„Der katholische Luther“

Prof. Joseph Lortz (1887-1975) aus Grevenmacher hat das Lutherbild der katholischen Kirche entscheidend geändert

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Bodo Bost

„Der katholische Luther“

Prof. Joseph Lortz (1887-1975) aus Grevenmacher hat das Lutherbild der katholischen Kirche entscheidend geändert.

Die Reformation war zwar das Ergebnis vieler zeitgeschichtlicher Entwicklungen, dazu gehörte sicherlich an erster Stelle der Humanismus, aber sie wird mit einem Namen verbunden, der ihr mehr als andere auch seine Prägung geben sollte, Martin Luther. Auch wenn Luther selbst niemals wollte, dass eine Kirche nach ihm benannt werde, haben sich an seiner Person die Geister und auch die Kirchen gerieben und schließlich geschieden. Kein Wunder, dass diese Persönlichkeit mehr als andere in den letzten 500 Jahren im Kreuzfeuer der Beziehungen zwischen evangelisch-lutherischer und römisch-katholischer Kirche stand und diese im wahrsten Sinne polarisiert hat. Dabei kam es, wie beim Prinzip der These und Antithese, zu einer gegenseitigen Überbietung der Positionen. So war das anfängliche katholische Lutherbild der Verteufelung und völligen Verwerfung eine Reaktion auf eine sich geradezu überschlagende Aufwertung Luthers in der Lutherischen Orthodoxie – wie umgekehrt die katholischen Maßlosigkeiten die beinahe natürliche Konsequenz einer Quasi-Kanonisierung im evangelischen Bereich Luthers herausforderten. Es dauerte lange bis sich auf evangelischer Seite auch Kritik an dem Reformator und vielen seiner Schriften (z.Bsp. gegen die Juden, Bauern usw.) äußerte und bis sich auf katholischer Seite Anerkennung für den Menschen Luther und sein Werk einstellten. Es war ein Luxemburger Priester, Joseph Lortz (1887-1975), der als erster Theologe von Format, eine positive Wertung der Persönlichkeit Martin Luthers inner-

halb der katholischen Kirche wagte und damit den Weg bereitete für einen ökumenischen Dialog zwischen den beiden größten christlichen Konfessionen, der immer mehr die Zukunft und die Glaubwürdigkeit der Christen in der Vielfalt der Weltreligionen ausmachen wird. Dies allein hätte wohl ausgereicht, Joseph Lortz einen vorderen Platz in der „hall

Es war ein Luxemburger Priester, Joseph Lortz, der als erster Theologe von Format, eine positive Wertung der Persönlichkeit Martin Luthers innerhalb der katholischen Kirche wagte.

of fame“ der großen Luxemburger Persönlichkeiten zu sichern, wenn da nicht politisch-ideologische Abwege gewesen wären, auf die dieser Historiker in Hitler-Deutschland geraten ist, die ihn dazu verleitet haben, dem Zeitgeist seine Huldigung zu erweisen und von der Rolle eines distanzierten Geschichtsanalytikers in die Rolle des selbst agierenden Geschichtsgestalters zu schlüpfen.

Die Bedeutung von Joseph Lortz für die katholische Lutherforschung

Joseph Lortz ist vielleicht der maßgeblichste katholische Luther-Forscher des 20. Jahrhunderts. Sein zweibändiges Werk Die Reformation in Deutschland, erst-

mals erschienen 1939, wurde sowohl von katholischer als auch evangelischer Seite überaus gelobt. Lortz war der erste katholische Autor, der Luther in seiner gesamten Persönlichkeit darstellte, ohne ihn als Mensch herabzuwürdigen. Vor Lortz stand die gesamte katholische Lutherforschung immer noch unter dem Einfluss des katholischen Reformationsgegners und Zeitgenossen von Luther, Cochlaeus (1479-1552), welcher in seinen Commentaria de actis et scriptis M.Lutheri zu einer Dämonisierung Luthers in katholischen Kreisen beigetragen hatte. Cochlaeus hatte 1549, nach dem Tode Luthers, in Legendenform eine Lebensbeschreibung des großen Reformators geschrieben, die 350 Jahre lang die Grundlage des katholischen Lutherbildes bildete. Erst nachdem Lortz mit seinem Reformationsepos 1939 den Weg bereitet hatte, zerstörte Adolf Herte, in seinem Buch Das katholische Lutherbild im Bann der Lutherkommentare des Cochlaeus (3 Bde, 1943), das von Cochlaeus geprägte Luther-Bild.

Vor Lortz hatte der österreichische Dominikaner Joseph Denifle (1844-1905), der als der beste Kenner des Mittelalters und Spezialist des „Jungen Luthers“ seiner Zeit galt, gegen Luther in einer polemischen Schmählschrift den Vorwurf der Unmoral und Unwissenheit erhoben. Denifle und später auch der Jesuit Hartmann Grisar hatten sich sogar der gerade aufgekommenen Freudianischen Psychologie bedient, um Luther eine „manisch-depressive“ Persönlichkeit zu bescheinigen. Denifle und mehr noch Hartmann Grisar reagierten auf

die Genieglorifizierung Luthers in evangelischen Historikerkreisen, indem sie seine Abhängigkeiten von der vorausgehenden nominalistischen Theologie und seine psychologischen Traumatisierungen scharf ins Bild rückten. Es war die Leistung von Lortz, dass er das bisherige, ideologisch gefärbte, katholische Lutherbild über Bord warf und sich um eine historisch-objektive und wissenschaftlich redliche Darstellung der Vorgänge während der Reformation bemühte. Als erster katholischer Theologe stellte Lortz Luther als einen gläubigen Priester und Lehrer dar, der allerdings Opfer seines Subjektivismus geworden war. Lortz schrieb: „Luther war nicht durch niedere Instinkte oder Wünsche motiviert als er mit der Kirche brach […] das sollte jeder verstehen. Die Reformation war unvermeidlich, weil die katholische Kirche seiner Zeit sich in Leben und Denken in einer Dekadenzphase befunden hatte.“

Lortz‘ Einschätzung von Luther

Lortz sah Luther als einen zutiefst religiösen Menschen, der nur in theologischen Kategorien verstanden werden konnte. Als solcher hatte er sich ohne Zögern und mit besten Absichten ins Ordensleben gestürzt und sich kompromisslos dem Studium der Heiligen Schriften gewidmet, wo er einen gnädigen Gott zu finden hoffte. Ganz gleich wie man gewisse Seiten seines Charakters beurteilte, ganz gleich wie man zu seiner zuweilen ungezügelten Polemik stand, für Lortz bestand kein Zweifel daran, dass Luther ein überzeugter Christ war, der einen tiefen Glauben an „Jesus Christus, Sohn Gottes, geboren aus der Jungfrau Maria, gekreuzigt und auferstanden, um die Menschheit zu erlösen“, hatte. Luthers größte Sorge sei das Seelenheil gewesen, er habe ein vorbildliches Gebetsleben gepflegt, was die von ihm komponierten Hymnen und Choräle von großer theologischer Tiefe beweisen. Durch die Anerkennung Luthers als homo religiosus vollzog Lortz innerhalb der katholischen Theologie, wo Luther bis dahin fast nur als Papstgegner gesehen worden war, fast eine Revolution, denn nur durch diese neue Sichtweise konnten die durch Cochlaeus, Denifle und Grisar verursachten Verdrehungen und Verleumdungen in der Sichtweise Luthers überwunden werden. Neben dem homo religiosus erkannte Lortz, dass Luther ein genialer und überaus kreativer Mensch war, mit einer starken Portion Selbstbewusstsein. Ein Genie zu definieren

ist immer schwierig, noch schwieriger wird es, wenn es sich dabei um Luther handelt. Die unterschiedlichen Bewertungen der Persönlichkeit des Reformators schrieb Lortz nicht einfach konfessionellen Vorurteilen zu. Er sah auch in der Person Luthers die Ursache dafür, denn die Persönlichkeit Luthers sei ein „Komplex von Widersprüchlichkeiten“, je schwieriger eine Persönlichkeit zu verstehen sei, je größer sei die Versuchung zur Vereinfachung und Verallgemeinerung von Charakterzügen. In diese Falle seien viele katholische Lutherbiographen gegangen und hätten deshalb die Paradoxe, Übertreibungen und Vulgaritäten in der Person und der Sprache Luthers nicht verstanden. Für Lortz war Luther ein intellektueller Gigant, einem Ozean vergleichbar, in dem man allzu leicht versinken konnte.

Als erster katholischer Theologe stellte Lortz Luther als einen gläubigen Priester und Lehrer dar, der allerdings Opfer seines Subjektivismus geworden war.

Mehr als jeder katholische Autor vor ihm erkannte Lortz das Genie und die Originalität Martin Luthers. Er erkannte, dass Luther nicht so sehr eine neue Theologie betrieb, sondern eher die alten Theologien des Wilhelm Ockham, Duns Scotus, oder sogar Thomas von Aquins neu interpretierte und vortrug. Auch verstand man Luther im Sinne Lortz nicht richtig, wenn man ihn nur als Theologen sah. Die großen Schriften Luthers, seien es seine Vorlesungen der jüngeren Jahre aber auch seine Streitschriften der späteren Jahre, wirkten nicht nur durch ihre theologischen Inhalte, sondern in erster Linie beeindruckten sie durch eine bis dato nicht gekannte sprachliche Ausdruckskraft und ihre persönliche Strenge. Luther war eben nicht nur Theologe, er war eben auch so etwas wie ein Prophet und Kämpfer. Wer seine Schriften richtig verstehen und analysieren wollte, musste, wie Lortz es ausdrückte, selbst in die Rolle des Propheten schlüpfen.

Lortz‘ Beurteilung der Gründe der Reformation

Die katholischen Kirchengeschichtler vor Lortz hatten nicht nur den Menschen Luther falsch eingeschätzt, sie hatten auch den Beitrag der katholischen Kirche

Joseph Lortz (1887-1975)

zur Reformation nicht richtig gesehen. Nach Lortz bedurfte die Kirche im 16. Jahrhundert einer Generalüberholung, zu weit verbreitet waren in dieser Zeit Amtsmissbrauch in der kirchlichen Hierarchie und Ambiguität der Theologie. In diesem Sinne trägt nach Lortz die katholische Kirche auch eine Mitschuld und eine Mitverantwortung am Zustandekommen der Reformation. Nur der Zustand der katholischen Kirche zu Beginn des 16. Jahrhunderts habe die Reformation möglich und in einem gewissen Sinne auch historisch notwendig gemacht. Theologische Unklarheit und Ambiguität innerhalb des katholischen Lehramtes war eine der besonders wichtigen Voraussetzungen, die eine Reformation in der Kirche herbeiführte. Darin liegt in gewissem Sinne der „Schlüssel zum Verständnis des Rätsels der kolossalen Apostasie“¹. Die Dunkelheit, in der sich die Kirche zur Zeit der Reformation befand, sei umso unheilvoller gewesen, weil die Katholiken der Illusion anhinghen, dass die katholische Doktrin in Bezug auf die von Luther aufgeworfenen Fragen nicht einer Meinung gewesen sei. Die Jahrzehnte andauernden Verhandlungen auf dem „Reform“Konzil von Trient (1545-1563) sollten dies beweisen. Luther habe auf seiner Suche nach einem gnädigen Gott ungewollt das Dogmen-Terrain der katholischen Kirche verlassen. Er habe weder ein vorgeplantes Revolutionsprogramm, noch sei er getrieben gewesen von unlauteren Absichten und Wünschen, die ihn zum Bruch mit der Kirche verleitet hätten. Dank der Vorarbeiten von Lortz, argumentieren katholische Theologen heute, seien sie in einer günstigeren Lage als ihre protestantischen Kollegen, Luther historisch objektiv zu verstehen. Nachdem die katholischen Historiker die bewertenden Kategorien eines Cochlaeus und sogar eines Denifle

verlassen hätten, seien sie in der Lage, den „katholischen Reichtum“ Luthers zu erkennen, von dem viele beeindruckt sind. Erst jetzt können viele katholische Theologen erkennen, wie falsch es war, Luther aus der Kirche hinaus zu treiben und damit die Spaltung auszulösen, die die Kirche und auch die Theologie bis heute belastet. Es muss jetzt darum gehen, die „Reichtümer Luthers“ wieder in die Kirche zurück zu tragen². Nicht nur aus diesem Grunde galt Lortz als der Begründer des „katholischen Luther“. Lortz hatte auch entdeckt, dass eine der zentralen Forderungen Luthers, die „Sola Fide“, die Rechtfertigung allein aus dem Glauben, bereits einer alten katholischen Doktrin entsprach, welche besagt, dass der Christ an die Vergebung der Sünden wie an die Heilszusage allgemein glauben muss. Luther muss diese Doktrin unbewusst gekannt haben, als er begann, sich mit dem Römerbrief 1,17ff. zu beschäftigen und er zu der Schlussfolgerung kam, dass allein die Gerechtigkeit Gottes (Gnade) die Grundlage unserer Errettung sein kann.

Lortz’ Kritik an Luther

Lortz sah im Thomismus die einzige richtige Theologie. Da Luther in der Theologie Wilhelm Ockhams ausgebildet worden war, sei er nicht in der Lage gewesen, die Schriften voll zu verstehen. Die Irrtümer, die Luther der katholischen Kirche vorwerfe, seien seiner von Wilhelm Ockham geprägten Theologie zuzuschreiben. „Deshalb habe Luther einen Katholizismus abgelehnt, der im Grunde gar kein Katholizismus gewesen sei, sondern eine von Wilhelm von Ockham geprägte Scholastik, in der Luther seine theologische Ausbildung bekommen hatte“³. Luther hat also in der Sicht von Joseph Lortz einen Katholizismus bekämpft, der als dekadent angesehen werden muss, wie sich allerdings erst später herausstellte. Im Grunde sei also die Reformation die Folge eines riesigen Missverständnisses gewesen.

Der zweite und zentrale Vorwurf von Lortz gegen Luther ist der seines Subjektivismus. In seinem Bemühen, zu verstehen was Erlösung bedeutet, interpretierte Luther die Heilige Schrift gemäß seinen eigenen persönlichen, individuellen Bedürfnissen. Lortz warf Luther vor, dass er, obwohl er seine Theologie ganz klar auf die Heilige Schrift basieren wollte, in der Auswahl der Schrifttexte sehr selektiv vorgegangen sei. Auch habe

er die Schrift oft vereinfacht interpretiert und ihre Botschaft reduziert, nur weil er den Anspruch der katholischen Kirche auf die letztendliche Lehrhoheit in Frage stellte. Lortz glaubte, dass Luther sich selbst als „Prophet in Isolierung“ verstanden habe, deshalb habe er sich angemacht, wie die Propheten, biblische Offenbarungen nach seinen persönlichen Bedürfnissen zu interpretieren. Dies habe dazu geführt, dass er die Fülle der biblischen Botschaften nicht immer gesehen habe.

Nach Lortz trägt die katholische Kirche eine Mitschuld und eine Mitverantwortung am Zustandekommen der Reformation.

Allerdings findet sich bei Lortz keine Bitterkeit gegenüber Luther. Er glaubt in der nominalistischen Erziehung, den Grund für diesen übertriebenen Individualismus Luthers zu finden. Für Lortz blieb Luther der Gefangene seiner eigenen subjektivistischen Interpretationen, deshalb sei es ihm nicht gelungen, die Kirche zu reformieren, wie er es ursprünglich vorhatte, sondern er habe sie gespalten. In dieser Sichtweise kann man Lortz jedoch auch vorwerfen, dass er schlussendlich, auch wenn er viele neue, positive Aspekte zur Geschichte der Reformation beigetragen hat, ein Gefangener der römischen Sichtweise der Reformation geblieben ist. Obschon Lortz so zu einem der Wegbereiter der Ökumene und auch des Vaticanum II geworden ist, blieb er bis zu seinem Lebensende 1975 ein eher skeptischer Begleiter des ökumenischen Prozesses. Lortz hat sich nicht mit dem 2. Vatikanischen Konzil und auch nicht mit der in ihm beschlossenen ökumenischen Öffnung zurechtgefunden. Seine Hoffnung, als Berater zum Konzil berufen zu werden, erfüllte sich nicht. Er warnte immer vor dem Substanzverlust und der „Preisgabe eines Ökumenismus ohne Wahrheit“. Obwohl Lortz Zeit seines Lebens von dem Bemühen zum wirklichen Verstehen der getrennten Kirchen getrieben war, war er aus Angst vor einer Nivellierung der Glaubensinhalte gegen die Ökumene. Seine letzten Schriften gehen allesamt in diese Richtung. Durch seine Revision des Lutherbildes hatte Lortz zwar eine der Voraussetzungen des ökumenischen Prozesses geschaffen, aber bei der Überwindung der theologischen Differenzen, dort wo es um die Fundamente des Glaubens geht, konnte und

wollte Lortz keine Rolle mehr spielen. Im Gegenteil, neben der Dialogbereitschaft schwingt bei Lortz schon seit seinen frühen Schriften immer auch eine apologetische Intention mit, die zu einer „Konversion der getrennten Brüder“ führen soll. Unter diesem Aspekt kann man auch die ideologischen Verirrungen von Joseph Lortz in NS-Deutschland verstehen. Im Grunde sah Lortz nämlich in dem Katholiken Hitler eine Chance, die Reformation geschichtlich abzuschließen, wenn es unter Hitler zu einer deutsch-germanischen Kirche unter katholischer Dominanz gekommen wäre.

Leben und Werk von Joseph Lortz

Joseph Lortz begann seine wissenschaftliche Laufbahn 1913-1923 in Bonn, wo die Kirchen- und Reformationshistoriker Heinrich Schrörs, Joseph Greving und Albert Ehrhard seinen weiteren Werdegang beeinflussten. Seit 1917 arbeitete er zusammen mit Prof. Greving als Sekretär an der Herausgabe des Corpus Catholicorum. Entsprechend dem Corpus Reformatorum, das bereits Anfang des 19. Jahrhunderts von dem evangelischen Theologen Karl Gottlieb Brettschneider gesammelt worden war, umfasste das Corpus Catholicorum die Sichtung und Veröffentlichung von Schriften und Briefen katholischer Kontrovers-theologen der Reformationszeit. Man kann annehmen, dass diese Quellen-tätigkeit zur katholischen Reformationsgeschichte entscheidend war für die spätere Entwicklung von Joseph Lortz zum führenden katholischen Reformationshistoriker. Am 2.7.1920 promovierte Lortz in Bonn, die Habilitation folgte am 11.7.1923 in Würzburg, wo Lortz bis 1929 unter Sebastian Merkle als Privatdozent und Studentenselsorger wirkte. In seinen frühen Jahren als Kirchen-historiker hatte sich Lortz vor allem mit der christlichen Apologetik der ersten Jahrhunderte beschäftigt. Seine Dissertation sowie die in zwei Bänden 1927/28 erschienene Habilitationsschrift über Tertullian als Apologet wurden seinerzeit zwar überwiegend positiv aufgenommen, fanden aber keinen wesentlichen Niederschlag in der späteren Tertullian-Forschung. Würzburg hatte Lortz vor allem auch deshalb gewählt, weil er sich dort ein besseres Sprungbrett für seine Theologenkarriere erhoffte. Bayern, zu dem Würzburg gehört, war in den Anfangsjahren der Weimarer Republik bekanntlich das zentrale Experimentierfeld nationalistisch-monarchistischer

Umtriebe, dem auch der junge Adolf Hitler seinen kometenhaften Aufstieg verdankte. Der Würzburger Bischof Matthias Ehrenfried war ein Anhänger der monarchistischen Partei, die den Wittelsbacher Kronprinz Rupprecht, der mit einer Luxemburger Prinzessin verheiratet war, wieder an die Macht bringen wollte. Offenbar scheint Lortz in dieser Zeit ebenfalls Sympathien für die Monarchie in Deutschland gehegt zu haben, denn im Jahre 1926 warnten seine Studenten in einem offenem Brief ihren Seelsorger vor der „monarchistischen Reaktion und feudaler Überhebung“⁴. In Würzburg gelang es Lortz, Kontakte zu zwei großen deutschen Verlagen zu knüpfen, dem Herder-Verlag in Freiburg im Breisgau und dem Aschendorff-Verlag in Münster, von denen er zwei monumentale Auftragsarbeiten erhielt: von Herder den Auftrag zur Anfertigung einer Reformationsgeschichte und von Aschendorff den Auftrag zu einer Kirchengeschichte⁵.

1929 erhielt Lortz einen Ruf als ordentlicher Professor für Kirchengeschichte an die Staatliche Akademie Braunsberg. Braunsberg, eine Kleinstadt von damals 15 000 Einwohnern, in der Diözese Ermland, war eine katholische Insel im mehrheitlich protestantischen Ostpreußen. Lortz war von den Ermländern und ihrem tiefen Glauben sehr beeindruckt. Schnell wurde er ein Freund des hoch angesehenen Bischofs Maximilian Kaller (1880-1947) und seines Sekretärs Gert Fittkau, beides überzeugte Hitler-Gegner, die nach dem Krieg versuchten, Lortz von dem Vorwurf der Mitläuferschaft im NS-System zu rehabilitieren. Die Braunsbergerin Getrude Lehmann, eine ehemalige Studentin von Lortz, wurde nach dem Kriege auch seine Chefsekretärin und verwaltete noch nach seinem Tode das „Lortz-Archiv“⁶. Das Ermland war die einzige Diözese Deutschlands, die vom Kulturkampf unter Bismarck 1872-1888, die die katholische Kirche in Deutschland in eine tiefe Identitätskrise gestürzt hatte, verschont geblieben war. Das Verhältnis der Ermländer Katholiken zur Staatsmacht war also ungebrochen. Ostpreußen, mit Ausnahme des Ermlandes, war damals schon eine der Hochburgen der NSDAP bei den immer häufiger stattfindenden Wahlen zum deutschen Reichstag. Die Braunsberger theologische Fakultät war damals zwar die kleinste derartige Fakultät in Deutschland, aber auch die einzige deutsche theologische Fakultät, die offen Sympathie gegenüber dem neuen Führerstaatsmodell bekun-

dete. Alle anderen theologischen Fakultäten waren zumindest abwartend oder gar ablehnend. In Braunsberg vollendete Lortz sein seit 1929 zunächst in Teilbänden für den Aschendorff Verlag geschriebenes Werk über Die Geschichte der Kirche in ideengeschichtlicher Betrachtung (völlig überarbeitete und ergänzte 23. Auflage 1965), das zunächst als Schulbuch für den Gebrauch in den Oberstufen an höheren Schulen erschien. Ausgehend

Für Lortz blieb Luther der Gefangene seiner eigenen subjektivistischen Interpretationen, deshalb sei es ihm nicht gelungen, die Kirche zu reformieren, wie er es ursprünglich vorhatte, sondern er habe sie gespalten.

von dem theologischen Axiom „Gnade setzt Natur voraus“, war Lortz an einer geschichtlichen Sinndeutung der christlichen Vergangenheit auf der Grundlage ihrer natürlichen Voraussetzungen und mitwirkenden Faktoren gelegen. Er verstand die Kirchengeschichte also als ein Teilgebiet der Theologie. In Braunsberg erlebte Lortz auch die Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933. Die Machtergreifung Hitlers war vorbereitet worden durch eine breite, in Intellektuellenkreisen sehr kontrovers diskutierte Umdeutung des Sinnes von Parlamen-

tarismus und Führerschaft, an der sich Lortz eifrig beteiligte, indem er in seinem Buch zur ideengeschichtlichen Betrachtung der Kirche feststellte: „Dass sich in Deutschland eine Umschichtung vollziehe, die sich im politischen Bereich durch die Beschneidung der liberal-demokratischen Idee und des Parlamentarismus verwirkliche. Dies ist eine dem Aufbau dienende geistige Umschichtung, um dem Gedanken der Führerschaft, der Diktatur, des überparteilichen Parlaments mehr Gewicht zukommen zu lassen“⁷. In diesem Sinne feierte Lortz den Sieg Hitlers als „providentiell, als Niederringung der alten Parteien kraft eines Totalitätsanspruches, wie er unbedingt zum Wesen des Nationalsozialismus dazugehöre“⁸. Seit der Machtergreifung Hitlers fügte Lortz seinem Monumentalwerk zur Geschichte der Kirche in Deutschland in seiner 3. und 4. Auflage ein besonderes Kapitel „Nationalsozialismus und Kirche“ bei. Aus Christentum, Germanentum und Antike sah er das christliche Europa hervorgegangen: Es war „eine ideale Zugangsmöglichkeit, als der Samen des Christentums auf einen mit allen Möglichkeiten reichster Veranlagung ausgestatteten, noch unverbrauchten und unausgeformten Mutterboden stieß: das junge, … und unverbrauchte germanische Volkstum“; die mittelalterliche Kirchengeschichte verstand er als eine „germanische Zeit“. Wegen seines Engagements als politischer Theologe und seiner Bemühungen um eine Synthese von Katholizismus und National-

Heim ins Reich, Foto: CNA

Joseph Lortz: Reformation in Deutschland. 2 Bde, Freiburg i. Breisgau 1939.

sozialismus drohte Lortz 1935 eine Verurteilung durch das Sacrum Officium in Rom. Lortz erfuhr davon durch seinen engsten Luxemburger Freund und Lehrer Jean Pierre Kirsch.

Im Mai 1933 war Lortz auch der NSDAP beigetreten und blieb deren zahlendes Mitglied bis 1944. Lortz war wohl zu diesem Zeitpunkt noch der naiven Meinung, dass sich durch den „Katholiken“ Hitler, der ein „Deutsches Christentum“ einem konfessionellen Christentum vorzog, auch die Spaltung der Kirche zugunsten einer durch Hitler angeführten katholischen Union überwinden ließe. 1934 veröffentlichte Lortz eine Broschüre mit dem Titel Katholischer Zugang zum Nationalsozialismus, die im ersten Jahr bereits drei Auflagen erhielt, und die allen Studenten in Braunsberg kostenlos ausgehändigt wurde. Nicht nur, dass Lortz im Nationalsozialismus die rechtmäßige Gewalt in Deutschland sah, er kam in diesem Buch auch zur Erkenntnis grundlegender Verwandtschaft zwischen dem Nationalsozialismus und dem Katholizismus⁹. Die neuheidnischen Tendenzen des Nationalsozialismus und die antikirchlichen Manöver der Nazis, die bereits 1934 im Zusammenhang mit dem Röhm-Putsch, dem ein prominenter Vertreter der kirchlichen Jugendarbeit (Klausener) bereits zum Opfer gefallen waren, schon sichtbar waren, erkannte oder wollte Lortz nicht erkennen. Nachdem einige der Braunsberger Professorenkollegen und Freunde von

Lortz 1933/1934 wegen ihrer Zustimmung zum nationalsozialistischen Sterilisationsgesetz vom 14.07.1933 von der Glaubenkongregation in Rom abgesetzt worden waren und sich das Klima sehr verschlechtert hatte, suchte Lortz nach einem neuen Aktionsradius.

Ab Januar 1935 gelang es den Nazis durch ein neues Hochschulgesetz, auch auf die Besetzung der katholischen Fakultäten Einfluss zu gewinnen. Als infolge dieses neuen Gesetzes der Nazigegner Prof. Georg Schreiber seine Professur für Kirchengeschichte in Münster in Westfalen verlor, erhielt Lortz diese Stelle. Ab 1935 war er als ordentlicher Professor für allgemeine Kirchengeschichte mit Berücksichtigung der Missionsgeschichte in Münster tätig. Den Lehrstuhl für Missionswissenschaft, den Lortz übernahm, hatte 1910 der Elsässer Joseph Schmidlin aufgebaut. Sein Lehrstuhl war weltweit der erste derartige katholische Lehrstuhl. Schmidlin hatte nie einen Hehl aus seiner Meinung über Hitler und die Partei gemacht. Deshalb wurde er nach seiner Emeritierung ins Staatsgefängnis eingeliefert, dann ins Irrenhaus, am 10.1.1944 starb er im Konzentrationslager Schirmeck in seiner Heimat Elsass. Dank Schreiber und Schmidlin herrschte in Münster ein ganz anders geistiges Klima als in Braunsberg. Die Studentenschaft war zunächst gegen Lortz eingestellt. Infolge von Vorwarnungen aus Rom und auch dank des Einflusses des Ortsbischofs Clemens August Graf von Galen (1878-1946), dem „Löwen von Münster“, der ein entschiedener Nazi-Gegner war, mäßigte Lortz seine politischen Stellungnahmen zugunsten des NS-Regimes und wurde sogar zu einem Gegner der Nazis. In der 5. Auflage seines Kirchengeschichtswerkes 1937 fehlte dann auch der Abschnitt über „Kirche und Nationalsozialismus“¹⁰. Nicht nur Geschichte schreiben, sondern Geschichte machen sollte Lortz durch sein 1939/40 in erster Auflage erschienenes Hauptwerk über Die Reformation in Deutschland (unveränderte 6. Auflage 1982). Dieses Epoche machende Buch über die Reformation in Deutschland, erschien, als beide Konfessionen gleichermaßen und in derselben Defensive um einen christlichen Standpunkt zum Dritten Reich kämpften. Zu diesem Zeitpunkt musste Lortz die wahre Absicht der NSDAP, nämlich die Vernichtung der Kirchen, klar gewesen sein. Allerdings blieb er mit der Thematik dieses Buches ganz in der Vergangenheit. Sein Ansatz vom „katholischen Luther“,

die schonungslose Kritik der kirchlichen Missstände als „katholische Mitschuld“ an der Reformation prägen den Inhalt des Werkes, das sowohl in katholischen als auch evangelischen Fachkreisen auf reges Interesse stieß. Die darin eingeschlagene Richtung wurde als ökumenischer Grundkonsens in der Folgezeit offiziell bestätigt. Nur durch einen Trick des Herder-Verlages in Freiburg war es 1940 gelungen das Werk, das von Papst Pius XII. bereits indiziert worden war, vor einem Verbot zu retten¹¹. Lortz selbst hatte von dieser Absicht des Papstes bis zu seinem Tod nichts erfahren. 1940 galt Lortz an der Münsteraner Fakultät als der für die Partei am wenigsten tragbare Mann und wurde vom Dekan des Öfteren wegen politisch kritischen Äußerungen zur Vorsicht gemahnt¹². Der von Deutschland ausgelöste Krieg und vielleicht auch die Besatzung seines Heimatlandes hatten bei Lortz zu einem Umdenken geführt, welches er auch in seinen Vorlesungen zum Ausdruck brachte. Deshalb haben nach dem Krieg 60 Studenten, mehrere Bischöfe, darunter Kardinal von Galen, und Professoren ihm eine christlich-kirchlich korrekte Haltung in den so genannten Entnazifizierungsverfahren bescheinigt. Auch einer seiner wichtigsten Schüler und Mitarbeiter Prof. Peter Manns bescheinigte Lortz, dass er dem Nationalsozialismus in keiner Weise erlegen sei¹³.

Aus diesem Grunde wurde Lortz, trotz seiner völkischen Schriften, von den britischen Entnazifizierungsbehörden in Münster nur in die Kategorie 4 und später 5 als „Mitläufer“ und „Entlasteter“ eingestuft. Ein weiteres Verbleiben an der Universität Münster war jedoch, zumal auch Kardinal von Galen im März 1946 gestorben war, unter den gegebenen Umständen nicht mehr möglich. In dieser relativ schwierigen Situation zog es Lortz wieder gen Heimat. Zumindest im Priesterseminar in Trier konnte er vertretungsweise Vorlesungen in Kirchengeschichte halten. Seine ersten, in Trier verfassten Vier Vorträge im Dienste der Una Sancta¹⁴, widmete er 1947/48 seiner Heimat dem Luxemburger Land¹⁵, vielleicht auch in der Hoffnung, in seiner Heimat wieder eine Anstellung zu finden. Mit Hilfe der französischen Besatzungsbehörden, die ihn protegierten, erhielt Lortz 1949 eine Berufung an die Universität Mainz, allerdings nicht an die theologische Fakultät, die Lortz für vorbelastet hielt, sondern an die philosophische Fakultät.

Von 1950 an, immerhin war Lortz schon 63 Jahre alt, bis zu seinem Tod 1975, leitete er als Direktor die religionsgeschichtliche Abteilung des Instituts für Europäische Geschichte in Mainz. Mit der Übernahme der Leitung der Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte am Institut für Europäische Geschichte in Mainz erhielt Lortz noch einmal für die Dauer eines Vierteljahrhunderts die Möglichkeit, seine Ideen von einst, gründlich zu überarbeiten und einen Neuanfang zu wagen. Ziel dieses Instituts war es nämlich „Brücken über den Abgrund nationaler und nationalistischer Vorurteile und eine echte europäische Gemeinschaft zu bauen“¹⁶. Weitere Aufgaben des Instituts waren Grundlagen der Verständigung zwischen Völkern zu erarbeiten und eine „Entgiftung der Schulbücher“ vorzunehmen, keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass Lortz vor dem Kriege selbst an der Erarbeitung solcher vergifteter Schulbücher beteiligt war. Joseph Lortz fand in diesem Institut den idealen Arbeitsplatz, unabhängig von kirchlicher Bevormundung und eingebunden in das große Werk der Zukunft, Europa, dem er sich von nun an ganz verschrieben hatte. Von den über 70 Stipendiaten, die Lortz als Direktor erlebten, wurden in späteren Jahren rund zwei Dutzend als akademische Lehrer in Italien, Frankreich, Spanien, Holland, USA, Argentinien und Deutschland tätig. Joseph Lortz hat der Abteilung für Religionsgeschichte am Institut für europäische Geschichte ihre Prägung verliehen und sie zu einem Zentrum historisch-ökumenischer Forschung gemacht. Er hat die Grundlagen dazu gelegt, dass dieses Institut heute zu den besten seiner Art in Europa gehört und dass der Gesichtskreis des Instituts selbst europäisch geworden ist. Lortz hatte in seinen langen Professorenjahren in Braunsberg, Münster und Mainz viele berühmte Schüler, zu den berühmtesten gehörten zweifellos der Kirchengeschichtler Erwin Iserloh (1915-1996), der von 1954 bis 1964 in Trier lehrte. Auch der jetzige Erzbischof des heute polnischen Ermlandes, Edmund Piszcz, gehört dazu.

Lortz und sein Verhältnis zu Luxemburg

Nach der Gymnasialzeit in Echternach, wo Joseph Lortz ein Mitschüler des späteren Luxemburger Bischofs Leon Lommel (1893-1978) war, studierte Lortz von 1907-1911 in Rom am Germanicum und von 1911-1913 an der neu gegründeten zweisprachigen Universität Fribourg i.d.

Schweiz Philosophie und Theologie, wo der Dominikaner Felix Pierre Mandonnet und der Luxemburger Patrist Jean Pierre Kirsch seine Lehrer waren. Am 25.7.1913 empfing er die Priesterweihe in der Kathedrale von Luxemburg durch Bischof Jean Joseph Koppes. Entgegen der Absicht seines Bischofs übernahm Lortz jedoch nicht das Amt eines Seminarprofessors am Luxemburger Priesterseminar, sondern zog eine wissenschaftliche Laufbahn in Deutschland einer Rückkehr in sein Heimatland vor. Auf den Stationen dieser Laufbahn, Bonn, Würzburg,

Wegen seines Engagements als politischer Theologe und seiner Bemühungen um eine Synthese von Katholizismus und Nationalsozialismus drohte Lortz 1935 eine Verurteilung durch das Sacrum Officium in Rom.

Braunsberg, Münster, war seine Luxemburger Herkunft kaum bekannt. Lortz galt als deutscher Professor, vor allem nachdem er sich schon vor 1933 mit völkischen Themen wie „Germanisches Christentum“ beschäftigte. Der Luxemburger Patrist Jean Pierre Kirsch war lange Zeit der einzige Luxemburger Kontakt des Professors auf Abwegen. Erst nach Ende des Krieges und nach Verlust seiner Professur in Münster entdeckte Lortz wieder seine Luxemburger Heimat, wo er natürlich nicht sehr willkommen war. Er widmete sogar dem „Luxemburger Land“ seine erste publizierte Schrift nach dem Kriege. Auf ein Wort oder eine Publikation, in denen Lortz sich für seine völkischen Schriften in NS-Deutschland entschuldigte, warteten seine Landsleute jedoch vergeblich. Lortz, dem von vielen Zeitgenossen ein stolzer, hochmütiger Charakter¹⁷ bescheinigt wurde, wehrte sich heftig dagegen, als Nazi bezeichnet zu werden. Im Gegensatz zu seinen Landsleuten, die unter den Nazis gelitten hatten, hatte Lortz jedoch von den Nazis profitiert und unter ihnen Karriere gemacht. Ein entfernter Verwandter, Henri Koch-Kent¹⁸, hat ihm, wie viele andere auch, deshalb auch sein uneinsichtiges Verhalten und sein Schweigen nach 1945 eher zum Vorwurf gemacht als sein Verhalten während der NS-Zeit. Nach seiner Berufung zum Direktor des Instituts für europäische Geschichte in Mainz, dessen Ziel die Verständigung

zwischen den Völkern Europas war, gab sich Lortz auch bewusst wieder als Luxemburger zu erkennen. Über seine Vergangenheit schwieg er, sie wurde mehr oder weniger auf beiden Seiten der Mosel ausgeklammert. Insbesondere unter der Amtszeit von Bischof Leon Lommel (1956-1971), der ein Studienfreund von Joseph Lortz war, wurden auch in Kirchenkreisen in Luxemburg nur noch die unbestreitbaren Verdienste von Joseph Lortz zum Ausdruck gebracht und seine Vergangenheit ausgeklammert¹⁹. Zu seinem 80. Geburtstag 1967 wurde Joseph Lortz in Mainz von Papst Paul VI. in Anerkennung seines Lebenswerkes für die Annäherung der beiden größten christlichen Konfessionen zum päpstlichen Ehrenprälaten ernannt. Erst zum Sterben, im Februar 1975, das ein unermüdliches Schaffen bis zum Lebensende abschloss, kam Joseph Lortz, ein Luxemburger, der sein gesamtes Arbeitsleben in Deutschland verbracht hatte, wieder in seine Heimat zurück und fand in Grevenmacher seine letzte Ruhestätte.

¹ Joseph Lortz, Die Reformation in Deutschland, Freiburg 1940, Band I, S. 156. (Interessanterweise sah auch Lortz Luther noch als einen „Häretiker“. Er versuchte dies psychologisch zu erklären: Trotz Luther, vieler guter Seiten sei er „zu leicht emotional erregbar“ gewesen. Luther habe seine Theologie allein auf seine eigene Erfahrung aufgebaut und betrieben und sei deshalb nicht in der Lage gewesen andere theologische Aspekte, die seinem inneren Leben zuwider gewesen seien, zu verstehen und zu integrieren.)

² Catholic Scholars Dialogue with Luther, (Jared Wicks S.J., Editor, Loyola University Press), 1970, S. 6/7

³ Richard Stauffer, Luther As Seen By Catholics, (Virginia: John Knox Press, 1967), S. 42

⁴ Sabine Lautenschläger, „Neue Forschungsergebnisse zum Thema Joseph Lortz“. In: Zum Gedenken an Joseph Lortz, Wiesbaden 1989, S. 295/296

⁵ Emil Krier, „Joseph Lortz, ein Kirchenhistoriker von internationaler Reputation“. In: Nos cahiers, Lëtzebuerger Zäitschrift für Kultur, Kanton Griewemacher, Nr. 1999, S. 143

⁶ Peter Manns, „Joseph Lortz zum 100. Geburtstag.“ In: Zum Gedenken an Joseph Lortz, S. 40

⁷ Joseph Lortz, Geschichte der Kirche in ideengeschichtlicher Betrachtung. Eine Sinndeutung der christlichen Vergangenheit in Grundzügen, Münster 1932, S. 386

⁸ Joseph Lortz, Katholischer Zugang zum Nationalsozialismus, Münster 1934, S. 5/6

⁹ Krier, Joseph Lortz, S. 144

¹⁰ Lautenschläger, Neue Forschungsergebnisse, S. 306

¹¹ Manns, Joseph Lortz, S. 41

¹² Lautenschläger, Neue Forschungsergebnisse, S. 307

¹³ Manns, Joseph Lortz, S. 51

¹⁴ Joseph Lortz, Die Reformation als religiöses Anliegen heute. Vier Vorträge im Dienste der Una Sancta, Trier 1948

¹⁵ Manns, Joseph Lortz, S. 49

¹⁶ Krier, Joseph Lortz, S. 146

¹⁷ Lautenschläger, Neue Forschungsergebnisse, S. 308

¹⁸ Henri Koch-Kent, Vu et entendu : souvenir d’une époque controversée 1912-1940, Luxembourg 1983

¹⁹ Professor Joseph Lortz 80 Jahre alt. In: Luxemburger Wort vom 16.12.1967

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code