Braucht das Land das Land?

40 Jahre "Lëtzeburger Land"

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40 Jahre Letzeburger Land

Daß "die Nostalgiewelle allzu hörbar schwappt, und daß die ins Schaufenster gerückte Portion Selbstzufriedenheit das Maß des ansonsten als Annehmbar geltenden übersteigt", das sind die Befürchtungen, die in den ersten Zeilen der Jubiläumsnummer zum Ausdruck gebracht werden, die das Letzeburger Land sich und seinen Lesern zum 40. Geburtstag schenkt. Die Besorgnis ist unbegründet. Die 36-seitige Beilage zum Land vom 18. März 1994 ist lesenswert und wird von jedem, der sich für das Luxemburger Pressewesen interessiert, aufgehoben werden. Sicher, es gibt auch einige nostalgische Rückblicke und etliche wohlgefällige Selbstdarstel-

lungen, aber diese gehören einfach zur Gattung. Bei weitem überwiegen die Artikel, die nicht nur eine Darstellung der Zeitschrift sind, sondern gleichzeitig auch einen interessanten Blick auf 40 Jahre Luxemburger Geschichte werfen. So Gilbert Trausch, der uns an den Anfang der Fünfziger zurückführt und uns die damalige geschlossene, erstarrte und von der Kirche dominierte Gesellschaft beschreibt. Die liberalen Intellektuellen, die sich in dieser Gesellschaft nicht wohl fühlten, fanden im Land ihr Forum.

"Es wird in Luxemburg nicht genug diskutiert", schrieb der Begründer des Landes Carlo Hemmer im

Leitartikel der ersten Nummer. Und weiter: "Wir sind überzeugt, daß es bisher an einer Zeitung gefehlt hat, welche keiner politischen Partei oder korporativen Interessengruppe dienstbar, unbefangen an die Probleme heranging und in voller Unabhängigkeit urteilte." 40 Jahre später wird dieser Anspruch im Leitartikel der Jubiläumsbeilage neu bekräftigt. Das Land will nicht "mit publizistischem Trommelfeuer eine alleinseligmachende Wahrheit" verkünden, sondern "mit kritisch kommentierter Information Antworten auf die Frage liefern, warum was wo geschieht, und was sich aus dem Geschehen ergibt."

Hat das Land dieses selbstgesteckte Ziel erreicht? Auf diese Fragen kann man unterschiedliche Antworten geben.

Da ist zunächst die skeptische Antwort, die die Unabhängigkeit der Zeitschrift überhaupt in Frage stellt. Versteckt sich hinter dem liberalen Gebaren nicht doch ein Sprachrohr der Industrie bzw. der ARBED? Was soll man vom folgenden Ausspruch eines Gaston Thorn, der es ja eigentlich wissen müßte, in der Jubiläumsausgabe halten: "Le Land était et est resté la grande ambition des capitaines (et lieutenants) de l’industrie en cette deuxième moitié du 20ième siècle, pour permettre à l’économie de s’exprimer librement sans passer par le prisme déformant de l’un ou de l’autre organe de presse partisan." Ein weiteres Argument für diese These ist die Abhängigkeit von den Werbeeinnahmen. Diese wird besonders deutlich in den verschiedenen Sonderbeilagen zur Wirtschaft, zum Bankplatz, zum Autofestival, die einer mehr oder minder versteckten Public-Relations-Aktion der entsprechenden Werbekunden gleichkommen.

Das Gegenargument stellt die lange Liste der Autoren und Autorinnen dar, die im Lauf von 40 Jahre im Land geschrieben haben und die auf den Seiten 54 bis 55 veröffentlicht wird. Hier finden sich die "forces vives et pensantes de la nation" wieder und auf den ersten Blick ist keine besondere politische Ausrichtung auszumachen. Wo anders sollte man ein Nachdenken über die kleine Luxemburger Gesellschaft finden, wenn nicht im Land? Die Redaktion ist sich der Wichtigkeit dieser Komponente bewußt, hat sie doch bei den im Faksimile reproduzierten vier Seiten des Landes Beispiele aus diesem Themenkreis ausgewählt. Neben der unvermeidlichen ersten Seite der ersten Nummer finden wir eine Seite mit Schülerbeiträgen aus dem Jahre 1968, die von Marcel Engel unter dem Titel: "La jeunesse bouge … où va-t-elle?" vorgestellt wurden. Eine Seite mit einem Beitrag von Michel Delvaux zur Soziologie des Luxemburger Staates steht stellvertretend für die lange Reihe der Artikel, die derselbe zusammen mit Mario Hirsch zu diesem Thema in den 70er im Land veröffentlicht hat. Die letzte der vier Faksimile-Seiten ist dem Luxemburger Modell und der Tripartite gewidmet.

Ja, wo anders als im Land könnten solche Beiträge erscheinen? Im "forum" natürlich, das auch in einem Satz in der Beilage erwähnt wird, in dem es heißt: "Le Land – avec le Forum peut-être, mais chacun à sa manière – laisse un large espace à la réflexion et aux débats d’idées." In der Tat gibt es die Gemeinsamkeit des angesprochenen Gegenstandes, eine Ge-

meinsamkeit, die in den Untertiteln der beiden Organe dokumentiert wird: hier die "unabhängige Wochenschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur", dort die Zeitschrift "für kritisch Informationen über Politik, Kultur a Relioun" und es gibt den gemeinsamen Anspruch Meinungsforum zu sein und, damit verbunden, den Anspruch gegen die Engstimigkeit der Parteipresse anzuschreiben. Weshalb gibt es trotzdem so wenig Berührungen zwischen den beiden Zeitschriften, eine Kontaktlosigkeit, die fast schon an gegenseitiges Ignorieren grenzt? Eine Tatsache, die umso paradoxer erscheint, da viele Verfasser von ‚forum‘-Beiträgen in der Autorenliste des Land auftauchen. Ein Antwortlement findet sich wiederum in den Untertiteln; neben den beiden gemeinsamen Begriffen Kultur und Politik, gibt es ein drittes, abweichendes Stichwort: hie die Religion, da die Wirtschaft.

Eine weitere Erklärung findet sich im Ursprung des "forum", das Anfang der siebziger Jahre aus der innerkirchlichen Opposition gegen die Amtskirche und gegen das "Luxemburger Wort" hervorgegangen ist. Die Gründung des "forum" ist ein Beweis dafür, daß das Land damals von den engagierten jungen Christen nicht als Gegengewicht zum Wort wahrgenommen wurde. Der gesellschaftskritische und antikapitalistische Impetus der jungen "forum"-Gründer und -Gründerinnen trug dazu bei, daß das organisatorisch etablierte und ideologisch zum establishment gehö-

rende Land nicht als Bezugs- und Orientierungspunkt in Frage kam.

Aber auch die Entwicklung des "forum" war eine andere. Seine Macher haben immer versucht, sich aus den Zwängen, die den Luxemburger Pressemarkt beherrschen, herauszuhalten. "forum" funktionierte lange Zeit ausschließlich mit Freizeitaktivisten und erst in den letzten Jahren wurde ein Teil des Arbeitsaufkommens professionalisiert. Die früher nicht vorhandenen und heutzutage vergleichsweise geringen Ausgaben für Personalkosten ermöglicht(en) es, auf Werbeanzeigen zu verzichten und die naturgemäß damit zusammenhängende Abhängigkeiten zu vermeiden. Deshalb fällt es dem "forum" leicht, die Nase zu rümpfen über die Zwänge des professionellen Journalismus in einem kleinen Land. Und darüber vergißt es allzu leicht, daß die Hauptzwänge, denen es auch unterliegt, nicht wirtschaftlicher Natur sind.

Gemeint sind jene Zwänge, die der Soziologe Jeff Kintzelé in der Land-Jubiläumsausgabe beschrieben hat. Unter dem Titel "Le Land a-t-il besoin du Land", den wir uns für unseren Artikel ‚ausgeliehen‘ haben, untersucht er die luxemburgische Presselandschaft, deren Mediokrität er nicht den Journalisten anlasten will, sondern die er als Ausdruck der gesellschaftlichen Bedingungen interpretiert, unter denen die Presse hierzulande arbeitet. Zitieren wir nur einige der Charakteristika, die Kintzelé herausarbeitet und die sicher auch für ‚forum‘ zutreffen:

"Le journalisme à la luxembourgeoise se caractérise par son caractère inoffensif. … Les gens se connaissent. … Ceci rend tout journalisme en apparence plus

facile. … A vrai dire pourtant, cela tue le journalisme, et en particulier le journalisme d’investigation. … Le journaliste au Luxembourg joue dans le tissu social un rôle particulier. Il s’agit d’un homme informé, souvent initié dans les secrets de Dieu. Il n’est pas un simple spectateur qui relate et interprète les faits qu’il observe. Il est un acteur qui a sa partie à jouer dans la vie politique, culturelle et sociale du pays. D’où probablement une tentation continue à s’immiscer dans le jeu politique, sans faire du journalisme au sens noble du terme, qui suppose toujours une certaine distance, un certain recul."

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So wie Kinder Märchen brauchen, weil sie mit ihrer Hilfe ihre tiefsten Ängste und Wünsche verarbeiten können, braucht die Luxemburger Öffentlichkeit ihre Koffer-Märchen, weil sie ihrem Verständnis vom Funktionieren des Staates entsprechen. Daß die Macht der Bauernzentrale auf subtileren Mechanismen beruht als dies in der Koffer-Posse unterstellt wurde, ist nur schwer in der Luxemburger Öffentlichkeit vermittelbar. Das Letzeburger Land hat es versucht.

Unser Land braucht in der Tat das Land … und viele andere kritische, unabhängige Medien, damit eine politische Öffentlichkeit entsteht, in der genauso heftig über den Wahrheitsgehalt der Aussage eines Kriminalbeamten, der sich bei seinen Ermittlungen gegen die Bauernzentrale durch einen Minister beeinträchtigt fühlte, debattiert wird wie über die völlig unwahrscheinliche Koffer-Story.

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