinien. Das meist genutzte Proteinfutter besteht nämlich aus Glycine max oder ganz einfach Sojabohne. Es werden

Fabienne Wengler

Der Ökolandbau verzichtet auf chemische Mittel und unterwirft sich strengeren Tierschutzmaßnahmen, doch die allgemeinen Marktwirtschaftskräfte gelten im Biostall wie in jedem Anderen.

Fabienne Wengler studiert Nutzpflanzenwissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn und bereitet sich gerade auf ihre Masterarbeit vor. Sie hat einen Bachelor in ökologischen Agrarwissenschaften der Uni Kassel und schrieb ihre Bachelorarbeit über den Anbau von legumen Kulturen unter den Bedingungen des ökologischen Landbaus in Luxemburg.

[…] es gibt auch heimische Pflanzen, die mit einem hohen Eiweißgehalt punkten können, wie zum Beispiel Ackerbohnen und Futtererbsen.

weltweit über 70 Millionen Hektar Soja angebaut. Die EU importiert jährlich 41 Millionen Tonnen Soja und deckt damit 70 % des Eiweißfutters ab. Diese Pflanze wächst am besten am Äquator, auch wenn es mittlerweile züchterische Bestreben in Richtung einiger Sojasorten gibt, die in den gemäßigten Breiten ihr Potenzial entfalten können. Diese Bestreben finden auch in dem europäischen und sogar luxemburgischen Bioanbau Anklang. Nach wie vor wird der größte Teil jedoch importiert. Im Rahmen einer globalisierten Welt sind solche Transportwege kein Hindernis mehr, und die Nutztiere in einer Ortschaft in Luxemburg können mit Futtermittel aus weit entfernten Ländern ernährt werden.

Durch das Blairhouse- sowie das GATT-Abkommen ist der Anbau von proteinreichen Pflanzen in Europa als nicht lukrativ eingestuft worden. Aus genau diesem Grund wurde weder wissenschaftliche noch züchterische Arbeit in Europa in Bezug auf Futterpflanzen betrieben. Soja wird, ohne Fragen bezüglich der Herkunft und der Herstellungsbedingungen zu stellen, importiert und verfüttert. Natürlich hat die Sojapflanze ihre Vorzüge, zum Beispiel enthält sie rund

20 % Öl und 40 % Protein. Doch es gibt auch heimische Pflanzen, die mit einem hohen Eiweißgehalt punkten können, wie zum Beispiel Ackerbohnen und Futtererbsen. Durch die erwähnten Handelsabkommen gibt es jedoch fast keine wissenschaftliche Untersuchung im Bezug auf diese Pflanzen. Die Zucht von krankheitsresistenten und ertragreichen Sorten ist bis zu 20 Jahre im Rückstand im Vergleich zu anderen Kulturpflanzen, deshalb werden sie seltener landwirtschaftlich genutzt. Eine vermehrte Forschung und ein Einsatz als Futterpflanze könnte jedoch zu einem erhöhten Selbstversorgungsgrad mit Eiweiß in Europa führen. Ackerbohnen und Futtererbsen gehören zu den Leguminosen und sind deshalb in der Lage mit Bodenbakterien eine Symbiose einzugehen. In dieser Gemeinschaft fixieren die Bakterien Luftstickstoff, den sie den Pflanzen im Gegenzug für Energie zur Verfügung stellen. Diese Kulturen benötigen demnach keine Stickstoffdüngung, sie tragen zur Verbesserung der Bodenqualität bei und sind attraktive Fruchtfolgeglieder. Außerdem würde durch ihren Anbau die Biodiversität gefördert werden. Sie enthalten jedoch nicht die gleiche Menge an Protein und müssen ebenfalls vor dem tierischen

© Martin Langer / Greenpeace

Verzehr aufbereitet werden. Auf Grund der Globalisierung ist es bisher einfacher und günstiger, Soja aus Lateinamerika zu importieren.

Brasilien und Argentinien sind seit Jahren an der Spitze der Sojaproduktion und exportieren Sojaöl und -schrot in die ganze Welt. Die klimatischen Bedingungen sind in Südamerika optimal für den Anbau der aus Asien stammenden Sojabohne, außerdem sind Land und Arbeitskraft in großen Mengen vorhanden und billig. Die Felder sind meistens mehrere Hektar groß und werden bei der Aussaat oder der Ernte mit mehreren Landmaschinen gleichzeitig befahren. Das Spritzen mit Pestiziden erfolgt in den meisten Fällen mit Flugzeugen. Um den permanent steigenden Bedarf an Futtermittel weltweit zu decken, reichen die Flächen aber nicht aus. Deshalb werden organisch gewachsene Habitate wie der Amazonas-Urwald oder alte Grünlandbestände umgebrochen, um neue Anbauflächen zu gewinnen. Viele Tiere und Pflanzen werden durch den Umbruch immer weiter zurück gedrängt oder sogar ausgerottet. Der Ausstoß von großen Mengen CO₂ aus dem Boden oder den Bäumen stellt ein Problem dar, das eng verknüpft ist mit dem Erschließen neuer Anbauflächen.

Doch es gibt weitere Probleme, zum Beispiel der Einsatz von chemischen Mitteln. Hier wäre besonders der Wirkstoff Glyphosat zu nennen. Dieses Herbizid steht im Verdacht, fruchtschädigend und gesundheitlich bedenklich zu sein. Frauen, die in der Nähe von mit Glyphosat gespritzen Flächen leben, berichten nämlich, dass sie vermehrt Fehlgeburten erleiden oder Missbildungen bei ihren Säuglingen auftreten. Außerdem konnten Wissenschaftler um Prof. Dr Monika Krüger der Uni Leipzig eine Korrelation zwischen dem Gehalt von Glyphosat im Urin von Milchrindern und Blutveränderungen erstellen und somit schlussfolgern, dass Glyphosat sich toxisch auf den Metabolismus der Tiere auswirkt.

Diese Probleme sind in vielen Ländern Europas bekannt, aber auch die Europäische Kommission sucht nach Wegen den derzeitigen Zustand zu verändern und zu verbessern. In Luxemburg gibt es wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit der Eiweißversorgung unserer Nutztiere auseinandersetzen. So befasst sich zum Beispiel das Institut für biologische Landwirtschaft und Agrarkultur (IBLA) im Projekt Legolux mit der Anbauwürdigkeit von Körnerleguminosen als regionales Futtermittel im biologischen Anbau in Luxemburg. Im Rahmen dieses Projektes werden verschiedene Körnerleguminosen, wie Ackerbohnen, Erbsen, Lupinen und Sojabohnen nebeneinander angebaut und untersucht, welche dieser Pflanzen den Anforderungen der luxemburgischen

metaxy@uni.lu mission culture scientifique et technique http://metaxy.uni.lu

AMPHI OUVERT ANNÉE ACADÉMIQUE 2013-14 SÉRIE X LEÇON 6
À L’OCCASION DU 10e ANNIVERSAIRE DE LA CRÉATION DE L’UNIVERSITÉ DU LUXEMBOURG

(K)eine 10 für eine 5 oder vom Einfall des Staunens

Dieter Heimböckl Université du Luxembourg

Dienstag 11.03.2014 17:30

Auditoire BS0.03 Campus Limpertsberg

LES JEUDIS DES SCIENCES COLLOQUIUM GENERALE
LEÇON 193 SEMESTRE XXVI

Mathématiques, théorie des jeux et prix Nobel

Thomas Brihaye Université de Mons

Jeudi 13.03.2014 17:30

Auditoire B02 Campus Kirchberg

GRANDE CONFÉRENCE 36

The Search for Life in the Universe and Our Future

Pete Worden NASA Ames Research Center

Monday 17.03.2014 17:30

Auditoire François Tavenas Campus Limpertsberg

© Patric Lorgé / natur&emwelt

Biolandwirtschaft am besten gerecht wird. Ein weiteres Projekt, das sich mit diesem spannenden Thema befasst und von den Jungbauern und Jungwinzern durchgeführt wird, befasst sich mit dem Verfüttern von Luzerne statt Stroh bei Milchkühen.

In den meisten EU-Staaten gibt es ähnliche Bestrebungen und auch die europäische Kommission hat eine Gruppe ins Leben gerufen, die sich mit diesem Problem auseinander setzen soll, The European Innovation Partnership on Agricultural Productivity and Sustainability (EIP). Diese Gruppe hat sich im vergangenen Oktober getroffen, um eine Reihe von Punkten zu diskutieren, wie zum Beispiel die Bedürfnisse des Futtermittelsektors, der aktuelle Zustand der Eiweißpflanzenproduktion und die zukünftige Nachfrage. Die Bestrebungen, die aktuelle Situation in eine nachhaltigere Zukunft zu führen, sind sicher sehr lobenswert, doch leider sind bereits Schäden durch vergangene, politische Entscheidungen entstanden, die nicht mehr umkehrbar sind. Aus diesem Grund ist eine schnelle, wohlüberlegte und nachhaltige Entscheidung essentiell.

Doch was kann der einzelne Mensch tun? Die Welt von Grund auf verändern sicher nicht! Das muss vielleicht auch gar nicht sein! Eine negative Verän-

derung stoppen, ist jedoch wesentlich. Das eigene Konsumverhalten überdenken und ein Bewusstsein für Lebensmittel und ihre Herkunft im Allgemeinen entwickeln. Das neuerworbene oder bereits vorhandene Bewusstsein wird zwangsläufig zu einem respektvolleren Umgang mit Nahrungsmitteln, dem eigenen Körper und der Umwelt führen. Der bewusste, respektvolle Lebensstil soll natürlich auch eine Vorbildfunktion für andere und insbesondere Kinder haben.

Politische Forderungen hin zu einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft, wie sie der Weltagrarbericht und in Luxemburg das neu geschlossene Bündnis „Meng Landwirtschaft“ (siehe Kasten) vorschlagen, sind ebenfalls unerlässlich. Eine artgerechte Tierhaltung, sowie eine höhere Biodiversität der Nutztiere und Pflanzen ist ebenso eine wichtige Forderung wie eine landwirtschaftliche Produktion, die durch eine breitere, fünf- oder mehrgliedrige, leguminosenreiche Fruchtfolge und kürzere Brachperioden den Boden und die Umwelt besser schützt. ♦

Um den permanent steigenden Bedarf an Futtermittel weltweit zu decken, reichen die Flächen aber nicht aus. Deshalb werden organisch gewachsene Habitate wie der Amazonas Urwald umgebrochen […]

Initiative Meng Landwirtschaft

Aus den Bereichen Landwirtschaft, Verbraucher- und Tierschutz, Ernährung und Umwelt haben sich Nichtregierungsorganisationen zu dem Bündnis „Meng Landwirtschaft“ zusammengefunden. Das Bündnis fordert auf Grund einer Analyse der Luxemburger Landwirtschaftspolitik tiefgreifende Veränderungen.

Das Bündnis sieht die EU-Agrarpolitik (GAP) skeptisch. Diese strebt seit 1962 die Lebensmittelselbstversorgung an, arbeitet jedoch offensichtlich an ihrem Ziel vorbei, denn noch immer ist die EU ein bedeutender Netto-Importeur landwirtschaftlicher Güter. Verantwortlich für diese Entwicklung sind vor allem die steigenden Tierfutterimporte. Etwa ein Drittel der Getreideproduktion wird an Vieh verfüttert, dieses Missverhältnis ist mitverantwortlich für den Hunger in der Welt.

Neben diesem verfehlten Ziel verursachen die EU-Subventionen für den Export von Lebensmitteln in Entwicklungsländer große Schäden auf einheimischen Märkten. Die direkten Exportsubventionen sind zwar in den letzten Jahren deutlich gesunken, doch hat seit 2007/8 die Nahrungsmittelspekulation zugenommen. Auch in Luxemburg soll es Investmentfonds geben, die mit Nahrungsmitteln spekulieren.

Eine negative Bilanz zieht „Meng Landwirtschaft“ auch für die hiesige Landwirtschaft. Besorgniserregend ist unter anderem die seit 30 Jahren voranschreitende Abnahme der Biodiversität. Bedroht sind: 27 % der Gefäßpflanzen, 54,8 % der Säugetiere, 41,5 % der Vögel, 33 % der Reptilien, 61,5 % der Amphibien und 62 % der Fische Luxemburgs. Zudem ist die intensive Landwirtschaft mitverantwortlich für das Bienensterben und ist relativ einseitig auf die Milchproduktion konzentriert.

„Meng Landwirtschaft“ möchte sich demnach stark machen für das auf EU-Ebene zunehmend in Vergessenheit geratene Ideal der regionalen Selbstversorgung. Die regionale Selbstversorgung, betont „Meng Landwirtschaft“, sichere auf mehreren Ebenen Nachhaltigkeit, vor allem fördere sie kleine einheimische Betriebe, den Schutz der Artenvielfalt, wirtschaftliche Unabhängigkeit, die Qualität unseres Essens und die Gesundheit.

Welche konkreten Maßnahmen „Meng Landwirtschaft“ in den nächsten Jahren ergreift, wird im nächsten Heft erläutert. (http://www.meng-landwirtschaft.lu/)

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© Sabine Vielmo / Greenpeace

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