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Was hat "forum" mit einer Talkshow gemeinsam? Die Antwort ist einfach: Die 25-Stunden-Woche! Was unterscheidet forum von einer Talkshow? Die Bedächtigkeit des geschriebenen Wortes, die Bereitschaft einer Redaktion, sich in ein Thema einzuarbeiten, der Wille, dieses Thema in seiner ganzen Breite und Tiefe vorzustellen.
Deswegen heißt unser Dossier auch nicht "Die 25-Stunden-Woche" sondern "Arbeitsumverteilung". Technologischer Wandel und Massenarbeitslosigkeit sind in unseren Augen eine Herausforderung, der nicht "nur" mit Arbeitszeitverkürzung begegnet werden sollte im Sinne einer Aufteilung der vorhandenen Arbeit zwischen Arbeitenden und Arbeitslosen. Vielmehr sollten sie einen gesellschaftlichen Wandel mit sich bringen: Umverteilung der Arbeit auch zwischen Mann und Frau, zwischen dem produktiven Sektor und dem sozialen, staatlich geförderten Sektor, zwischen Erwerbsarbeit und freiwilliger Arbeit, alles in allem eine Neudefinition des Platzes der Arbeit im Leben der Menschen.
Bei der Behandlung dieses Themas wollten wir also bewußt nicht Aussagen wiederholen darüber, wieviele Arbeitslose verschwinden würden und wie sehr sich die Lebensqualität der Arbeiter verbessern würde durch die 35-, die 30-, die 25-Stunden-Woche. In einem Kontext, in dem die politische Diskussion oft defensiv geführt wird (Standort bewahren gegen Rechte bewahren, Arbeitsplätze bewahren gegen Löhne bewahren) war es unser Anliegen, machbare und notwendige Gesellschaftsutopien anzudiskutie-
ren¹ und für konkrete erste Schritte in diese Richtung werben.
Arbeiter brauchen Arbeitszeit
In seinem Artikel "Repenser le travail" beschreibt Jacques Hillion den Stand der Debatte in Frankreich. Er führt u. a. das Modell Guy Aznars an, das die Lebenszeit aufteilt zwischen der Erwerbsarbeit, den sozialen Zeitaufwendungen, und einer mehr oder weniger nützlich verbrachten Freizeit. Um der immer größer werdenden Akzeptanz für massive Arbeitszeitverkürzungen auch Taten folgen zu lassen, bedarf es allerdings eines entsprechend großen politischen Voluntarismus.
Jos Freylinger vom LCGB zeichnet uns ein wenig optimistisches Bild: Produktivitätssteigerungen und internationale Konkurrenz fressen das Arbeitsvolumen auf. Flexibilisierung und Arbeitszeitverkürzungen können diesen Schock auffangen, – angesichts der Machtverhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern allerdings nicht ohne Einkommensverluste für letztere. In einer Zeit der wirtschaftlichen
Krise scheinen die Gewerkschaften also in die Defensive gedrängt.
"Was sagt die Kirche zur Arbeitslosigkeit?", fragt Michel Pauly, und erinnert an die Inhalte sozialer Gerechtigkeit und des Rechts auf Arbeit in der katholischen Soziallehre. Teilweise unter dem Druck ihrer Basis hat die Kirche mehrfach kritisch Stellung bezogen gegenüber neoliberaler Wirtschaftspolitik. Wäre es nicht an der Zeit, eine Gesellschaftsordnung grundsätzlich in Frage zu stellen, die sich als unfähig erweist, Vollbeschäftigung zu garantieren?
Jean-Claude Reding vom OGBL, der ebenfalls an den vorbereitenden Diskussionen zu diesem Dossier beteiligt war und einen schriftlichen Beitrag beisteuern wollte, wurde ein Opfer seiner Arbeitszeitorganisation: Er mußte prioritär am Orientierungsdokument seiner Gewerkschaft zu eben diesem Thema schreiben. Dort werden auch nicht gerade offensive Töne angeschlagen: "Für den OGBL bleiben die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen und die Verteidigung der Arbeitsplätze wichtige Zielsetzungen der gewerkschaftlichen Arbeitszeitpolitik. Die rasante Entwicklung der Produktivität und die wachsende Arbeitslosigkeit erfordern jedoch ein verstärktes Engagement im Bereich der gewerkschaftlichen Politik für Arbeitszeitverkürzung." Von der Regierung erwartet der OGBL, daß sie einen gesetzlichen Rahmen schafft, der die 40-Stunden/5-Tage-Woche zum realen Standard macht und damit Betriebe dazu bringt, für die Erfüllung ihrer Flexibilisierungswünsche den Arbeitnehmern Arbeitszeitverkürzungen anzubieten.
Musterschüler Luxemburg?
In dieser Frage hätten wir gerne die Meinung des Arbeitsministers gehört. Auch die Gründe für eine Nichtverkürzung der Arbeitszeit, beispielsweise bei Goodyear und in der Stahlindustrie, und die Bedeutung der vielzitierten "gisements d’emploi" hätten wir uns gerne erklären lassen. Doch trotz mehrfacher Nachfragen ließ Herr Juncker keine Bereitschaft zu einem auch noch so kurz gehaltenen Interview erkennen.
Die Diskussion über Arbeitslosigkeit und Arbeitszeitverkürzung wird in Luxemburg dadurch erschwert, daß eine nationale Betrachtungsweise zu paradoxen Schlußfolgerungen führt. Wie der Wirtschaftsminister richtig bemerkte, würden die durch eine Arbeitszeitverkürzung freigesetzten Arbeitsplätze wohl vor allem Grenzgängern zugute kommen und wenig Impakt auf die nationalen Arbeitslosenzahlen haben. Doch wer das Ganze "transfrontalièrement"³ betrachtet, für den wird eine solche Politik die Arbeitslosigkeit in der Großregion senken helfen, die ja vom Wirtschaftszentrum Luxemburg induziert, um nicht zu sagen exportiert, wird.
Derselbe Wirtschaftsminister malt ja in letzter Zeit den Teufel der Globalisierung an die Wand, wohl um ihn dann mit dem Beelzebub der sogenannten Standortsicherung auszutreiben. In dem von Raymond Klein rezensierten Buch von Martin Kempe, "ZukunftsArbeit", wird unter anderem mit diesem Mythos aufgeräumt. Der Autor, der sein Vertrauen in die
Gestaltungsfähigkeit der deutschen Gewerkschaftsbewegung setzt, bemüht sich um eine offensive Strategie und konkrete Perspektiven für das kommende Jahrzehnt.
Um die Ökologisierung der Wirtschaft mit der Arbeitsumverteilung, die manchmal gegeneinander ausgespielt werden, in Zusammenhang zu bringen, drucken wir einen Auszug aus der Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" ab. Hier werden Arbeit für alle und eine neue Zeitsouveränität gefordert; allerdings plädiert man im Konkreten für das Modell einer negativen Einkommenssteuer als arbeitspolitisches Instrument, was sehr umstritten ist⁴. Dagegen eröffnen Vorschläge für eine arbeitsintensive ökologische Produktion und für neue Formen der Selbstproduktion weitere Perspektiven der Arbeitsumverteilung.
Menschen brauchen Lebenszeit
Der Beitrag von Ginette Jones hebt die Wichtigkeit des menschlichen Faktors hervor. Mit konkreten Beispielen wird für die Gleichstellung von Frauen und Männern geworben, aber auch allgemein für eine wagemütigere Personalpolitik, die Zeitsouveränität für die/den ArbeitnehmerIn einschließt.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben wird im Text von Dominique Schlechter als gewerkschaftliches Thema statt als reines Fraternthema diskutiert. So zeigen sich am Recht auf Arbeitsbefreiung im Kontext von Geburt und Kindererziehung in Schweden sowohl Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern wie auch auf die Lebensqualität von berufstätigen Eltern.
Das Interview mit dem ehemaligen Télécan-Chefredakteur und jetzigen Zweidrittel-Hausmann Carel Scheltgen zeigt, wie nuanciert die Wünsche des einzelnen Menschen gesehen werden müssen, und widerlegt die Ausrede, politischer Voluntarismus in der Frage der Arbeitsumverteilung müsse mit den Wünschen der Bürger kollidieren.
Ein Thema, das uns am Herzen lag, konnte mangels Historiker nicht abgehandelt werden: Es ist die Geschichte der Produktivitätssteigerungen, der Arbeitszeitverkürzungen, sowie der damit einhergehenden Arbeitszeitverdichtung. In seiner philosophischen Betrachtung zu Arbeit und Freizeit geht André Hoffmann allerdings auf die in der Geschichte wechselhafte gesellschaftliche Bewertung von Arbeit und Muße ein. Eine Auflösung dieses Widerspruchs sieht er in einer gleichzeitigen Befreiung des Menschen in der Arbeit und von der Arbeit. In der befreiten Zeit sollte ein Raum entstehen für nicht-merkantile Aktivitäten, insbesondere im politischen, sozialen und kreativen Bereich. Dies setzt eine Umverteilung nicht nur der Arbeit, sondern auch von Reichtum und Macht voraus, und hier wird klar, daß es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt, das über die Sphäre der Tarifpartner hinaus diskutiert werden muß.
Die Rede von der Zwei-Drittel-Gesellschaft besagt, daß ungefähr zwei Drittel der Menschen einer Gesellschaft ein gesichertes Auskommen haben, das von sehr konfortabel über mäßig bis zu bescheiden schattiert sein kann. Das letzte Drittel lebt am Rande des Existenzminimums, ohne Perspektive auf Besserung und ist faktisch aus der Gesellschaft ausgeschlossen.
Zukunft der Arbeit
Der Weltverbesserer in jedem von uns hat sich seit jungen Jahren sagen lassen müssen, daß er die Welt nicht verändern könne – nur um eines Tages zu entdecken, daß sie sich sowieso verändert. Der Blütentraum der 35-Stundenwoche welkte, doch heute kommt unser ach-so-statisches Wirtschafts- und Gesellschafts-System in Bewegung – und bewegt sich allem Anschein nach in Richtung auf ein neues Gleichgewicht hin – das der Zweidrittel-Gesellschaft. Den Utopien, die andere Ziele anpeilen, steht ein gesellschaftliches Kräfteverhältnis im Weg, das als ungünstig beschrieben wird. Doch die Gesellschaft sind
wir und Kräfteverhältnisse ändern sich durch Worte und Taten. Dieses Dossier soll unser Beitrag dazu sein.
RK
1 Auch bei der Autorin Esther Vilar versteckt sich hinter dem Schlagwort der 25-Stunden-Woche eine solche Utopie.
2 An dieser Stelle sei auf ein Gespräch mit Jean-Claude Reding in "forum" Nr. 152 verwiesen, in dem er sich u.a. zur Frage der Arbeitszeitverkürzung äußerte.
3 siehe Dossier zum Grenzgängerphänomen in "forum" Nr.158
4 Bei einem ungünstigen Kräfteverhältnis befürchten viele, daß man so den Weg in die Zweidrittel-Gesellschaft ebnet.
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