Erziehungspartnerschaft

Nebeneinander, gegeneinander oder miteinander?

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Thomas Köhl

Erziehungspartnerschaft

Nebeneinander, gegeneinander oder miteinander?

Wer Gespräche in der Lehrerkonferenz oder an Elternstammtischen verfolgt kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Beziehungen zwischen Eltern und Lehrern nicht selten dem Umgang geschiedener Ehepartner gleichen: Man kennt sich aber liebt sich nicht (mehr), man begegnet sich ab und zu, hält ein bisschen Smalltalk und stimmt sich über die organisatorischen Herausforderungen des Alltags ab. Wenn einer so etwas sagt wie „wir müssen unbedingt mal miteinander sprechen“, tritt dem Anderen der kalte Angstschweiß auf die Stirn, und ein- bis zweimal pro Jahr gibt es ein Grundsatzgespräch, wo man sich mal so richtig die Meinung sagen könnte (es dann aber doch nicht tut).

Der Vergleich ist etwas übertrieben, aber tatsächlich hat die Kooperation von Eltern und Lehrern sehr viel mit Partnerschaft zu tun. Es geht um die Haltungen zueinander, die Art und Weise des Umgangs miteinander und natürlich darum, wie das System der Zusammenarbeit grundsätzlich ausgerichtet ist. Es geht um ein Verhältnis, von dem sich eigentlich alle Beteiligten wünschen, dass es funktioniert, das aber trotzdem immer wieder scheitert. Drei denkbare Modelle zeigen, wo Schwierigkeiten auftreten und wie sie möglicherweise überwunden werden könnten.

Modell 1: die Trennung der Systeme Familie und Schule

Man lebt nebeneinander her. Die Lehrer wissen eigentlich nichts oder nur sehr

wenig von den Eltern – und umgekehrt wissen diese nur wenig bis gar nichts über Lehrer, Klasse oder Schule. Es besteht kein

Eine Ursache für Streit zwischen Lehrern und Eltern sind unterschiedliche Werte, Erziehungsziele oder Erziehungsstile.

regelmäßiger Kontakt, es gibt wenig Begegnung im Alltag über das formalisierte Bilanzgespräch und den Elternabend hinaus. Das Kind leidet am Desinteresse des Lehrers bezüglich seiner Familie genauso wie am elterlichen Desinteresse an den schulischen Angelegenheiten.

Man könnte meinen, dass die Ursachen hier in den persönlichen Grundhaltungen der Akteure zu suchen sind. Ist so ein nebeneinanderher Leben nicht der beste Beweis für persönliches Desinteresse? Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass die wirklichen Ursachen im System begründet sind. Das System Schule igelt sich oft ein, was wiederum die Grundhaltungen der Menschen prägt, die in diesem System funktionieren müssen: Kinder, Lehrer, Eltern.

Die Zeichen für dieses nebeneinanderher Leben sind nicht zu übersehen: Verschlossene Eingangstüren sind vielerorts üblich. Im Haupteingang der Spielschule steht die Lehrerin zwischen Tür und Zarge, um Kinder in Empfang zu nehmen. El-

tern gehen bis hierhin – und keinen Meter weiter. Symbolschilder an den Türen: ein winkendes Kind mit der darunter geschriebenen Botschaft: „Ab hier kann ich alleine gehen“ (heißt für Eltern: Wir müssen leider draußen bleiben). Wenn doch mal eine Mutter mit Kind nach Unterrichtsbeginn kommt und diese Schwelle übertritt, steht manchmal noch ein missmutiger Hausmeister parat, der mit einem scharf formulierten „Ah neen, Dir könnt hei zwar net mat erakommen“ sämtliche Hoffnungen auf ein kurzes Gespräch zur Erklärung, zum Beispiel des Arztbesuchs, zunichte macht.

Schade, dass das System so ist. Kinder zeigen ihren Eltern nämlich eigentlich sehr gerne, wo sie einen großen Teil des Tages verbringen, was sie gemalt und gebastelt haben, wo sie sitzen, welche Buchstaben sie gerade neu lernen und im Klassenraum aufgehängt haben, wie sie die Tischordnung geändert haben und vieles mehr.

Modell 2: ein chronisch konflikthaftes Verhältnis zwischen Lehrern und Eltern

Eine Ursache für Streit zwischen Lehrern und Eltern sind unterschiedliche Werte, Erziehungsziele oder Erziehungsstile. Sie können zu einem dauerhaft konfliktreichen Verhältnis führen, weil sie im Alltag ständig miteinander kollidieren. Eine weitere Ursache ist Besserwisserei (die gibt es von beiden Seiten): Von oben herab behandelt und belehrt zu werden

war noch nie eine gute Basis für positive und konstruktive Beziehungen. Das Kind fühlt sich im Übrigen zwischen den beiden Parteien hin- und hergerissen, ist mit unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert und weiß nicht, wie es sich positionieren soll. Es leidet auch unter diesen Konflikten.

Obwohl man annehmen könnte, dass die Ursachen hier im System verankert sind, sind es in diesem Fall vor allem persönliche und professionelle Grundhaltungen, die Auslöser für Dauerkonflikte sind. Mit einer engagierten Reflexion über die eigene Rolle und die des Gegenübers, einem gesunden Respekt gegenüber dem Anderen und etwas Selbstüberwindung könnten diese Konflikte vielleicht beigelegt werden. Da diese Schwierigkeiten nicht im System selber verankert sind, treten sie im Alltag deutlich seltener zu Tage als Modell 1.

Was tun? Eigentlich sollten Lehrer ja Verständnis dafür haben, dass Eltern Angst um die schulische und berufliche Zukunft ihrer Kinder haben. Dass sie sich Sorgen machen, ob ihr Kind gut aufgehoben ist und fair beurteilt wird, und dass sie emotional engagiert und dadurch wenig objektiv sind. Und dass Eltern Angst haben können, mit ihren Sorgen zu den Lehrern zu kommen.

Genauso sollten aber auch Eltern in der Lage sein zu verstehen, dass Lehrer sich darüber Gedanken machen, ob sie von den Kindern und ihren Eltern ernst genommen werden. Dass Lehrer sich fragen, warum es Eltern gibt, die sich nicht um die Hausaufgaben kümmern. Dass sie sich fragen, ob ein Elternabend gut verlaufen oder durch polemische Beiträge und wütende Tiraden gesprengt wird. Dass sie sich genauso Gedanken über ihren beruflichen Erfolg machen wie ein Banker oder ein Architekt.

Wenn das System oder die Akteure nicht mehr so funktionieren, dass die Kinder unbeschwert agieren können, sollte sich etwas ändern. Das Bildungsministerium hat deswegen ein Modell der Zusammenarbeit ins Spiel gebracht, das funktionieren kann: die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft.

© Christiane Kleer

Modell 3: die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft – intensive Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern

Wodurch ist ein solches Modell gekennzeichnet? Zunächst dadurch, dass beide Partner ein Grundverständnis von einer Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe haben: Lehrer und Eltern erkennen sich gegenseitig als Experten für die Kinder an und berücksichtigen, dass beide Seiten verschiedene Perspektiven haben, da sie das Kind in verschiedenen Lebenswelten erleben.

In der Konsequenz öffnen Schule und Familie sich füreinander, tauschen sich über ihre Grundhaltungen und Erziehungstitel aus, machen diese transparent, und kommen zu einer gemeinsamen Kooperation zum Wohle der ihnen anvertrauten Kinder. Sie erkennen die Bedeutung der jeweils anderen Lebenswelt für Entwicklung, Erziehung und Bildung der Kinder an und verstehen sich als Kooperationspartner, die eine gemeinsame Verantwortung teilen.

Zugegeben – das klingt fast zu schön um wahr zu sein. Sprechen nicht sämtliche Erfahrungen gegen den Erfolg eines solchen Modells? Martin Textor, Spezialist für Erziehungspartnerschaften, gibt Hinweise, wie ein Systemwechsel hin zur Bildungs- und Erziehungspartnerschaft trotzdem gelingen kann:

  • es braucht Geduld: nur in kleinen Schritten kommt man ans Ziel;

  • es braucht Akzeptanz: den anderen wertschätzend mit seiner Leistung zu sehen und anzuerkennen, dass er genauso wichtig für das Kind ist;

  • es braucht Toleranz: den anderen mit seinen Werten, Normen und Handlungen respektieren – alle Seiten sollen das Gefühl haben, vom anderen anerkannt zu werden;

  • es braucht Vertrauen: ohne Vertrauen funktioniert Partnerschaft nicht;

  • es braucht Kontaktfreude: wenn alle warten, dass der andere den ersten Schritt macht, ist das Kind an der Uni, bevor man sich freundlich grüßt;

  • es braucht Dialogbereitschaft: also auch die Bereitschaft, sich selbst zu offenbaren mit den eigenen Ängsten und Hoffnungen;

  • es braucht Offenheit für neue Ideen: Bildungs- und Erziehungspartnerschaft bedeutet auch, dass man eine Meinung verändern kann und Argumente des anderen akzeptiert;

  • es braucht Veränderungsbereitschaft: alle Seiten sollten bereit sein, sich selbst kritisch zu hinterfragen und bei Bedarf zu korrigieren.

Übrigens: Um abschließend im Bild des geschiedenen Elternpaars zu bleiben. Nichts wird einfacher dadurch, dass ein neuer Partner am Horizont auftaucht und Bestandteil des Systems wird. Ganz im Gegenteil. Gerade aus diesem Grund sollten Erziehungspartnerschaften von Anfang an so angelegt sein, dass die non-formalen Bildungseinrichtungen (Maisons Relais, Foyers de jour) in diese Kooperation auf Augenhöhe mit eingebunden werden. ♦

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code