„Der nächste Crash kommt bestimmt.“
Wie die Finanzmärkte stabilisiert werden können.Fragen an Thomas Jorberg, Chef der GLS-Bank
Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
Wie die Finanzmärkte stabilisiert werden können.
Fragen an Thomas Jorberg, Chef der GLS-Bank
von Claudia
Mende
Claudia Mende: Auf dem G20-Gipfel haben die führenden Länder der Welt beschlossen, dass Banken ab 2010 mehr Eigenkapital einlegen müssen. Sind die Banken dann sicher vor dem nächsten Crash?
Thomas Jorberg: Nein. Diese pauschale Verschärfung des Eigenkapitals stellt eher ein Problem dar, als das sie nützlich wäre. Das Kerngeschäft von Banken, also das Hereinnehmen von Einlagen und das Ausgeben von Krediten, hat die Krise nicht verursacht. Dieses Geschäft wird aber von der neuen Regelung erheblich beeinträchtigt.
C. M.: Aber riskante Geschäfte werden doch für die Banken weitaus weniger attraktiv, wenn diese dafür wesentlich mehr Eigenkapital vorhalten müssen?
T. J.: Das wage ich zu bezweifeln. Wenn solche Geschäfte ertragreich sind und wenn die Eigenkapitalrendite weiter so hoch bleiben soll, wird diese neue Regel gerade zu riskanten Geschäften führen. Man sollte wirklich nur diese hoch spekulativen Geschäfte mit mehr Eigenkapital unterlegen. Außerdem reicht dieser Beschluss nicht aus, wir brauchen weitere Regeln, um riskante Geschäfte zu vermindern.
C. M.: Welche Regeln meinen Sie?
T. J.: Die Probleme für das Finanzsystem sind beim rein abstrakten Geschäft entstanden, dort, wo Geld mit Geld gemacht wird. Dort, wo nur die Spekulation eine Rolle spielt, bei Hedgefonds, Leerverkäufen oder Kreditverbriefungen, die international gehandelt werden. Auf dem Gipfel der Krise hat der Staat zum Beispiel Leerverkäufe verboten, jetzt sind sie wieder erlaubt. Es müsste mehr Regeln bis hin zu Verboten geben, sonst kann man das System nicht stabilisieren.
C. M.: Also bestimmte Geschäfte einfach verbieten?
T. J.: Geschäfte, die eindeutig nicht der Realwirtschaft dienen, aber enorme Schäden anrichten können, sollte man tatsächlich verbieten.
C. M.: Kreative Banker finden doch immer neue Schlupflöcher?
T. J.: Wir brauchen eine breite Diskussion darüber, welche Existenzberechtigung der Finanzmarkt überhaupt hat. Für mich hat er nur eine einzige und das ist die Versorgung von Unternehmen, Privatpersonen und Staat mit Geld. Darüber wird aber nicht gesprochen.
C. M.: Das bedeutet doch: Der nächste Crash kommt bestimmt?
T. J.: Genau. Im Moment sehen wir, wie sich die Realwirtschaft eher nach unten entwickelt, während der Dax gleichzeitig einen Höhenflug macht. Daran kann man sehen, wie sich der Finanzmarkt wieder von der Realwirtschaft wegentwickelt. Der Aktienpreis und die steigenden Rohstoffpreise sind für mich Anzeichen für neue Spekulationsblasen.
C. M.: Sind die Banken für den Staat zu mächtig?
T. J.: Der Staat wird erpressbar durch die Systemrelevanz, die Banken haben. Es gibt zwei Treiber von Veränderung: Einsicht und Not. Offensichtlich war die Not noch nicht groß genug, um wirkliche Veränderungen herbeizuführen. Was in Pittsburgh beschlossen wurde, hat zwar die richtige Richtung, ist aber bei Weitem nicht geeignet, das System dauerhaft zu stabilisieren.
C. M.: Wie wichtig ist die Begrenzung der Managerboni?
Wir brauchen
eine breite Diskussion darüber,
welche Existenzberechtigung
der Finanzmarkt
überhaupt hat.
T.J.: Völlig überzogene Managerboni waren der Turbo, der das ganze Problem mit derartiger Geschwindigkeit explodieren ließ. Aber sie waren nicht die alleinige Ursache. In einem System, das ausschließlich auf Rendite ausgerichtet ist, wird immer die gesetzlich mögliche Grenze ausgelotet.
C.M.: Also ist die Gier nach immer höherer Rendite schuld und nicht etwa der Zinsmechanismus im Geld?
T.J.: Das Problem des Zinses spielt bei der Entstehung von Spekulationsblasen keine große Rolle. Knackpunkte sind überzogene Renditeerwartungen und die Möglichkeit, das große Geld mit Produkten zu machen, die keinen Nutzen für die Realwirtschaft haben.
C.M.: Wie laufen derzeit die Geschäfte bei der GLS-Bank?
T.J.: Unser Bilanzvolumen ist in diesem Jahr um 25 Prozent höher als im letzten Jahr. Die Nachfrage bei uns steigt gerade in den Bereichen Ökologie und erneuerbare Energien. Wir merken, dass andere Banken bei der Finanzierung erneuerbarer Energien zurückhaltender geworden sind. Dann fragen die Kunden bei uns nach.
C.M.: Sprechen Sie mit den Kunden auch über Renditeerwartungen?
T.J.: Ja, und wir sagen den Kunden, was wir mit ihrem Geld machen. Wir veröffentlichen, wer die vergebenen Kredite erhält und wo wir unser Geld am Kapitalmarkt anlegen, sodass wir für den Kunden transparent sind. Natürlich wollen die Kunden auch marktübliche Zinsen und die bekommen sie auch. Aber keine überzogenen.
C.M.: Wird sich das Bewusstsein der Kunden und der Bankiers wirklich ändern?
T.J.: Konsumforscher sagen, dass sich zehn Millionen Bundesbürger für die sozialen Folgen ihrer Geldgeschäfte interessieren, das ist ein Hoffnungszeichen. Unternehmen wie die Deutsche Bank und die Telekom werben intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit. Kunden wollen heute nicht nur Rendite, sie interessieren sich auch für die Klimaentwicklung. Kein Mensch möchte seinen Reichtum ganz alleine genießen, während alle anderen Armut erleiden. Auch das ist ein menschliches Grundbedürfnis. ♦
Thomas Jorberg ist ein ungewöhnlicher Bankier. Der Vorstandschef der GLS-Gemeinschaftsbank möchte die Welt durch einen anderen Umgang mit Geld lebenswerter gestalten. Der heute 51-Jährige begann seine Karriere 1977 als erster Auszubildender der GLS-Bank, die 1974 von Anthroposophen gegründet worden war. Heute steht die Bank allen offen, die „saubere Geldgeschäfte“ machen wollen. Und das sind inzwischen mehr als 60 000 Kunden. Sie schätzen, dass sie bestimmen können, ob sie ihr Geld in erneuerbare Energien, Bio-Landwirtschaft, Sozialprojekte, Schulen und Kindergärten, Gesundheits- und Kulturerichtungen oder in speziellen Projekten anlegen wollen. Die Eigentümer der Bank erhalten keine Rendite. Die Bank ist nicht in die Finanzkrise verwickelt.
(Zuerst veröffentlicht in Publik-Forum Nr. 19 [2009])
Ethisches Sparen dank Finanzkrise beliebter?
Riesige Menschenschlangen vor einer Bank, eine von Panik gepackte Meute, die ihr Erspartes zurück verlangt. Solche und andere Szenarien können bei den Schlagwörtern Finanzkrise und Banken in den Köpfen der Menschen auftauchen. Auch wenn es in Luxemburg nicht zu solch dramatischen Szenen gekommen ist, hat die Krise sicherlich ihre Spuren in unserem Verhältnis zu Banken hinterlassen. Dies zeigt auch der Trend zum ethischen Sparen.
In Luxemburg äußert sich dieser Trend in der Erfahrung von etika, der luxemburgischen Initiative für einen alternativen Umgang mit Geld: Die Anzahl der Sparer ist im letzten Jahr um 18 % gestiegen. Waren es in den vorherigen Jahren im Durchschnitt zwischen 8 und 10 neue Sparer pro Jahr, so ist die Anzahl in diesem Jahr (Sept. 2008-Sept. 2009) mit 80 bis 90 neuen Kunden extrem angestiegen. Darüber hinaus hat sich die Summe des angelegten Geldes sogar um 20 % erhöht, von 21,1 auf 27,3 Millionen Euro.
Ob es sich dabei um eine kurzfristige Reaktion auf die gegenwärtige Krise handelt oder ob sich hier eine grundlegende Veränderung im Umgang mit Geld darstellt, kann heute noch nicht festgestellt werden. Die Nachhaltigkeit dieser Tendenz wird sich erst zeigen müssen. Fest steht jedoch, dass das Thema interessanter geworden ist und dass sowohl in der Presse wie auch bei den Bankkunden eine größere Nachfrage besteht.
Eine ethische Bank für Luxemburg?
Auf die Nachfrage hin, ob die logische Weiterführung der Idee des ethischen Umgangs mit Geld nicht in einer ethischen Bank münden müsse, meinte Ekkehart Schmidt-Fink von etika, Luxemburg sei zu klein für ein solches Unternehmen, dieses Unterfangen halte er nicht für besonders realistisch, ein zu großes Kapital sei hierzulande dafür notwendig. Andererseits gäbe es jedoch auch Stimmen, die der Ansicht seien, die Zeit sei reif, um ein derartiges Projekt in Angriff zu nehmen.
Die Anbindung an die Sparkasse (seit 1997) macht etika zwar in einem gewissen Maß abhängig, bringt aber auch Vorteile mit sich. Das Risiko etwa bleibt bei der Bank. Dass es überhaupt soweit gekommen ist, lag laut Ekkehart Schmidt-Fink wohl an der Persönlichkeit des früheren BCEE-Direktors Raymond Kirsch, der das Anliegen von etika unterstützte. Damals war die „Spurkees“ die einzige Bank, die überhaupt Interesse an einer Zusammenarbeit zeigte. Dieses Jahr nun wurden zum ersten Mal Fortbildungen für die Berater angeboten, da immer mehr Kunden nach der ethischen Sparvariante gefragt haben.
Auch ohne ethische Bank gibt es weiterführende Überlegungen für zukünftige Entwicklungen innerhalb etikas: der Aufbau eines Labels für Banken steht dabei ganz oben – den Gedanken des ethischen Umgangs mit Geld in die Banken bringen und deren Produkte in dieser Hinsicht von einem unabhängigen Gremium bewerten lassen. ♦
KF
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!