Die Philosophie der Musik

Vom Schöpfungsklang bis zum Wertumsturz

Musik wird als universelle Sprache verstanden, die tief ins Wesen der Welt eindringt – von der antiken Philosophie der Wahr­nehmung über die Musiktheorie mit ihren „sieben freien Künsten“ bis hin zur modernen Musik wie Gustav Holsts Planeten-Suite. Sie verbindet Gefühl, Kosmos und Kultur und spielt eine zentrale Rolle in der menschlichen Ent­wicklung, die klingend Neues zeugt. Ohne Musik wäre das Leben monoton, ohne Rhythmus langweilig, ohne Zwi­schen­töne oberflächlich. Doch sind wir „philosophisch musikalisch“ genug, um diesen Sinnzusammenhang zu fassen?

Die Verwandlung der Sinne oder „War ich ein Tier, dass mich Musik so rührte?“

Franz Kafka stellt in seiner Erzählung Die Verwandlung (1915) die Frage: „War ich ein Tier, dass mich Musik so rührte?“ Diese Worte, die Gregor Samsa als verwandelter Käfer denkt, während er liebliche Klänge aus dem Nebenzimmer hin­überrauschen hört, werfen eine tiefgehende existenzielle Frage auf: Welche Kraft besitzt Musik, dass sie das Innerste eines Wesens berühren kann, selbst wenn es nicht mehr menschlich ist? Warum scheint Musik eine universelle Sprache zu sein, die jenseits der Rationalität wirkt? Um das zu ergründen, wollen wir im Folgenden eine kleine musikalische Reise unternehmen zu dem, was Philosophie und Literatur über Musik erfasst haben: von Aristoteles bis Nietzsche, vom Nachahmen der Natur bis zum Zerschmettern aller Werte, und alles das im Namen der Harmonie. Wollen wir sehen, ob in Dur oder Moll.

Nachahmung statt Neuschöpfung oder Musik als zentrale Kunstform

Unter den Künsten nimmt die Musik eine Sonderstellung ein. Aristoteles betrachtete sie in der dem Kunstschaffen gewidmeten Schrift Poetik als eine der elementaren Ausdrucksformen menschlicher Kultur, eng verbunden mit Mimesis und Rhythmus. Dabei verstand er Mimesis als „Nach­ahmung“, so wie er generell Künsten einen imitierenden Charakter nachsagte. Die Natur war hier Lehrerin, die Kunst eine – mehr oder weniger gelehrige – Schülerin. Die Idee, neben oder gar außerhalb der Natur zu schaffen wäre Aristoteles unerhört erschienen – unnatürlich! Die Grundlage des aristotelischen Vertrauens in die konkurrenzlose Formbildungskraft der Natur war aber eine nicht nur physische, sondern metaphysische. Der Grieche glaubte, dass die Natur Ausdruck einer höheren Ordnung sei. Und dass ferner das Weltall selbst, mit allen Planetenwirbeln, Ordnung und Schmuck darstellt, ist ein tiefer spiritueller Gedanke!

Was nun den Rhythmus angeht, so ist er laut klassisch griechischer Denkart dem Weltgeschehen immanent. Musik, ohne Rhythmus ganz undenkbar, und Rhythmus, ein sich klanglich ausdrückendes Schöpfungsprinzip – welch tiefe Harmonie! Der Kirchenvater Augustinus von Hippo beschreibt denn auch in De Musica die Harmonie als ein Prinzip der Ordnung, das auf eine tiefere metaphysische Struktur verweist.

Die sieben freien Künste und die Willensfrage

Die Philosophie als eine Wissenschaft, die Kategorien bildet, hat sich immer wieder mit der Einordnung der Musik unter den Künsten beschäftigt. Wo genau befindet sich die Musik im Verhältnis zu anderen Formen des Kunstschaffens? Welchen Stellenwert oder Rang kann man ihr beimessen? In der mittelalterlichen Bildungstradition waren die sogenannten sieben freien Künste die Grundlage intellektuellen Fortschritts. Sie gliederten sich in das „Trivium“ (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und das „Quadrivium“ (Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik). Musik war also eine der zentralen freien Künste und wurde nicht nur als Kunst, sondern auch als Wissenschaft verstanden, die mathematische Harmonie und kosmische Ordnung erforschte. Hier sind wir wieder bei Aristoteles und seinem ewigen Rhythmus des Weltgeschehens, das in harmonischer Selbstentfaltung den Künstler zur Nachahmung einlädt. Die Ideengeschichte Europas liebt solche „Schlaufen“, oder sind es gar immer wiederkehrende Refrains?

Gesetzt nun, dass die Musik zum Qua­drivium der sieben freien Künste gehörte und seinerzeit als Standard der Intellektuellen galt, die sie mindestens fleißig übten, idealiter beherrschen sollten – heute ist manch einer mit dem Erwerb einer dieser Künste schon überfordert – so bleibt uns die Philosophie dennoch Aufklärung über ihren Wert schuldig. Ist sie die höchste der Künste, da sie direkt auf das Gefühl wirkt, oder ist sie nur eine unscharfe, unbestimmte Ausdrucksform ohne greifbaren Inhalt? Die Scholastiker stritten darüber
– ohne Einklang, Gleichklang oder Harmonie erzeugen zu können. Neben der Frage, Wo die Musik im intellektuellen Bildungskanon steht, bleibt die weit wesentlichere Erforschung offen: Was ist die Musik? Diese Frage wurde in der Neuzeit anders beantwortet als im Mittelalter, als Musik, bis auf wenige volkstümliche Ausnahmen, grundsätzlich Auftrag reicher, meist kirchlicher Mäzene war – gleichsam Engelsposaunen auf Bestellung. Die Moderne mit ihrem selbstbestimmten Kunst- und Künstlerverständnis machte Raum für das Profane, das Ich und den Willen – oder die Willkür – auch im tonalen Ausdruck. Arthur Schopenhauer betrachtete die Musik in Die Welt als Wille und Vorstellung (1818) als „direkte Objektivation des Willens“, also als eine Kunst, die tiefer als andere in das Wesen der Welt eindringt.

So sei die Musik ein Geschehen, das Ich und Welt durchtönt durch die Gleichsetzung mit dem Willen; Wille hier: die unbedingte Bejahung des Seins, die jubelnde Zustimmung zu dem, was ist. Soweit Schopenhauer. Stimmt das auch, wenn unser Zimmernachbar das letzte AC/DC Konzert live auf 120 Dezibel stellt und wir glauben müssen, das Haus stürze ein? Der Philosoph hat sich derart banalen Fragen nicht gewidmet. Doch die Gleichsetzung von Musik und Wille als Daseinsbejahung ist folgenschwer. Warum ausgerechnet Musik, die laut dem Spötter Wilhelm Busch als „störend oft empfunden, da stets mit Geräusch verbunden“, unser Sein nicht nur harmonisch anspielen, sondern auch unsere bedingungslose Zustimmung bringen soll, bleibt vorerst unklar.

Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ und die Nebel der Nachwelt

Nachdem das Wo der Musik im Bildungskanon der freien Künste unbestimmt bleibt hinsichtlich ihres exakten Stellenwerts, und das Was der Musik, die Bejahung des Seins durch Übereinstimmung mit dem Willen, Kadenzen tiefer Widersprüche eröffnen mag, fehlt noch das Unbehaglichste zu erfragen: das Warum. Warum singen, trällern, pfeifen, flöten und geigen wir? Eine erste versuchsweise Antwort liefert Friedrich Nietzsche in seiner Götzen-Dämmerung (1889), gewohnt selbstbewusst und keinen Widerspruch erlaubend: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“ Um das zu verstehen, müssen wir tief hineinhören in die nietzsche­anische Denkweise. Musik war für Nietzsche eine Elementarkraft, verbunden mit dem Dionysischen – dem eksta­tischen, rausch­haften Prinzip des Lebens, das er in Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik (1872) beschrieb. Dort stellte er die Musik als das ur­sprüng­liche Medium des Dionysischen dar, im Gegensatz zur ratio­nalen, form­gebenden Auffassung Aristoteles‘. Hier – das ent­fesselt Triebhafte, wie Sigmund Freud später sagen sollte, das nach klanglichem Ausdruck drängt, die Musik. Dort hin­gegen das Bewusste, die gesellschaftlich gebändigten Affekte, das Vernünftige, dessen charakteristischer Ausdruck die Architektur ist, die Ordnung durch phy­sische Form schafft, ummantelt, während Musik enthüllen darf.

Ausflug ins Weltall und die Musik der Schöpfung: Am Anfang war Klang

Die dionysische Musik, die Nietzsche in seinen Dionysos-Dithyramben (1888) feiert, ist eine Sammlung von Hymnen, die Musik als ekstatisches Medium der Entgrenzung auffassen. Wieder so eine „Schlaufe“ in der Ideengeschichte: Wenn Musik entgrenzen, enthüllen und entstalten darf, bleibt der antike Urgedanke der Ordnung noch erhalten? Anders: Gibt es eine kosmische Ordnung, die durch eine musikalische Entgrenzung nicht verletzt, sondern bestätigt wird? Diese Vorstellung von Musik als nicht nur ordnendem, sondern auch bestätigend-schöpferischem Prinzip des Weltalls reicht zurück bis zu Pythagoras, der die „Sphärenharmonie“ im Universum vernahm. Diese Idee ist nicht im Altertum verklungen, sondern lässt ihr Echo bis in die Gegenwart hallen. In der modernen Musik hat Gustav Holst mit seiner Planeten-Suite (1914-1917) eine neue Interpretation der antiken Idee geschaffen und gezeigt, wie – synästhetisch1 wahrgenommen – die Himmelskörper „singen“ und harmonische Frequenzen, ihrem Wesen entsprechend, erzeugen. Besonders in Jupiter, the Bringer of Jollity wird das Erhabene dieser himmlischen Sphären musikalisch erlebbar gemacht.

Misstöne und Meisterschaft oder Musik als Erziehung des Menschengeschlechts

Schließlich bleibt die naheliegende Frage nach der Rolle der Musik in der Entwicklung des Menschen, wenn ihr Warum die dionysisch-sprengende Enthüllung, Entgrenzung und dennoch Bestätigung der kosmischen Ordnung sei. Friedrich Schiller schrieb in seinen pädagogischen Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen (1795), dass Kunst und besonders Musik die moralische Bildung des Individuums beeinflussen können. „Moralisch“ heißt hier nicht „ethisch-sittlich“ im engeren Sinn, sondern „moralisch bildend“ wird Musik, laut Schiller, durch ihre Nähe zum Gefühlsreichtum des Menschen, den sie klanghaft ausdrückt und so vom Vorbewussten ins Bewusstsein rückt, Selbsterkenntnis zeitigend. Wer sagt denn, dass ein Kennen der eigenen Affekte nicht Bildung im wahrsten Sinne sei? Auch der große Erzieher Johann Gottfried Herder legte in Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784-1791) dar, dass Musik eine uni­versale Aus­drucks­form sei, die tiefes Selbst- und Fremdverständnis ermöglicht und dadurch sogar Kulturen verbindet. Hier ist auch der interkulturelle Aspekt betont: Musik überwindet Grenzen – des Eingegrenzten, nur Vernunfthaften, aber auch geographische Grenzen der Nationen. Völkerverständigung klingt stets auch mit dem Anerkennen des Anderen im eigenen Ich und des Eigenen im vermeintlichen Fremden zusammen.

Fazit

Musik ist mehr als nur eine Kunstform – sie ist ein Prinzip des Lebens, eine ganzheitliche Kommunikation, eine kurze Brücke zwischen Verstand und Gefühl, Bewusstem und Unbewusstem, Kosmos und Individuum. Vom Horizonte öffnenden Bildungsstandard des Mittelalters bis hin zu modernen Entgrenzungssehnsüchten ist sie ein beständiges Element der Philosophie menschlicher Erfahrung, die vom Ich ausgehend die Welt umspannen will. Ohne Musik wäre nicht nur das Leben taktlos – ohne Musik wäre das Universum vielleicht unerhört. 


1 Synästhesie: gleichzeitiges Empfinden von zwei verschiedenen Eindrücken bei Reizung eines Sinnesorgans, z. B. Verbindungen zwischen Sehen und Geschmack, Geruch und Geschmacksempfindung, Ton und Geschmack. Eintrag „Synästhesie“, in: Dorsch – Lexikon der Psychologie, https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/synaesthesie (letzter Aufruf: 26. Juni 2025).


Dr. Claudia Simone Dorchain, M.A., Philosophin und Therapeutin, arbeitet in der Supervision wissenschaftlicher Forschung und Lehre sowie in der Gestaltung von Bildungsformaten in öffentlich-rechtlichen Medien und im eigenen philosophischen YouTube-Kanal.

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