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Interview mit Enrico Lunghi, Direktor des Mudam, über die Entstehungsgeschichte des Mudam, die Förderung zeitgenössischer Künstler und das Museum als demokratische Institution.
Herr Lunghi, vor kurzem wurde Ihr Vertrag als MUDAM-Direktor um fünf Jahre verlängert. In den Luxemburger Medien ist öfters zu lesen, dass das MUDAM keine moderne Kunst, sondern zeitgenössische Kunst ausstelle. Gibt es den Begriff „modern“ nur im Namen des Museums?
Enrico Lunghi: Ich finde, dass es in diesem Zusammenhang interessant ist, auf die Entstehungsgeschichte des MUDAMs einzugehen. 1989 – als das Projekt ins Leben gerufen wurde – war das Ziel, ein Zentrum für zeitgenössische Kunst zu eröffnen. Es war also bereits Ende der 80er Jahre klar, dass es in Luxemburg nicht möglich wäre, ein Museum für moderne Kunst zu errichten, denn es gab hier keine international bemerkenswerten Sammlungen moderner Kunst. „Modern“ umfasst in diesem Sinne die Periode zwischen Impressionismus und der Kunst der 1970er Jahre, zu der Andy Warhol zum Beispiel auch noch gehört. Die Kulturministerin Erna Hennicot-Schoepges hatte auch dementsprechend 1995 ein Gesetzesprojekt für ein Museum für zeitgenössische Kunst vorgelegt. Dieses Gesetz wurde 1996 jedoch unter dem Namen „Museum für moderne Kunst“ verabschiedet, da der Begriff „zeitgenössische Kunst“ wahrscheinlich als zu gewagt galt. Als dann im Jahre 2000 Marie-Claude Beaud zur ersten Direktorin ernannt wurde, legte auch sie ausdrücklich fest, dass das MUDAM ein Museum für zeitgenössische Kunst sein würde, weil alles Andere mit unseren Mitteln nicht möglich ist. Das mag
schade sein, ist aber nicht zu ändern. Trotzdem berufen sich noch immer einige Kritiker auf den Namen, um Ausstellungen des MUDAMs zu kritisieren, aber damit liegen sie schlicht daneben.
Wie würden Sie Ihre Erfahrung als Direktor des MUDAM beschreiben?
E. L.: Ich bin sehr glücklich darüber, was wir als Team hier im MUDAM geleistet haben. Ich hatte das Glück, aber auch die Schwierigkeit, ein sehr junges Museum zu übernehmen. Das Museum hat seine Türen 2006 geöffnet und ich bin 2009 als Direktor angetreten. Der Übergang vollzog sich recht flott, obschon er kurz nach dem Kulturjahr 2007 und dem turbulenten Jahr 2008 kam. Wir mussten das Museum also erst einmal wieder aufleben lassen. Wir haben daraufhin die Kommunikation verändert, zum Beispiel wurde an der Typographie vom MUDAM gearbeitet, und der Shop bekam auch seinen festen Platz, was vorher nicht der Fall war. Und mit der Zeit kamen wieder mehr Besucher: 2009 kamen das Jahr über 50 000, mittlerweile sind es ungefähr 75 000 Besucher pro Jahr. Das sind 50 Prozent mehr als damals.
Ist die Kunst, die das MUDAM ausstellt, für die breite Öffentlichkeit verständlich und zugänglich, oder ist sie nur auf eine ausgewählte Elite ausgerichtet?
E. L.: Zuerst sei vorweggenommen: Die Kunst im Museum ist für alle da! Dass sie nicht jedem gefällt, jeden interessiert oder jedem zugänglich ist, das ist eine andere Sache: Spanisch oder Elektromechanik ist ja auch nicht jedem zugänglich, zuerst muss
Céline Derveaux
Zuerst sei vorweggenommen: Die Kunst im Museum ist für alle da!
man sich damit befassen. Das ist ein Thema, das uns sehr beschäftigt: Wie können wir dafür sorgen, dass mehr Menschen sich der zeitgenössischen Kunst näher fühlen? Aber das kann man nicht außerhalb des Kontextes betrachten: Die Museumslandschaft in Luxemburg ist recht jung und es fehlt ihr noch eine eigene Kultur. Im MUDAM gibt es dreimal im Jahr ein völlig neues Kunstangebot, es hat sich aber noch nicht eingebürgert, dreimal im Jahr hierhin zu kommen. Das machen aber mehr und mehr junge Menschen und wir hoffen dass bald Menschen aller Altersklassen öfter Museen besuchen. Durch die Kurse und Workshops, die wir anbieten, und dem Luxemburger Kunstführer, den wir herausgebracht haben, versuchen wir eine breitere Masse für unsere Ausstellungen zu begeistern. Für jeden offen und zugänglich zu sein, das ist unsere Rolle als demokratisches Institut.
© Mudam Luxembourg
Könnte man das neu eröffnete Centre Pompidou in Metz mit dem MUDAM vergleichen? Dient es als Inspiration oder vielleicht sogar als Konkurrenz?
E. L.: Das Centre Pompidou in Metz (CPM) ist nicht mit dem MUDAM zu vergleichen. Bereits vor seiner Eröffnung war klar, dass diese beiden Museen eine komplementäre Arbeit leisten würden. Ich pflege immer zu sagen, dass das CPM eine Architektur des 21. Jahrhunderts hat und der Inhalt aus dem 20. Jahrhundert stammt und beim MUDAM ist es genau umgekehrt. Das CPM bekommt vieles vom Pariser Mutterhaus zur Verfügung gestellt; es hat keine eigene permanente Sammlung. Die Beziehung zu den Besuchern ist meiner Auffassung nach im MUDAM besser, da wir uns mit Programmen wie der MUDAM-Akademie mehr darum bemühen, Besucher auszubilden. Allerdings ist die Stärke des CPM die Ausrichtung auf bekannte moderne Kunstwerke, wie beispielsweise Werke von Picasso, Mirò, Max Ernst. Darüber hinaus gibt es einen politischen Aspekt, der erwähnt werden sollte. Das Projekt MUDAM startete 1989, aber es fand erst 2006 mit der Eröffnung seinen Abschluss. Damals stellten verschiedene politische Parteien das MUDAM und seine Daseinsberechtigung in Frage. Beim CPM gab es dagegen von Anfang an eine erfolgreiche politische Unterstützung. Beim MUDAM war die „campagne de lancement“ rückblickend eine Katastrophe.
Weshalb war bis jetzt im MUDAM noch keine größere Wanderausstellung zu sehen?
E. L.: Das ist vom Budget her nicht möglich. Aber es ist auch wichtig zu bemerken, dass Berlin, London und Paris zum Beispiel eine große Retrospektive zu Gerhard Richter oder Andy Warhol veranstalten können, weil große Museen, wie die Tate Modern in London oder das Centre Pompidou in Paris, sich gegenseitig unterstützen und Werke untereinander tauschen können. Diese Ausgangsposition hat das MUDAM nicht. 1996 fing man an, für das MUDAM zu sammeln, preislich gesehen war eine Fotografie von Cindy Sherman das teuerste, was man sich leisten konnte. Heute liegen die Preise noch viel höher als vor 20 Jahren. Kulturpolitisch betrachtet hat es Luxemburg verpasst, moderne Kunst im 20. Jahrhundert zu sammeln. In den 60er und 70er Jahren hätte man zum Beispiel relativ billig Werke von Beuys, Warhol oder sogar Pollock kaufen können, aber diese Chance ist nun verpasst. Das gilt in Luxemburg größtenteils auch für ältere Kunst: für die Sigismund Ausstellung im MNHA (2006) fand eine Zusammenarbeit zwischen Luxemburg und Budapest statt. Allerdings hingen einige Meisterwerke, von Dürer z. B., nur in Budapest, weil Luxemburg Budapest keine nennenswerte Werke zum Tausch
anbieten konnte. Die Menschen, die nicht in der Museumsbranche arbeiten, verstehen diese Tauschinteressen oft nicht. Trotzdem ist auch das MUDAM international vernetzt. Mittlerweile besitzt es Werke von zeitgenössischen Künstlern, die einen bedeutenden Ruf haben. Wir können stolz darauf sein, dass wir bei der kommenden Kunstpoche mitreden können und an dieser Geschichte teilhaben. Neureiche behaupten gerne, das MUDAM solle einfach eine Wanderausstellung wie die von Richter „einkaufen“. Aber es ist viel spannender sich für Künstler einzusetzen, die in 10 oder 20 Jahren in der Kunstwelt anerkannt und vielleicht berühmt sein werden.
Sind Sie zufrieden mit der in Luxemburg geführten Kulturpolitik?
E. L.: Was das MUDAM angeht, gab es einige Probleme bei der Planung und Konstruktion. Die Kosten wurden nicht richtig berechnet, und das hat bis heute Auswirkungen, da das Budget nicht an die Ausgaben angeglichen wurde. Die Umstrukturierung des MUDAMs war nicht vorgesehen, das Café befindet sich nun mitten im Hauptteil, das Gebäude insgesamt wurde kleiner, es gibt kein Kinderatelier, usw. Zudem müssen wir Räumlichkeiten außerhalb
halb des Museums mieten, um alle Werke lagern zu können. Auch das drückt auf den Geldbeutel. Die Kunstprogramme leiden unter dem Geldmangel am meisten. Das führt natürlich zu Spannungen.
Was erwarten Sie sich von Ihren nächsten 5 Jahren als MUDAM-Direktor und von der neuen Regierung in Luxemburg?
E. L.: Es werden gerade sehr viele Projekte vorbereitet für die kommenden drei Jahre. Wir hoffen, dass die finanziellen Ressourcen reichen, um diese Projekte zu realisieren. Wir haben Glück, das MUDAM erbaut zu haben, es wird ernst genommen in der internationalen zeitgenössischen Kunstszene und kann in diesem Bereich durchaus mit etablierten Museen mithalten. Es ist großartig, dieses Abenteuer zu erleben und Luxemburg international bekannt zu machen. Wir hoffen, dafür weiter Unterstützung zu erhalten.
Vielen Dank für das Gespräch! ♦
Das Gespräch wurde am 17. Dezember 2013 aufgezeichnet. Die Fragen stellte Céline Derveaux.
© Eric Chenal
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