Ardennenschlacht vor 50 Jahren
Kriegsverbrechen damals
Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
Wer sich zum Jahreswechsel 1994/95 in den Regalen der Buchläden umschaute, der fand zahlreiche Bücher zur Rundstedt-Offensive, die vor 50 Jahren, vom 16. Dezember 1944 bis zum Februar 1945 den Raum zwischen Monschau und Echternach ins Zentrum des Interesses rückte. Aus luxemburgischer Sicht hat es zahlreiche Erlebnisberichte noch in den vierziger und fünfziger Jahren gegeben. In Vergessenheit geraten sein dürfte heute ein Prozeß, der gegen Angehörige der SS in Luxemburg geführt wurde, da sie für den Tod und die Verschleppung mehrerer Luxemburger verantwortlich waren.
Wer von Kriegsverbrechen in dieser letzten deutschen Offensive im Westen hört, denkt dabei in erster Linie an das Massaker von Malmédy, bei dem 71 amerikanische Kriegsgefangene von Angehörigen der Kampfgruppe Peiper (1. SS-Panzerregiment der 1. SS-Panzerdivision "Leibstandarte Adolf Hitler") erschossen wurden. Doch kaum etwas ist der Allgemeinheit in Luxemburg bekannt von den weiteren Kriegsverbrechen, die von Angehörigen der 1. SS-Panzerdivision in Belgien begangen wurden.
Nun legt ein kleiner Verlag aus St. Vith, die "edition KRAUTGARTEN" eine Dokumentation zu den "Kriegsverbrechen Stavelot Dezember 1944" vor. Als Herausgeber fungiert Bruno Kartheuser, der Besitzer des Verlages. Neben einem Vorwort von Arthur Haulot, einem ehemaligen KZ-Häftling von Mauthausen und Dachau (1942-44), verzeichnet René Roussaux die "Gedenksteine und das Nachleben" der Massaker von Stavelot. Bruno Kartheuser gibt zum Abschluß einen kurzen Überblick über den Prozeß, der im Frühjahr und Sommer 1948 in Lüttich gegen die Verantwortlichen des Massakers geführt worden war. Der Prozeß von Lüttich stand ganz im Schatten der amerikanischen Prozesse seit 1946. 1946 hatte in Dachau be-
reits ein Prozeß gegen 76 Angehörige der Kampfgruppe Peiper stattgefunden, bei dem es 43 Todesurteile gegeben hatte. Bei der Revision im März 1948 waren nur 12 Todesurteile bestätigt worden. Im September 1948 wurden die 12 Todesurteile alle in Haftstrafen umgewandelt. Der "Kalte Krieg" rettete so Nazis vor dem Galgen!
"Als die Mitglieder der belgischen Kommission die Kriegsverbrechen der Deutschen in Stavelot und Umgebung objektiv und ohne Leidenschaft beschrieben, ging es ihnen nicht darum, Rachegefühle im Herzen derer zu entzünden, die nicht ohne Erschütterung diesen Bericht lesen werden. Sie haben für die Geschichte eine Übersicht alldessen aufstellen wollen, was diese bedauernswerte Gegend von den Soldaten des Generals von Rundstedt hat erleiden müssen, damit man in Zukunft niemals die Wirklichkeit dieser Tatsachen bestreiten könne."
Kernstück der Dokumentation ist der Untersuchungsbericht der "Königlichen Kommission Kriegsverbrechen des Justizministeriums" vom 4. Mai 1945, der noch im gleichen Jahr in Lüttich gedruckt worden war. Nun liegt dieser Bericht in französischer und deutscher Sprache erneut vor, so wie übrigens das ganze Buch zweisprachig gestaltet ist. Neben zahlreichen Ortsplänen zeigen acht Seiten Photos das Grau-
en der Ereignisse. Eine genaue Liste nennt die Namen der 164 zivilen Opfer der Massaker in und um Stavelot. Der Bericht selbst zählt nur "60 Männer, 27 Frauen und 23 Kinder" auf. Dennoch muß dem Bericht bescheinigt werden, daß er minutiös den Ereignissen nachgeht und versucht, bei den jeweiligen Massakern herauszufinden, unter welchen Umständen welche Soldaten daran beteiligt waren, ein Unterfangen, das sich nicht immer als einfach erweist. Dennoch gelingt es, eine gewisse Klarheit zu schaffen und Fakten zu sichern, "damit sie [die namentlich bekannten Kriegsverbrecher] beim Gerichtstag nicht der Bestrafung entkommen, die ihr unmenschliches Verhalten und ihre Verstöße gegen alle Kriegsgesetze verlangen" (S.107).
Die Kommission war sich jedoch auch ihrer historischen Mission bewußt und sie schreibt am Ende ihres Berichtes: "Als die Mitglieder der belgischen Kommission die Kriegsverbrechen der Deutschen in Stavelot und Umgebung objektiv und ohne Leidenschaft beschrieben, ging es ihnen nicht darum, Rachegefühle im Herzen derer zu entzünden, die nicht ohne Erschütterung diesen Bericht lesen werden. Sie haben für die Geschichte eine Übersicht alldessen aufstellen wollen, was diese bedauernswerte Gegend von den Soldaten des Generals von Rundstedt hat erleiden müssen, damit man in Zukunft niemals die Wirklichkeit dieser Tatsachen bestreiten könne."
Der heutige Leser hätte sich vom Herausgeber vielleicht einige weitere Erklärungen in Fußnoten gewünscht, da dem jüngeren Leser sicher nicht alles so klar und geläufig ist, wie demjenigen, der es erlebt hat. Dennoch kann man diesem Bericht nur eine weite Verbreitung und zahlreiche Leser wünschen, auch über die Grenzen der Ardennen hinaus.
Paul Dostert
Wer ein Exemplar der Zeitschrift Krautgarten oder der Stavelot-Dokumentation bestellen oder die Solidaritätserklärung unterzeichnen möchte, wende sich an:
KRAUTGARTEN c/o Bruno Kartheuser
Neundorf 33
B-4784 St. Vith
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!