Dialog der Sprachen, Literaturen und Kulturen in Luxemburg

Zu einer Ausstellung von Kinder- und Jugendbüchern im Centre Culturel Français

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Zu einer Ausstellung von Kinder- und Jugendbüchern im Centre Culturel Français

Vom 17. Februar bis zum 18. März fand im Centre Culturel Français eine Ausstellung von Kinder- und Jugendbüchern statt mit dem Titel „Littératures en dialogue / Dialog der Literaturen“. Der doppelte zweisprachige Titel weist darauf hin, dass es sich bei den ausgestellten Büchern um solche in unterschiedlichen Sprachen handelt.

In seiner Originalform vereinigt die Ausstellung, die seit etwa einem Jahr immer parallel in einer französischen und in einer deutschen Stadt gezeigt wird, jeweils 100 Bücher in deutscher und französischer Sprache. Zusammengestellt wurde sie vom Bureau du Livre de Jeunesse in Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut Nancy.

Aufgeteilt sind die 200 Bücher nach elf Themenbereichen, die für die Inhalte der modernen Kinder- und Jugendliteratur recht charakteristisch sind: „Alte und neue Märchen“, „Andere Kulturen“, „Familie“, „Gedichte, Abzählreime“, „Gesellschaft“, „Gestern, heute, morgen“, „Hobbys“, „Krimi, Spannung“, „Kunst“, „Liebe-Freundschaft“, „Sich finden“.

Es handelt sich dabei um ganz unterschiedliche Gattungen wie Bilderbücher, Comics, Gedichtsammlungen, Erzählungen, Romane, Sachbücher, die im übrigen nicht auf ein bestimmtes Alter ausgerichtet sind. Wie Bernard Friot, Schriftsteller, Übersetzer und Direktor des Bureau du Livre de Jeunesse in Frankfurt, in seinem Vortrag zur Ausstellung in der Bibliothèque Nationale betonte, schauen Kinder mit Neugierde und Interesse in das hinein, was

die Älteren lesen. Andererseits kann man auch Jugendliche über Bücher für Allerkleinste an eine neue Sprache heranführen. Das Erlernen einer neuen Sprache bietet auch gleichzeitig eine neue Chance, Kinder oder Jugendliche mit dem Lesen zu versöhnen, die sich beim Alphabetisierungsprozess nicht zu Lesern entwickelt haben.

Durchaus originell ist die Inszenierung der Ausstellung: Elf Tische in unterschiedlichen Formen veranschaulichen jeweils ein Thema und verführen zum Dialog: Ein Riesen- und drei Zwerg-Tische führen in die Welt der „Alten und neuen Märchen“; ein Tisch mit Drehplatte symbolisiert die Zeit. Und der elfte Tisch ist verschwunden: ein Rätsel für die Liebhaber von „Krimi, Spannung“.

Die Initiatoren haben erkannt, dass Leseförderung mehr braucht als nur einen Tisch mit Büchern. Die Besucher begeben sich auf einen „Lektüre-Parcours“, eine Buch-Entdeckungsreise, wobei sie Aufgaben lösen, Musik hören, Texte in einem Spiegel entschlüsseln, sich in eine überdeckte Lesecke zum Thema „Liebe“ kuscheln können, Spiele durchführen usw.

Während der Zeit der Ausstellung konnten dank der Beteiligung der Stadt Luxemburg Schulklassen jeweils während einer bis anderthalb Stunden sich auf neue Wege des Lesens begeben. Dabei zeigte sich, dass die so oft gescholtenen Computerfreaks und Fernsehkinder durchaus auch dem Medium Buch sehr offen gegenüberstehen, sofern man sie auf ansprechende Weise in die Welt der Bücher einführt.

Über Bücher sollen die Kinder an eine andere Sprache und Kultur heran geführt werden. Der Spaß am Lesen und die Lust zum Lesen sollen aufgebaut werden, damit sie motiviert werden, eine andere Sprache zu lernen.

Die Wirklichkeit des Fremdsprachenlernens sieht aber oft genau umgekehrt aus: Kinder sollen erst einmal eine Sprache lernen (wie?), bevor sie irgendwann auch ein Buch in dieser Sprache zur Hand nehmen dürfen. Viele erreichen das Ziel nie und haben am Ende weder Lust am Lesen noch zufriedenstellende Kompetenzen in der Fremdsprache.

Für die Ausstellung in Luxemburg wurde „Littératures en dialogue“ auf Betreiben der Initiative „Freed um Liesen“ und des Erziehungsministeriums um 39 Kinderbücher Luxemburger AutorInnen erweitert¹. Schaut man sich diese Auswahl luxemburgischer Bücher an, so gewinnt man sehr wohl den Eindruck, dass kulturelle und sprachliche Vielfalt in Luxemburg durchaus Realität ist. Luxemburger AutorInnen schreiben in Deutsch, Französisch oder Lëtzebuergesch. Manche Bücher enthalten eine Version derselben Geschichte in unterschiedlichen Sprachen, darunter auch Portugiesisch. Luxemburger Autoren übersetzen Meisterwerke anderer Literaturen, wie am Beispiel des „Klenge Prënz“ von Josy Braun deutlich wird. Ein Buch wie „Kolibri Kolibra“ zeigt, wie die luxemburgische Kinderbuchwelt sich fremden Sprachen und Kulturen öffnet.

Eine Ausstellung, die den sprachlichen und kulturellen Dialog anstoßen möchte, nach Luxemburg zu bringen, heißt also scheinbar „Eulen nach Athen“ zu tragen. Alle Gastredner bei der Eröffnung hoben denn auch hervor, dass sprachliche und kulturelle Vielfalt für Luxemburg nichts Neues, vielmehr alltäglich sei, so dass aus eben diesem Grunde Luxemburg sich als ein privilegierter Ort für eine solche Ausstellung anbiete.

Allerdings wissen wir seit der Baleine-Studie: Dass Luxemburg im Prinzip dreisprachig ist, bedeutet noch lange nicht, dass alle Einwohner Luxemburgs auch die Sprachen Lëtzebuergesch, Deutsch und Französisch beherrschen.² Dies gilt nicht weniger für die Kenntnisse von Kultur und Literatur: Dass das kulturelle Leben Luxemburgs nicht in sich geschlossen ist, sondern sich sowohl der deutschen als auch der französischen Kultur und Literatur öffnet, diesen sogar ein ausgesprochen hohes Interesse entgegen bringt, will nicht bedeuten, dass diese bi-kulturelle Ausrichtung für alle Luxemburger gilt. Dass Luxemburg trotz seiner historischen Entwicklung und seiner geo-

grafischen Lage zwischen den beiden Kulturen ein Zentrum des interkulturellen Dialogs zwischen Deutschland und Frankreich sei, wird man gleichwohl nicht behaupten können. An diesem Schnittpunkt zweier Kulturen scheint vielmehr der Dialog zu fehlen. Im Alltag erfährt man vielfach, dass Luxemburger sich in Frankophile und Germanophile einteilen lassen, die in dieser Frage eher in einem Spannungsverhältnis leben.

Die Ausrichtung auf zwei Kulturen, auf zwei Sprachen neben der eigenen luxemburgischen, wird im politischen und vor allem bildungspolitischen Kontext sogar zunehmend eher als Belastung denn als Chance gewertet.

In diesem Sinne dürfte die Ausstellung offengelegt haben, dass wir die Dreisprachigkeit und die Nähe zu zwei anderen Kulturen als Chance mit ihrem kreativen Potential insgesamt nicht genug wahrzunehmen und zu nutzen vermögen.

Wenn die Verantwortlichen der Ausstellung die Besucher einladen möchten, „ausgehend vom bereits Bekannten – der Sprache und den Büchern ihres kulturellen Umfeldes – das Unbekannte zu erforschen: die Sprache und die Literatur des anderen Landes“, so stellt sich die Frage, ob die Vorkenntnisse der frankophonen SchülerInnen in ihrer eigenen Muttersprache ausreichend genutzt werden, um sie an die luxemburgische oder deutsche Sprache heranzuführen. Werden diese sprachlichen Vorerfahrungen von vielen nicht eher als Belastung für das Erlernen der deutschen Sprache angesehen? Umgekehrt muss gefragt werden, wie die sprachlichen Vorkenntnisse frankophoner SchülerInnen in der Schule im Interesse der luxemburgischen SchülerInnen beim Erlernen des Französischen genutzt werden.

Wenn die Besucher entdecken sollen, wie die nach Themen zusammengestellten Bücher aus zwei Literaturen zueinander in vielfältigen Beziehungen stehen, dann muss man sich doch fragen, ob die Erforschung von Themen und die Durchführung von Projekten auf der Grundlage von deutsch- und französischsprachigen Materialien gleichzeitig an Luxemburgs Schulen Alltagsrealität ist.

Viele Werke der Kinder- und Jugendliteratur bzw. der klassischen Literatur liegen in Übersetzungen vor. Dies bedeutet doch, dass Kinder das Recht haben müssten, sich die Sprache, in der sie ein Werk lesen wollen, auszuwählen, wenn es unser Ziel ist, sie zu LeserInnen auszubilden. Die Diskussion über ein Buch auf der Grundlage von Vorlagen in unterschiedlichen Sprachen dürfte interessant und lehrreich sein.

Die Ausrichtung auf zwei Kulturen, auf zwei Sprachen neben der eigenen luxemburgischen, wird im politischen und vor allem bildungspolitischen Kontext zunehmend eher als Belastung denn als Chance gewertet.

Der Unterricht sowohl an den Grundschulen als auch an den Sekundarschulen Luxemburgs ist zwar bilingual, in dem Sinne, dass beide Sprachen gelehrt werden. Es handelt sich dabei aber eher um ein Nebeneinander, nicht um ein Miteinander.

In welchem Maße ist den SchülerInnen etwa die Wahl der Sprache freigestellt, wenn sie ihre Schreibfähigkeiten unter Beweis stellen sollen?

Der Unterricht sowohl an den Grundschulen als auch an den Sekundarschulen Luxemburgs ist zwar bilingual, in dem Sinne, dass beide Sprachen gelehrt werden. Es handelt sich dabei aber eher um ein Nebeneinander, nicht um ein Miteinander von Sprachen und Fächern. Nicht einmal der durchaus naheliegende Vergleich zwischen deutscher und französischer Sprache im Hinblick auf Wortschatz oder Grammatik dürfte häufig als Methode eingesetzt werden.

Dies gilt ebenso für andere Bereiche und Fächer. Wie wird Napoleon in deutschen Geschichtsbüchern im Vergleich zu den französischen dargestellt, wie sehen deutsche und französische Geschichtslehrbücher den 1. Weltkrieg? Luxemburgische SchülerInnen wären doch geradezu privilegiert, um solchen Fragen nachzugehen.

Welche Rolle spielt der Vergleich von französischer und deutscher Literatur beim Unterricht der Literaturgeschichte? In welchem Maße sind sprach- und literaturvergleichende Studien Gegenstand wissenschaftlicher Arbeiten bei luxemburgischen StudentInnen, die aufgrund ihrer Herkunft doch offensichtlich für solche Arbeiten prädestiniert sind?

Luxemburg scheint in all diesen Fragen dazu bestimmt, im Unterricht und auch in der Forschung eine Vermittlerrolle zwischen den beiden Sprachen, Literaturen und Kulturen einzunehmen und für seine eigene Situation fruchtbringend zu nutzen. Die Vorreiterrolle ist Luxemburg gewissermaßen wie ein Geschenk zugespielt. Wenn es diese nicht übernehmen kann oder will, werden in dem zusammenwachsenden Europa und vor allem in der Saar-Lor-Lux-Region andere das Geschenk dankbar annehmen.

Man weiß, dass im Augenblick mit Schlagwörtern wie Deutsch als Fremdsprache, frankophone Sektion,… neue Heilslehren (für größere Chancengleichheit?, für bessere Chancen aller Kinder?) verkündet werden. Diese führen von ihrer Konzeption keine Integration, sondern Trennung zum Nachteil aller mit sich. Angesichts der zunehmenden Probleme und der bestehenden Ratlosigkeit in diesen Fragen sollte man versuchen die Wege und Methoden zu erforschen, mit denen ein echter Bilingualismus im Sinne eines Miteinanders, nicht eines Nebeneinanders, und ein echter Dialog der (deutschen und französischen) Kulturen natürlich unter Berücksichtigung des Luxemburgischen hierzulande verwirklicht werden können.

Die Ausstellung eines Zentrums, dessen Aufgabe eigentlich die Verbreitung der französischen Sprache, Literatur und Kultur war (ist?) und sich nunmehr problemlos anderen Literaturen und Kulturen öffnet, hat einige Wege im Zeichen dieses Miteinanders geöffnet und aufgezeichnet.

Romain Sahr

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¹ Die Liste der ausgestellten Bücher luxemburgischer AutorInnen ist einzusehen in dem Katalog:
„Lëtzebuerger Kannerliteratur am Dialog“.

² „Pour la première fois dans l’histoire du Luxembourg moderne, on peut travailler et vivre au Grand-Duché sans parler le luxembourgeois et en utilisant le français comme langue de communication. Ainsi deux communautés linguistiques sont en train de se créer.“
(Fehlen, Fernand: Parlez français, s.v.p.), in: forum 177, Juli 1997, S. 40)

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