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lautete das Thema einer Konferenz über Altstadtsanierung, die am 27 März vom ATELIER DE RECHERCHE SOCIALE ET URBAINE (ARSU) in Zusammenarbeit mit dem ‚Ministère des Affaires Culturelles‘, der Stadt und JEUNES ET ENVIRONNEMENT organisiert wurde. Die Vereinigung SAUVER LA VILLE hatte leider von einer Beteiligung abgesehen.
Konferenzler waren der Urbanist Jacques ANTOINE
und der Ethnologe Ita GASSEL. Sie stellten eine Studie über die Sanierung des ‚quartier des Fabriques‘ in Verviers vor.
WOZU DAS GANZE?
Die Methode der Altstadtsanierung ist doch bekannt: Aufstellen eines Planes durch ein Architektenteam, Umzug der Einwohner, Ausfahren der Arbeiten und Einzug der neuen Bewohner.
Eben nicht! Die Methode des Teams ANTOINE-GASSEL sieht vor, dass
- die Bevölkerung, die momentan noch in den Baracken haust auch nach der Sanierung im Viertel, in ihren alten -respektiv erneuerten- Wohnungen lebt
- die Sanierung von den Einwohnern selbst, und nicht von einem "Expertenteam" (von oben herab) geplant wird.
Dieser 2. Punkt stellt das wirklich beachtenswerte an ihrer Methode dar. Für eine halbwegs sozial eingestellte Gemeinde, dürfte der 1. Punkt nämlich eine Selbstverständlichkeit sein. Der 2. Punkt verlangt jedoch ein demokratiebewusstes Handeln von Seiten der Behörden, wie es nur extrem selten anzutreffen ist.
Er setzt voraus, dass man die Bürger -auch wenn es sich um sozial benachteiligte Menschen handelt, wie es zumeist in sanierungsbedürftigen Stadtteilen ist- als mündig betrachtet.
Es setzt voraus, dass man in Betracht zieht, dass auch diese Menschen ein projet social haben, dass
sie eine bestimmte Vorstellung von der Zukunft und der Gestaltung ihres Lebensraumes haben.
Er setzt voraus, dass man diesen Menschen das Recht auf die Verwirklichung ihres "projet social" zugesteht.
Wie kann man nun Altstadtsanierung von den Erstbetroffenen, den
EINWOHNERN PLANEN LASSEN?
Das Team ging davon aus, dass die Einwohner des "quartier de fabriques" eine eigene Kultur, oder vielmehr eine eigene Subkultur -lokale Variante der nationalen Kultur- haben. Denn dieser Name Kultur ist die technische Bezeichnung für die Mittel, die der Mensch sich schafft, um die Welt und das Leben zu verstehen und zu beeinflussen.
SOZIOLOGISCHE ZUSAMMENSTELLUNG DER BEVOELKERUNG
| Einwohner: | 2 504 |
| — | — |
| Aktive Bevölk.: | 37,9 % |
| Ausländer: | 30,3 % |
| Neuzuwanderer (weniger als 2 Jahre im Viertel): | 33,5 % |
| Frauen: | 52,83% |
| Rentner (45 bis +65) | 16,49% |
| Jugendl. ( bis 25): | 33,1 % |
| Hausfrauen: | 11,58% |
| Angestellte: | 5,75% |
Diese Subkultur beinhaltet, dass die Menschen bestimmte Erwartungen an die Zukunft richten, also mehr oder weniger detaillierte "projets sociaux" entwickeln. Diese zu erfassen war das Problem, das das Team zu bewältigen hatte.
Es teilte seine Arbeit, die sich über fast 2 Jahre erstreckte, in mehrere Etappen ein. Zuerst erforschte es die
SPEZIFISCHEN EIGENARTEN
des Viertels: Geschichte, Geographie, Wirtschaftsleben, soziale und demographische Zusammensetzung der Bevölkerung. Zu diesen Studien dienten bestehende Unterlagen, sowie nicht-direktive Interviews mit Einwohnern, die einen gewissen Überblick über das Leben im Viertel haben: Pfarrer, Krämer, usw. Die Frage die bei diesen Interviews gestellt wurde, lautete: "Qu’est-ce que c’est pour vous le quartier, comment y vivez-vous?" Die angesprochenen Personen teilten nun durch diese Frage bei ausgelöstem, freien Gespräch mit, was ihrer Meinung nach die Probleme und Charakteristiken des Viertels darstellt.
Dieses Studium sollte jedoch keineswegs als alleinige Unterlage zur Ausarbeitung der Sanierungspläne dienen, sondern vor allem ein Einteilen der Bevölkerung in
VERSCHIEDENE GRUPPEN
ermöglichen. Innerhalb jeder Gruppe sollten, soviel Gemeinsamkeiten bestehen, dass die Mitglieder sich auf ein gemeinsames "projet social", was die Neugestaltung ihres Viertels angeht, einigen konnten.
Die Bevölkerung wurde in 13 verschiedene Gruppen eingeteilt: Mitglieder der christl. Arbeiterbe-
- wegung
- Rentner
- Türken
- Spanier
- Lehrer
- 2 Gruppen Schulkinder
- usw.
Jede dieser 13 Gruppen stellte unter Beteiligung eines Team-Mitgliedes einen Plan zur Sanierung des Viertels auf. Hierzu trafen sie sich bis zu 8 Mal. Die Arbeit des Team-Mitgliedes beschränkte sich darauf, zu achten, dass alle Gruppenmitglieder sich frei ausdrücken konnten und ihre Wünsche und Meinungen auf einem Plan des Viertels festgehalten wurde. Er war sozusagen der Bleistift der Gruppe. Sein technisches Wissen und Können durfte auf keinen Fall den Inhalt des Planes beeinflussen.
Das Vorhandensein gemeinsamer Wünsche (Grünflächen, Spielplätze…) der Gruppenmitglieder und der Gruppen kann man (in diesem Zusammenhang) nicht als das Resultat einer Beeinflussung sondern als der Ausdruck gemeinsamer Bedürfnisse deuten.
Nach einigen Sitzungen erstellten die Team-Mitarbeiter für jede Gruppe eine Synthese ihrer Arbeit, die der Gruppe dann vorgelegt wurde. Daraufhin erfolgten meistens Aenderungen am Konzept.
Die Schulkinder drückten ihre Vorstellungen mittels Zeichnungen aus. Für die türkische Gruppe wurde eine Dolmetscherin engagiert.
Jede Gruppe manifestierte neben den gemeinsamen Bedürfnissen (bessere Wohnungen, Erhalten des Charakters der Innenhöfe, Grünflächen, Spielplätze …) spezifische Wünsche. So wünschte sich
die türkische Gruppe z.B. eine Moschee.
Jede Gruppe stellte also einen eigenen, ganz spezifischen Plan auf. Dies führte zu einer Aufwertung von normalerweise verpönten sozialen Schichten, die in der nächsten Phase, der
SEMAINE D’ANIMATION
ihre Vorstellungen mit gesteigertem Selbstvertrauen als gleichberechtigte Bürger darstellen und verteidigen konnten.
Diese ‚Semaine d’Animation‘ stand unter dem Thema ‚Quelle renovation?‘. Vor Beginn der Woche erhielten die Haushalte sämtliche Pläne mit einer ausführlichen Legende. (Durch ihre Mitarbeit in den Gruppen waren sie in der Zwischenzeit fähig Pläne zu lesen). Während der Woche wurden die Gruppen schrittweise zusammengebracht, um ihre respektiven Pläne aufeinander abzustimmen, so wurden die beiden Gastarbeiterteams in einer Gruppe vereinigt. Die Gruppen wurden so schrittweise erweitert, bis es schlussendlich zu einer Art Generalversammlung kam, die zum Ausarbeiten eines einzigen Gesamtplans führte.
Während dieser Woche fanden auch eine Reihe kultureller Ereignisse statt: Theaterstücke wurden aufgeführt, Bälle organisiert… Dadurch sollte eine Belebung des Viertels mit dem damit verbundenen erhöhten Kontakt zwischen den Einwohnern und ein Gefühl der Zusammenhörigkeit erreicht werden, das notwendig ist für die Ausarbeitung eines gemeinsamen Plans und für die Fortdauer des neuentstandenen Bewusstseins der Einwohner, vollwertige, mündige Bürger zu sein.
ES BLEIBT ZU HOFFEN
dass die Altstadtansanierung in Luxemburg in Zukunft nach ähnlich demokratischen Muster ablaufen wird. Der ATELIER DE RECHERCHE SOCIALE ET URBAINE (ARSU) sowie JEUNES ET ENVIRONNEMENT werden sich jedenfalls hierfür einsetzen.
Gérard Faber
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