Der Lehrer, das (un)bekannte Wesen?

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Georges Hengesch

Der Lehrer, das (un)bekannte Wesen?

„Ihr wisst doch ganz genau, was das für faule Säcke sind.“ Mit dieser Aussage über Lehrer sorgte der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder einst bei vielen Lehrern für Empörung weit über die Landesgrenzen hinaus. Von Nicht-Lehrern hagelte es selbstverständlich Zustimmung. Die Liste der gern bemühten Vorurteile und Klischees über den Lehrerberuf ließe sich problemlos verlängern: Lehrer haben vormittags Recht und nachmittags frei, verdienen gut – Halbtagsjob mit vollem Lohn –, haben 16 Wochen Ferien pro Jahr, jammern immer nur und leiden darunter, dass ihre Arbeit von der Gesellschaft kaum anerkannt wird.

Jeder, der eine Schule besucht hat – und das sind ja alle! – hat eine genaue Vorstellung von dem, was und wie ein Lehrer sein soll. Jeder hat gute Lehrer in Erinnerung, die in ihrem Fach hervorragend waren und respektiert wurden, die Schüler forderten und gleichzeitig etwas boten. Und mit denen man sogar lachen konnte!

Aber die anderen Lehrer gibt es leider auch. Lotte Kühn, Autorin des umstrittenen Bestsellers Das Lehrer-Hasser-Buch, beschreibt die „ewiggleichen überforderten, gestressten, ahnungslosen, bequemen und desinteressierten Lehrer“ mit gehöriger Wut im Bauch: „Alles ändert sich. Nur die Lehrer nicht: Sie haben immer Recht. Sie sitzen immer am längeren Hebel. Sie hören nie zu. Und sie treiben uns den Spaß am Lernen aus. Unsere Eltern hatten

unter ihrer Selbstherrlichkeit zu leiden, wir haben darunter zu leiden, unsere Kinder werden darunter leiden.“

Geschichten von schlechten Lehrern kennt jeder: Ich erinnere mich an meinen Sportlehrer, der in den 60er Jahren einen

„Die ewiggleichen überforderten, gestressten, ahnungslosen, bequemen und desinteressierten Lehrer.“
Lotte Kühn, Das Lehrer-Hasser-Buch

Mitschüler mit Fäusten und Füßen verprügelte, weil dieser es nicht schaffte, sich an einem Seil hochzuziehen. Ich erinnere mich an eine Lehrerin, der die Antwort „Champollion“ auf die Frage „Wer entzifferte die Hieroglyphen?“ nur zwei von vier Punkten wert war, weil im Schulbuch „der Gelehrte Champollion“ geschrieben stand. Beispiele für überforderte Lehrer!

Bereits Cicero schrieb, dass die Autorität derer, die sich als Lehrer ausgeben, oft denen schadet, die lernen wollen. In Thomas Manns Buddenbrooks sind Lehrer grausam und lächerlich; in Frank Wedekinds Frühlings Erwachen tragen Lehrer Namen wie Sonnenstich, Affenschmalz, Knüppeldick und Knochenbruch. Klar, dass solche Einzelerlebnisse, Zitate und Verallgemeinerungen nicht zur Achtung des Lehrers in der Gesellschaft beitragen.

Leider sind es in Luxemburg derzeit die Lehrer selbst, die im Rahmen der Diskussion um die Sekundarschulreform den Ruf des eigenen Berufsstandes in der Gesellschaft weiter beschädigen. Die emotional, unsachlich, unwissenschaftlich und aggressiv geführte Debatte hat die Atmosphäre in den Lehrerzimmern vergiftet. Vor allem die Reaktionen der Lehrergewerkschaften, die viele Lehrer wie einen Schwarm mit sich ziehen, sorgen für Kopfschütteln in der Öffentlichkeit. Einzelne Argumente, die nun angeführt werden, bestätigen leider die übelsten Klischees über Lehrer. Drei Beispiele aus der aktuellen Debatte:

Beispiel Tutorat: In den beiden unteren Klassen der Lyzeen soll ein Tutorat eingeführt werden. Jedem Schüler soll eine Art Vertrauenslehrer zugewiesen werden, der berät, begleitet, Kontakt zu den Eltern hält und auch nach Schulschluss arbeitet. Einwände von Lehrern: Weshalb sollten Lehrer den Familien Erziehungsarbeit abnehmen und Müttern Berufstätigkeit erlauben? Wird Lehrern da nicht ein marxistisches Gesellschaftsmodell aufgezwungen? Und wer kümmert sich in der Zeit um die Lehrerkinder? Einwände also, mit denen Lehrer sich vor allem dem Verdacht aussetzen, eigene Privilegien verteidigen zu wollen.

Georges Hengesch (56) ist Geographielehrer am Lycée Aline-Mayrisch, Lehrbeauftragter an der Universität Luxemburg und hat einen Master in Schulmanagement.

Beispiel Facharbeit: Oberstufenschüler sollen laut Reform demnächst eine Facharbeit schreiben, „travail personnel“ genannt. Diese Hinführung zu wissenschaftlichem Arbeiten, wie es im Studium verlangt wird, ist eine längst fällige Maßnahme, ein Gewinn für alle Schüler. In den Luxemburger Lycées techniques sind solche Arbeiten seit Jahren üblich. Im Ausland, aber auch in der International School und beim „International Baccalaureat“ ebenfalls! Oft gehörte, aber nicht überzeugende Einwände: Lehrer könnten Schüler bei solchen Arbeiten nicht betreuen und diese nicht bewerten, da sie nur Spezialisten in ihrem eigenen Fach seien. Lehrer hätten ihr eigenes Studium auch ohne „travail personnel“ geschafft. Außerdem gebe es nicht genug Themen, reiche Eltern kauften diese Arbeiten einfach, alle Schüler kopierten aus dem Internet, die Bezahlung dieser Zusatzarbeit sei unklar, und wer passe in der Zeit auf die Lehrerkinder … (aber das hatten wir schon).

Beispiel Sitzen bleiben: Die Möglichkeit, die „Septième“ zu wiederholen, soll abgeschafft werden. Hier muss man das Erziehungsministerium dafür loben, dass wissenschaftliche Erkenntnisse umgesetzt werden sollen, genauer: die berühmte neuseeländische Studie von Professor John Hattie. Aus Tausenden von Meta-Analysen und Einzelstudien mit Daten von über 80 Millionen Schülern konnten Hattie und seine Mitarbeiter 138 Maßnahmen identifizieren, die beim Lernen helfen oder dem Lernerfolg nachhaltig schaden. Zu Letzteren gehören die Sommerferien, das Fernsehen und das Sitzen bleiben! Dennoch ist der Widerstand der Lehrer beträchtlich: Ohne Klassenwiederholung könnten Schüler ihren Rückstand nicht aufholen, heißt es. Wenn Lehrer nicht mehr mit der ultimativen Strafe des Sitzen bleibens drohen könnten, seien Schüler womöglich nicht mehr motiviert und werde das Unterrichten unmöglich.

Verkehrte Welt! Lehrer sollen Schüler auf ein Hochschulstudium vorbereiten, Lehrer haben selbst studiert – und dennoch fällt es ihnen so schwer, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Pädagogik und Didaktikforschung, aus Neurologie und Jugendforschung in den Schulalltag

hineinzulassen. Wer würde zu einem Arzt gehen, der die neuesten Erkenntnisse aus der medizinischen Wissenschaft ablehnt?

Kein Wunder also, dass Menschen, die nicht im System Schule arbeiten, immer öfter mit Kopfschütteln auf die Argumente der Lehrergewerkschaften reagieren: Etwa, wenn die APESS das nachgewiesen wenig objektive Punktesystem zur „gage de clarté et de transparence“ und die Bewertung von Schülerkompetenzen zum „dispositif fumé“ erklärt oder die besseren Resultate der PROCI-Schüler nicht anerkennt. Oder wenn jede aufkeimende sachliche Debatte mit dem Killerargument der angeblich drohenden Einführung eines „tronc commun masqué“, einer versteckten Gesamtschule also, zunichte gemacht wird. Die Allgemeinbildung werde entwertet, so die Gewerkschaften, und die Kürzung des Sprachunterrichts und anderer Fächer führten zu einer Zerstörung der öffentlichen Schule.

Ginge das Ministerium aber auf alle Forderungen der einzelnen Schulfach-Vertreter ein, hätten unsere Schüler eine 50-Stunden-Schulwoche.

Wie ist nun diese Reformresistenz bei vielen Lehrern zu erklären? Weshalb ist es so schwer, in der Schule etwas zu verändern? Mögliche Erklärungen sind sicher bei der Motivation für den Lehrerberuf zu suchen. Studenten, die nach dem Abitur ihr Lieblingsfach studieren – was eigentlich lobenswert ist – sehen nach dem Studium oft keine Alternative zum Schuldienst. Aber aus einem guten Mathematiker muss nicht automatisch ein guter Mathelehrer

werden! Manche wählen den Lehrerberuf wegen der unbestreitbaren Vorteile, die er bietet. Andere wagen den Sprung in die Privatwirtschaft nicht und bleiben im Schulsystem, in dem sie sozialisiert wurden und in dem sie sich sicher fühlen. Übrigens wurde wissenschaftlich nachgewiesen, dass viele Lehrer so unterrichten, wie sie Unterricht selbst als Kind erlebt haben, und die pädagogische Ausbildung also spurlos an ihnen vorüber geht. Reicht das, um ein guter Lehrer zu werden?

Auch im „Concours de recrutement“ für Lehramtskandidaten werden nur Fachkenntnisse geprüft. Erst in der pädagogischen Ausbildung soll dann das eigentliche Unterrichten erlernt werden. Aber nicht alle Kandidaten erfüllen die Voraussetzungen. An verschiedenen Universitäten werden nun Berufseignungstests für Lehrer erarbeitet und auch schon eingesetzt. Passau zum Beispiel führt mehrtägige Assessment-Verfahren durch. Vielleicht entsteht so eine neue Generation von Lehrern?

Bei aller Kritik soll hier aber nicht vergessen werden, dass viele Lehrer einen besseren Ruf verdienen, als ihn der Berufsstand in unserer Gesellschaft derzeit genießt. Dazu müsste der Beruf transparenter werden und die Öffentlichkeit besser über den Arbeitseinsatz von Lehrern Bescheid wissen. Da sind wir bei der Frage der Evaluierung der Lehrer, die zurzeit mit der Reform des Beamtenstatuts ansteht. Eine Debatte, die ebenso emotional geführt wird wie die um die Schulreform. Zurzeit werden gute Lehrer nicht belohnt, und schlechte Lehrer riskieren keine Strafe. Doch sind die Lehrer nicht der Berufsstand, der selbst

permanent andere bewertet? Der Entscheidungen mit schweren Folgen für die Biographie der Betroffenen fällt – über Sitzenbleiben oder Weiterkommen, Abiturzeugnis oder Schulabbruch?

Wer gute Schulen und gute Lehrer will, muss deren Qualität evaluieren. Was ist aber ein guter Lehrer? Dazu schreibt der Pädagoge Wolfgang Endres: „Wahrscheinlich gibt es nicht viele Berufe, an die die Gesellschaft so widersprüchliche Erwartungen stellt wie an den Lehrerberuf. Gerecht soll er sein und zugleich menschlich und nachsichtig. Straff soll er führen, doch taktvoll auf jeden Jugendlichen eingehen. Begabung soll er wecken, pädagogische Defizite ausgleichen, wobei hochbegabte Schüler gleichermaßen zu berücksichtigen sind wie begriffsstutzige. Kurz gesagt: Der Lehrer hat die Aufgabe, eine Wandergruppe von Spitzensportlern und Fußkranken bei Nebel durch unwegsames Gelände in nordöstlicher Richtung zu führen – und zwar so, dass alle bei bester Laune (und gleichzeitig) an drei verschiedenen Zielorten ankommen …“

„Vom Glück, einen guten Lehrer zu haben … und wie man zu diesem Glück kommt“. So lautete der Titel eines Artikels des deutschen Juristen, Journalisten und Autors Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung in der SZ vom 18. Dezember 2010. Gute Lehrer sind begeistert von dem, was sie tun; sie unterrichten nicht einfach Biologie, Latein, Physik und Englisch, sie unterrichten junge Menschen in Biologie, Latein, Physik und Englisch; sie unterrichten mit liebevoller, beseelter Leiden-

schaft, nehmen den Schülern die Angst vor der Schule, sind manchmal genervt, frustriert, ungerecht. Sie sehen die Not der Kinder, ohne daran zu zerbrechen, führen ihre Schüler an einer langen, aber straffen Leine. Sie sind Künstler, weil Lehren eine Kunst ist. Sie befähigen Schüler, urteilsfähig zu sein, Kritik zu üben und selbständig handeln zu können. Sie brauchen einen Arbeitsplatz, der die Voraussetzungen dafür herstellt, gut sein zu können. Sie brauchen mehr Freiheiten – für eigene Ideen und für guten Unterricht, Freiraum und Zeit für den einzelnen Schüler, für Projekte und Zusammenarbeit auch mit außerschulischen Einrichtungen. Und ein guter Lehrer ist, selbst wenn man ihn nur ein oder zwei Jahre hat, ein Weggefährte fürs Leben.

Im Laufe meiner Karriere als Schüler hatte ich dieses Glück, gute Lehrer zu haben. Ich verdanke ihnen Interesse und Freude an Musik, Literatur, Mathematik und vielem mehr. Meine Eltern, beide Lehrer, unterrichteten nicht nur Schulfächer, sondern vor allem junge Menschen, vor denen sie immer einen tiefen Respekt hatten und der ihnen auch von ihren Schülern entgegen gebracht wurde. Aber auch als Vater von schulpflichtigen Kindern lernte ich „Lieblingslehrer“ kennen. Oft bedaure ich, nicht selbst als Schüler im Unterricht von Kolleginnen und Kollegen, Lehramtsanwärtern oder -studierenden der Universität sitzen zu können. Es gibt sie also doch, die guten Lehrer!

Was müssen gute Lehrer tun, wenn ihre Schüler erfolgreich sein sollen? Die Antwort findet man bei John Hattie. Der be-

reits erwähnte neuseeländische Professor fordert, dass Lehrer ihren Unterricht mit den Augen der Lernenden gestalten und sich in Lernprozesse hineinversetzen: „If the teacher’s lens can be changed to seeing learning through the eyes of students, this would be an excellent beginning.“ Einen zentralen Stellenwert haben dabei evaluative Orientierungen. So soll der Lehrer Informationen über Lernmöglichkeiten, Lernstand, Lernprozesse und -erträge der Schüler haben: „Where are you going? How are you going? Where to go next?“ Es sei aber nicht Aufgabe des Lehrers, die Arbeit leichter zu machen, stellt Hattie klar. Der Lehrer sei eher ein „Activator“ als ein „Facilitator“: „A teacher’s job is not to make work easy. It is to make it difficult. If you are not challenged, you do not make mistakes. If you do not make mistakes, feedback is useless.“

John Hattie hat nachgewiesen, dass Lehrer, die sich als Lernende ihrer eigenen Wirkungen verstehen, hinsichtlich der Lernprozesse und Lernerfolge ihrer Schüler die einflussreichsten sind. Der Lehrer ist also einer der wichtigsten Faktoren des Unterrichtserfolges. Kein Wunder, dass man in verschiedenen Ländern nun die Besten überzeugen will, Lehrer zu werden. So läuft zum Beispiel in Großbritannien eine Werbekampagne in TV-Spots unter dem Motto: „Work with the world’s most enquiring minds. Teach!“

Dieses Selbstverständnis des Lehrerberufs ist meines Erachtens immer noch entscheidend für den Lernerfolg. Lehrer sollen, wie schon Heraklit vor 2500 Jahren forderte, Fackeln entzünden und nicht Fässer füllen.

Die vom Ministerium von langer Hand vorbereitete und seit Jahren mit allen Schulpartnern diskutierte Reform ist eine notwendige Anpassung der Schule an die veränderte Gesellschaft. Schade, dass sie zurzeit kaputt geredet wird. Würden wir Lehrer die Chancen erkennen, die diese Reform den Schülern eröffnet, so könnten wir etwas gelassener mit den ministeriellen Vorschlägen umgehen. Die öffentliche Schule wird davon nicht zertrümmert werden. Das Abendland wird nicht untergehen. Doch der Lehrerberuf könnte an Respekt und Anerkennung gewinnen. ♦

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