Der geheime Lehrplan des Luxemburger Sprachenunterrichts
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Fernand Fehlen
Der geheime Lehrplan des Luxemburger Sprachenunterrichts
« Nous ne serions rien, si nous nous limitions à communiquer en luxembourgeois, mais nous ne serions pas ce que nous sommes si nous n’avions pas le luxembourgeois. » Jean-Claude Juncker¹
Ende der 1960er Jahre wurde der Begriff des hidden curriculum eingeführt, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Schule außer expliziten Lernzielen und intendierten Lerneffekten, ohne es zu wissen und zu wollen, zusätzliche Inhalte und Verhaltensweisen vermittelt. Neben Leistungsprinzip und Konkurrenzdenken kann das geschlechtsspezifische Rollenverhalten als Beispiel angeführt werden.
Wie die Bildungssoziologie später genauer belegt hat, reproduziert die Schule die Gesellschaft in zweifacher Hinsicht: Erstens ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass Kinder aus wirtschaftlich und/oder kulturell begünstigten Milieus die höchsten Bildungsniveaus schaffen werden, als ihre Klassenkameraden aus weniger favorisierten Milieus. Zweitens reproduziert die Schule nicht nur die herrschenden Normen und Werte einer Gesellschaft, sondern auch deren spezifische Wahrnehmungs- und Denkkategorien, die oft über die Sprache vermittelt sind. Weil die Kinder die in einer Gesellschaft allgemein vorherrschenden Meinungen früh und implizit lernen, erscheinen sie ihnen natürlich und selbstverständlich, wie dies der Begriff des gesunden Menschenverstandes unterstreicht. Deshalb bedarf dieser
common sense auch keiner Legitimation. So entsteht ein Wir-Gefühl unter allen, die dieselbe Sprache, Werte und Sichtweisen teilen. Andere Möglichkeiten scheinen undenkbar: « Il est impensable d’abandonner le trilinguisme, trait caractéristique du système éducatif
Das auf 60 Punkten basierende Benotungssystem der Luxemburger Schule trotzt allen wissenschaftlichen Erkenntnissen, dass Benotungen nicht mit der suggerierten Genauigkeit objektivierbar sind.
luxembourgeois »² kann man im Nationalen Bericht zur Reform des Sprachenunterrichts lesen. Dabei beginnt Wissenschaft im sozialwissenschaftlichen Bereich erst dort, wo die allgemeinen Vorurteile in Frage gestellt werden und das Undenkbare nicht nur gedacht, sondern auch laut ausgesprochen wird.
Zur Einstimmung sei ein einfaches Beispiel genannt: Das auf 60 Punkten basierende Benotungssystem der Luxemburger Schule trotzt allen wissenschaftlichen Erkenntnissen, dass Benotungen nicht mit der suggerierten Genauigkeit objektivierbar sind³. Um
der schulischen Realität Rechnung zu tragen, müssen immer neue Kompensationssysteme eingeführt werden, die alle zum Scheitern verurteilt sind, da sie die pädagogisch verantwortliche Bewertung der Schüler hinter einem artifiziellen und byzantinischen Noten-Kalkül zu verbergen versuchen. Weshalb nicht 20 Punkte wie in Frankreich oder Noten von 1 bis 6 wie in Deutschland⁴. Oder überhaupt keine quantifizierte Bewertung, wie zumindest in den ersten Klassen in sehr vielen Ländern⁵. Für Luxemburger, ob Eltern, ob Fachleute wie Bildungspolitiker und Lehrer, ist eine formative Bewertung „undenkbar“ und der Streit um immer ausgeklügeltere Regeln geht weiter.
Während der erste Aspekt der schichtenspezifischen Diskriminierung durch die Schule für Luxemburg leidlich erforscht ist,⁴ gibt es zum zweiten Aspekt der Reproduktion einer bestimmten Denkungsart praktisch keine Untersuchungen. Dieser Beitrag will einen bescheidenen Versuch liefern, sich diesem Thema zu nähern. Dass dabei der heimliche Lehrplan des Sprachenunterrichts im Vordergrund steht, hat nicht nur mit dem Veröffentlichungskontext, dem vorliegenden Dossier, zu tun, sondern auch damit, dass ich überzeugt bin, dass das sprachliche Kapital – bestehend aus den sowohl in der frühen Kindheit in der Familie, als auch später (nicht nur)
in der Schule erworbenen Fähigkeiten, sich in einer oder mehreren Sprachen in einer Form auszudrücken, die von einer gegebenen Gesellschaft als korrekt angesehen wird – nicht nur ein Hauptstrukturierungselement jeder Gesellschaft ist, sondern dass diesem im Großherzogtum, ob seiner besonderen Geschichte, in der die Konstruktion der nationalen Identität mit der „Erfindung“ einer Nationalsprache einherging, eine besonders bedeutsame Rolle zukommt.⁵
In diesem Beitrag werde ich die These vertreten, dass, obwohl die offiziellen Lehrpläne eigentlich auf das Erlernen der drei Fremdsprachen Deutsch, Französisch und Englisch ausgerichtet sind, das hidden curriculum des Sprachenunterrichts in der Luxemburger Schule in der Definition und Vermittlung einer spezifisch luxemburgischen multilingualen Sprachkompetenz besteht. Diese ist die notwendige Zugangsberechtigung zum Staatsdienst, wird aber nur bedingt in der freien Wirtschaft anerkannt. Traditionellerweise gehörte zu ihr auch eine Abwertung des Luxemburgischen, das zwar für Alltagssituationen benutzt wurde, dem man aber keinen kulturell hoch stehenden Wert beimaß. „Als Lëtzebuerger huet ee jo selwer net esou d’Tendenz, fir sech mat senger Sprooch erëmzeklappen. Et läit eis net, se ze liesen an ze schreiwen.“⁶ schrieb die frühere Erziehungsministerin Anne Brasseur im Vorwort zu einem Schulbuch für Luxemburgisch als Fremdsprache. In der Formulierung, dass es „uns nicht liegt“, Luxemburgisch zu lesen und zu schreiben, schwingt die Naturalisierung einer historisch leicht erklärbaren und im Wandel begriffenen Situation mit.
Die Sprachen der Luxemburger
Im 19. Jahrhundert, als allenthalben neue Nationalstaaten entstanden, die in der Regel eine eigene Nationalsprache beanspruchten, kamen die Luxemburger nicht umhin, sich auch eine zu geben⁷. Bereits 1841 war Jean-François Gangler überzeugt, dass die „Luxemburger Sprache, so wie ihre Schwestern, die flämische und die holländische, einer Ausbildung fähig ist, und zur Schriftsprache erhoben werden kann.“ Damit hat er eine Entwicklung vorausgeahnt, die später von der Linguistik mit dem Begriff des Sprachenausbaus beschrieben wurde, ein Prozeß, der aber immer noch nicht abgeschlossen ist, da ver-
schiedenen Funktionen, besonders des Schriftsprachlichen, sich dem Luxemburgischen entziehen. Die verkürzende Formulierung „die Luxemburger“, die keineswegs eine homogene Gruppe darstellen, hätten sich „eine Sprache gegeben“, verschleiert, dass unterschiedlichen sozialen Interessen auch unterschiedliche sprachliche Interessen entsprechen. Französisch war im 19. Jahrhundert die europäische Kultur- und Bildungssprache schlechthin und
Der Ausbau der Luxemburger Sprache erfolgte tendenziell gegen die Eliten und wurde hauptsächlich von gebildeten Mittelschichten, besonders auch von Grundschullehrern getragen, ohne dass dieser Prozess von einer expliziten Sprachenpolitik begleitet worden wäre.
in Luxemburg die Schriftsprache der Verwaltung und der Eliten. Der Zugang zum gehobenen Staatsdienst und zu führenden Positionen setzte deren schriftliche Beherrschung voraus und diese wurde im Gymnasium erlernt. Der Ausbau der Luxemburger Sprache erfolgte tendenziell gegen die Eliten und wurde hauptsächlich von gebildeten Mittelschichten, besonders auch von Grundschullehrern getragen, ohne dass dieser Prozess von einer expliziten Sprachenpolitik begleitet worden wäre.
Nachdem die deutschen Besatzer Luxemburg im Namen eines sprachlich motivierten pangermanistischen Annexionismus 1940 „heim ins Reich“ geholt hatten, war das Gleichgewicht zwischen den beiden Sprachen der großen Nachbarn, wie sie in der Verfassung von 1848 eingeschrieben war, nicht mehr möglich. Alles Deutsche, auch die Sprache, war diskreditiert. Der Ausbau des Luxemburgischen war aber noch nicht weit genug fortgeschritten, als dass auf das Deutsche als Schriftsprache verzichtet werden konnte. So entstand eine utilitaristische Zweckbeziehung zum Deutschen, während das Französische als Bildungssprache akzeptiert wurde, auch von den weniger Gebildeten, die es kaum oder nicht beherrschten.
Somit wurde Französisch nach dem Zweiten Weltkrieg definitiv als Spra-
che der Luxemburger Eliten gefestigt, die Luxemburg als einen der frankophonen Sprachengemeinschaft zugehörigen Staat verstehen und daher in keinem Augenblick daran dachten, das Luxemburgische bei der Gründung der EWG als europäische Amtssprache geltend zu machen. Die hyperkorrekte schriftliche Beherrschung des Französischen ist auch heute noch Bestandteil des offiziellen Lehrplans des Gymnasiums, während die Konstruktion einer Hierarchie zwischen den Sprachen zu dessen geheimen Lehrplan gehört. Dies geschieht hauptsächlich dadurch, dass das Französische progressiv das Deutsche als Unterrichtssprache in fast allen Fächern ablöst.
Für Gebildete gilt auch weiterhin die Feststellung Fernand Hoffmanns aus dem Jahre 1979: „Wer einigermaßen fließend und korrekt französisch spricht, läßt es sich nicht nehmen, seine Französischkompetenz, wenn sich eine Gelegenheit bietet, ins gebührende Licht zu rücken.“⁸ Während die Beziehung zum Deutschen jedoch eine ganz andere ist: „Während man beim Französischen eine möglichst „unauffällige“, d. h. wenig vom Pariser Modell abweichende Sprachform anstrebt, das höchste Ziel also darin besteht, nicht mehr als Luxemburger „aufzufallen“, ist beim Deutschen vielmehr besonders attraktiv, sich durch Verwendung vieler französischer und lëtzebuergescher Elemente vom Durchschnittsdeutsch abzuheben und Eigenständigkeit deutlich zu machen.“⁹
Das ambivalente Verhältnis der Luxemburger zum Deutschen tritt in den Ergebnissen der BaleinBis-Studie zu Tage, in der die Befragten u. a. die drei Landessprachen, sowie das Englische bewerten sollten. Dabei wurde Deutsch von den Luxemburgern nicht nur als die altmodischste, hässlichste und grobschlächtigste der vier Sprachen angesehen, sondern auch noch als die überflüssigste, was angesichts seines Stellenwertes in der Luxemburger Schriftsprachlichkeit (nicht nur in der geschriebenen Presse) seltsam anmutet. (Französisch wurde als schönste und kultivierteste Sprache, Englisch als die modernste bezeichnet, Luxemburgisch als die vertrauteste.)¹⁰
Primärschule
1912 wurde das Luxemburgische in der Primärschule als Fach eingeführt.
Da ihm jedoch bis heute nur eine von insgesamt 28 Wochenstunden pro Jahrgangsklasse zur Verfügung steht und der Unterricht ohne Versetzungsrelevanz sich praktisch auf das Lesen und Auswendiglernen von Gedichten und anderen Texten beschränkt, wird es nicht als richtiges Fach empfunden und somit wird den Schülern, als Teil des hidden curriculum, vermittelt, dass Luxemburgisch keine richtige Sprache sei. Allen staatlichen Standardisierungsbemühungen (von 1946, 1975 und 1999) zum Trotz sind noch immer viele Luxemburger überzeugt, dass es keine verbindliche Schreibweise ihrer Sprache gibt. Dies haben sie in einer Schule gelernt, die mehr als die anderer Länder besonderen Nachdruck auf Rechtschreibung und formale Beherrschung von Sprachen legt, die aber darauf verzichtet, ihre Schüler mit dem Erlernen der Rechtschreibung der eigenen Landessprache zu „strapazieren“. Diese Formulierung findet sich gleich zweimal in dem auch heute noch gültigen Lehrplan (Plan d’études) aus dem Jahre 1989, der die Rolle des Luxemburgischen angesichts des 1984 verabschiedeten Sprachengesetzes verstärken wollte:
„Wann d’Lëtzebuergescht och vun elo un méi eng grouss Plaz an eism Stonneplang anhéll, dann däerf d’Léierpersonal awer net derzou bruecht ginn, ze vill Ufuerderungen un d’Kanner ze stellen. Et soll keng weider Belaaschtung am Kand sengem Schoulliewen ginn, mä et soll e Fach ginn, an deem Freed a Spaass Trémp sinn. (…) Duerch d’Schreiwe vum Lëtzebuergesche soll d’Kand net strapazéiert ginn, et däerfe keng Diktater gemaach ginn, an d’Resultater vun den Exercicen däerfen och net fir d’Nummer op der Zensur zielen¹¹. (…) D’Schüler, a besonnesch déi Schwaach, däerfen a kengem Fall duerch d’Léiere vun der Schreifweis strapazéiert ginn.“
Neben dem im Lehrplan vorgesehenen einstündigen Luxemburgischunterricht soll die Nationalsprache in der Primärschule in einigen „Nebenfächern“ als Unterrichtssprache benutzt werden:
« Dans les branches d’expression, l’éducation musicale, l’éducation physique et sportive et les activités créatrices, de même que pour des cours ‚options et sujets divers‘, le luxembourgeois peut être employé. Toutefois, les explications écrites sont données et rédigées en allemand. Dans les leçons
Im Gegensatz zum allgemeinen Unterricht wird im Fach „Luxemburgisch als Fremdsprache“ die Nationalsprache valorisiert. Abbildung aus: Mir schwätze mateneen, Matériel didactique pour l’apprentissage de la langue luxembourgeoise au régime préparatoire, Band 3, S. 114.
d’éveil aux sciences, le luxembourgeois peut être employé pendant les travaux d’expérimentation et de manipulation. Il est évident que pour toutes les branches dans la première année d’études, l’emploi du luxembourgeois est autorisé pendant la phase initiale d’un nouvel apprentissage. Le luxembourgeois est progressivement remplacé par l’allemand, ceci à partir de la Toussaint. L’instituteur aura cependant soin de ne pas entraver la spontanéité d’expression des enfants. »¹²
Allen staatlichen Standardisierungsbemühungen […] zum Trotz sind noch immer viele Luxemburger überzeugt, dass es keine verbindliche Schreibweise ihrer Sprache gibt.
Mit dem letzten Satz kann ein allgemeiner Gebrauch des Luxemburgischen legitimiert werden, denn luxemburgische Primärschulkinder werden sich spontan in ihrer Muttersprache ausdrücken. Angesichts fehlender wissenschaftlicher Erhebungen kann man jedoch nur Vermutungen über die Präsenz des Luxemburgischen in der Primärschule anstellen.¹³ Doch die regelmäßigen Ermahnungen der Ministerialbürokratie vor dessen Überhandnehmen¹⁴ sind ein untrügliches Zeichen. Darf man etwa
aus folgender Belehrung aus dem Jahre 1948 schließen, dass das Luxemburgische sich in der Nachkriegszeit aus antideutschen Ressentiments heraus verallgemeinert hatte:
« L’emploi du luxembourgeois devra être réservé aux seuls cas où il en résultera un profit pédagogique pour les élèves. Si certaines explications surtout dans la première classe sont données en patois, il ne sera pas toléré à l’avenir que tout l’enseignement se fasse dans cette langue. »¹⁵
In einer Parlamentsdebatte um die Integration der Ausländerkinder wurde festgehalten, dass die offiziellen Unterrichtssprachen immer mehr durch das informelle Ausweichen auf das Luxemburgische verdrängt werden und dies als eine „tief verwurzelte Gewohnheit“, gegen die es anzukämpfen gelte, gebrandmarkt¹⁶. Diese Faktenbeschreibung wird auch durch die ethnographischen Beobachtungen des Klassengeschehens, wie sie in einem von Dominique Portante geleiteten FNR-Forschungsprojekt der Universität Luxemburg¹⁷ durchgeführt wurden, bestätigt. Allerdings widersprechen die Forscher der landläufigen Meinung, darin etwas Negatives zu sehen – « La diversité linguistique et culturelle peut être perçue comme une richesse et une ressource pour créer des opportunités d’apprentissage à l’école et non comme un déficit. » –, ohne jedoch bildungspolitische Schlussfolgerungen,
wie etwa eine radikale Änderung des offiziellen Lehrplans, daraus zu ziehen.
Der Sprachenunterricht ist auf Luxemburger Kinder zugeschnitten, die Deutsch als Zweitsprache über den Fernsehkonsum gelernt haben. Der Begriff der Zweitsprache bezeichnet in der Sprachendidaktik eine Sprache, die zwar nicht Muttersprache ist, aber wegen ihrer Präsenz in alltäglicher Kommunikation von einer Fremdsprache unterschieden werden muss. In einer rezenten Veröffentlichung des Ministeriums wird Deutsch als „Eigensprache“ bezeichnet, die „die Schüler (…) auf Grund der sprachstrukturellen Nähe zum Lëtzebuergeschern mehr oder weniger ungestetert und nicht sprachsystematisch“ lernen sollen.¹⁸ Diese Methode hat Nachteile für die Luxemburger und für die nicht germanophonen Ausländer. Gerade wegen der Nähe zwischen beiden Sprachen laufen die Luxemburger Kinder Gefahr, weder das Deutsche noch ihre Muttersprache korrekt zu beherrschen. Den wenigsten wird es gelingen, beide Sprachen auseinanderzuhalten und typische Interferenzen zu verhindern. Man könnte von einer doppelten Halbsprachigkeit sprechen, wenn dieser Begriff in der Luxemburger Situation, in der Französisch im zweiten Schuljahr als Fremdsprache gelernt werden muss, nicht zu kurz greifen würde und die Situation eher beschönigt als korrekt beschreibt.
Für nicht deutschsprachige Ausländerkinder ist diese Methode vollends ungeeignet. Ihren leichteren Zugang zum Französischen, das sie teilweise als Zweitsprache vor der Einschulung gelernt haben, wird ihnen jedoch wegen der in diesem Fach angewandten Methode nicht weiterhelfen. Typisch für das daraus entstehende pädagogische double-bind ist eine vom erwähnten Forschungsprojekt dokumentierte Situation, in der die bessere Französisch-Kompetenz eines Immigrantenkindes benutzt wird, um ein Gespräch mit den kleinen Luxemburgern in Gang zu bringen, und gleichzeitig dessen spontane Äußerungen als zu umgangssprachlich gebrandmarkt werden.
Angesichts der erschreckend schlechten Schulergebnisse der Immigrantenkinder entstand die Forderung einer Zweiteilung der Luxemburger Schule¹⁹ mit einer Alphabetisierung in Deutsch und einer Alphabetisierung in Franzö-
sisch. Unabhängig vom Argument, dass dadurch der soziale Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdet und deren Auseinanderdriften in zwei Sprachgemeinschaften vorprogrammiert sei, stellt sich die Frage, ob diese Zweiteilung wirklich das Allheilmittel darstellt und ob das Problem nicht andere Wurzeln hat. Vielleicht liegt die Hauptschwierigkeit nicht in dem Erlernen der deutschen Sprache als solcher, sondern nur in der angewandten Methode bzw. in der Tatsache,
Die Aufwertung der Luxemburger Sprache und die damit oft einhergehende Zurückweisung der historisch gewachsenen Mehrsprachigkeit und insbesondere des Französischen wird zu Recht als Bedrohung eines konstitutiven Bestandteils der Luxemburger Identität gesehen.
drei neue Sprachen auf einmal lernen zu müssen, wobei die Nähe zwischen Deutsch und Luxemburgisch für nicht Muttersprachler in einer der beiden eher hinderlich sein dürfte. Es ist das hidden curriculum, das eine diffuse Dreisprachigkeit zur Norm und zur Voraussetzung aber nicht zum Gegenstand des Unterrichts macht, an dem die Immigrantenkinder scheitern.
Eine zu zaghafte Reform
Die neue Erziehungsministerin, Mady Delvaux-Stehres, ist angetreten, den Sprachenunterricht grundlegend zu reformieren. Dabei kann sie auf die Hilfe der Experten des Europarates und deren auf die Erlernung von allgemeinen Sprachkompetenzen ausgerichtetes Konzept des Sprachenprofils zählen. Obschon dieses der Muttersprache einen hohen Stellenwert einräumt, soll das unklare Statut des Luxemburgischen nicht geändert werden. Dieses Paradoxon wird aufgelöst, indem im neuen Sprachenprofil die Dreisprachigkeit zur Muttersprache der Luxemburger erklärt wird²⁰ und somit gewissermaßen der klandestine Siegeszug des Luxemburgischen in der Primärschule nachträglich legitimiert wird²¹.
Das Reformvorhaben der Ministerin ist jedoch wegen seiner Halbherzigkeit zum Scheitern verurteilt. Anstatt
von der aktuellen Sprachensituation in Luxemburg auszugehen, die sich parallel zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel der letzten zwanzig Jahre zutiefst verändert hat, lässt sie sich von den kurzsichtigen und leicht durchschaubaren Interessen einzelner Sprachenlehrerlobbies leiten. Obschon Französisch als Elitesprache unter dem Konkurrenzdruck des Englischen steht und immer mehr Stimmen laut werden, dass die Absolventen der Luxemburger Gymnasien diese Lingua Franca der Weltwirtschaft und der EU-Verwaltung nicht hinreichend beherrschen, ist der Versuch, Englisch ab der 7. Klasse einzuführen, soeben gescheitert.
Die Segmentierung des Arbeitsmarktes²² in einen geschützten, praktisch den Luxemburgern oder zumindest Luxemburgisch Sprechenden vorbehaltenen Sektor und einen konkurrentiellen Sektor hat zu einer tiefgreifenden Umgewichtung innerhalb der legitimen multilingualen luxemburgischen Sprachkompetenz geführt: Luxemburgisch erhält einen höheren Stellenwert²³, da es zum Wettbewerbsvorteil gegenüber Grenzpendlern wird. Dies ist die eigentliche Ursache für den Unmut, der sich in letzter Zeit, nicht nur bei den Schülern, die kein klassisches Abitur anstreben, gegen das Französische breitmacht²⁴.
Der nationale Bericht zur Reform des Sprachenprofils zeichnet ein konfliktfreies Bild der Luxemburger Sprachenlandschaft, das keineswegs der Wirklichkeit entspricht. So kann man in den Bewegungen für eine neue Nationalfahne oder für ein Festschreiben des Luxemburgischen als Nationalsprache in die Verfassung genauso wie in den vielen ausländerfeindlichen Bemerkungen in Internetforen²⁵ Anzeichen für einen «repli identitaire» sehen. Die Aufwertung der Luxemburger Sprache und die damit oft einhergehende Zurückweisung der historisch gewachsenen Mehrsprachigkeit und insbesondere des Französischen wird zu Recht als Bedrohung eines konstitutiven Bestandteils der Luxemburger Identität gesehen, wie es z. B. Georges Erasme Muller, Psychiater und Autor des Essays How to remain what we are, zum Ausdruck bringt:
« Le Grand-Duché reste un champ de bataille linguistique et la langue française représentera toujours une partie indispensable de notre identité. Bien qu’elle soit devenue la ‚lingua franca‘
de notre marché du travail et du commerce, elle est plus que jamais menacée dans l’éducation nationale. »26
Angesichts der realen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen bedarf es einer offensiven Sprachenpolitik, die eine Antwort auf die doppelte Frage liefert: Wie kann man gleichzeitig die traditionelle Mehrsprachigkeit weiter erhalten und ausbauen und gleichzeitig der Luxemburger Sprache den Platz sichern, der ihr in einem Europa zukommt, das die kleinen Sprachen fördern will, sogar wenn sie nicht National- sondern „nur“ Regionalsprachen sind?
1 Anlässlich einer Diskussion mit Schülern im Rahmen der Aktion Interlycées, Le Quotidien vom 21.11.2006.
2 Charles Berg et Christiane Weis, Sociologie de l’enseignement des langues dans un environnement multilingue, Rapport national en vue de l’élaboration du profil des politiques linguistiques éducatives luxembourgeoises, www.men.lu/edu/fre/pdf/RapportLuxembourgeoise05.pdf, S. 100, meine Hervorhebung.
3 Die detaillierte Publikation der Notenverteilung im Abitur zeigt, dass in manchen Fächern praktisch 10% der Schüler die Grenznote 30 bekommen, so z. B. 12% in Philosophie. http://www.script.lu/documentation/pdf/publi/diplomes/diplomes-certifications20042005.pdf, S. 25.
4 Zitieren wir nur die erste Studie, die aus dem Jahr 1977 stammt und unter dem Namen MAGRIP (matière grise perdue) bekannt wurde, und die rezistente, die im Augenblick von der Uni Luxemburg im Rahmen des FNR-Forschungsprojektes l’école de demain durchgeführt wird (Siehe: http://www.emacs.uni.lu/html/index.php?option=com_content&task=view&id=34&Itemid=121).
5 Diese Aussage ist in ihrer gerafften Form für den Laien schwer verständlich, deshalb verweise ich auf meine soziolinguistischen Arbeiten der letzten 10 Jahre, durch die sich diese Idee wie ein roter Faden zieht. Siehe z. B. die im Internet zugän-
gige forum-Nummer 172, aus dem Jahre 1997: http://www.forum.lu/bibliothek/ausgaben/inhalt/?ausgabe=172.
6 Anne Brasseur, Vorwort zu Mir schwätze mateneen, Matériel didactique pour l’apprentissage de la langue luxembourgeoise au régime préparatoire.
7 Für eine differenziertere Darstellung und präzise bibliographische Angaben, verweise ich auf: Fernand Fehlen, „Babylon im Kleinformat – Sprachliche Vielfalt in Luxemburg“. In: Dittmar, Norbert/Menschling Guido, Minderheitensprachen in Europa. Last oder Chance. Frankfurt a.M./Zürich/Bern: Peter Lang Verlag, 2007.
8 Fernand Hoffmann, Sprachen in Luxemburg. Sprachwissenschaftliche und literatur-historische Beschreibung einer Triglossie-Situation. Luxemburg, 1979, S. 124.
9 Johannes Kramer, Zweisprachigkeit in den Benelux-Ländern. Hamburg, 1984, S. 210.
10 Fernand Fehlen, BaleinBis, Résultats d’une enquête sociolinguistique, Luxembourg, 2007, http://www.uni.lu/recherche/fshase/stade/publications.
11 Der Satz wird noch einmal leicht modifiziert für das 5. und 6. Schuljahr wiederholt: „Et gi keng Diktater gemaach an d’Schréflecht zielt och net fir d’Nummer op der Zensur.“
12 Laut aktuellen Angaben gilt der Plan d’études von 1989 nach immer (vgl. http://www.men.public.lu/sys.edu/primaire/programmes_primaire/index.html).
13 Siehe auch: Fernand Fehlen, Réformer l’enseignement des langues, Luxembourg, 2006, http://www.uni.lu/recherche/fshase/stade/publications.
14 Besonders Anne Brasseur hat der Lehrerschaft regelmäßig die offiziellen Sprachenforderungen des Lehrplans mit großem Nachdruck ans Herz gelegt, so in ihren Circulaire de printemps nachzulesen.
15 « Circulaire du 22 décembre 1948 au personnel enseignant sur l’emploi de l’allemand comme langue véhiculaire dans l’enseignement primaire par Pierre Frieden », dans: Courrier des écoles du Grand-Duché du Luxembourg, 1949, n° 1, p. 6, zitiert nach: Benoît Majerus, Inventor le luxembourgeois, Enjeux et débats autour de la langue luxembourgeoise aux XIXe et XXe siècles.
16 Siehe z. B. Ministère de l’Éducation nationale, de la Formation professionnelle et des Sports: Débat d’orientation sur l’école d’intégration le 29 novembre 2000 – Rapport à la Chambre des Députés sur la
mise en œuvre de la motion adoptée, Situation: mai 2004.
17 Le plurilinguisme auprès des enfants de trois à neuf ans à l’école au Luxembourg, siehe eine Projektbeschreibung mit ersten Ergebnissen: http://uni.lcmi.lu/resources/pdf/_base_resources/437766011X.pdf.
18 Peter Kühn, „Die Stellung der deutschen Sprache in der luxemburgischen Mehrsprachigkeit“, in: Ministère de l’Éducation nationale, Culture luxembourgeoise, Luxembourg, 2006, S. 19.
19 Siehe z. B. Stellungnahme der ASTI: « Tocsin pour l’école », abgedruckt z. B. im journal vom 25.2.2005 oder ganz rezent: Georges E. Muller, « Ouvrir une filière francophone ? », Le Jeudi, 1er février 2007.
20 Profil de la politique linguistique éducative, http://www.men.lu/edu/fre/pdf/060228_profillinguistiqueLU.pdf, S. 15: « A l’évidence du besoin de plurilinguisme, ‚véritable langue maternelle des Luxembourgeois‘ comme le dit le Rapport national, s’ajoute une authentique ‚fierté des langues‘. »
21 Dazu passt auch, dass die jetzige Erziehungsministerin im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin nicht mehr explizit auf die Einhaltung der Unterrichtssprachen pocht. Darauf angesprochen, so etwa in einer Informationsveranstaltung an der Universität Luxemburg zum Profil linguistique, betont sie aber, dass deren Verordnungen nicht aufgehoben sind.
22 Fernand Fehlen, « Le marché de l’emploi transfrontalier et le marché linguistique du Luxembourg », in: Dimensions socio-économiques de la mobilité transfrontalière, actes du séminaire transfrontalier EURES – OIE, Luxembourg, 2006, http://www.eureslux.org/documents/FR/Par72.pdf.
23 Dies wird auch dadurch bestätigt, dass immer mehr Ausländer Luxemburgisch als Fremdsprache lernen, um auch von diesem Vorteil gegenüber weniger sprachlich integrierten Ausländern zu profitieren.
24 Das diesem Text vorangestellte Juncker-Zitat stammt aus einer Veranstaltung, in der 400 Gymnasiasten aus Luxemburger und internationalen Schulen auf französisch über europopolitische Themen diskutieren sollten und die ausartete, als eine Schülerin auf Luxemburgisch dagegen protestierte, dass sie zuviel Französisch, Portugiesisch und Italienisch um sich herum hören müsse, und dass die Grenzpendler kein Luxemburgisch lernen wollten.
25 Z. B.: http://www.lux-forum.de/forum-lu/
26 Georges E. Muller, « Ouvrir une filière francophone ? », Le Jeudi, 1er février 2007.
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