Abschied von der Gewalt
15. Rundbrief aus Canto Grande
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15. Rundbrief aus Canto Grande
Der nachstehende Rundbrief der beiden "forum"- Mitarbeiter Angelika Matulla – Marcus und Franz Marcus ist der voraussichtlich letzte, den die beiden aus den Barrios von Lima uns schicken. Nach einem sechsjährigen, aufreibenden Einsatz nahmen die beiden im Mai Abschied von den Bewohnern der Steinwüste von Canto Grande. In ihrem letzten Rundbrief berichten sie erstmals offen von den Gewaltdrohungen, denen sie in letzter Zeit verstärkt ausgesetzt waren: ein bedrückendes Dokument, das die Erinnerung an die beschriebenen Abschiedsfeiern nicht wegwischen kann. Wer mehr über die Lage in Peru, die Terrororganisation "Sendero Luminoso" und die Aufbauarbeit unserer Freunde in Canto Grande erfahren will, sei an das "forum"-Dossier nr. 119 (April 1990) verwiesen, das noch vorrätig ist (80F + 40F Porto auf CCP 61154-44 von "forum").
Liebe Freunde,
Ihr haltet den vorerst letzten "Rundbrief aus Canto Grande" in Euren Händen: Mitte Juni geht für uns nach gut 6 Jahren die Zeit hier in Peru zu Ende. Wegen der ständigen Bedrohung durch den Terrorismus haben wir uns schweren Herzens entscheiden müssen, unseren Arbeitsvertrag auslaufen zu lassen und ihn nicht, wie wir es ursprünglich vorhatten, noch einmal zu verlängern. So kommen wir auch den dringenden Empfehlungen aus Kirchen- und Menschenrechtskreisen in Lima nach, die uns schon seit über einem Jahr nahelegen, uns aus Canto Grande zurückzuziehen, insbesondere nach der Ermordung mehrerer kirchlicher Mitarbeiter im Jahr 1992.
Kam es schon seit Jahren zu Feindseligkeiten gegen kirchliche Mitarbeiter in Montenegro und Cruz de Motupe, so haben sich die Einschüchterungsversuche gegen uns persönlich vor allem während diesen letzten eineinhalb Jahren verschärft: es gab mehrmals gegen uns gerichtete "pintas" (Graffiti) an den Wänden der Pfarrei und des Gesundheitspostens, am Morgen des 3. Dezember wehten 8 mit Bombenattrappen versehene rote Fahnen von der Kirchenfassade in Motupe, wir fanden sogar Bombenattrappen im Innenhof unseres Hauses, und wir hatten immer wieder heftige mündliche Auseinandersetzungen mit mutmaßlichen Senderisten, die uns alarmierten. Wochenlang wurde unser Haus in Montenegro von morgens früh bis abends spät bespitzelt, was wir als Psychoterror empfanden. Als wir im September letzten Jahres von unserem Urlaub aus Europa zurückkamen und von mehreren der Pfarrei nahestehenden Bewohnern aus Montenegro zu einem Begrüßungsessen eingeladen wurden, tauchten Gäste auf, die nicht eingeladen waren und uns auf ihre Weise begrüßten: wir, die Ausländer, hätten die Schuld am Elend Perus, wir wären nur gekommen, um unter dem Deckmantel der Kirche das Volk auszurauben, wie es die Europäer seit 500 Jahren täten. Wir sollten wissen, daß "sie" die Kirche in Zukunft bekämpfen würden. Am Ende schrie der Redner uns an: "Wir wollen euch hier nicht haben, ihr sollt verschwinden; wenn ihr nicht verschwindet werden wir Blut vergießen!"
Das war nicht die einzige, wohl aber die direkteste und schärfste Drohung, die wir im Lauf der 6 Jahre von Senderisten erhielten, und wir überlegten, ob wir sofort gehen sollten. Da wir aber annehmen konnten, daß es sich hier nur um die Meinung einzelner Personen handelte, frustriert wohl wegen der kurz zuvor erfolgten Verhaftung der wichtigsten Führer des "Leuchtenden Pfads", beschlossen wir, erst einmal zu bleiben, zumal wir uns der Unterstützung der Bevölkerung sicher waren. Wir kündigten öffentlich an, daß unser Vertrag im Mai 93 auslaufe und wir uns dann zurückziehen würden. Uns war klar, daß wir längerfristig nicht bleiben konnten, denn der Einfluß der Senderisten war in Canto Grande mittlerweile zu stark geworden.
Der kürzlich erfolgte, erstmals dreitägige, "bewaffnete Streik" des "Leuchtenden Pfads" zeigte wieder einmal, daß die Senderisten, so schwach sie sich zur Zeit auf nationaler Ebene zeigen, in unserer Zone immer noch über eine ungeahnte Macht verfügen: wurde der Streik auf Lima-Ebene allgemein wenig beachtet, so war er in Motupe und Montenegro fast total; mehrere Bombenexplosionen warnten und terrorisierten die Bevölkerung bereits im Vorfeld. In anderen Teilen Canto Grandes wurden Busse in die Luft gesprengt und auf vollbesetzte Fahrzeuge geschossen. Es gab Verletzte und Tote.
Besonders im Zusammenhang mit dem Wasserprojekt, das trotz massiver Boykott- und Störversuche seitens der Senderisten gute Fortschritte macht und wahrscheinlich im August abgeschlossen wird, hat sich für uns die Auseinandersetzung mit den Senderisten zugespitzt. Die von Franz begleitete Wasserkommission der Bevölkerung, das Bauunternehmen und Franz selbst wurden mündlich sowie auf Flugblättern und handgeschriebenen Plakaten bedroht, Franz mußte sich nach einer falschen Anklage wegen Betrugs vor Gericht verteidigen, es gab immer wieder Sabotageakte gegen bereits abgeschlossene Arbeiten, und im März kam es zu einem brutalen Raubüberfall einer mit Handgranaten und FAL-Gewahren bewaffneten Bande auf das Büro der verantwortlichen Ingenieure in Motupe, wobei zwei Wächter verletzt wurden und die Wochenlöhne von 240 Arbeitern entwendet wurden.
Kam es schon seit Jahren zu Feindseligkeiten gegen kirchliche Mitarbeiter in Montenegro und Cruz de Motupe, so haben sich die Einschüchterungsversuche gegen uns persönlich vor allem während diesen letzten eineinhalb Jahren verschärft.
Seit Jahren
herrscht das
Tauziehen
zwischen den
Leuten, die
der Pfarrei
nahestehen,
und den
Senderisten;
seit Jahren
versuchen
wir, einen
offenen
Konflikt zu
vermeiden,
weil von
vornherein
feststeht, wer
verlieren
würde.
Dank der nicht klein zu kriegenden Hoffnung und Begeisterung der Bewohner Motupes und Montenegros wurde das Wasserprojekt aber bisher nicht ernsthaft gefährdet, doch gehen die Versuche, es zu unterminieren, weiter.
Uns ist klar, daß wir kurz- oder mittelfristig eine frontale Auseinandersetzung mit den Senderisten nicht vermeiden könnten, und daß wir dabei den kürzeren ziehen würden. Wichtig ist uns, daß wir Canto Grande jetzt noch aus freien Stücken und "aufrecht" verlassen können, und nicht unter Zwang, sozusagen "kriechend". Wir wollen den Senderisten nicht die Genugtuung eines moralischen Sieges über uns und die Pfarrei überlassen, allein schon, um diejenigen, die die pastorale Arbeit jetzt ohne uns fortsetzen, nicht verunsichert zurückzulassen.
Seit Jahren herrscht das Tauziehen zwischen den Leuten, die der Pfarrei nahestehen, und den Senderisten; seit Jahren versuchen wir, einen offenen Konflikt zu vermeiden, weil von vornherein feststeht, wer verlieren würde. Gegen Menschen, die nicht nur zum Töten, sondern auch zum Sterben bereit sind, ist man machtlos. Stillschweigend und hartnäckig setzten wir den "Todeskräften" die "Kräfte des Lebens" entgegen, und wir sind sicher, daß auch in Zukunft die Solidarität der Mehrheit über diese fanatische politische Sekte siegen wird.
Wenn wir froh sein können, Canto Grande nicht "traumatisiert" verlassen zu müssen, so ist uns die Erfahrung der täglichen Gewalt und Bedrohung doch sehr nahe gegangen. Als Vertreter der Pfarrei und gewissermaßen "Autoritäten" im Barrio betraf uns die vom "Leuchtenden Pfad" ausgeübte Gewalt unmittelbar, mehr noch, wir rückten immer mehr in die vorderste Front des Widerstands gegen diese Bewegung des Todes und der Zerstörung vor.
Die Erfahrung der politischen Gewalt war für uns in jeder Hinsicht eine neue Erfahrung: zum ersten Mal in unserem Leben blickten wir in offene Gewehrläufe von Polizisten und Soldaten, erlebten Explosionen und Morde aus nächster Nähe, erstarrten unter den eiskalten Blicken von Senderisten, die zu allem fähig sind. Schrecken lähmte uns, als etwa ein Dutzend vermummter und schwer bewaffneter Polizisten eine unserer Versammlungen in Motupe "überfielen" und wir alle mit erhobenen Händen an der Wand stehen und die Gewehrläufe im Rücken spüren mußten. Derselbe Schrecken ließ Angelikas Blut erstarren, als ein Treffen des Verwaltungsrats des Gesundheitspostens von Montenegro von bewaffneten Senderisten "besucht" wurde und einer von diesen sie anzischte: "Sind denn immer noch ‚yankees‘ hier!?" Oder als sie aus nächster Nähe Zeugin eines Überfalls auf einen Coca-Cola-Lastwagen war, der anschließend in die Luft gesprengt wurde. Der permanente Psychoterror, das Wissen um die Nähe der Terroristen, die Morde und Anschläge in Canto Grande machten uns Angst; nächtliches Hundegebell, verdächtige Schritte, in der Nähe hallende Sendero-Parolen, hysterische Propaganda, die immer wieder über die Barriolautsprecher schallte, raubten uns nächtelang den Schlaf. In Alpträumen standen wir die schrecklichsten Grausamkeiten durch. Die Gewalt und die mit ihr verbundene Angst machten uns schreckhaft und
angespannt; ein Geräusch, ein Besuch, ein Wort alarmierte uns.
Mit den Senderisten schauspielerten wir nur; wir gaben vor, nichts zu wissen, und glaubten, uns so retten zu können. Wir wurden zum Heucheln gezwungen, und auch sie stellten sich dumm und unschuldig. Wir freuten uns, wenn sie freundlich zu uns waren und uns grüßten. Wir erlebten unser Dasein immer mehr als Farce, wurden immer mehr zu den nützlichen Idioten der Terroristen. Bei einem Schulgottesdienst in Montenegro machten sie uns und die Religion vor allen Schülern lächerlich, und wir ignorierten es. Sie bestimmten immer mehr über uns, sie entschieden, was wir tun, sagen, ja denken durften. Die Gewalt, der Terrorismus belegte immer mehr unser Gehirn; es gab zuweilen kaum noch ein anderes Gesprächsthema; das Thema wurde zur Bessesenheit. Gleichzeitig wurden wir mißtrauisch gegen jeden und gegen alles. Wir wurden verschlossener, ablehnender, zogen und zurück, verdächtigen plötzlich Menschen aufgrund von lächerlichen Indizien. Wir wurden passiver, ein Teil unserer Kreativität, unserer Energie ging verloren. Wir fühlten uns körperlich und seelisch müde; erschöpft und deprimiert. Uns ging jeder Sinn für die Zukunft verloren: die Frage "Ist es jetzt soweit?" hielt uns dauernd unter Spannung.
Die Beratung durch eine erfahrene Psychologin vom Instituto Bartolomé de las Casas in Lima half uns. Wir merkten, daß es Selbsttäuschung war, wenn wir die Senderisten in "gute" und "böse" einteilten und uns einbildeten, wir hätten es nur mit den guten zu tun. Wir wurden uns auch bewußt, daß das "Schauspielern" mit ihnen uns zu Komplizen machte und uns auf Dauer zuviel Energie abverlangte. Wir sahen ein, daß wir die Zuschauer des Schauspiels, die Bevölkerung, verwirrten, wenn wir uns benutzen ließen und uns einmütig Seite an Seite mit den Senderisten zeigten. Wir entschieden, die Karten offenzulegen und das Schauspiel langsam aufzugeben. Dabei fühlten wir uns besser, befreiter. Wir konnten wieder die eigene Initiative übernehmen, spürten wieder die befreitende Kraft der Wahrheit. Auch die "Gretchenfrage" der Senderisten, ob wir den bewaffneten Kampf unterstützen wollten oder nicht, konnten wir fast erleichtert mit einem bedingungslosen Nein beantworten. Die Senderisten gaben ihrerseits das Schauspielern nicht auf; sie gaben sich uns gegenüber gerne als Opfer aus. Die auf unsere freiwillige Distanzierung hin sich häufenden Einschüchterungsversuche und Drohungen gegen uns machten uns zwar auch Angst, aber wir konnten anders als vorher damit umgehen.
Nun haben wir uns also Anfang Mai offiziell von Montenegro, Motupe und den umliegenden Barrios verabschiedet. Die Feiern, die mehrere Tage dauerten, waren so gewaltig und überwältigend, daß es uns schwerfällt, in Worte zu fassen, was wir dabei erlebt und gefühlt haben. Unglaublich war vor allem die massenhafte Beteiligung der Bevölkerung, die bis zuletzt nicht glauben konnte, daß wir wirklich gehen wollten. In Montenegro hatten sich alle Volksorganisationen wochenlang vorher getroffen, um das Fest vorzubereiten. In der Kirche von Montenegro, in der am 1. Mai die Feier mit einem bewegenden Gottesdienst anfing, hatte nicht einmal die Hälfte der Leute Platz. Beim anschließenden "paseo de antorchas",
einem Lichterzug mit Hunderten aus farbigem Seidenpapier gebastelten Laternen, die Sterne, Herzen, Friedenstaube, den Gesundheitsposten, die Kirche, und auch Flugzeuge und Schiffe mit an uns gerichteten Dankesbezeugungen und Abschiedsgrüßen darstellten, war das ganze Barrio bunt erleuchtet. Die Straßen, die wir benutzten, waren von Fackeln gesäumt, und sogar vom Hügel über Montenegro flammte eine Grußbotschaft in der Dunkelheit. Der Laternenumzug, der mehrere Stunden dauerte, führte uns zu den kleinen Barrios und den Organisationen, comedores und Schulen usw… die wir im Lauf unseres Einsatzes besonders unterstützt hatten, und die sich mit Getränken, Tänzen und Geschenken bei uns bedankten. Das frohe Lichterspiel und die lebhaften und farbigen Tänze halfen zumindest ein wenig über unsere Traurigkeit und die der Leute hinweg. Am Ende wurde bis in die frühen Morgenstunden getanzt, bis wir schließlich vor Erschöpfung fast zusammenbrachen. Am nächsten Morgen gingen die Abschiedsfeiern in der Pfarrei von Motupe weiter…
Am 28. April konnten wir die Kirche von Motupe einweihen. Der fast 80jährige frühere Erzbischof von Lima, Kardinal Juan Landázuri feierte die Messe und segnete die Kirche ein, die in einem Jahr Bauzeit und zum Teil in Gemeinschaftsarbeit entstanden war. Der Kardinal beeindruckte und begeisterte die Anwesenden, die die Kirche bis in den letzten Winkel füllten, durch seine Einfachheit, seine Herzlichkeit und sein Mitgefühl mit der armen Bevölkerung Canto Grandes. "Mit Freude in meinem Herzen habe ich festgestellt", sagte Kardinal Landázuri in seiner Predigt, "daß die Kirche voranschreitet und nicht einschläft, daß sie das Volk in seinem Leiden begleitet, gerade hier in Canto Grande. Wir dürfen den Problemen, die unser Volk erdrücken, besonders die Ärmsten, die Verlassenen, diejenigen, die am meisten leiden, nicht teilnahmslos und gleichgültig gegenüberstehen. Wir müssen ihnen mit Liebe zur Seite stehen und ihnen helfen. Und ich sehe mit Freuden, daß das hier passiert…"
Da die Kirche von Cruz de Motupe als Pfarrkirche der zukünftigen Pfarrei "Nuestra Señora de la Paz" konzipiert ist, waren Christen aus allen der mittlerweile 14 dazugehörenden Barrios vertreten, die so zeigten, daß sie kirchlich ihre Heimat in Canto Grande gefunden haben, aus der Isolation ausgebrochen sind, sich untereinander und mit der Ortskirche Limas vernetzt fühlen. Gerade das war während all diesen Jahren eines der wichtigsten Anliegen unserer Pastoralarbeit.
Für uns persönlich sind diese 6 Jahre in Canto Grande zu einer reichen und einschneidenden Lebenserfahrung geworden, die wir nicht mehr missen möchten, und die uns in unserem Leben sicher nicht mehr loslassen wird. Wir empfinden es als ein Privileg, daß wir mit dem armen und innerlich doch so reichen Volk zusammenleben und -arbeiten durften. Die Jahre waren für uns in jeder Hinsicht lehrreich, und wir fühlen uns reich beschenkt. Wir glauben, daß die Erfahrung in Canto Grande unseren Horizont gewei-
tet, uns mehr Menschenkenntnis vermittelt hat, daß die Verantwortung uns selbstbewußter gemacht und Energien in uns freigesetzt hat, die wir vorher nicht kannten, unsere Führerqualitäten entwickelt und uns auch fachlich weitergebildet und geschult hat.
Sicher half es, daß unsere Berufskombination – Theologe und Krankenschwester/Hebamme – für diesen Einsatz geradezu ideal war.
Canto Grande ist uns zu einer neuen Heimat geworden, wofür wir der Bevölkerung zutiefst dankbar sind. Die bereitwillige Aufnahme und vorbehaltlose Offenheit uns gegenüber brachte uns dem Volk schnell sehr nahe. Wir durften mit den Menschen
feiern und trauern, lachen und weinen, beten und kämpfen, wir haben mit den Menschen getanzt und mit ihnen im Tränengas der Repression geheilt.
Wir haben versucht, uns voll auf die Situation einzulassen, das Leben der Armen zu teilen. Wir haben wie sie Staub geschluckt. Wassermangel gelitten, sind ohne elektrischen Strom ausgekommen, haben vor dem Terror gezittert. Das hat uns zusammengeschweißt, uns zu Brüdern und Schwestern gemacht. Wir sind zu "vecinos" geworden, zu Nachbarn und Gefährten, was die Bevölkerung dadurch ausdrückte, daß sie uns bei unserem Abschied zu "hijos predilectos", den Lieblingskindern Montenegros, erklärte.
Vielerlei Grenzerfahrungen forderten uns im Lauf der Jahre zum ersten Mal in unserem Leben in dieser Weise heraus: unter einfachsten Bedingungen leben zu können, sich ausgeliefert zu fühlen, Anfeindungen und Todesdrohungen standzuhalten, das alles ließ uns innerlich wachsen, bewußter leben, den Augenblick als kostbar erachten, das Leben täglich wieder als wertvolles Geschenk annehmen. Wir lernten mit der Angst umzugehen, erfuhren zum ersten Mal im Leben, was es heißt, Feinde zu haben, lernten unsere Begrenzungen und Schwächen kennen, fühlten aber auch, daß wir dabei als Menschen reifer, stärker und selbständiger wurden.
Canto Grande wurde auch zu einer tiefen Glaubenserfahrung für uns. Wir spürten, daß wir im wahrsten Sinn des Wortes von den Armen "evangelisiert" wurden, wie die Befreiungstheologen sagen.
Canto Grande wurde auch zu einer tiefen Glaubenserfahrung für uns. Wir spürten, daß wir im wahrsten Sinn des Wortes von den Armen "evangelisiert" wurden, wie die Befreiungstheologen sagen. Die Erfahrung, etwa Weihnachten oder die Karwoche mit den Menschen von Canto Grande zu feiern, die Erfahrung der Einheit von Glauben und Leben, Kirche und Volk, Erlösung und Befreiung erneuerte unseren Glauben grundliegend, füllte ihn neu mit Inhalt. Das Leben der Armen und das Mit-leben mit ihnen ließ uns die biblische Botschaft neu entdecken: das Leben der Armen ist selbst Exegese, wie wir in einem früheren Rundbrief schrieben.
Wir gehen zwar traurig, aber beruhigt aus Canto-Grande weg, weil wir unsere angefangene Arbeit in guten Händen wissen. Ein irischer Priester des Columbanerordens wird in Zukunft die Pfarrei begleiten, und die 3 Ordensschwestern, die die Fe-y-Alegría-Schule in Montenegro leiten und immer schon einen großen Teil der Pastoralarbeit geleistet haben, bleiben. Über 70 jugendliche Katechisten und Dutzende engagierter und als Pastoralarbeiter ausgebildete Männer und Frauen haben bereits vor einiger Zeit ihren Teil in der Pfarreiarbeit übernommen, und zwar nicht nur in der direkten Verkündigung (Katechese, Sakramentenvorbereitung, Gottesdienste, usw.), sondern auch beim kirchlichen Einsatz zur Verbesserung der menschlichen Lebensbedingungen, der Gesundheitsarbeit, der Menschenrechtsarbeit, dem Wasserprojekt, dem Wurmprojekt usw.
Mut machte uns gerade das Beispiel der Würmer unseres CEPILOMA-Projektes in Primero de Mayo: Millionen kleiner Würmer, die jeder für sich genommen als schwach und mickrig gelten und nur verachtet werden, tun sich zusammen und produzieren, allein aufgrund von Abfällen; von dem, was keiner mehr haben will, Tonnen von hochwertigem und fruchtbaren Humus, der nach und nach eine ganze Wüste zum Blühen bringen kann. Daß aus Kleinem Großes geschaffen wird, aus dem was verachtet, an den Rand gedrängt und vergessen wird, Zukunft aufgebaut und Leben geschaffen wird, das ist unsere Vision und unser Traum, mit dem wir Peru, ein Land,
das wir liebgewonnen haben, verlassen. Wir denken, daß wir ein ganz klein wenig an der Verwirklichung dieses Traumes in Canto Grande haben beitragen können. Motupe, Montenegro und die umliegenden Barrios verfügen heute über Infrastrukturen und Organisationen, die ohne die Präsenz der Kirche vielleicht nicht so schnell erreicht worden wären. Die Menschen haben Hoffnung und den festen Willen, eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder aufzubauen.
Wir denken, daß die Kirche in Canto Grande hat aufzeigen können, auf was es in dieser Situation des Todes ankommt: für die Befreiung des Menschen von allen materiellen, geistigen und ideologischen Ketten zu kämpfen, den Frieden zu verteidigen, wo immer er bedroht ist, sich für das Leben auf allen Ebenen, für Leben in Fülle einzusetzen.
Dennoch bleibt auch nach 6 Jahren Arbeit viel Not, viel Armut, viel Hunger in Canto Grande, das Elend hat sich sogar noch vergrößert, die Gewalt verallgemeinert. Sicher wissen wir, daß es nicht in unserer Macht lag, in einer Kultur des Todes, wie sie in Peru vorherrscht, ein Paradies aufzubauen. Dennoch ist es für uns schmerzlich, unsere Grenzen und die der Menschen so deutlich erfahren zu müssen.
Bei unserem Abschied in Canto Grande wurden wir vielfach als "Säleute" charakterisiert. Wir haben gesät, mehr wollten und konnten wir nicht. Wir sind zuversichtlich, daß die Saat aufgeht, auch wenn das nicht mehr in unseren Händen liegt.
Euch allen, liebe Freunde, wollen wir am Ende unseres Einsatzes noch einmal herzlich für Eure Unterstützung, Euer Mit-Leben und Eure Solidarität danken, ohne die unsere Arbeit in Canto Grande nicht möglich gewesen wäre.
Wir verabschieden uns mit lieben Grüßen und freuen uns, Euch bald wiederzusehen.
Angelika und Franz
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