Das christliche Narrativ: Mythos, Utopie, Wahrheit?

Jean-François Lyotard sprach vom „Ende der großen Erzählungen“.1 Gilt diese These auch für das christliche Narrativ? Abgesehen von den erschütternden Missbrauchsskandalen und einer zunehmend als veraltet wahrgenommenen Kirchen­hierarchie fällt es der postmodernen Gesellschaft offenbar schwer, die christliche Narration ernst zu nehmen. Doch was macht das christliche Narrativ eigentlich aus? Geht es um historische Fakten, um magisches Denken, um Lügen oder vielmehr um Poetik? Haben die biblischen Geschichten noch einen Anspruch auf Wahrheit? Diese und verwandte Fragen möchte ich im Folgenden ansatzweise untersuchen.

Warum Erzählung statt Fakten?

Natürlich sind Fakten, Messungen und das Erkennen von Kausalzusammenhängen wichtig. Aber wir können unser Leben nicht allein auf Fakten aufbauen. Wir brauchen Erzählungen, die Sinn stiften, Orientierung ermöglichen und Beziehungen wie Ereignissen Bedeutung geben. Erzählungen stiften auch Identität. Das gilt für den Einzelnen wie für Kollektive. So verankern wir uns in Geschichten, in Geschichte und in Orte. Dabei vermitteln sich auch Werte. Erzählungen beeinflussen unsere Überzeugungen und Wünsche. Sie prägen unser Handeln und unsere Wahrnehmung.2

In gewisser Weise sind Geschichten nie zu Ende. Deshalb fragen Kinder am Ende einer Gutenachtgeschichte, wie es denn weitergeht, und verdienen Anbieter wie Netflix viel Geld mit Serien. Es gibt immer einen Rest, den wir noch wissen wollen. So wird die eigene Vorstellungskraft angeregt.

Wieso Narrationen der Bibel?

All dies gilt auch für die Erzählungen der Bibel. Fakten sind hier eher rar, wie die historische Forschung gezeigt hat. Den größten Raum nehmen die unterschiedlichen Formen von Erzählungen ein. Anhand von Gestalten wie Adam und Eva, Noah, Abraham, Mose und schließlich Jesus wird in beispielhafter Weise vom Menschen mit seinen Grenzerfahrungen, seinen existentiellen Fragen und seiner Suche nach Sinn erzählt.

Einen breiten Raum nimmt die Weisheitslehre ein. Sie stützt sich auf die menschliche Vernunft: Ethische Normen ähneln denen anderer Kulturen. Ein oft zitiertes Beispiel ist dazu die „Goldene Regel“: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“

Ein großer Teil der Bibel besteht aus Mythen, wie den Schöpfungserzählungen, den Berufungen, dem Durchzug der Hebräer durch das Rote Meer, den Epiphanien, der Jungfrauengeburt Jesu, der Auferstehung, der Himmelfahrt und den Erscheinungen Jesu nach Ostern. Erzählend versuchen sie den Ursprung der Götter, der Welt, des Bösen, des Todes, der Menschheit oder der Legitimität und Autorität Jesu, die Liebe zu begründen und zu deuten.3

Warum brauchte es religiöse Narrative? 

Werte entwickeln wir auf mehr oder weniger rationelle Art und Weise. Allerdings brauchen sie einen Bezug zu einem Horizont, einem Grund. Es ist immer eine Eschatologie, eine Hoffnung auf Vollendung, welche Werte am Leben hält. Selbst wenn es eine atheistische Hoffnung ist, wie wir sie bei Marxisten kennenlernten, braucht es dazu Narrative.4 Deshalb tragen auch Religionen oder Geschichtsphilosophien etwas zum „Wert der Werte“ bei. Und umgekehrt geben Werte dem Glauben ein praktisches Gesicht.5 

Was religiöse Rede leistet, ist, dass sie menschliche Erfahrung nicht aus dem berechtigten Blick des Wissens, sondern auch aus dem Blick der Wahrheit artikuliert. Dabei geht es darum, wie man sich in Bezug zum Ganzen, zum Umgreifenden stellt. Die religiöse Rede berücksichtigt das Reale, das Widersprüchliche und Unbeantwortete in aller Erfahrung. Durch ihre Art der Desorientierung, der Durchkreuzung der Ganzheit und der Normalität weist sie auf ein „Mehr“ hin. Sie eröffnet die Quelle unbekannter Möglichkeiten. Damit stellt sie auch die Frage, wie man sich dem „Unmöglichen“, dem unergründlichen Realen, gegenüber verhält. Wie begibt man sich auf die Suche nach der Wahrheit des eigenen Begehrens? 

Was macht das Zentrale
des christlichen Narrativs aus?

Das Wesen des christlichen Glaubens ist die Freiheit, schreibt Karl Jaspers in seinem Buch über Die maßgebenden Menschen. Der Mensch weitet sich in der radikalen Offenheit zur absoluten Andersheit. So erwacht er zu sich selbst. Was nur endlich ist, ob Regeln oder Wissen, kann ihn nicht gefangen halten. So wächst ihm eine unendliche Kraft zu.6 Der Glaube ist „der Akt der Existenz, in der Transzendenz in ihrer Wirklichkeit bewusst wird“.7 Das hilft dem Christen, frei zu werden von Lebensangst und den Blick offen zu halten für das zu verwandelnde Böse in dieser Welt.

Um diese radikale Lebensform zu begründen und zu charakterisieren, bedient sich das christliche Narrativ der Paradoxien und Hyperbeln.8 So lesen wir: „Wer sein Leben zu erhalten sucht, der wird es verlieren und wer es verliert, der wird es (neu) gewinnen.“9 (Lk 17,33) Dabei denken wir auch an die Hyperbel: „Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen.“ (Lk 6,27) Die Liebe zum Mitmenschen und zum Feind ist die Verortung des Anderen jenseits der eigenen Vorstellungen und Vorurteile. So kann sich Liebe zwischen Menschen offenbaren und sie tragen.

Ist das nicht alles naiv? In Markus 12,30 jedenfalls wird im Blick auf die Liebe neben Seelenkraft, Gefühl, Sehnsucht auch der Verstand angesprochen. Paulus spricht sogar von der wandelbaren Vernunft. Das ist wohl auch mit dem Satz in Röm 12,2 gemeint: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich.“ Der Kompass ist die wandelbare Vernunft. So heißt es: „Wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist, was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“ Seid reflexiv, würde man heute sagen.

Der Christ lebt aus dem Satz Jesu: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ (Mt 27,47) Aus dieser Absenz und Leere lebt er immer gegen Totalitarismen und Autoritarismus. Er weiß, dass er Gott, die Auferstehung Jesu oder ein Leben nach dem Tod nicht beweisen kann. Wichtig im Auferstehungsmythos ist das Bild des leeren Grabes. In der Akzeptanz der Leere kann sich der Mensch in seinem Begehren auf ein Jenseits, ein Noch-Nicht, Unvorstellbares, das Reale oder das Leben schlechthin ausrichten und handeln. Dem Morden und dem sinnlosen Sterben kann nicht das letzte Wort überlassen werden. Statt sich von imaginären Lückenbüßern verführen zu lassen, lebt er im Glauben an ein Mehr an Sinn, ein Mehr an Leben.

Der Glaube an die Möglichkeit des Unmöglichen führt Christen im Gegensatz zu Nietzsche und zum Neoliberalismus dazu, sich gegen die Ideologien der Selektion und des Ausschlusses der Schwachen, Kranken, Armen, Flüchtlinge zu wenden und sich für eine antiselektionistische Hilfe zum wahren Leben einzusetzen.10 

Auch die Frage der Schuld wird neu interpretiert. Der Teufelskreis von Schuldgefühlen und unterdrückter Aggression, zwanghaft-neurotischem Sündenbekenntnis und Wiedergutmachung durch Opfer wird bei Paulus diskursiv aufgehoben. Der Mensch darf sich als jemand erfahren, der neu anfangen kann. Psychologen wie Carl Rogers nannten das „bedingungslose positive Anerkennung“.

Was bringen Mythos und
Entmythologisierung?

Ob jeder Christ an alle mythischen Motive der Botschaft glaubte, ist wie bei den Griechen zu bezweifeln. Obwohl die Erzählung von der Jungfrauengeburt, von der Auferstehung oder vom kommenden und schon gegenwärtigen Reich Gottes für alle Unterdrückten dieser Erde sehr attraktiv war.

Schon früh entwickelte sich eine Theoriebildung. Theorien, die auf Erzählungen und Mythen beruhen, sind eigentlich nichts Besonderes für die Humanwissenschaften. So entwickelte Freud die psychoanalytische Theorie aus den Erzählungen seiner Patienten. Andererseits nutzt er neben seinen psychologischen Forschungen unter anderem den Mythos des Ödipus, um das zwischenmenschliche Leben mit seinen Missverständnissen, der Dynamik von Selbstüberschätzung, der Sehnsucht nach Einheit und von Verdrängung zu erklären. Die uralte Fiktion sollte helfen zu verstehen, dass wir Menschen ohne Kastration, d. h. ohne Akzeptanz des Unmöglichen, ohne das Verbot von Vatermord und Inzest, strukturell nicht erwachsen werden und in Gemeinschaft leben können. 

Es bedurfte Menschen wie Bultmann, Bonhoeffer, Ricoeur und vieler anderer, die darauf hinwiesen, dass die mythologischen Teile der biblischen Erzählung neu interpretiert werden müssten. Sie sind als „Pseudowissen“ zu entmythologisieren und in ihrer symbolischen Bedeutung zu entdecken und neu zu deuten. Dabei wird der Leser gegebenenfalls mit seinen Illusionen oder rationalistischen Vorurteilen konfrontiert und muss diese aufgeben.11 Andererseits kann er entdecken, welche Offenheit für das Noch-Nicht die mythischen Anteile in sich bergen können. Das Begehren nach den Möglichkeiten des Unmöglichen, etwa nach der unendlichen Gerechtigkeit (Jacques Derrida), kann sich am Mythos inspirieren. Denken wir dabei an das politische und revolutionäre Lied, das die „junge Frau“ Maria an „Gott“ als Befreier von Diktatur und Unrecht adressiert. (Lk 1,46-55)

Entmythologisieren wir etwa die Erscheinungen Jesu nach Ostern, können wir erkennen, dass Jesus auferstanden ist im Wort und in dem, was wir den pluralen oder Heiligen Geist in den Gemeinschaften nennen. Im Glauben an dieses Wort, ergriffen vom Geist der Liebe, erfahren wir, dass wir transzendieren können. (1 Joh 4,16) Gerade in der Konfrontation mit dem Kontingenten, mit der Katastrophe, können wir den Geist der Liebe, der Zusammenarbeit erfahren, wie es Heinrich von Kleist in seiner Novelle Das Erdbeben in Chili aus seiner Sicht beschreibt.

So ermutigt der Auferstehungsmythos, immer wieder neu auf das Leben zu setzen, selbst den Akt des Sterbens in einen Akt des Lebens zu verwandeln und die „Lust am Sein“ an die nächste Generation weiterzugeben.12 Sinn ist stärker als Sinnlosigkeit.

Wieso kam es zur Objektivierung
der religiösen Dinge?

Schon das aufstrebende Christentum wurde von der Philosophie herausgefordert, seine von mythischen Elementen geprägten Grundüberzeugungen rational zu erklären. Gleichnisse wurden als irrational abgewiesen. In dieser Konfrontation entwickelte sich die Theologie, eine „christliche Philosophie“, und schließlich ein ganzes System von Dogmen. Vieles trug zur Entwicklung oder Weiterentwicklung von wichtigen Fragen oder Begriffen zum Menschen als Person, zum Staat oder etwa zum gerechten Krieg bei. Dabei entstand allerdings bei vielen auch die Vorstellung, dass wir Menschen eine klare und objektive Vorstellung des Jenseits hätten. Kein Wunder, dass sich seit der Aufklärung viele Menschen von diesen Übertreibungen und der mangelnden Weiterentwicklung abwandten.

Die Rationalisierungen führten zu einer Objektivierung Gottes und des Seins. So entstand eine Onto-Theologie, eine Vermischung von Gott und Sein, Wesen und Substanz. Gott wird zum unbewegten Beweger, zum obersten Uhrmacher oder zum absoluten Mathematiker. Auch der Bereich des Heiligen wurde sakramental vergegenständlicht, ebenso wie die Welt und die Geschichte, letztlich der Mensch. Die Welt wurde getrennt in einen Bereich der Physik und der Metaphysik, des Sakralen und des Natürlichen. Obwohl das Christentum diese Trennung aufheben wollte, hat seine Theologie diese Trennung immer wieder verfestigt.13 

Dazu passte, dass die Kirche den Eindruck erweckte, Gott mit speziellen Techniken beeinflussen zu können und das Heil in Heilspartikeln ausgeteilt werden könnte.

Offenbarung, wie kann das geschehen?

Ist die Bibel unmittelbar Gottes Wort? Ist dieses Wort wandelbar? Ist das Bild Gottes geschichtlich? Auf solche Fragen hat u. a. Hans Urs von Balthasar Klärendes gesagt: „Gottes Wort ist nur Menschenwort in Gestalt von Auslegungen, die Menschen im Glauben als Antwort auf Gottes Anrede gegeben haben. An der Antwort haben wir das Wort.“14 Das Wort Gottes ist also nicht unmittelbar zugänglich. Sprachlich ist es inexistent. „Alles Sprachliche ist Menschenwort. […] Von seinem theologischen Begriff her kann das Wort Gottes nicht direkt und unmittelbar als menschlich geformtes Wort zur Sprache kommen, sondern nur im menschlichen Reden von Gott.“15

Und da wir Menschen je nach Epoche neu angesprochen werden vom Leben, von der Welt, öffnen sich auch immer neue Wege, Narrationen und Deutungen, Christ zu sein. 

Woher kommt die Gefahr
der Ideologisierung? 

Wenn Erzählungen einen hohen Wert für die Stabilisierung unseres Lebens haben, dann laufen sie auch Gefahr, von Institutionen und gesellschaftlichen Gruppen missbraucht zu werden. Dies bezeichnet Zizek als Ideologie. Damit meint er, ähnlich wie bei einer unbewussten Fantasie, dass das Reale, das Unergründliche und Kontingente durch „erhabene Objekte“16 wie Götter, den König, die Demokratie, die Weltrevolution, das Geld, die Natur usw. überdeckt werden. Ideologie steht in den Diensten von Herrschaftssystemen, denen sich der Mensch auf der Suche nach Sicherheit ganz und teilweise unbewusst dem vermeintlichen Heilsbringer oder seinen Stellvertretern bzw. deren Diskursen unterwirft. Ideologie ist also vor allem auch eine Maske unserer Angst, eine Maske unserer Dominanz oder unseres Hasses auf die, welche scheinbar mehr genießen können als wir selbst. 

Ideologie ist auch dort entstanden, wo die Kirche erkannt und zum Teil verneint hat, dass bestimmte Spiritualisierungen sehr gut zur Entwicklung ihrer disziplinierenden Machtentfaltung passen. Man denke nur an den Höllendiskurs, das Zölibats-Gebot oder generell an die Macht über den Körper, also über den Menschen als sexuelles Wesen. Das geschah auch in anderen Diskursen. So hat Hannah Arendt darauf hingewiesen, dass die Hölle bei Platon und Cicero eine politische Kategorie ist, mit der Menschen regiert werden können.17

Kirchen als narrativer Raum?

Paul Ricoeur zeigt, dass gerade das Böse, das eigene und fremde Leid, uns alle angeht. Um dem entgegenzuwirken, reicht die Erzählung nicht aus. Wir alle brauchen die „Gnade des Anderen“, der uns in unserem Leiden begleitet.18 

Es braucht Orte symbolischer Praxis, wo Christen gemeinsam essen und ihre Spiritualität weiterentwickeln. Dabei reflektieren sie die Gefahren, sich den Fetischen des kapitalistischen Narrativs zu weihen und zu opfern. Sie engagieren sich sozialpolitisch und schreiben das jüdisch-christliche Narrativ weiter. Es geht nicht um einen Einheitsdiskurs, sondern wie der Pfingstmythos suggeriert, eine „Poetik der Vielfalt“ (Edouard Glissant). Es ist ein dialogisches Denken, wie es der Vernunft entspricht. 

Welche Wahrheit steckt
in der christlichen Erzählung? 

Die Bilder des Mythos, der Parabel, wie des Traums lassen sich nie ganz in Gedanken verwandeln. Sie helfen vielmehr, so paradox es klingen mag, private Phantasmen und kollektive Ideologien in Frage zu stellen. Sie desorientieren uns, damit wir uns neu orientieren. Vorausgesetzt, wir nehmen sie nicht für die konkrete Realität, sondern als Symbol für das Reale, das Unbegreifliche, das jeden Menschen auffordert, einengende, imaginäre Vorstellungen zu überwinden. Religionen haben diesem unsagbaren Realen einen Namen gegeben: Gott. Egal wie, es soll den Menschen anspornen, sich zu transzendieren, sich gegen Objektivierungen und für die Freiheit einzusetzen. Das war auch die Botschaft Jesu. Im offenen Bezug zum Realen, zum Leben schlechthin, kommen wir der Wahrheit unseres Begehrens immer näher.19  

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