Aufbruch in der biomedizinischen Forschung

Interview mit Dr. Jean-Claude Schmit, Generaldirektor des CRP Santé

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Interview mit Dr. Jean-Claude Schmit, Generaldirektor des CRP Santé

forum: Dr. Schmit, welche Rolle ist dem CRP Santé im Rahmen der Pläne der Regierung, aus Luxemburg ein Kompetenzzentrum für Biotechnologien zu machen, zugeteilt worden?

Jean-Claude Schmit: Das CRP Santé ist zu 25% Mitbegründer der Biobank. Die Biobank ist verlinkt mit der klinischen Forschung des CRP Santé, die heute schon besteht. Das zweite Vorhaben betrifft das Lungenkrebs-Projekt, das wir bereits im Laboratorium von Dr. Guy Berchem betreiben. Hier stehen wir in Kooperation mit den Wissenschaftlern des Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle. Wir suchen gezielt nach Biomarkern, um Frühdiagnosen erstellen zu können, aber auch um eine bessere Vorstellung vom Krankheitsverlauf des behandelten Patienten zu erhalten. Das dritte Gebiet, auf dem wir tätig sind, wenn auch weniger offiziell, sind die Bemühungen des CRP Santé und der Universität Luxemburg im Bereich Systembiologie zusammenzuarbeiten.

Ein Nebeneffekt dieser Projekte ist die Perspektive, dass die Akteure in Luxemburg zusammenarbeiten müssen oder auf einmal zusammenarbeiten wollen, was vielleicht vor zwei oder drei Jahren noch nicht der Fall war.

Werden die Dinge dadurch komplizierter?

J.-C. S.: Komplizierter sicher, aber das gehört zum Geschäft. Überall dort, wo es Interaktionen von Gruppen gibt, ist es kompliziert, aber es gibt auch Aspekte, die einfacher werden. Die Tatsache, dass neue Akteure von außerhalb zur

luxemburgischen Forschungslandschaft hinzukommen, eröffnet neue Möglichkeiten, die vorher in diesem Sinne nicht existiert haben.

Wenn – insbesondere über das CRP Santé – eine institutionelle Verbindung zwischen diesen drei Projekten besteht, gibt es denn auch eine inhaltliche Verbindung?

J.-C. S.: Der gemeinsame Nenner ist die personalisierte Medizin. Eine Biobank hat eine andere Funktion als ein Forschungsprojekt über Lungenkrebs. Um

„Wenn wir unsere Arbeit […] realistisch angehen wollen, müssen wir mit Krankenhäusern aus der Großregion zusammenarbeiten.“

jedoch Lungenkrebsforschung betreiben zu können, benötigt man Proben aus einer Biobank. Die Systembiologie behandelt hingegen grundsätzliche Fragen, es geht darum, die Mechanismen von verschiedenen Krankheiten zu verstehen. Die drei Bereiche sind also miteinander verbunden, sowohl von den Ressourcen her wie auch thematisch. Die personalisierte Medizin ist ein weitgefasstes Konzept.

Wird die luxemburgische Forschungslandschaft, nachdem sie so schnell gewachsen ist, nicht auf einen Schlag unübersichtlich? Immer neue Forschungseinrichtungen entstehen oder lassen sich in Luxemburg nieder, das Institut für Systembiologie von

Rudi Balling ist nicht dem Rektor der Universität untergeordnet …

J.-C. S.: In den nächsten Monaten muss auf jeden Fall Ordnung in das Ganze gebracht werden. Wir müssen schauen, wie die verschiedenen Bereiche logisch zusammenarbeiten bzw. in welchen Bereichen Forscher tatsächlich kooperieren müssen. Das kann im Extremfall zu Fusionen von Institutionen führen. Das sind heikle Angelegenheiten. Aber es ist klar, dass die Landschaft, so wie sie jetzt existiert, restrukturiert werden muss und verschiedene Aktivitäten von Institutionen z. B. Laboratorien verschwinden müssen, weil wir uns auf ausgewählte Themen konzentrieren müssen. Wir können hier in Luxemburg nicht alles machen, das wissen wir schon länger, aber es gibt immer Leute, die davon träumen.

Gerade in den CRPs scheint es einen Wildwuchs an Projekten zu geben. Soll das geordnet werden?

J.-C. S.: Wir hatten in den letzten 17, 18 Jahren Wildwuchs. Das ist nicht unbedingt negativ zu verstehen. Wildwuchs bedeutet auch das Spontane, das Innovative, das was von selbst wächst. Es gibt Gründe, warum es wächst; es hat seine Berechtigung und es ruft Ideen hervor. Vor 20 Jahren gab es keine CRPs, damals handelte es sich ausschließlich um Initiativen von einzelnen Wissenschaftlern, die im Ausland geforscht hatten und nach Luxemburg zurückgekehrt waren; solche die es hier probieren wollten und ihr kleines Labora-

torium mit zwei Angestellten eröffnet haben. Diese Laboratorien sind langsam gewachsen und heute haben sie 20 oder mehr Angestellte.

In den letzten zwei Jahren haben wir im CRP Santé jedoch versucht, die einzelnen Bemühungen zu ordnen. Wir haben unsere Laboratorien in Abteilungen zusammengefasst, um innerhalb des CRP Synergien zu schaffen und uns auf die Thematiken zu fokussieren, die wir fördern wollen. Auch wenn mehr Geld zur Verfügung stand, wurden nicht viele neuen Themen angegangen, sondern eher auf die Verstärkung von verschiedenen Departements gesetzt.

Die Richtung, die wir eingeschlagen haben, erlaubt allen Akteuren ihre Eigenart zu behalten. Eine Biobank wird immer eine Biobank bleiben, das CRP Santé wird immer klinisch arbeiten und die Uni hat den eher fundamentalen Auftrag, etwa die Mechanismen von Krankheiten zu studieren.

Worum geht es bei der Biobank!

J.-C. S.: Die Biobank ist eine Einrichtung, die man im Zusammenhang mit personalisierter Medizin benötigt. Die personalisierte Medizin wiederum entwickelte sich aus dem Human-Genom-Projekt von 1990. Im Jahr 2000 war das „Mapping“ vom Human-Genom fertig. Mittlerweile verfügen wir über eine Masse an Informationen. Die Herausforderung ist nun, die Informationen in die klinische Medizin einzubringen.

Es gibt verschiedene Arten von Biobanken, bekannt ist das „Population Biobanking“ wie etwa in Island. Dabei geht es darum, eine relativ homogene Bevölkerung zu finden und dann zu schauen, ob in dieser Bevölkerung eine Krankheit häufiger auftritt als andernorts. Anschließend wird die Genetik untersucht, ob Auffälligkeiten in Bezug auf eine Krankheit festzustellen sind. Für solche Studien braucht man allerdings sehr viele Proben, 10 000, 100 000 Proben und mehr.

Ein anderer Typ Biobank arbeitet mit Gewebe von bereits kranken Menschen, etwa mit Tumorgewebe von Lungenkrebserkrankungen. In diesem Gewebe wird nach sogenannten Biomarkern gesucht. Wenn man Biomarker identifiziert hat, wird überprüft, ob sie auch im Blut zu finden sind. Denn längerfristig geht es darum, anhand einer Blut- oder

Urinanalyse festzustellen, ob jemand krank ist. Es wäre ja nicht machbar, jedes Mal beim „Screening“ ein Stück Lunge zu entnehmen. Auch für diese Studien, die eigentlich relativ einfach und zentriert sind, braucht man eine große Anzahl an Proben. Beim Lungenkrebs reden wir von 300 bis 400 Proben. Die Rolle der Biobank besteht darin, die Proben aufzutreiben und zu entnehmen, sie zu lagern und sie für die Recherche aufzubereiten.

Wie kann man sich das konkret vorstellen!

J.-C. S.: Die Proben werden relativ aufwendig in flüssigem Stickstoff gelagert. Umso schneller die Proben in den Stickstoff gelegt werden, umso besser können sie aufbewahrt werden. Die einzige

„Wir wollten ein Projekt, bei dem wir ein Feedback haben und Kompetenzen aufbauen können.

Was haben wir davon, wenn wir eine amerikanische Firma in Luxemburg ansiedeln, über die wir überhaupt keine Kontrolle haben?“

Möglichkeit, an Proben zu gelangen, besteht während einer Operation. Nachdem der Chirurg einen Tumor entfernt hat, wird dieser vom Pathologen analysiert. Ein Teil der Probe wird für die Diagnose ins Staatslaboratorium geschickt, der andere Teil in der Biobank für die Forschung aufbewahrt.

Was noch in unserer Biobank gemacht wird, im Unterschied zu anderen Banken: Wir extrahieren sofort verschiedene Fragmente des genetischen Materials oder der Proteine. Oder wir lagern sie separat, das kann später interessant werden für verschiedene Arten von Experimenten. Außerdem sammeln wir die klinischen Informationen: Um welche Krankheit handelt es sich? Wann und wie wurde die Diagnose erstellt? Welche anderen Krankheiten hat der Patient? Welche Therapie hat der Patient bekommen? Wie ist die Überlebenschance des Patienten? usw.

Der vor kurzem ernannte Direktor der Biobank, Dr. Robert Hewitt hatte bei einem Vortrag an der Universität Luxemburg zwei Besonderheiten der Luxemburger Bio-

bank genannt: die einmalig hohe Investitionssumme und der Umstand, dass diese Biobank sowohl Personen wie auch Krankheiten abdeckt, was sonst keine Biobank macht. Können Sie uns erklären, worin bei dieser Kombination von Bevölkerungs- und Krankheits-Biobank der Mehrwert liegt!

J.-C. S.: Ich denke, unser Hauptanliegen ist die krankheitsorientierte Biobank. Für den Bereich Systembiologie brauchen wir aber auch Proben der „normalen“ Bevölkerung, da sprechen wir von 10 000 Menschen, die eine Blutprobe geben.

Zur Unterstützung der Forschung der Uni!

J.-C. S.: Ja. Im Prozess des „Biobankings“ werden in verschiedenen Situationen auch normale Kontrollen gebraucht, um Referenzwerte zu erhalten. Es handelt sich bei diesen Kontrollen immer um Blutanalysen, man kann niemandem ohne Krankheit ein Stück Lunge entnehmen. In diesem Sinne hat Herr Hewitt wahrscheinlich von einer Synergie geredet.

Bei der Herkunft der Proben, meinte Robert Hewitt, dass sie nicht auf die Zusammenarbeit der luxemburgischen Krankenhäuser angewiesen seien, denn sie könnten gegebenenfalls auf die Krankenhäuser der Großregion zurückgreifen. Wie kann man sich das vorstellen? Machen Sie Verträge mit den einzelnen Krankenhäusern!

J.-C. S.: In einer ersten Phase arbeiten wir mit den luxemburgischen Krankenhäusern zusammen. A priori gibt es dabei kein Problem, die Krankenhäuser sind motiviert. Das reicht aber wahrscheinlich nicht aus. Nehmen wir das Lungenkrebs-Projekt. Wir haben in Luxemburg 200 Fälle von Lungenkrebs pro Jahr, nur circa ein Drittel davon wird operiert. Wir brauchen aber 400 Proben für das Projekt, sodass man sich ausrechnen kann, wie lange es dauern wird, um die Proben zusammenzukriegen. Wenn wir unsere Arbeit also realistisch angehen wollen, müssen wir mit Krankenhäusern aus der Großregion zusammenarbeiten.

Was für ein Interesse hat ein Krankenhaus mit Ihnen zusammenzuarbeiten? Die Abläufe werden für das Krankenhaus komplizierter und die Proben haben doch sicherlich einen Wert!

J.-C. S.: Wer nur ins Krankenhaus geht, um dort Proben zu erhalten, stößt nicht auf besonders großes Entgegenkommen. Ärzte und das restliche Personal

sind jedoch daran interessiert, in der klinischen Forschung mitzuarbeiten. In dieser Hinsicht sind wir als CRP Santé ein interessanter Partner: wir sind einerseits Teil der Biobank, andererseits organisieren wir klinische Studien, bei denen das Personal mitmachen kann. Ärzte haben ein intellektuelles Interesse daran, mitzuwirken, da sich die Möglichkeit eröffnet, zu publizieren und somit eine gewisse wissenschaftliche Reputation zu erreichen.

Wo fängt die Verwertung an, nicht nur die medizinische, sondern auch die pharmazeutische und ökonomische? Wo ist die Schnittstelle zwischen öffentlich und privat?

J.-C. S.: Die Biobank ist keine normale gewinnorientierte Einrichtung, momentan ist sie eine Stiftung aus vier Partnern aus dem öffentlichen Sektor. Der Wunsch des Ministeriums hingegen ist, dass sie längerfristig nicht die ganzen Unkosten tragen muss, sondern dass auch private oder externe Mittel in die Stiftung einfließen. Es gibt verschiedene Pisten. Wir geben etwa Proben an akademische oder private Forschungsinstitutionen weiter und können einen Beitrag zu den Unkosten verlangen. Eine andere Möglichkeit an finanzielle Ressourcen zu kommen, sind europäische Forschungsgelder. Biobanken stellen eine Priorität innerhalb des Rahmenprogramms der Europäischen Union dar und bei der Standardisierung der Prozeduren sind europäische Gelder zu bekommen. Aber der Traum, dass die Stiftung sich gänzlich über Einnahmen privat finanziert, ist nicht realistisch.

Sind Ihre Partnerinstitute in Seattle und Phoenix keine privaten Einrichtungen?

J.-C. S.: Doch, aber „not-for-profit“. Die TGen Fondation ist eine Stiftung und Stiftungen sind privat. Aber sie verfügen über öffentliche Gelder der amerikanischen Regierung. Die Biobank ist natürlich auch eine private Einrichtung, aber sie hat vier öffentliche Gründer: die drei CRPs und die Universität. Ich glaube, das ISB (Institut for Systems Biology, A.d.R.) in Seattle ist auch privat. Es handelt sich also um private Partner, die jedoch „not-for-profit“ arbeiten und viel öffentliches Geld bekommen. Die Grenzen zwischen öffentlich und privat sind nicht so klar definiert, besonders in den Vereinigten Staaten.

Ihre amerikanischen Partner sind doch eigentlich in der Rolle von Dienstleistern, bei

denen die luxemburgischen Forschungseinrichtungen Kompetenzen und Methodik, vielleicht auch Material einkaufen?

J.-C. S.: Das war eine große Diskussion. Die Amerikaner haben das am Anfang anders gesehen. Sie dachten, sie kämen nach Luxemburg, bekämen dort einen Scheck von 160 Millionen und bauen dann unter anderem eine Biobank auf. Das war politisch nicht akzeptabel weder für die luxemburgische Regierung noch für die luxemburgischen Partner. Wir wollten ein Projekt, bei dem wir ein Feedback haben und Kompetenzen aufbauen können. Was haben wir davon, wenn wir eine amerikanische Firma in Luxemburg ansiedeln, über die wir überhaupt keine Kontrolle haben?

D. h., Sie haben ab einem bestimmten Moment auf gleicher Augenhöhe verhandelt?

J.-C. S.: Ja, wir haben jetzt einen Vertrag mit einem Dienstleister. Es wurden Projektschnittstellen definiert und wir erhalten Rechenschaftsberichte, in denen steht, was gemacht wurde und was nicht; wir zahlen die Rechnungen.

Wer hat auf luxemburgischer Seite die Verträge gemacht?

J.-C. S.: Es handelt sich um Verträge zwischen den einzelnen Instituten und den jeweiligen amerikanischen Partnern. Die Biobank z. B. hat einen Vertrag mit dem Staat Luxemburg. Jedes Jahr fließt eine gewisse Summe in die Biobank, daraufhin macht diese einen Vertrag mit der TGen Fondation in den USA.

Wer hat auf der Seite der Biobank die Verträge gemacht? Juristen aus dem Wirtschaftsministerium oder Juristen im Auftrag des CRP?

J.-C. S.: Die Verträge wurden zusammen mit der amerikanischen Seite ausgearbeitet. Teilweise gibt es Standardverträge, die man lediglich umschreiben muss. Außerdem war Pricewaterhouse-Coopers an den Verträgen beteiligt, da das Unternehmen Kompetenzen in diesem Bereich vorzuweisen hat. Unsere Seite arbeitete mit unabhängigen Juristen, die ebenfalls kompetent auf diesem Gebiet sind, da die Juristen im Ministerium natürlich nicht unbedingt

Integrated Biobank of Luxembourg under construction (© Kyra Fischbach)

über eine solche spezifische Kompetenz verfügen können.

Sie haben eben PwC erwähnt. Stimmt es, dass das gesamte Projekt zu einem guten Teil in den Köpfen von PwC entstanden ist unter Hinzuziehung des Netzwerkes, über das PwC in diesem Bereich in den USA verfügt!

J.-C. S.: Das Ganze lief so: Das Wirtschaftsministerium hat eine Studie über den Zustand des luxemburgischen „Biotechnologie-Sektors“ durchführen lassen. In dieser Studie gab es eine Reihe von Fallbeispielen aus dem Ausland, von denen die Verantwortlichen glaubten, dass sie interessant für Luxemburg sein könnten. Eines dieser Beispiele war die TGen Fondation in Phoenix. Die Stadt Phoenix hat es in kürzester Zeit geschafft, sich im Bereich der Biotechnologien einen internationalen Ruf zu erwerben. Den Kontakt zur TGen Fondation gab es also schon unabhängig von PwC. PwC hatte jedoch für die TGen Fondation einen Businessplan aufgestellt. Und wie der Zufall so will, hatte einer der Leute aus den USA gute Kontakte zu PwC in Luxemburg und so entstand die Idee für die Zusammenarbeit. Anschließend kamen die anderen Partner hinzu, da TGen eine Allianz mit dem Partnership for Personalized Medicine (PPM) hat; dieses Bündnis umfasste auch die ISB und das Fred Hutchinson

Cancer Research Center. Aus dem Kontakt mit einem Partner wurden somit schnell Kontakte zu drei Partnern. Es steht außer Frage, dass PwC sehr viel geholfen hat, aber soweit zu gehen, dass die Idee allein in deren Köpfen gewachsen ist …

„Die Biotechnologie-Firmen brauchen ein wissenschaftliches Umfeld – dieses sind wir dabei aufzubauen. Biotechnologie-Firmen brauchen aber auch Geld.“

PwC ist ein globales Beratungsunternehmen. Wer ist in diesem konkreten Fall der Kunde von PwC? Die luxemburgische Seite oder die amerikanische?

J.-C. S.: In der Anfangsphase der Projekte, als die Businesspläne erarbeitet wurden, war das luxemburgische Wirtschaftsministerium der Auftraggeber. Die Rolle von PwC ist danach viel kleiner geworden. Sie übernehmen für uns innerhalb der Biobank eine gewisse administrative und praktische Hilfestellung, aber lediglich für die amerikanische Seite in Phoenix. Für das Lungenkrebsprojekt, das direkt über das CRP Santé läuft, gibt es auch eine Person in den USA, die wir bezahlen. Der Kunde

ist schon Luxemburg, entweder die Biobank oder das CRP Santé.

Wie wollen Sie verhindern, dass ihre amerikanischen Partner nach der Förderung in fünf Jahren ihre Zelte wieder abbrechen und abspringen?

J.-C. S.: Absolut verhindern kann man das nicht, das ist so im Leben. Doch wenn der Dienstleister wegfällt, und der wird wegfallen, bleibt die wissenschaftliche Zusammenarbeit, die sich zurzeit entwickelt.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass die 10 Forscher aus Luxemburg, die in Seattle ausgebildet werden, zurück nach Luxemburg kehren?

J.-C. S.: Innerhalb des Lungenkrebsprojekts werden Wissenschaftler im Hutchinson-Institut ausgebildet. D. h. zwei oder drei Forscher, die bereits ein Doktorat haben, absolvieren dort eine Weiterbildung, um uns einen Wissenstransfer zu ermöglichen. Wir erwarten, dass diese Leute zurückkommen. Wenn natürlich der eine oder andere Seattle schöner findet als Luxemburg, können wir sie selbstverständlich nicht zur Rückkehr zwingen. Im Zusammenhang mit dem Institut für Systembiologie halten sich einige Leute momentan im Institut für Systems Biology auf. Hier gehen wir natürlich auch davon aus, dass sie an die Uni Luxemburg zurückkehren. Die Uni wird sie dringend brauchen, denn sie sollen das Zentrum für Systembiologie von Grund auf aufbauen.

Wie sehen Sie die Situation in 10 Jahren? Glauben Sie, dass neben dem Engagement der öffentlichen Hand privatwirtschaftliche Aktivitäten entstehen?

J.-C. S.: Ich glaube, wir haben relativ gute Chancen, dennoch wird es nicht von alleine geschehen. Die Biotechnologie-Firmen brauchen ein wissenschaftliches Umfeld – dieses sind wir dabei aufzubauen. Biotechnologie-Firmen brauchen aber auch Geld. Es gibt eine Diskussion über Risikokapital spezifisch für Biotechnologie, hieran muss gearbeitet werden. Beim CRP Santé haben wir einen Vertrag mit der Firma Vesalius, einer „Venture capital“-Firma, die auf Biotechnologie spezialisiert ist. Es werden zudem dringend Räumlichkeiten für Laboratorien und Büros für Firmen benötigt. Daran arbeitet das Wirtschaftsministerium zurzeit.

Sollen diese neuen Räumlichkeiten um Belval herum entstehen?

J.-C. S.: Es gibt verschiedene Pläne. Zum einen sollen diese Einrichtungen um Belval herum entstehen. Außerdem sind wir dabei zu überlegen, ob man auf dem Standort des CHL, der Biobank usw. nicht auch noch zusätzliche Räume schaffen kann. Hinzu kommt das Problem des Personals. Es ist nicht ganz einfach, gutes Personal zu finden. Hier spielt die Uni eine Rolle, sie kann die Leute ausbilden, aber das wird dauern. In der Zwischenzeit kann man relativ leicht Mitarbeiter aus dem Ausland rekrutieren, auch auf diesem Gebiet.

In Bezug auf die Besteuerung hat Luxemburg wahrscheinlich ein Vorteil, außerdem gibt es die staatliche Hilfe für „Start-ups“ und das Gesetz über geistiges Eigentum ist sehr vorteilhaft. Es ist nicht ein einziger Faktor, der dazu führen wird, dass Biotechnologie nach Luxemburg kommt, sondern eine ganze Reihe von Faktoren.

Bei der wirtschaftlichen Verwertung der Forschungsaktivitäten werden häufig Diagnosen als vielversprechende Produkte genannt.

J.-C. S.: Wenn wir von personalisierter Medizin sprechen, sprechen wir zu 90% von Diagnose. Worum geht es in der personalisierten Medizin? Auf der einen Seite haben wir die Genomik, wo es bereits heute möglich ist, Ihr ganzes Genom für rund 1 000 Dollar analysieren zu lassen. Daraufhin stellt sich das Problem der Verwertung dieser Informationen. Dies führt uns zurück zur Datendiskussion. Um personalisierte Medizin zu betreiben, brauchen wir genetische Faktoren, die Risiken vorhersehen können. Vielleicht möchten Sie wissen, wie hoch das Risiko ist, mit 50 Jahren an Alzheimer zu erkranken.

Andererseits gibt es das Gebiet der Proteomik, das meiner Meinung nach viel interessanter ist, aber um Einiges schwieriger zu entschlüsseln. Es handelt sich um Eiweiße, die im Körper entstehen und auf die Genomsequenz aufbauen. Sie sind sozusagen Variationen der Genomsequenz, womit wir uns wieder im Bereich der Biomarker befinden. Und Biomarker fallen auch in den Bereich Diagnostik. Im Fall von Lungenkrebs möchten wir z. B. Tests entwickeln, anhand deren man in einem sehr frühen

Stadium feststellen kann, ob jemand an Lungenkrebs erkrankt ist.

Das heißt, aus Ihrer Arbeit könnten Patente oder Methoden entstehen?

J.-C. S.: Wenn wir morgen einen Biomarker für die Früherkennung von Lungenkrebs finden, würden wir natürlich ein Patent daraus machen. In diesem Fall, da es ein gemeinsames Projekt mit Fred Hutchinson ist, würde ein gemeinsames Patent erstellt werden. Anschließend müssten wir uns fragen, was wir damit machen wollen, denn ohne praktische Anwendung entsteht nichts aus dem Patent. Man könnte eine Spin-Off-Firma gründen oder die Verwertung des Patents an ein großes Unternehmen verkaufen, das im Bereich der Diagnostik aktiv ist.

„Wenn wir morgen einen Biomarker für die Früherkennung von Lungenkrebs finden, würden wir natürlich ein Patent daraus machen.“

Könnte die Stiftung selber ein privates Unternehmen, einen Spin-Off gründen?

J.-C. S.: Die Stiftung kann wahrscheinlich ihren Statuten nach nicht finanziell in eine Firma einsteigen, aber die Stiftung genau wie das CRP Santé können es Forschern erleichtern, eine Firma zu gründen. Die Wissenschaftler bräuchten natürlich finanzielle Mittel, vielleicht kann auch der Staat helfen und wir setzen einen Vertrag auf. Darin treten wir die Rechte an der Verwertung eines Patentes ab und bestimmen, dass, wenn eines Tages Profite anfallen sollten, wir einen gewissen Prozentsatz vom Gewinn erhalten.

Haben Sie nicht manchmal den Verdacht, dass die Geschichte mit der personalisierten Medizin ein Hype ist? So wie vor einigen Jahren der Hype um Nano? War Medizin nicht immer personalisiert?

J.-C. S.: Medizin ist teilweise schon personalisiert, da gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Ein Beispiel aus der Gegenwart: Sie haben eine Lungenentzündung und gehen zum Arzt. Der verschreibt Ihnen dann ein Antibiotikum, von dem er annimmt, dass es Sie heilt. Meistens klappt es, aber nicht immer, da es bakterielle Resistenzen gibt. Würde der

Arzt eine Schleimprobe entnehmen und daraus ein Antibiogramm entwickeln, würde er Ihnen ein Antibiotikum nach dem Antibiogramm verschreiben. Das ist personalisierte Medizin. Wir nutzen schon seit Langem in verschiedenen Situationen personalisierte Medizin. Wir kommen jetzt jedoch auf ein Niveau, auf der wir sie viel weiter treiben können, dadurch dass wir auch die genetischen Daten und künftig die Informationen aus der Proteomik nutzen können.

Aufgrund dieser beiden neuen Elemente, die in Zukunft in die Diagnose einfließen, nämlich genetische Daten und Informationen aus den Proteinen, hat man ein neues Wort geschaffen, nämlich „personalisierte Medizin“ und dieses Wort lässt sich offensichtlich gut verkaufen …

J.-C. S.: Es gibt inzwischen Studien an Hunderten von Kranken, die deutlich den Vorteil dieser Methode belegen. Es handelt sich also nicht um irgendwelche theoretischen Konzepte, sondern bereits heute um praktische Anwendungen von personalisierter Medizin, die auf Genetik und Proteomik basieren. Personalisierte Medizin ist sicher ein Modewort, aber auf der anderen Seite sehen wir auch die praktischen Anwendungen, die tatsächlich etwas bringen und ich bin sehr optimistisch, dass man es auf andere Bereiche ausdehnen kann: Nicht nur auf die Onkologie, sondern auch auf die kardiovaskuläre Medizin, die Neurologie, die Demenz usw., wo man verschiedene Krankheitsverläufe vorhersehen oder Medikamente besser anwenden kann.

Wir bedanken uns für dieses Gespräch. ♦

(Das Interview fand am 9.9.2009 statt./JST)

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