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Das Kollektiv Spackelter und insbesondere die Arbeitsgruppe RELEASE beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahren mit den Auswirkungen des Drogenproblems. Diese Arbeitsgruppe innerhalb des Kollektiv Spackelter ist ein Zusammenschluß von Ex-Usern (ehemals Abhängigen) und sog. professionellen Helfern (Sozialarbeiter, Lehrer, Ärzte). Das Kollektiv Spackelter ist momentan die einzige „freie“ Initiative auf diesem Gebiet. Die Arbeitsgruppe RELEASE hat sich eine sinnvolle vorbeugende Arbeit, eine Änderung des Betäubungsmittelsgesetzes sowie die Errichtung einer Fachklinik für Suchtkranke zum Ziel gesetzt. Das Kollektiv Spackelter ist bis zum heutigen Zeitpunkt die einzige rechtlich konstituierte Vereinigung, die sich besonders mit der Lage der Drogenabhängiger beschäftigt und sich konsequent für die Rechte der Betroffenen einsetzt. So gesehen wird es für jeden verständlich sein müssen, daß wir verschiedene Vorfälle aus dem Blickfeld der Betroffenen sehen müssen und auch wollen.

Den unmittelbar Betroffenen des Drogenproblems (Konsumenten, Abhängige, Eltern, Erzieher, Freunde) steht bisher kein Sprachrohr zur Verfügung.

Beispiel Razzia

Am 14. Oktober 1980 fand in Luxem-

burg gegen 17.45 Uhr eine großangelegte Razzia statt, die sich (nicht allein) um ein Lokal in der Oberstadt konzentrierte. Visiert waren mehrere Treffpunkte vorwiegend Jugendlicher, welche verdächtigt wurden Drogen zu konsumieren (natürlich illegale, denn andere Drogen, Alkohol etwa, sind ja legal und ak-

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zeptiert in unserer alkoholisierten Konsumgesellschaft). Auch unsere Terroristenbekämpfungseinheit war wieder im Einsatz; diese Einheit entpuppt sich mehr und mehr als Spezialeinheit bei besonderen sozialen Problemen (etwa gegen sog. „Rocker“ oder Drogenkonsumverdächtige). Die Ordnungskräfte verhafteten mit beispielhafter Gründlichkeit alle im Lokal Anwesenden, aber auch Passanten. Diese Aktion war von der Staatsanwaltschaft angeordnet worden.

Hintergrund

Folgende Tatsachen bilden unseres Erachtens den Hintergrund dieser seltsamen, außergewöhnlichen Razzia. Besonders im Hinblick auf die relative Nutzlosigkeit derartiger spektulärer Aktionen, bringen wir diese Aktion in Zusammenhang mit den Drogentoten der letzten Wochen. Diese Todesfälle sind erste, aber bereits regelmäßige Indizien für die brutale luxemburgische Hintergrundrealität. Insider (Konsumenten, Ärzte, Drogenberater) vermuten ein rapides Ansteigen der Todesrate in den kommenden Monaten, bedingt durch eine außergewöhnliche Reinheit der Stoffe, bedingt aber auch dadurch, daß manche Drogenkonsumenten langsam aber stetig ans Ende ihrer Widerstandskräfte gelangen.

Der Tod der letzten Opfer erzeugte einen politischen Druck, dem irgendwie nachgegeben werden muß. Besonders in Anbetracht der Tatsache, daß einige einflußreiche Familien direkt oder indirekt betroffen sind.

Bisher wurde von staatlicher Seite fast

nichts unternommen, um der sich anbahnenden Entwicklung ernsthaft entgegen zu kommen. Lediglich eine falsch konzipierte Alibitherapiestätte wurde verwirklicht und sollte politisches Image aufpolieren.

Weil bisher von den betroffenen Ministerien wenig ernsthafter Willen verzeichnet werden kann, schätzen wir diese Razzia als billige, plumpe Maßnahme ein den Menschen dieses Landes den Eindruck zu vermitteln, daß der Staat seine Verantwortung in Sachen Drogenbekämpfung, Suchtkrankenhilfe, Drogenkonsumvorbeugung übernehme, um den Eindruck zu vermitteln „es geschieht etwas“. Aber was geschieht wirklich?

Die repressive Aktion soll den gerechtfertigten politischen Druck vermindern mit dem die verantwortlichen Behörden konfrontiert sind. Solche Razzien sind Eingriffe in die persönlichen Rechte einzelner Bürger. Diese Überraschungsaktion war darüberhinaus ein polizeistrategischer, kriminologischer Fehler, erreicht sie doch eine Zersplitterung der Dealerszene. Wir unterstützen auch die Verhaftung von kriminellen, skrupellosen, verantwortungslosen, profitmachenden Dealern.

Doch täuschen solche demonstrativen Aktionen über den wahren Charakter des Problems hinweg und lenken gewollt ab von der Notwendigkeit sozialer Hilfsmaßnahmen, von der Notwendigkeit struktureller, sozialer Antworten auf das Drogenproblem.

Wir verurteilen diese polizeiliche und politische Blaufaktion und protestieren gegen die Art wie die Öffentlichkeit für dumm verkauft werden soll und erheben

ben folgende Forderungen:

  • Abänderung des Betäubungsmittelgesetzes, Entkriminalisierung des Drogenkonsumenten schlechthin.

  • Bereitstellung angepaßter finanzieller Mittel für Therapieplätze; substantielle Unterstützung zwecks Weiterführung unserer begonnenen Arbeit.

  • Erarbeiten eines wirksamen vorbeugenden sozialen Programms (etwa Beratungsstellen, Jugendzentren, Streetwork, Tagesstätten, Spielplätze usw. usw.)

Das Kollektiv Spackelter betont die Tatsache, daß Drogenabhängige oder Konsumenten weder anormal noch asozial noch kriminell sind. Und protestiert gegen eine entsprechende Behandlung seitens der Behörden.

Das Kollektiv Spackelter weist in diesem Zusammenhang erneut auf die bestehende Doppelmoral in Sachen Drogenkonsum hin. Die Einteilung in legale und illegale Drogen ist eine politische, willkürliche Einteilung und entbehrt jeglicher wissenschaftlichen Grundlage. Diese Einteilung erfüllt jedoch einen konkreten Zweck, dient sie doch dazu gegen sozial auffällige, unbequeme Personen vorzugehen und asoziale Probleme zu vertuschen. Diese Einteilung dient dazu das Friede, Freude, Eierkuchen-Image unserer alkoholisierten Konsumgesellschaft zu erhalten und normalabweichende Zeitgenossen aus dem Verkehr zu ziehen.

Für ein Leben ohne Drogen

Kollektiv Spackelter

RELEASE

23, rue des Etats-Unis

Luxemburg (Tel. 495682).

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