Angst und Religion
Vortrag bei einem Forumsgespräch des "Centre chrétien d'éducation des adultes" über Angst und Religion
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Beim folgenden Beitrag handelt es sich um den 3.
und letzten Teil unserer in Nr. 71 und 72 begonnenen Serie mit den Vorträgen, die im Februar bei
einem Forumsgespräch des "Centre Chrétien d’Education des Adultes" über Angst und Religion gehalten
wurden.
Zwischen Religion und Angst besteht ein inneres
Verhältnis, das sich aufhellt, wenn beide Phänomene zuerst einer gesonderten Analyse unterzogen
werden.
- Weshalb empfindet der Mensch Angst? Welches
ist die letzte Grundlage dieses Gefühls? Als unspezialisiertes, relativ unangepasstes Lebewesen
steht der Mensch immer wieder vor dem Unbekannten,
Fremden, Andern, und hat Angst. Deshalb stellen
sich dem Menschen auch eine Reihe grundlegender
Fragen, auf die er eine Antwort braucht, um leben
zu können: Woher komme ich, wohin gehe ich? Worauf kommt es an? Was ist gut zu tun, was soll
ich lassen und vermeiden? Welches Verhältnis zum
andern Menschen aufbauen? Welche Gesellschaftsstrukturen herbeiführen? usw. Es sind dies die
sogenannten Sinnfragen.
Dieser Sinn aber wird immer wieder in Frage gestellt und in Gefahr gebracht durch die ständig
drohenden Grenzsituationen: Krankheit, Schuld,
Leid, Übel, Böses, Alter, Tod … Und das bringt
dem Menschen Angst. Der Mensch ist sich selbst
ein Rätsel, seine persönliche (und gattungsmäßige)
Identität steht nicht von Anfang an fest, ist
nicht eine Ausgangstatsache, sondern eine immer
wieder fragliche Aufgabe; auch von da her kommt
Angst.
In einem Wort: der Mensch ist verantwortlich für
sich selbst, für die andern die Gesellschaft, die
Zukunft. Hier liegt die letzte Wurzel der Angst:
es ist die Freiheit, die Verantwortung, die Notwendigkeit, selbst zu entscheiden.
- Was heißt Religion? Weshalb gibt es seit eh
und je das Phänomen Religion (oder zumindest Ersatzreligion)? Auch die Antwort auf diese Fragen führt uns zur Sinnproblematik. Der Mensch braucht Sinn, kann ohne Sinn auf die Dauer nicht leben. Aber: er hat diesen Sinn nicht fertig vorliegen, weder in sich selbst drin noch irgendwo außerhalb seiner. Er strebt danach und muß sich ihn immer wieder erarbeiten. Von da her kommt ins Leben des Menschen eine fundamentale Spannung: zwischen gegenwärtiger Sinnabsenz und erstrebter Sinnpräsenz. Das heißt, daß der Mensch ständig seinen gegenwärtigen Stand und Zustand verlassen muß, gefordert ist, über sich hinauszugehen auf den Sinn zu, der jenseits dessen liegt, was der Mensch jetzt gerade ist.
Dieses Spannungsverhältnis zum Sinn ist dann als ein religiöses zu verstehen, wenn der Sinn wenigstens zum Teil als Geschenk angesehen wird, und wenigstens zum Teil als konstitutiv angesehen wird für ein anderes, qualitativ vom jetzigen verschiedenes Leben, das hier auf Erden wohl nicht vollends erreichbar ist. Religion ist demzufolge das Streben und der Weg zum Heil, zur Erlösung. Zu ihr gehört dann wesentlich dieses Spannungsverhältnis zwischen dem Jetzt des Unheils und dem künftigen Heil.
Damit ist gesagt, daß das Heil für den Menschen das/der Andere ist, das/der ganz Andere, das/der Andere gegenüber dem Hier und Jetzt. Religion haben bedeutet, aus sich herauszugehen, über sich hinausgehen zum Anderen, zum Heil; Religion ist Transzendenz. (Im Christentum handelt es sich in erster Linie bei diesem Überstieg um das Verhältnis zum Nächsten, der der Stellvertreter Gottes ist). Emmanuel Levinas, der französische, jüdische Philosoph, sieht die Symbolfigur des religiösen Menschen denn auch nicht in Odysseus, der zwar von zu Hause fortreiste, aber letzten Endes nur, um wieder nach Hause zurückzukehren, sondern in Abraham, der alle Brücken hinter sich abbrach, das Gewohnte und Vertraute verließ und in einer Art vorweggenommenem Exodus ins unbekannte Land zog.
- Jetzt erklärt sich das ambivalente Verhältnis des Menschen zur Religion und zum Heil: es wird zugleich erstrebt und gefürchtet, es ist Gegenstand von Vertrauen und Hoffnung, aber auch von Scheu und Angst, denn es ist verbunden mit einem Risiko, mit dem Zugehen und Eingehen auf Fremdes und Unbekanntes. Und die Angst ist umso größer als das Heil lebensnotwendig ist.
Gewiss, gegen diese Angst gibt es Gegenmittel: Magie, Ritualismus, Legalismus, transzendenzloser religiöser Aktivismus. Aber damit werden nur Symptome kuriert, nicht Probleme gelöst. Die eigentli-
che Lösung kann nur darin bestehen, sich der Angst, dem Heil, Gott zu stellen und nicht wegzulaufen. Das heißt: das Risiko auf sich nehmen, Vertrauen vorleisten, sich auf das Heilsangebot einlassen, nach dem Motto: Wer sein Leben aufs Spiel setzt, wird es gewinnen. Religion bringt Befreiung von der Lebensangst, aber nur um den Preis eines vorgängigen Durchgangs durch die Angst.
- Aber, so von Religion und Angst zu sprechen, ist das nicht zu schön um wahr zu sein? Wird damit nicht die Religion idealisiert? Gibt es nicht in der Religion eine ganz andere Angst noch, die in Verbindung steht mit Themen wie Sünde, Teufel, Hölle, Intoleranz, Inquisition, Religionskriege usw.? Woher kommt diese Angst in die Religion? Ist sie ihr wesentlich? Wieso kristallisiert sich überhaupt Angst so massiv auf die Religion?
Es ist schon ein Paradox: Religion will Antwort sein auf die Lebensangst, und sie selbst schafft Angst, oder zieht sie an sich. Eine dreifache Antwort ist hier angebracht: Wenn durch Ausseere oder innere Umstände die Religion in Gefahr ist, oder sich in Gefahr glaubt, wenn also der Sinn gefährdet ist, kommt es zu Überreaktionen. So geschehen, J. Delumeau zufolge, am Ende des Mittelalters.
Zum zweiten muß man feststellen, daß, wie mit allem was menschlich ist, auch mit der Religion Mißbrauch getrieben werden kann, was denn auch zur Genüge geschehen ist im Lauf der Jahrhunderte: Mißbrauch zu Machtzwecken, um wirtschaftliche oder finanzielle Vorteile zu haben, aus nationalistischen Gründen usw. Sollen dergleichen Mißbräuche nun aber der Religion als solchen angelastet werden? Wenn ja, dann muß man dasselbe aber auch tun allen andern Denksystemen gegenüber, die ausnahmslos auf ähnliche Weise mißbraucht wurden.
Angemessener scheint es, und das ist die dritte Antwort, sich auch dieser Angst zu stellen, und das heißt in diesem Fall: die Religion zu reinigen von ihren Fehlformen. Gewiß, man könnte die Religion als solche abschaffen, aber wähe damit die Angst verschwunden? Auch der Atheismus schafft Angst. In seiner Rede bei Anlaß der Verleihung des Büchnerpreises sagte Martin Walser u.a.: "Ein Gott, der nicht hilft, ist keiner. Aber wenn dann keiner ist, schießt eben aus allem, was Zeit und Raum servieren, dieser Leere-Schrecken heraus." Und Sartre schrieb vom Atheismus als einem "grausamen, langwierigen Unterfangen". Dazu kommt, daß es auch in atheistischen politischen Systemen ähnliche Phänomene gibt wie Teufel, Hölle, Glaubenskriege und Inquisition: Goulag, Kazette, Meinungsterror sind keine Spezialität der Religion, und Stichworte wie ‚Rote Khmer‘ oder ‚Boat People‘ sind nicht auf religiösem Terrain gewachsen.
- Abschließend soll noch einmal festgehalten werden, daß Religion es zentral mit Angst zu tun hat: Angst, weil vitales Sinnbedürfnis; Angst, weil Sinn nur im verunsichernden Überstieg zum Andern gefunden wird; Angst aber auch, wegen Überreaktionen bei Sinngefährdung und wegen Mißbräuchen. In ihrer reinen Form ist Religion eine Weise des Menschen, sich der Angst zu stellen, und das Sinnangebot der Religion ist letzten Endes ein wirksames Mittel gegen die Angst. Daraus ergibt sich für den Gläubigen die Pflicht, seinen Glauben und seine Glaubensgemeinschaft mitzuhelfen zu überprüfen und zu reinigen. Wobei er sich, falls er Christ ist, in dieser Aufgabe getrostt auf seinen Meister Jesus Christus berufen kann: dieser hat das Geschäft der Selbstreinigung von Anfang an mit Leidenschaft und Augenmaß betrieben.
Hubert Hausemer
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