36 Sprachen, 1 Schule

Praxisbeispiele einer Escher Grundschule im Umgang mit Mehrsprachigkeit

Das Konzept der durchgängigen Sprachbildung soll allen SchülerInnen einen Zugang zur Bildungssprache erlauben, um den Schulerfolg somit positiv zu beeinflussen. Diese Sprache, die aus Alltags- und Fachsprache besteht, wird während der ganzen Bildungslaufbahn aufgebaut. Jeder Unterricht ist demnach als Sprachunterricht zu betrachten. So wird beispielsweise auch im Sachunterricht auf das Leseverstehen zurückgegriffen und das Verständnis von Sprache spielt folglich eine ausschlaggebende Rolle. Außerdem berücksichtigt die durchgängige Sprachbildung die Mehrsprachigkeit, da sie versucht alle sprachlichen Fähigkeiten der SchülerInnen, also auch die Muttersprachen, beim Sprachenlernen in Betracht zu ziehen. Auch die Zusammenarbeit mit Eltern und außerschulischen Institutionen spielen eine zentrale Rolle. Man spricht demnach von einer vertikalen (Bildungslaufbahn) und horizontalen (fächerübergreifend, Zusammenarbeit aller Beteiligten) Durchgängigkeit.

Leseinspiration bieten und Eltern mit einbinden

Auf Grundlage der Idee, die Muttersprachen als Ressource zu nutzen, ist ein kooperativer Austauschprozess mit den Eltern förderlich. Immerhin ist die Familie im Sprachlernprozess aller Kinder die ers-te Schule. Die Lesekultur innerhalb der Familie aufzuwerten, ist eines der Ziele des Konzeptes der Schule Dellhéicht. Regelmäßig findet beispielsweise die „Liesnuecht“ statt. Begleitet von ihren Eltern, Großeltern oder Verwandten, welche Geschichten in ihrer Muttersprache erzählen, verbringen Vorschulkinder eine Nacht in der Schule. Gemeinsam wird ein Bilderbuch ausgewählt, welches am Abend vorgetragen wird.

Häufig kann man beobachten, wie sich das klassische Vorlesen in ein dialogisches mehrsprachiges Lesen wandelt, welches nah an der plurilingualen Realität vieler Beteiligter liegt. Kinder übersetzen anderen Kindern die von zu Hause mitgebrachte Geschichte, Bilder werden in mehreren Sprachen gleichzeitig erklärt, es werden Fragen gestellt – kurz: Es kommt zu einer mehrsprachigen Interaktion zwischen allen Beteiligten. Der positiv besetzte Kontakt mit anderen Sprachen steht hier im Vordergrund, Berührungsängste sollen abgebaut werden. Es wird die Möglichkeit geboten, Erfahrungen im Umgang mit Mehrsprachigkeit auszutauschen.
(Mehr) Sprachen erkennen

Die Schulbibliothek verfügt über ein vielfältiges Angebot an mehrsprachigen Büchern für Kinder ab dem Vorschulalter. Auch hier soll Kindern die Möglichkeit geboten werden, ihre „mitgebrachten“ Sprachen weiter zu entwickeln und Verbindungen zwischen den Bildungssprachen in der Schule und der Lebenssprache ihrer Umwelt herzustellen. Die einhergehende Sensibilisierung für Sprachen kommt allen SchülerInnen zugute. Alle Bücher und Medien sind auf der Rückseite mit einem Farbcode versehen, wobei jede Farbe für eine bestimmte Sprache steht. Mitbestimmung, was das Themenangebot der Schulbibliothek anbelangt, ist außerdem ein weiterer Ansatz der durchgängigen Sprachbildung. Auf diese Weise werden auch implizite Vorschläge der Kinder in Bezug auf das Sprachenangebot der Bibliothek mit einbezogen.

(Mehr) Sprachen anwenden

Die Mehrsprachigkeit findet man nicht nur in der Schulbibliothek, sondern auch im Unterricht vor. So werden die Muttersprachen für Sprachanalysen und Vergleiche eingesetzt. Als Beispiel dient die Einführung der französischen Negation: Die SchülerInnen sollen einen affirmativen französischen Satz wie zum Beispiel „Je vais à l’école“ in ihre Muttersprache übersetzen. An der Tafel wird die Wortstellung der Muttersprachen mit der französischen Sprache verglichen, wobei bereits Ähnlichkeiten auffallen. Dann wird der Satz „Je ne vais pas à l’école“ übersetzt: Hier bemerken die SchülerInnen oft sehr schnell, dass die Wortstellungen sehr unterschiedlich sind. Vor allem fällt ihnen aber auf, dass es im Französischen zwei Wörter für die Negation gibt, was meist in ihren Muttersprachen nicht der Fall ist. Vergleiche dieser Art erlauben den Schüler-
Innen ein Sprachbewusstsein für die französische, aber auch für die eigene Sprache aufzubauen.

In den Lernwerkstätten im Bereich des Sachunterrichts haben die SchülerInnen die Möglichkeit, Informationen in mehreren Sprachen zu erhalten, da nicht nur die Vermittlung von Sprache, sondern auch das Verständnis der Thematik eine zentrale Rolle spielt. Die Kinder können außerdem für das Vorbereiten und Vortragen der Referate auf mehrsprachige Ressourcen zurückgreifen.

(Mehr) Sprachen im Mathematikunterricht

Der Mathematikunterricht bedient sich der Symbolsprache und neben reinen Fachausdrücken auch solchen, die der Bildungssprache zuzuordnen sind. In unserer Alltagssprache gebrauchen wir tagtäglich mathematische Begriffe (Größen und Mengen, Zahlen, Raum-Lage-Beziehungen, Formen,…), wobei alltagssprachliche Ausdrücke im mathematischen Kontext auch eine andere Bedeutung haben können. Mathematik erfordert dementsprechend generell eine hohe Sprachkompetenz.

Sprachsensibler Mathematikunterricht sollte den SchülerInnen also grundlegende bildungssprachliche Kompetenzen vermitteln, um einen flexiblen Umgang mit den verschiedenen verbalen und symbolischen Darstellungen der Fachbegriffe und deren Anwendungen zu ermöglichen. Im Mathematikunterricht wird so bereits in der Vorschule ein Glossar angelegt, um alle SchülerInnen von Anfang an mit dem mathematischen Grundwortschatz vertraut zu machen.

In diesem Nachschlagewerk, das nach mathematischen Themen geordnet ist (Zahlen und Operationen, Raum und Form,…), werden die einzelnen Begriffe sowohl bildlich dargestellt als auch in mehreren Sprachen definiert. Als aktiver Gebrauchsgegenstand im Unterricht fließen auch bildungssprachliche Elemente in das Glossar, welches jederzeit für die Kinder frei zugänglich ist und sie durch alle Schulstufen begleitet. Auch für Eltern soll das Nachschlagewerk ein lernförderndes Material sein, das ihnen hilft, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen und zu begleiten.

In der Schule Dellhéicht wird die Anwendung der Lernplattform mathemaTIC im Zyklus 4 als sprachliche Unterstützung genutzt. Diese stimmt mit dem luxemburgischen Lernplan überein und bietet Aufgaben in unterschiedlichen Sprachen wie Französisch, Portugiesisch, Englisch und Deutsch an. Oft scheitern SchülerInnen an der komplexen mathematischen Sprache bei der Lösung von Sachaufgaben. Die Sprachenvielfalt dieser Lernplattform ermöglicht ihnen und gegebenenfalls ihren Eltern das ,,Problem“ zu verstehen und somit eine Lösung zu finden.

Mit Satzbausteinen Sprache visualisieren

Bausteine werden benutzt, um den Kindern ein vereinfachtes Konzept der Wortarten zur Verfügung zu stellen, ohne diese dabei immer wieder in verschiedenen Sprachen benennen zu müssen. Jeder Wortart wird eine Farbe zugeordnet, die bis in den Zyklus 4 bestehen bleibt. Dieser Farbcode wird im Zyklus 1 schon in einem spielerischen Umfeld benutzt, um kleine Sätze auf Luxemburgisch zu bauen, ohne dabei von Nomen, Verben, usw. zu sprechen. Sätze werden anfangs mit Legosteinen dargestellt (Abbildung 1).

Diese Vorgehensweise hat im Zyklus 1 den Vorteil, dass Kinder mit sehr verschiedenen Muttersprachen schon einfache Satzstrukturen nicht nur hören, sondern auch auf eine visuelle Art und Weise erlernen können. Sie erkennen zum Beispiel, dass durch Verschieben des roten Steines (Verb) an den Anfang des Satzes eine Frage entsteht.

De Petzi spréngt.
Spréngt de Petzi?

Für die spätere schriftliche Sprachentwicklung fördert diese Methode das Bewusstsein der Wörtertrennung. Kinder erlernen eine von ihnen als gesamte Laut-ansammlung empfundene Klangwelle in Wörter zu trennen.

In den Zyklen 2 und 3 können schon ers-te Grammatikregeln aus der deutschen und französischen Sprache anhand der Satzbausteine erklärt werden, ohne komplizierte Wortarten zu nennen. Statt die Groß- und Kleinschreibung der Nomen zu erschweren, kann man die Kinder erkennen lassen, dass die blauen Wörter im Französischen klein- und im Deutschen großgeschrieben werden. Aus den ursprünglichen Legosteinen werden also nach und nach Wörter, später können auch komplexere Grammatikthemen behandelt werden. In den Zyklen 3 und 4 können zum Beispiel die Satzglieder mit ihren 4 Fällen behandelt werden (Abbildung 2).

Mit den Satzbausteinen kann man auch Satzbaustrukturen aus verschiedenen Sprachen bildlich vergleichen. Man kann beispielsweise den gleichen Satz auf Deutsch und Französisch auslegen und erkennen, dass die Negationswörter nicht in gleicher Anzahl und auch nicht an gleicher Stelle stehen. Auch Sprachvergleiche mit Sätzen in den Muttersprachen der SchülerInnen sind möglich, um zu verdeutlichen, dass Satzmuster im Vergleich zum Deutschen/Französischen variieren können und so die Aufmerksamkeit auf bestimmte Sprachstrukturen zu lenken.

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