Aufbruch ins Unbekannte

Die Reise als metaphysisches, historisches und soziales Phänomen

In der Philosophie ist die „Reise“ nicht nur ein physischer Akt des Aufbruchs in die Welt, sondern auch ein geistiger Aufbruch, ein Prozess der Selbstfindung und der Erweiterung des Horizonts. Ob als Suche nach Wahrheit, als Eskapismus oder als geistige Entgrenzung – die Reise bleibt bis in unsere Gegenwart ein mächtiges Symbol für die Sehnsucht nach dem Unbekannten und dem Überwinden von Grenzen.

Der Ursprung des Reisens: Aufbruch, Befreiung und Erkenntnis

Der Begriff „Reise“ geht etymologisch zurück auf das althochdeutsche rīsan, was so viel wie „aufbrechen“ bedeutet. Der „Aufbruch“ ist also bereits im Wort selbst enthalten und trägt in sich die Bewegung von einem Punkt zum anderen – sei es im physischen Raum oder im metaphysischen Sinne. Doch wie lässt sich diese Bewegung philosophisch verstehen? Was bedeutet „Reise“ in einem existenziellen Kontext?

In der westlichen Philosophie hat der Begriff der Reise auch eine metaphysische Dimension, die mit Ausdrücken wie Gnosis und der Suche nach Wahrheit eng verwoben ist. Für den rationalistischen Denker René Descartes, der in Meditationen über die erste Philosophie (1641) die fundamentalen Grundlagen der Erkenntnis in Frage stellt, ist die Reise auch ein Aufbruch aus vermeintlicher Gewissheit: Descartes begibt sich auf eine Reise ins Innere, um zu verstehen, was er sicher wissen kann. Durch den Akt des Zweifelns und des Infragestellens – der „Reise“ in den inneren Raum des Denkens – findet er die Grundlage für seine berühmte Erkenntnis „Cogito, ergo sum“ (Ich denke, also bin ich). Hier wird das Reisen zu einer Suche nach der Wahrheit, die nicht in der physischen Welt zu finden ist, sondern im Inneren des Subjekts.

Auch der deutsche Philosoph Immanuel Kant thematisiert in seiner Kritik der reinen Vernunft (1781) eine „Reise“, jedoch ebenfalls nicht im physischen Sinn. Kant versteht die menschliche Erkenntnis als eine Reise durch die Bedingungen des Wissens, die von den Strukturen des menschlichen Verstandes bestimmt werden, der gleichsam die Landkarte abgibt. Die „Reise“ zu einer objektiven Erkenntnis der Welt ist in Kants Philosophie eine ständige gedankliche Auseinandersetzung mit den Grenzen der eigenen Wahrnehmung und den Kategorien, durch die wir die Welt verstehen.

Für den französischen Philosophen Michel Foucault ist die Reise eine Metapher für das Streben nach Wissen und Erkenntnis in einem normativen Sinn. In seinem Werk Überwachen und Strafen (1975) untersucht Foucault die Gesellschaft als eine Art „Gefängnis“, aus dem der Einzelne fliehen muss – eine Flucht, die er als symbolische „Reise“ begreift. Diese Flucht ist nicht nur eine physische Bewegung, sondern eine geistige Befreiung von den Zwangsmechanismen der sozialen Ordnung.

Von romantischer Weltflucht, positivem Eskapismus und der Macht des Absurden

Reisen wir, um uns anzunähern oder aber, um zu entfliehen – vor Erkenntnis oder Erleben? Geht es wirklich um die Kategorien, mittels derer wir die Welt verstehen, oder um den Kraftakt, mittels dessen wir den ihr immanenten Krisen entgehen? Das menschliche Bedürfnis, der Realität zu entfliehen, wird bereits vorgedacht bei Friedrich Schiller, der in seiner Abhandlung Über die ästhetische Erziehung des Menschen (1795) die Reise als Flucht in die Freiheit des Schönen versteht. Kurz darauf deutet die Romantik mit ihrem Kult des Inneren das Unterwegssein zu einer Fantasiefahrt ins Innere um: der Dichter Novalis beschreibt in seinem mystischen Werk Die Lehrlinge zu Sais (1802) das Reisen als eine ideale Möglichkeit, der tristen Realität zu entkommen, in die Welt des Möglichen einzutauchen und sich dem Unbewussten und Traumhaften zu nähern.

© Carlo Schmitz

Ein weiteres Beispiel für die Reise als Realitätsflucht liefert der französische Denker Henri Bergson, der in Das Lachen (1900) das Paradoxon des menschlichen Lebens analysiert. Für ihn sind Reisen ebenfalls eine Art träumerischer Eskapismus, jedoch in einem positiven Sinn. Bergson spricht von der „Reise des Geistes“ und der Fähigkeit des Menschen, sich von den Begrenzungen des Alltags zu befreien, indem er in den unendlichen Raum des Schöpferischen und der Intuition eintaucht. Diese Form des „Reisens“ ist eine Flucht aus den festen Strukturen des Verstandes und eine Öffnung hin zu einer freieren, kreativeren Existenz, tiefromantisch, doch lebensnah.

Für Albert Camus, der in Der Mythos des Sisyphos (1942) die Frage nach dem Sinn des Lebens aufwirft, geschieht uns ein tägliches Hindernisrennen, das immer von dem Absurden des Daseins blockiert wird. Der Eskapismus wird hier als Reaktion auf die Sinnlosigkeit der Existenz verstanden – als Versuch, dem Absurden zu entfliehen, indem man sich in verschiedene Formen der Ablenkung stürzt. Doch für Camus ist der wahre „Aufbruch“ nicht ein Entkommen vor der Realität, sondern die Akzeptanz ihrer Absurdität: ein bewusster Akt der Konfrontation mit dem Unvermeidlichen.

Soziale Dimensionen des Reisens: Ein Privileg für wenige, ein Muss für viele

Vergleichen wir metaphorisch und eskapistisch gedeutete, philosophisch erlesene, in kluge Sätze gefasste, „gedruckte“ Reisen – mit tatsächlich erlebten, erfahrenen, gerüttelten und geschüttelten Fahrten mit Risiko für Leib und Leben, sind die Kontraste enorm. Das Reisen war historisch gesehen beschwerlich, und dennoch kein Privileg für alle: Vom römischen Reich bis zum frühneuzeitlichen Europa war es vor allem den Reichen und Mächtigen vorbehalten. Wer sich eine Reise leisten konnte, war jemand, der etwas zu verlieren hatte – und oft auch ein wenig zu gewinnen hoffte. So reihten sich denn immer auch Verzweifelte in die Reihen der Reisenden ein, „Glücksritter“.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer, der sich in Die Welt als Wille und Vorstellung (1818) tiefgründig existenziellen Fragen widmet, stellt zynisch fest, dass die meisten Menschen nur dann wirklich reisen, wenn sie dazu gezwungen werden, sei es durch Krieg oder Wirtschaftskrise. Bezeichnenderweise ist es dann auch nicht Arthur, sondern seine Mutter Johanna, die für ihre Reiseberichte hochberühmt wird. Ihre Werke Reise durch Schweden (1829) und Reise durch Frankreich und Italien (1834) sind zu ihrer Zeit viel bekannter als die philosophischen Schriften ihres Sohnes, denn sie bieten zugängliche, unterhaltsame Reflexionen über gesellschaftliche Werte.

Doch „die Schopenhauers“ mit ihrem teils pessimistisch-existenziellen, teils leichter Muse zugehörigem bildungsbürgerlichen Reise-Horizont waren nicht repräsentativ für eine Mehrheit der Bevölkerung, die sich oft durch einen anderen Aspekt der Reise Ausblicke aufs Sein verschaffen wollte: Auswanderung. Die Überfahrt über den Atlantik in die USA, die Millionen von Europäern im 19. und 20. Jahrhundert unternahmen, war auch eine Flucht nach vorn vor der Armut der Heimat in der Hoffnung, dass „das Gras auf der anderen Seite grüner ist“. Der französische Sozialphilosoph Pierre-Joseph Proudhon fasst das Motiv solcher Migrationen in seinem Werk Was ist Eigentum? von 1840 auf, formuliert dort den berühmten Satz „Eigentum ist Diebstahl“ und entfacht eine Diskussion über die ungleiche Verteilung von Gütern und Macht. Wenig später gründen Karl Marx und Friedrich Engels in Das Kommunistische Manifest (1848) die revolutionäre Vision einer gerechteren Staatsform der Zukunft, in der eine wirkliche „Einhausung“ der reisenden „Zukurzgekommenen“ möglich sein könnte.

Die Reise vom 20. Jahrhundert bis heute: Statussymbol und Kulturindustrie

Im frühen 20. Jahrhundert vollzog sich eine tiefgreifende Transformation des Reisens: Was einst mit dem Streben nach Erkenntnis, der fantasierten Flucht aus der Alltagswelt oder dem notwendigen Wagnis für bessere soziale Lebensverhältnisse verbunden war, wurde zunehmend zum banalen Konsumerlebnis. Die Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer prangerten in ihrer Dialektik der Aufklärung (1947) an, dass die Kulturindustrie den Menschen nicht nur unterhält, sondern ihn auch in einem Zustand der Konformität und Konsum­orientierung „unten“ hält. Die Reise, die so nicht mehr Persönlichkeitsentfaltung dient, sondern Profitinteressen, nicht mehr mystisch erfahren, sondern profan erkauft wird, entspricht kapitalistischer Massenproduktion.

Der französische Kulturtheoretiker Roland Barthes kritisiert in seinen Mythen des Alltags (1957) ähnlich, dass das Reisen in der Postmoderne nur noch ein dekadentes Statussymbol darstelle. Sein Hauptkritikpunkt ist jedoch nicht die Massenproduktion der käuflichen Flucht aus dem Alltag, sondern die Ablenkung, die durch postmoderne Touristik entstünde. Anders als im Mittelalter, als der Aufbruch ins Unbekannte ein gefährliches Wagnis darstellte, und in der frühen Neuzeit, als ferne Horizonte erobert wurden, sei das Reisen ab der Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer konsumierbaren Freizeitgestaltung hin degradiert worden, zum planbaren Abenteuer ohne ersichtlichen Erkenntnisgewinn, das von der authentischen Erfahrung des Lebens ablenke.

In unserer digitalen Gegenwart, in der wir endlose Spektakel konsumieren können, ohne auch nur den Blick vom Bildschirm heben zu müssen, stellt sich die Frage, was von der Reise als transformativem Erkenntnisraum von einst noch übriggeblieben ist. Philosophen wie Zygmunt Bauman, der in Liquid Modernity (2000) die Veränderung der sozialen Strukturen in der Postmoderne beschreibt, sehen den Wandel des Reisens als Teil des allgemeinen Prozesses der „Flüssigkeit“ menschlicher Existenz, als Fluss von Möglichkeiten und Erfahrungen. Ist im fluiden Hyper­raum von heute die Sehnsucht nach Freiheit, Begegnung und Austausch erhalten geblieben?

Fazit: Die Reise als ewiger Aufbruch

Die Frage nach dem existenziellen Wert des Reisens bleibt auch im 21. Jahrhundert relevant. Sie zeigt den menschlichen Wunsch nach „Aufbruch“, Veränderung und Erweiterung unseres Seins: Wie wir uns von falschen Gewissheiten lösen, Unbekanntes suchen und uns auf den Weg machen, um Erkenntnisse über uns selbst und die Welt zu gewinnen. Das Reisen bleibt so ein Spiegel unserer stets kritikfähigen Entwicklung als Einzelne und als Gesellschaft. 


Dr. Claudia Simone Dorchain, M.A., Philosophin und Therapeutin, arbeitet in der Supervision wissenschaftlicher Forschung und Lehre sowie in der Gestaltung von Bildungsformaten in öffentlich-rechtlichen Medien und im eigenen philosophischen YouTube-Kanal.

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