Probleme und Perspektiven des christlich-islamischen Dialogs aus christlicher Sicht
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Bodo Bost
Seit dem 11. September 2001 werden weitgesteckte Erwartungen mit einem Dialog der Religionen verbunden. Er soll die Spannungen entschärfen, die in der Weltgesellschaft und in einzelnen Ländern herrschen, und zum gemeinsamen Zeugnis der Religionen für den Frieden führen. Das weltweite Interesse richtet sich vor allem auf das christlich-muslimische Gespräch oder aber auf den Dialog der so genannten abrahamitischen Religionen, also auf Judentum, Christentum und Islam, die sich allesamt auf den in der Bibel und im Koran bezeugten Urvater Abraham beziehen. Dies hat mit den Konflikten zu tun, die in unseren Tagen den Nahen Osten und das Verhältnis zwischen Orient und Okzident bestimmen. So führen die islamistischen Kämpfer, die sich dem heiligen Krieg gegen die Ungläubigen verschworen haben und letztlich die Errichtung eines totalitären Gottesstaates anstreben, ihren Krieg gegen „Zionisten“ und „Kreuzfahrer“ gleichzeitig – d. h. gegen den Staat Israel und den Westen, der aller Entkirchlichung und multi-religiösen Durchmischung zum Trotz als „christlich“ interpretiert wird.
Zur Grundlage des Dialoges zwischen katholischer Kirche und Islam ist die Erklärung über das Verhältnis zwischen der Kirche und den nichtchristlichen Religionen, nach seinen lateinischen Anfangswörtern Nostra Aetate genannt, Abschnitt 3, vom 28. Oktober 1965 geworden. Dort heißt es: „Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslime, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft. Jesus, den sie allerdings nicht als Gott anerkennen, verehren sie doch als Propheten, und sie ehren seine jungfräuli-
che Mutter Maria, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen. Überdies erwarten sie den Tag des Gerichtes, an dem Gott alle Menschen auferweckt und ihnen vergilt. Deshalb legen sie Wert auf sittliche Lebenshaltung und verehren Gott besonders durch Gebet, Almosen und Fasten. Da es jedoch im Lauf der Jahrhunderte zu manchen Zwistigkeiten und Feindschaften zwischen Christen und Muslim kam, ermahnt die Heilige Synode alle, das Vergangene beiseite zu lassen, sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.“
Die Muslime werden in diesem Dokument in einer Kontinuität zum Glauben Abrahams gesehen. Auch wird zum ersten Mal in einem Konzilsdokument von einem islamischen Glauben (Fides islamica) gesprochen, ein Begriff der bis dato nur für Christentum und Judentum reserviert war. In dem Konzilsdokument Lumen gentium geht die Kirche sogar noch weiter und spricht zum ersten Mal davon, dass die Muslime mit den Christen einen gemeinsamen Gott anbeten. Das Konzilsdokument Nostra Aetate hatte schon vor seiner Veröffentlichung für Verwicklungen mit den arabischen Staaten gesorgt, weil es zunächst nur auf das Verhältnis zwischen Juden und Christen bezogen war. Erst nach Intervention dieser Staaten wurde der Abschnitt 3 über das Verhältnis zum Islam in das Dokument aufgenommen. Dies besagt jedoch, dass die Beziehungen der Kirche zum Islam eingebettet sind in den Dialog der Kirche mit dem Judentum, den älteren Brüdern der Kirche, wie Papst Johannes Paul II. einmal sagte. Trotz dieser Gemeinsamkeiten der drei Religionen ist und bleibt das Christentum dem Judentum jedoch in einer grundlegend anderen Weise verbunden als dem Islam. Schon Paulus wusste, dass Christen, wenn sie die Treue Gottes
Mit [Nostra Aetate] ist die Kirche quasi über ihren jahrhundertealten Schatten gesprungen, denn das Verhältnis zum Islam war historisch nicht nur in Zeiten der Kreuzzüge, fast nur von Feindschaft und gegenseitigem Misstrauen geprägt.
zu seinem auserwählten Volk Israel bestreiten, die Grundlage ihres eigenen Glaubens zerstören (vgl. Röm 11). Die Kirche ist durch ein untrennbares Band mit dem Judentum verbunden. Sie wurzelt konstitutiv im Judentum. Jesu Gott ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs – der Gott des auserwählten Volkes. Kein anderer ist der Gott der Christen. Der Bund Gottes mit dem Volk Israel wurde durch den in Christus begründeten „neuen Bund“ nicht aufgehoben.
Geschichte der christlich islamischen Beziehungen
Mit dem Konzilsdokument ist die Kirche quasi über ihren jahrhundertealten Schatten gesprungen, denn das Verhältnis zum Islam war historisch nicht nur in Zeiten der Kreuzzüge, fast nur von Feindschaft und gegenseitigem Misstrauen geprägt. Der erste Kirchenlehrer, der den Islam in seinen Schriften erwähnt, war der Syrer Johannes von Damaskus (675-753). Sein Großvater war Stadtverwalter von Damaskus unter den Byzantinern, sein Vater und er selbst waren bereits hohe Beamte am Hof der Umayyadenkalifen, die das islamische Machtzentrum von der arabischen Wüste in das einstige Zentrum syrisch-byzantinischer Kultur, nach Damaskus verlegt hatten. Da Johannes Damaszenus der noch neuen arabischen Sprache bereits mächtig war, neben seiner syrischen Muttersprache und dem Griechischen, darf man annehmen, dass er tiefe Einblicke in die noch junge Religion hatte, die das Arabische zu ihrer Glaubenssprache erhoben hatte. Johannes sieht den Islam als eine christlich-jüdische Häresie an, wie es sie damals im Zeitalter der christologischen Schismen zuhauf gab, mit dem einzigen Unterschied, dass diese Häresie auf ethnischer Grundlage erfolgt sein muss, weil von den Konvertiten verlangt wurde, dass sie nicht nur die neue arabische Kultur übernahmen, sondern auch eine arabische Familie als Paten annehmen mussten. Der Koran scheint jedoch entgegen anders lautenden islamisch-dogmatischen Behauptungen, noch nicht in seiner heutigen Form existiert zu haben, denn das wäre einem der höchsten Beamten am Umayyadenhof, dem Zentrum der islamisch-arabischen Welt, sicherlich bekannt gewesen. Auch ohne die Kenntnis des Korans gibt Johannes eine sehr exakte Einführung in Lehre und Praxis des Islam. Im Zentrum der Auseinandersetzung von Johannes Damaszenus, der 1890 als Kirchenlehrer anerkannt wurde, mit dem Islam steht bereits die Frage der Inkarnation und der Christologie. Sein großes Werk, summa theologiae, eine der Grundlagen der mittelalterlichen Theologie, ist wahrscheinlich als christliche Antwort auf den islamischen Monotheismus zu verstehen. Obwohl Johannes Damaszenus kein komplettes Bild der neuen Religion hatte, hat die Auseinandersetzung mit dieser noch im Entstehungsprozeß befindlichen Religion bereits zu einer auch für das Christentum fruchtbaren theologischen Reflexion geführt. Dies ist auch eine der vielfältigen Nebeneffekte, die der heutige Dialog mit
dem Islam für die Christen haben könnte. Johannes Damaszenus hat sich nicht gescheut auch in der damaligen orientalischen Welt bereits überkommene Praktiken – wie die Polygamie und die Stellung der Frau in seinen Schriften – dem Islam vorzuwerfen, dennoch bedeutete seine Tätigkeit als hoher Beamter eines islamischen Staates in der Praxis bereits einen Kompromiss zwischen dem dogmatischen und dem eher toleranten Flügel dieser neu entstehenden Religion.
Geht man historisch weiter in den Beziehungen zwischen Christentum und Islam, so gilt die Zeit der Kreuzzüge, die faktisch schon mit der Reconquista in Spanien seit dem 8. Jahrhundert begonnen hatten und bis ins 16. Jahrhundert gedauert haben, als die Zeit der Konfrontation sowohl kriegerischer als auch theologischer Natur. Im Mittelalter war der Islam die große Herausforderung für die Kirche. Papst Innozens II. verglich den Islam mit dem Tier der Apokalypse, das nach 666 Jahren bekämpft werden müsste. Die Päpste haben die Kreuzzüge organisiert, um das Heilige Grab in Jerusalem zurückzuerobern. Die Kreuzfahrer hatten nur minimale Kenntnisse über den Islam. Eine erste Koranübersetzung ins Lateinische erfolgte im Auftrag von Petrus Venerabilis, dem Prior von Cluny im 13. Jahrhundert in Toledo, damals Zentrum einer jüdisch-arabischen Mischkultur. Das Ökumenische Konzil von Vienne (1311-1312) verbot das Bekenntnis zum Islam im Herrschaftsbereich christlicher Fürsten in der damaligen westlichen Kirche. Mohammed wurde als Frevler bezeichnet und sein Anruf war eine Beleidigung der Majestät Gottes.
Mit Franz von Assisi kommt, obwohl es noch die Zeit der Kreuzzüge war, wieder ein anderer Schwerpunkt in die christlich-islamischen Beziehungen. Für ihn ist nicht das Heilige Grab im Zentrum des Interesses. Der Islam ist für ihn kein Hindernis ein christliches Leben zu führen, wie für die Kreuzfahrer. Für ihn ist der Islam eine Herausforderung, weil die „Sarazenen“ und andere „Ungläubige“ nicht wissen, dass der Heiland auch sie erlöst hat. Mitten im Kampf des päpstlichen Legaten Pelagio vor Damiette in Ägypten nutzt er eine Waffenruhe,
Der Islam ist nach der Überwindung des Kolonialismus in einer weltpolitisch erstarkten Position, was in vielen islamischen Ländern zu einer Rückbesinnung auf den Islam als Religion und zuweilen auch zu einer religiösen Radikalisierung geführt hat.
© Marja Flick-Büjs
um ins Lager des Sultans zu gehen und ihm vergeblich den Frieden anzubieten. In der Regel des Franz von Assisi steht geschrieben, dass Gott Vater und Liebe ist, die Franziskaner sollen die Begegnung auch mit den Muslimen suchen und unter ihnen leben ohne theologische Dispute zu führen, sondern einzig mit der Kraft ihres Lebens bezeugen, dass sie Christen sind. Zur gleichen Zeit allerdings als Franz in Ägypten mit dem Sultan verhandelte, erlitten 6 Mitbrüder auf dem Marktplatz von Marrakesch in Marokko den Märtyrertod, weil sie in den Muslimen keine Brüder sondern Feinde sahen, denn sie glaubten bei der Verkündigung des Evangeliums Mohammad beleidigen zu müssen.
Historisch gesehen stehen wir heute in einer mit dem 13. Jahrhundert vergleichbaren Situation im christlich-islamischen Verhältnis. Der Islam ist nach der Überwindung des Kolonialismus (der letzte Schritt war der Zerfall der Sowjetunion) in einer weltpolitisch erstarkten Position, was in vielen islamischen Ländern zu einer Rückbesinnung auf den Islam als Religion und zuweilen auch zu einer religiösen Radikalisierung geführt hat. Im 13. Jahrhundert war der Islam nach dem Untergang der Kreuzfahrerstaaten und vor dem Aufstieg des osmanischen Reiches zur Weltmacht ebenfalls in einer Phase der Erstarkung, eigentlich kein gutes Umfeld für einen Dialog.
Das Vaticanum II als Grundlage des Dialoges
Erst das 2. Vatikanische Konzil hat sich wieder für die Haltung des Franz von Assisi entschieden, der in den Muslimen zuerst das Gute sah. Aus diesem Grunde war auch Assisi der richtige Ort für die Weltfriedensgebete, die seit 1986 Vertreter sowohl des Christentums als auch des Islam zu interreligiösen Gebeten zusammenführen. Solche Gebete sind durch das Konzil erst möglich geworden. Das Konzil hat in Lumen Gentium 16 und Nostra Aetate 3 vom Volk Gottes gesprochen, das unterwegs ist zum „Reich Gottes“, auf das alle Menschen hingeordnet sind, an erster Stelle die Juden, unsere Vorfahren im Glauben, aber auch die Muslime, mit
denen Juden und Christen den Glauben an den Urvater Abraham teilen. Judentum, Christentum und Islam sind dabei in besonderer Weise aufeinander bezogen. Regional und historisch entstammen sie einem gemeinsamen Zusammenhang. Das Christentum hat die jüdische Überlieferung als erstes Buch seiner Bibel übernommen. Der Islam greift auf die Tradition der Patriarchen und Propheten zurück und erkennt auch Jesus als Propheten an. Alle drei Religionen bekennen sich zum Glauben an Einen Gott, der die Welt erschaffen hat und der den Menschen als sich erbarmender Retter, aber auch als Richter gegenübertritt. Das Zweite Vatikanische Konzil vermochte den grundlegenden islamischen Glaubenssatz, das Bekenntnis zur Einheit Gottes (tawhid), positiv zu würdigen. Zur Stellung Mohammeds im islamischen Glaubensbekenntnis und dem Verständnis seines Propheten- tums hingegen fehlt eine Erklärung, ebenso wie zur zentralen Bedeutung des religiösen Rechts im Islam. Das Konzil hat es vorgezogen, dort theologisch zu schweigen, wo sich keine Konvergen- zen nahelegen. Aus diesem Grunde fordern auch heute viele am Dialog interessierte Kirchenvertre- ter eine Erweiterung des Konzilsdokuments Nostra Aetate mit verbindlichen Aussagen zum Prophe- tentum und der islamischen Rechtslehre. Unter Hinweis auf den Geist des Vaticanum II und auf die Tatsache, dass im Koran biblische Gestalten, unter ihnen auch Jesus, als Propheten anerkannt werden, wird von islamischer Seite oft gefordert, auch zum Prophetentum Mohammeds Stellung zu beziehen. Dies hat dazu geführt, dass heutzutage einige namhafte katholische Islamexperten wie der Jesuit Christian Troll sich vorstellen können, dass auch Christen im Koran eine Offenbarung Gottes sehen, wenn auch nicht das Wort Gottes, das Jesus Christus ist, und in Mohammeds Sendung etwas Prophetisches anerkennen, schließlich könne der Geist der Prophetie auch außerhalb der Grenzen der sichtbaren Kirche aktiv sein. Am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils konnte noch niemand erwarten wie rasant und in welche Richtung sich der Islam, dessen Entwicklung nicht von den islamischen Gesellschaften getrennt werden kann, bis zum Ende des Jahrtausends entwickeln würde.
Gleich nach dem Ende des Konzils begann Papst Paul VI. mit der praktischen Umsetzung der Konzilsdokumente, indem er kleine Schritte auf den Islam zu machte. Seine Grußworte an den Groß Mufti von Istanbul 1967 oder an die afrikanischen Muslime 1968 waren erste Zeichen dieser Öffnung auf den Islam hin. Aber auch innerkirchlich legte Papst Paul VI. die Grundlagen für die Dialogfähigkeit der katholischen Kirche, wie z. Bsp. in seinem Mahnschreiben Evangelii nuntiandi von 1975, wo er das Problem der Achtung der nicht christlichen Religionen und der universalen Sendung der Kirche in seiner ganzen Schärfe zur Sprache bringt: „Die Kirche respektiert und schätzt die nichtchristlichen Religionen. Sie sind ja lebendiger Ausdruck der Seele breitester Gruppen. In ihnen wird die Gottsuche von Millionen deutlich … In ihren
Nach Nostra Aetate ist in allen päpstlichen Dokumenten der Wille, das Gemeinsame herzustellen, ohne aber die Verschiedenheit der beiden Glaubensformeln zu verbergen, deutlich erkennbar.
Schriften finden sich unzählbar viele Samenkörner des Wortes. Sie sind eine echte Vorbereitung auf das Evangelium.“
Papst Johannes Paul II. hat eher große Schritte zum Islam hin gemacht. Bei seinen vielen Auslandsreisen hat er fast jedes Jahr auch ein islamisches Land besucht, am bekanntesten sind wohl seine Begegnungen mit der islamischen Jugend in Marokko 1985 und sein Besuch der Umayyadenmoschee in Damaskus 2001. Vor allem die Tatsache, dass er bei diesem Besuch zum ersten Mal auch einen Koran geküsst hat, hat viele Muslime in den Glauben versetzt, dass die Kirche nun das Offenbarungsbuch des Islam, das viele zum Christentum konträre Angaben über die Bedeutung Jesus enthält, anerkenne. Allerdings stieß das Dialogangebot des Papstes zuweilen auch auf Ablehnung, z. Bsp. weigerten sich im Jahre 1982 die Muslime Nigerias, dem Papst zu begegnen. Niemals zuvor hat ein Papst sich in so kurzer Zeit so häufig an die Muslime gewandt. All diese päpstlichen Botschaften und Verlautbarungen sind vom Konzil inspiriert und erklären dies. Von diesem gemeinsamen Glauben an Gott entspringt eine virtuell ähnliche Sicht des Menschen, des Geschöpfes Gottes, des Diener Gottes (abdallah). In gleicher Weise kommen von Gott die Imperative der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit, der Einsatz für die Wahrheit, Gerechtigkeit und den Frieden. Christen und Muslime sind demnach berufen, sich zu respektieren, in einen Dialog einzutreten und sich zu verstehen, die Vergangenheit zu vergessen und sich die Hände zu reichen. Nach Nostra Aetate ist in allen päpstlichen Dokumenten der Wille, das Gemeinsame herzustellen, ohne aber die Verschiedenheit der beiden Glaubensformeln zu verbergen, deutlich erkennbar. Im Aufzeigen dessen, was im Glauben ähnlich ist, ist auf der christlichen Seite ein Vorgehen sichtbar, das danach strebt, die der christlichen Tradition entsprechenden Aspekte und Inhalte in der islamischen Tradition zu erheben und zu entfalten.
Reaktionen der Muslime auf den Dialog
Das Zugehen der Kirche auf die Muslime war nach dem 2. Vatikanischen Konzil zunächst ein einseitiges Unterfangen. Kann man sagen, dass sich die Muslime nach dem Vaticanum II auch der Kirche angenähert haben, welche Reaktionen hat das Dialogangebot in der islamischen Welt ausgelöst? Die Antwort auf diese Frage ist weder leicht noch eindeutig. Man muss sehr gut unterscheiden, zwischen Personen und Institutionen, zwischen Intellektuellen und dem Volk, zwischen dem arabischen, indischen, afrikanischen und europäischen Islam, dem Islam in der Situation der Minderheit, wie in Europa, und dem Islam in der Situation der Mehrheit, wie in allen islamischen Staaten, zwischen dem sunnitischen und schiitischen Islam. Es gab Gesten von überraschender Offenheit und Herzlichkeit von Seiten einzelner Institutionen und Staaten. Aber seit einigen Jahren sind diese Gesten und Begegnungen drastisch reduziert worden.
Die seit 1968 von Rom am Ende des Ramadans zugesandten Botschaften an die Muslime sind in einzelnen Ländern Asiens, Afrikas und Amerikas mit Sympathie aufgenommen worden, aber die großen islamischen Organisationen, die die eigentlichen Ansprechpartner Roms sind, weil es im Islam keine Hierarchie im christlichen Sinne gibt, haben sie kaum beachtet. Seit einigen Jahren zeigt der Islam ein härteres selbstbewusstes und mehr und mehr nationalistisches Gesicht. Bezeichnend hierfür ist ein Zitat des ehemaligen Direktors der juristischen Fakultät der Al Azhar Universität in Kairo, der höchsten islamischen Lehranstalt, der sagte, dass für ihn der interreligiöse Dialog nichts anderes heißen kann, als den Papst zur Annahme des Islams aufzufordern.
Man kann sagen, dass der Islam in der Begegnung mit der Kirche gleichzeitig von Gefühlen der Anziehung wie der Ablehnung hin und her gerissen ist. Die katholische Kirche fasziniert die Muslime durch ihre Einheit und ihre Hierarchie, die es im Islam nicht gibt, durch ihre erzieherischen und sozialen Dienste, die im Islam viel weniger ausgeprägt und in keinster Weise organisiert sind. (Obwohl der Islam vom Wesen her nicht nur eine Religion sondern auch ein politisches System ist, und in vielen Ländern Afrikas und Asiens Staatsreligion ist, und sogar in etwa 15 Staaten die Scharia gilt, gibt es nur in zwei Ländern, Saudi Arabien und Pakistan, ein staatliches, islamisches Steuersystem, das dem Grundgebot der Zakat gerecht zu werden versucht.) Am meisten erstaunt jedoch der karitative Dienst der Kirche die Muslime, vor allem wenn er in islamischen Ländern stattfindet. Mutter Theresa war im Islam fast ebenso bekannt wie unter den Christen. Die deutsche Lepra-Ärztin Ruth Pfau ist in Pakistan bekannter als in Deutschland, dies vielleicht auch deshalb weil sich das Gebot des Almosengebens (Zakat) im Islam nur an die Mitglieder der Umma, d. h. an die Gemeinschaft der Muslime richtet.
Viel stärker als die Attraktivität der Kirche scheint jedoch die Ablehnung zu sein. Die Kirche und auch der Papst werden in großen Teilen der islamischen Welt mit dem „dekadenten“ Westen identifiziert. Dadurch werden sie in das insgesamt sehr negative Urteil, das der Islam über den Westen hat, mit verwickelt. Die Kreuzzüge, der Kolonialismus, der Kapitalismus, der Kommunismus und vor allem die durch die Medien verbreitete Amoralität sind in den Augen der Muslime auch ein Verschulden der Kirche. Auch die Mission in islamischen Ländern und die Unterstützung Israels durch den Westen werden der Kirche angekredet. So erfreut wie die Muslime über die konziliäre Haltung und die Dialogbereitschaft der Kirche sind, so sind sie doch in ihrer Gesamtheit weit entfernt, sich für das Christentum zu interessieren. Auch die Tatsache, dass große Teile des Alten Testaments und auch eher apokryphe Teile des Neuen Testaments im Koran enthalten sind, hat nicht dazu geführt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, dass sich die Muslime
Man kann sagen, dass der Islam in der Begegnung mit der Kirche gleichzeitig von Gefühlen der Anziehung wie der Ablehnung hin und her gerissen ist.
Bereits vor der Regensburger Rede war der Dialog mit dem Islam auf einem Tiefpunkt angelangt. Auf beiden Seiten zweifelt man an der Nützlichkeit dieses Dialogs und fragt sich nach seinem Sinn.
für diese Schriften als solche interessieren, um eventuell ihre eigene Schrift, den Koran, der oftmals unverständlich ist, besser zu verstehen. Dabei muss man allerdings bedenken, dass im Islam nicht so sehr das Verständnis der Heiligen Schrift, die oft wie durch einen Schleier zu den Menschen spricht, im Vordergrund steht, sondern die Rezitation des Korans in arabischer Sprache, durch die der gläubige Muslim am Schöpfungswerk Gottes teilnehmen kann. Allerdings muss man dazu sagen, dass sich Christen andererseits nicht viel mehr für die christlichen Elemente im Koran interessieren (Beispiel Geburtsgeschichte Jesus im Koran).
Trotz der großen gemeinsamen Strukturen in der Lehre der beiden Religionen, trotz der Gemeinsamkeiten in den religiösen Prinzipien scheinen die ethisch-sozialen Implikationen dieser Prinzipien nicht auf dieselbe Weise im täglichen Leben interpretiert und verstanden zu werden. Die geschichtlichen Personen von Jesus und Mohammed und die durch sie geschaffenen spirituellen Wirklichkeiten sind einfach zu verschieden. Dazu kommt auch, dass beide Religionen ihren Absolutheitsanspruch und ihre gegenseitige Missionsabsicht nicht aufgegeben haben. Dem absoluten, unpersönlichen und unmittelbaren Gott im Islam entspricht der eine und dreipersönliche Gott mit seiner Selbstmitteilung im Christentum. Dem Gesetz, der alles umgreifenden Norm für den Islam entspricht ein innerlicher Geist für das Christentum. Im Islam ist der Mensch Knecht Gottes, im Christentum ist der Mensch Bild Gottes. Im Islam richten sich die Menschenrechte nach den Geboten der Scharia, sie sind also abhängig von der religiösen Praxis, im Christentum sind sie jedem Menschen in gleicher Weise und gleich welcher Religion eingepflanzt. Die islamische Gesellschaft ist von einem einzigen theokratischen Gesetz geleitet (Din wa daula wa dunya), im Christentum unterscheiden sich zumindest seit der Säkularisation Gesellschaften in religiöser und ziviler Hinsicht.
Alle diese tief greifenden Unterschiede könnte man vielleicht noch auf metaphysischer Ebene glätten, aber in der Praxis des konkreten Lebens ergeben sie zu viele Reibungsflächen. In der Praxis muss sich der Dialog der Religionen bewahrheiten. Dialog ist kein zentraler Begriff der innerislamischen Theologie, Allah ist im Gegensatz zu dem Gott des Alten und Neuen Testaments kein dialogischer Gott, da er sich den Menschen nur in Form eines oft schwer verständlichen Buches geoffenbart hat. Auch die Muslime untereinander, denen das dialogische Element von Seiten ihres Gottes fehlt, kennen von ihrem Umgang untereinander kaum eine Kultur des Dialogs, wie er sogar in der westlichen säkularisierten Gesellschaft noch zur Erbmasse des Christentums gehört. Der Umgang der Muslime untereinander, nicht nur zwischen den Geschlechtern, ist sehr stark von dem durch den Koran vermittelten Gebot der Unterwerfung, der nach der Haltung des Gehorsams ruft, geprägt.
Wo steht der Dialog nach der Regensburger Rede?
Wie die Geschichte zeigt, war der Dialog zwischen Kirche und Islam immer schwierig gewesen, aber gerade die Regensburger Rede des Papstes und die Reaktion der Muslime darauf haben gezeigt, dass sich der Dialog insgesamt verändert hat. Eine große Nüchternheit bezüglich der Erwartungen an diesen Dialog hatte sich schon vor dieser Rede breit gemacht. Neben dem Gemeinsamen, das eigentlich Ziel des Dialoges sein sollte, wird von beiden Seiten mehr und mehr das Verschiedene in den Vordergrund gestellt. Das Verschiedene ist jedoch oft nur das verschiedenen Wahrgenommene. Die Skeptiker scheinen auf beiden Seiten die Oberhand gewonnen zu haben. Allerdings ist auch die Bereitschaft gewachsen, schmerzliche Fragen wie die nach Jihad oder Religionswechsel, zu stellen und zuzulassen. Nur das Klima größerer Sachlichkeit erlaubt auch kritischere Stellungnahmen und eine bessere Auswahl der Dialogpartner. So gesehen hat vor allem die Reaktion führender Vertreter der Kirchen auf die Regensburger Rede des Papstes auch zu Klärungen im Verhältnis zu den Muslimen geführt. Als erster hat Kardinal Lehmann, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz gefordert, das „interreligiöse Gespräch müsse sich offen den Grundfragen der Politik stellen, dazu zählten die Haltung des Islam zur Gewalt, zur Religionsfreiheit und zur Verfasstheit des modernen Staates“. Lehmann sieht eine gewisse Ungebrochenheit in der theologischen Tradition eines kämpferischen und herrschenden Islam. Im Dialog mit dem Islam will auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) künftig eine eindeutigere Position beziehen und eigene theologische Unschärfen korrigieren. In einer neuen „Handreichung“ für alle Kirchenmitglieder wird eine Pflicht der moslemischen Gesprächspartner postuliert, sich klar von allen Haltungen abzuwenden, die einem konstruktiven Zusammenleben unter einer gemeinsamen Wertordnung entgegen-
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stehen. Die EKD, erklärte ihr Ratsvorsitzender, Bischof Wolfgang Huber, gehe vom Respekt für den Glauben und die Überzeugungen von Menschen aus. Doch Überzeugungen, auch Glaubensüberzeugungen, könnten es nicht rechtfertigen, „dass man anderen den Respekt versagt, grundlegende Menschenrechte in Frage stellt und die Achtung der eigenen Überzeugung durch Einschüchterung, Drohung oder Gewaltanwendung einfordert“ – eine deutliche Mahnung auch an die Adresse der islamischen Gemeinschaften, mit denen die EKD seit zwei Jahren Gespräche führt. Die Reaktion dieser Gemeinschaften war ebenso prompt, die für Februar 2007 angesetzten Gespräche wurden von muslimischer Seite abgesagt.
Bereits vor der Regensburger Rede war der Dialog mit dem Islam auf einem Tiefpunkt angelangt. Auf beiden Seiten zweifelt man an der Nützlichkeit dieses Dialogs und fragt sich nach seinem Sinn. In der Tat waren seine Ergebnisse alles in allem sehr mager. Der Dialog der Religionen hatte in den Augen vieler die Kluft zwischen den Religionen und Kulturen eher noch vertieft, indem sie diese Kluft erst deutlich gemacht hat. Der Dialog der Kulturen und Religionen bildet die Rückseite der Medaille des Kampfes der Kulturen. Alle haben sie die Differenzen markiert und auf neue Konflikte vorbereitet. Auch das Weltethosprojekt des Tübinger Theologen Hans Küng, das sich im selben Rahmen bewegt, scheint ebenso gescheitert. Die Absicht des Projektes, ein Weltethos über die Deklaration der Menschenrechte hinaus als Grundlage einer Weltgesellschaft zu etablieren, ist fehlgeschlagen. Man sollte von allzu harmonischen Bildern von Weltgesellschaft Abschied nehmen. Die Verschiedenheit der Kulturen scheint größer als ursprünglich angenommen.
Die Situation des Dialogs in Europa kann man verkürzt folgenderweise kennzeichnen. Auf muslimischer Seite besteht das dringende Bedürfnis die eigene Religion, nicht zuletzt weil man von einer Islamophobie ausgeht, bekannt zu machen. Der Islam hat in den letzten beiden Jahrzehnten einen rasanten Aufschwung genommen (allein 2006 sind angeblich 4 000 Deutsche zum Islam konvertiert), sodass auch für viele Muslime die Frage der eigenen Identität in Europa immer wichtiger wird. Die immer zahlreicher werdenden Moscheegemeinden brauchen mittlerweile die Unterstützung von Kirchengemeinden nicht mehr, um sozial anerkannt zu werden. Viele dieser Moscheen haben dank Internet längst ihre eigenen Informationsstrukturen, die zum Teil denen der Kirchengemeinden schon voraus sind. Im Jahre 2003 hat die Konferenz der Leiter der Islamzentren und der Imame in Europa gefordert, dass die Aufklärung über den Islam staatlich institutionalisiert wird und die Moscheegemeinden das staatliche Aufklärungsmonopol über den Islam erhalten. Wenn sich Staaten darauf einlassen, bedeutet dies eine große Gefahr für den Dialog als offenem Rahmen. Umgekehrt wird in der Erklärung der Imame eine
Aufklärung der Muslime über das Christentum nicht mehr erwähnt.
Die Muslime betrachten die Christen und Juden nach wie vor nicht als Inhaber einer anderen Religion, sondern einer falschen oder gefälschten Religion. Nach gängiger islamischer Lehrmeinung haben die Juden die Offenbarung verraten und die Christen haben sie falsch verstanden. Bereits in der Fatiha, dem häufigsten Gebet der Muslime, vergleichbar dem Vater Unser im Christentum, kommt diese Unterstellungen gegenüber Christen und Juden vor. „Dem Zorn verfallen sind die Juden und irregengangen sind die Christen“, erklären die muslimischen Korankommentatoren. Wer jedoch seinen Dialogpartner so betrachtet, kann dessen Religion nicht respektieren und ernst nehmen. Um Respekt und Ernstnehmen geht es vielen islamischen Dialogpartnern nicht, Information und Aufklärung über den Islam stehen für sie im Mittelpunkt, weil dies der Kern der islamischen Mission (Daawa) darstellt.
Ein weiterer Punkt, der dringend geklärt werden muss, ist die widersprüchliche Einschätzung der Christen und Juden im Koran. Einmal sind sie Freunde, das andere Mal Feinde. So können sich sowohl die friedliebenden Muslime als auch die islamistischen Terroristen auf den Koran beziehen. Neben diesen müssen noch viele weitere Widersprüchlichkeiten des Korans, die das islamisch-christliche Verhältnis von vorneherein belasten, geklärt werden. Wenn der Dialog auf Dauer fruchtbar sein soll, muss auch der Koran mit historisch kritischen Methoden untersucht werden. Diese koranische Textkritik ist bislang nur bezüglich der Entstehungszeit der einzelnen Suren üblich, aber selbst in dieser Frage besteht keine Einigkeit der koranischen Gelehrten. Mit den Mitteln der Philologie hat bislang noch kein muslimischer Theologe den Koran untersucht. Wenn man bedenkt welche Bedeutung der Koran für den Islam hat, Annemarie Schimmel spricht von einer Inlibration Gottes im Vergleich zur Inkarnation im Christentum, wird der Islam über kurz oder lang an einer solchen Arbeit, wie sie Christoph Luxenberg als erster mit erstaunlichen Ergebnissen vorgemacht hat, nicht vorbei kommen.
So wie der Islam unbestreitbar in vielen Teilen der Erde sich in einer Expansionsphase befindet, befinden sich die christlichen Kirchen in vielen Ländern der westlichen Welt in einer Phase der Stagnation. Dass Kirchen in Westeuropa geschlossen werden und dass gleichzeitig immer mehr Moscheen errichtet werden, ist jedoch nicht die Schuld des Islam, wie das manche christliche Fundamentalisten gerne hinstellen. Um die eigentlichen inneren Ursachen dieses Phänomens, das auch dafür verantwortlich ist, dass die westlichen Gesellschaften aus eigener Kraft nicht mehr in der Lage sind, ihren Wohlstand zu sichern, ging es auch dem Papst in seiner Regensburger Rede.
(aus einem Vortrag im Info-Video-Center vom 17.1.07)
forum 148 (1993)
forum 239 (2004)
Der Dialog der Religionen hatte in den Augen vieler die Kluft zwischen den Religionen und Kulturen eher noch vertieft, indem sie diese Kluft erst deutlich gemacht hat.
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