Das Leben verteidigen: Kirche in Peru

Interview von Franz Marcus mit Mons. Augusto Beuzeville, Weihbischof von Lima

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Interview von Franz Marcus mit Mons. Augusto Beuzeville, Weihbischof von Lima

F. Marcus: Mons. Augusto, die Kirche Lateinamerikas wurde in den letzten 30 Jahren stark von den Bischofskonferenzen von Medellin und Pueblo geprägt. Welches ist der Einfluß von Medellin und Pueblo auf die peruanische Kirche?

Mons. Augusto: Eine bedeutende Gruppe von peruanischen Bischöfen nahm an den Konferenzen von Medellin und Pueblo teil. Nach ihrer Rückkehr wurden die Dokumente, die Richtlinien und Normen, die dort verabschiedet worden waren, unter Priestern und "agentes pastorales" reflektiert und meditiert. Von großer Bedeutung ist, wie dadurch die Präsenz und das Engagement der Kirche in armen Gegenden zunahm und sich auf Gebiete wie z.B. die Menschenrechte ausdehnte, in denen sie vorher kaum intervenierte. Die Kirche traf eine klare Option für die Bedürftigen, natürlich ohne die Reichen zu vergessen,

die ja auch Kinder Gottes sind. Man setzte sich vorzugsweise für die Ärmsten Perus ein, für die Verbesserung menschlicher Lebensbedingungen, für die Entwicklung der menschlichen Person. Es gab auch eindrucksvolle Gesten, wie die des Kardinals Landazuri, der nach seiner Rückkehr aus Medellin, wo er als einer der Vorsitzenden teilgenommen hatte, sein großes Residenzhaus verkaufte und in ein bescheideneres Haus in einem Mittelstandsviertel Limas zog. Das war nur ein äußeres Zeichen, andere Bischöfe und Priester folgten dem Beispiel. Man versuchte immer mehr auf Luxus und hohe Ausgaben, beispielsweise bei Kirchenbauten zu verzichten. Auch in kirchlichen Schulen wurde Wert auf Einfachheit gelegt. Die Konferenzen von Medellin und Pueblo haben sicher einen großen Einfluß auf die Kirche Perus ausgeübt und üben ihn heute immer noch aus.

F. Marcus: Die derzeitige Lage Perus ist von einer tiefen Krise gekennzeichnet. Wo sehen Sie heute die größten Herausforderungen für die peruanische Kirche?

Mons. Augusto: Eine der Herausforderungen scheint mir zur Zeit darin zu bestehen, daß die Kirche ihre

Unabhängigkeit bewahrt. Es gibt immer wieder Versuche politischer Parteien, auf der Seite der Kirche zu erscheinen, als besondere Freunde des Kardinals, des Erzbischofs usw. aufzutreten. Kardinal Landazuri, der letztes Jahr aus Altersgründen zurücktrat, hat es während der 34 Jahren seiner Amtszeit immer verstanden, seine Autonomie zu wahren. Mit Ausnahme protokollarischer Höflichkeitsbesuche hat er den Präsidentenpalast kaum besucht. Ein- oder zweimal hat er Orden in verschiedenen Botschaften entgegengenommen, doch war er immer bemüht, seine Unabhängigkeit als Erzbischof und Primas der peruanischen Kirche zu erhalten.

Eine andere Herausforderung ist es, bei der Moralisierung des Landes zu helfen. Gerade im Wirtschaftsbereich gibt es zu viele Leute, die ihr Christsein nicht allzu ernst nehmen und Mißbräuche betreiben …

Eine weitere Herausforderung stellt die Gewaltsituation dar. Zur Zeit gibt es in Peru zwei oder drei terroristische Gruppen, die Tausende von Toten verursachen, morden, Brücken und Straßen zerstören, Fabriken und Hochspannungsmaste in die Luft sprengen. Die Kirche ist herausgefordert, ihre Stimme zu erheben, und sie hat es wiederholt getan, um die Gewalt zurückzuweisen und das Leben zu verkündigen. In Barrios und Pfarreien werden Friedensmärsche organisiert, jedes Jahr veranstalten wir einen nationalen Friedenstag, an dem für den Frieden gefastet und gebetet wird. Wir müssen immer bereit sein, für die Werte des Evangeliums einzutreten und das menschliche Voranschreiten unserer Gesellschaft zu verteidigen.

F. Marcus: Können wir etwas näher auf die Situation der Gewalt eingehen? Wie schätzen Sie aus kirchlicher Sicht die Situation der Menschenrechte in Peru ein?

Mons. Augusto: Das Problem ist, daß es Leute gibt, selbst Christen, die nicht verzeihen können und sich eher vom Prinzip der Rache, Auge um Auge, Zahn

um Zahn, leiten lassen. Es sind dieselben die meinen, die Kirche dürfe sich nicht einmischen, dürfe nicht gegen die gewaltsame Repression protestieren. Die Kirche protestiert gegen den Terrorismus und sie protestiert auch gegen die Repression seitens der Polizei und der Militärkräfte, die oft nicht weniger schlimm ist. Es gibt Gruppen, die behaupten, die Kirche sei linksgerichtet und unterstütze die Terroristen. Diese Leute haben wohl kein klares Konzept von dem, was menschliche Würde jeder menschlichen Person, bedeutet. Den Gedanken, den wir in Gruppen reflektieren und verbreiten möchten, ist der, daß es für Christus, für Gott, keine Rolle spielt, welche politische Farbe man hat, oder wieviel Geld man hat, was zählt ist einzig und allein, daß man als Mensch geboren wurde, als Geschöpf Gottes. Auch das ist, glaube ich, eine große Herausforderung für die Kirche: eine Spiritualität des Respektes, der Toleranz und der Liebe unter den Menschen voranzutreiben.

F. Marcus: Nun zu einem anderen Thema: Aus der peruanischen Kirche ist der bekannte Befreiungstheologe Gustavo Gutierrez hervorgegangen…

Mons. Augusto: Padre Gustavo Gutierrez ist ein Priester, der in Lima geboren wurde und vor über 25 Jahren geweiht wurde. Er hat viel gearbeitet, immer auf der Seite der Armen, und sein Verdienst ist es, das Evangelium, die Frohe Botschaft, aus der besonderen Sicht der Armen zu verkünden, in bezug auf die Freiheit, in der wir alle leben müssen. Darin besteht einer de wichtigsten Beweggründe der Befreiungstheologie, von der Papst Johannes Paul II. sagt, sie sei eine annehmbare und notwendige Theologie, weil sie von Gott ausgeht und den Wert der menschlichen Person als Abbild Gottes unterstreicht. Der Einfluß von Padre Gustavo Gutierrez und seiner Theologie ist sehr groß in Peru, denn er hat erreicht, daß sozialistische und marxistische, also unchristliche Sektoren der peruanischen Gesellschaft, Sympathie für die Kirche haben und sie schätzen. Viele, die sich von der Kirche distanziert hatten, sind ihr wieder nähergerückt. Umfragen besagen, daß es keine Institution gibt, die das Vertrauen von sovielen Peruanern genießt wie die katholische Kirche, nämlich rund 85%

F. Marcus: In Europa sehen viele Christen in der lateinamerikanischen Kirche eine Hoffnung für die Kirche auf Weltebene, in der insgesamt die Spannungen zwischen der "Basis" und dem Vatikan wachsen. Viele fürchten, daß wir unterwegs zu einer vorvatikanischen Kirche sind. Wie denken Sie darüber?

Mons. Augusto: Es gibt Hochs und Tiefs, was uns Bischöfe betrifft, die wir vorübergehend an die Spitze der Kirche gestellt werden. Doch glaube ich, daß in den letzten 15-20 Jahren viel an der Basis gearbeitet wurde, auf der Ebene von Pfarreien, Gruppen und Familien. In Lima und in ganz Peru gibt es also, gerade unter den Armen und in der Mittelklasse – um es wirtschaftlich auszudrücken – eine große Anzahl von Christen, die ihren Glauben und ihr christliches Leben intensiv reflektiert haben. Sie sind genügend vorbereitet, um die Kirche voranzubringen, selbst wenn irgendwelche Normen verhängt würden, die der Kirche Jesu Christi widersprächen. Auch unter

Friedensmarsch "Peru – Vida y Paz" am 3.11.89: 3. von rechts G. Gutierrez, 4. Aug. Beuzeville

den Bischöfen gibt es viele, mindestens die Hälfte,
die die Befreiungstheologie, wie sie von Padre
Gustavo Gutierrez gelehrt wird, anerkennen und
schätzen. Selbstverständlich gibt es in einer Gruppe
von 54 Bischöfen einige, die keine Sympathie für
diese Theologie aufbringen. Auf die letzten Äuße-
rungen des Papstes zur Theologie der Befreiung hin
stellen wir jedoch fest, daß die Mehrheit der Bischöfe
den Wert dieser Theologie anerkennen, gerade in
Peru, wo sie mithalf, das Voranschreiten von dem
Christentum widersprechenden Doktrinen zu verhin-
dern. Um ein Beispiel zu nennen: Die Theologische
Fakultät der "Universidad La Catolica", wo Padre
Gustavo Gutierrez lehrt, führt jedes Jahr einen Theo-
logiekus durch. Vor 20 Jahren fing es mit 150 oder
200 Teilnehmern an, heute sind es über 3000, die
während 4 Jahren je einen Monat lang in der Ferien-
zeit an dem Kurs teilnehmen. Es kommen nicht nur
Leute aus ganz Peru, sondern auch aus Chile,
Ecuador, Panama und verschiedenen anderen
Ländern. Eine große Anzahl meist junger Menschen
passieren hier, reflektieren über die Bibel und eine
Theologie, die sich dem Leben zuwendet.

F. Marcus: Eine letzte Frage: Wir nähern uns dem
Jahr 1992, der 500-Jahr-Feier der "Entdeckung"
Amerikas. Was wird da eigentlich gefeiert: 500 Jahre
Mission und Evangelisierung oder 500 Jahre Aus-
beutung und Zerstörung?

Mons. Augusto: Da gibt es verschiedene Meinungen.
Für manche sollte überhaupt nichts gefeiert weden:
sie sehen eher das Negative, die Eroberung, den
Verlust der Werte. Doch meiner Meinung nach sollte
man nicht nur die Fehler und Mißbräuche der "con-
quistadores" sehen – wir wissen wohl, daß die ersten
Eroberer, die meist mit Francisco Pizarro kamen,
keine Heilige waren, es waren Abenteurer, es gab
alles unter ihnen. Aber die Kirche konnte nach und
nach, unter dem Impuls von Bartolomé de las Casas
und anderen großen Figuren, bestimmte Normen der
Menschlichkeit durchsetzen. Man muß die Kolonia-
lisierung Perus und Lateinamerikas im Kontext ihrer
Zeit sehen. Die Zeiten waren verschieden, und selbst
die Spanier sehen heute viele Fehler ein, die sie be-
gangen haben. Heute unterhalten wir gute Beziehun-
gen. Wir sollten also sicher nicht die negativen
Aspekte feiern, sondern die Gnade, daß wir den
Glauben gefunden haben, die Kultur, die Alphabeti-
sierung, die Technik, die die Missionare mitbrachten.
Ich bin optimistisch, was die Feier dieser 500 Jahre
der Entdeckung betrifft. Ich glaube, es kann ein neuer
Ausgangspunkt sein, um vielleicht verschiedene
Aspekte und Methoden unserer Verkündigung zu
ändern und eine stärkere Präsenz der Kirche in der
Gesellschaft zu erreichen, eine wirklich menschliche
Präsenz im Geist und im Herzen der Peruaner, damit
wir immer christlicher denken und handeln lernen.

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