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D’Maus Katti, Zeichnung von
Romain Schroeder
Literatur wie im Bilderbuch
Kinder brauchen Geschichten, wenn sie lernen sollen, ihre Wünsche und Ängste zu reflektieren und zu verarbeiten, psychologische und soziale Zusammenhänge zu analysieren und eine eigene Identität in einem gegebenen kulturellen Rahmen zu entwickeln. Solche Geschichten können bildlich, mündlich oder auch schriftlich vermittelt werden. Lesen bedingt allerdings die Kenntnis der Sprache und die Beherrschung der Lesetechnik. Auf dieser Grundlage sind die Bedingungen für die Produktion und Verbreitung von Geschichtenstoff für Kinder luxemburgischer Muttersprache bis zu 7-8 Jahren leicht zu umreißen: Diese Kinder sprechen aufgrund ihrer sprachlichen Vorkenntnisse besonders gut auf Literatur in Luxemburger Sprache an. Da sie noch nicht lesen können, brauchen sie zudem Geschichten, die ihnen mündlich oder visuell vermittelt werden.
Die Möglichkeiten der mündlichen Vermittlung von Kinderliteratur in luxemburgischer Sprache sind:
a) Musikkassetten, Schallplatten, CDs, auf denen Marchen gesprochen oder Lieder gesungen werden.
b) Film, Video, Musical oder Theater.
c) Blicher, die ihren von Erwachsenen vorgelesen werden.
Überblickt man den literarischen Markt in Luxemburger Sprache, dann stellt man fest, dass die Produktion auf diese Bedürfnislage eingeht und die Marktlücke auszufüllen versteht, wobei diese Produktionen in Bezug auf Qualität, Originalität und Kreativität sich doch sehr stark voneinander unterscheiden.
Die einfachste Form auf die Marktlage zu reagieren ist die Übersetzung ausländischer Produkte, wobei die ausländischen Vorlagen von höchst unterschiedlicher literarischer Qualität sein können. Aber es reicht offensichtlich, Walt Disney-Produktionen ins Luxemburgische zu übersetzen, um ihnen einen Hauch von Exotik und Originalität zu verleihen und den Absatz zu garantieren. Zwar wird dabei versucht, die luxemburgische Übersetzung möglichst von Fremdwörtern freizuhalten und den Protagonisten ein möglichst „reines, urwüchsiges“ Luxemburgisch aufzu-
propfen. Dieser Sprach- und Kulturpurismus übersieht allerdings, dass diese Weltproduktionen literarische Vorlagen ausdünnen und kulturell völlig entwurzelt sind. Wie soll eine solche Literatur den Anspruch erfüllen „geeschtegt a kulturell Wärter aus Brauchtum a Geschicht weiderzegin“!? Vor allem aber, wie sollen diese Texte Kindern das
Die Identität des Luxemburgers wird sich nicht bei der Lektüre von „Tintin“ oder „Astérix“ entwickeln, mögen diese ein auch noch so kerniges, von Fremdwörtern gereinigtes Luxemburgisch sprechen.
vermitteln, was Bücher für die Entwicklung von Kindern so unentbehrlich macht. Die Identität des Luxemburgers wird sich nicht bei der Lektüre von „Tintin“ oder „Astérix“ entwickeln, mögen diese ein auch noch so kerniges, von Fremdwörtern gereinigtes Luxemburgisch sprechen. Es entsteht kein kultureller Hunger, kein Bedürfnis nach Selbstreflexion und Erkenntnis durch den Spiegel von Liedern, Geschichten und Bildern. Wer nur auf Unterhaltung
setzt, darf sich nicht wundern, wenn aus seinen Kunden Nicht-Leser werden, die andere Medien konsumieren, in denen sich Unterhaltung viel besser vermitteln lässt als über das Buch.
Dies soll nicht heißen, dass grundsätzlich auf Übersetzungen zu verzichten wäre. Die Wirkung von Märchen beispielsweise ist nicht davon abhängig, ob diese in Deutsch oder in Luxemburgisch erzählt oder vorgelesen werden. Märchen sind vielmehr ein gutes Beispiel dafür, wie seit Jahrzehnten auf das Bedürfnis nicht lesekundiger Kinder in Luxemburg durch die Veröffentlichung von Schallplatten oder Kassetten reagiert wird.
Eines der gelungensten Beispiele für gute und gleichzeitig erfolgreiche Kinderliteratur ist die Geschichte von der „Maus Katti“. Allerdings begnügte sich August Liesch nicht mit einer Übersetzung, sondern er passte die Fabel von Äsop dem luxemburgischen Kontext an, verlieh ihr somit Glaubwürdigkeit und dem Leser Möglichkeiten zur Identifikation.
Originale luxemburgische Produktionen kommen ebenfalls nicht ohne Erfolg dem Bedürfnis nach mündlich vermittelter luxemburgischer Literatur entgegen.
Mit seinen Stücken für Kinder füllt Jemp Schuster auch die größten Aufführungssäle in Luxemburg. Dass Guy Rewenigs Bestseller der luxemburgischen Literatur wie „Muschkilusch“ und „Zebra Tscherrl“ vor allem auch Geschichten zum Vorlesen und Zuhören sind, zeigt sich durch den Erfolg der entsprechenden Veröffentlichungen in Kassettenform im Jang Linster Verlag.
Kein anderes Medium dürfte allerdings dem Bedürfnis der Kinder nach Geschichten stärker entsprechen als das Bilderbuch. Allein dieser Begriff scheint in Luxemburg Verwirrung zu stiften, da man vielfach keinen Unterschied macht zwischen dem Bilderbuch und einem Buchtext mit Illustrationen. Das eigentliche Bilderbuch sei deshalb wie folgt definiert: „Abbildung und Text stehen gleichbedeutend nebeneinander und machen miteinander das originelle Werk aus. Den Bildern ist ein kongenialer Text beigefügt oder umgekehrt, eines kann nicht auf das andere verzichten, und beides ist zu einer Einheit verschmolzen. Bild und Sprache wirken zusammen am gleichen Gegenstand, um so in der Verschwisterung beider Künste einen hohen Grad der Vollendung zu erlangen.“² Dabei erzählt das Bilderbuch grundsätzlich eine einzelne durchgängige Geschichte.³
Guy Rewenig scheint seiner Kritik an der vom Erziehungsministerium im Jahr 1997 herausgegebenen Broschüre „Bücher gibt’s“⁴ einen anderen Begriff von Bilderbuch zugrunde zu legen. Er bemängelt das Fehlen luxemburgischer Titel in einer Broschüre, die grundsätzlich dazu gedacht war, Bilderbücher in deutscher Sprache als Mittel der Alphabetisierung und Literarisierung von Schulkindern im Untergrad zu empfehlen. Welche luxemburgischen Titel könnten in solch einer Broschüre in einer Reihe mit Anthony Browne, Eric Carle, Wolf Erlbruch…, aufgeführt werden, wenn nicht seine eigenen Kindererzählungen, die aber gattungsmäßig eindeutig nicht dem Bilderbuch zuzuordnen sind.
Aber das Bilderbuch hat in Luxemburg offensichtlich keine Tradition. In seiner „Geschichte der Luxemburger Jugendliteratur“ schreibt Paul Noesen im Jahr 1951: „Wenn in unserer Jugendliteratur
ein Buch die Bezeichnung parent pauvre verdient, so ist es das Bilderbuch. Das Kinderbuch, das hauptsächlich der Bilder wegen geschaffen wurde, existiert bei uns so gut wie gar nicht. Das hat seine Gründe. Auch wenn sich bei uns der gottbegnadete Künstler fände, den es dazu drängte, für Kinder zu malen und zu zeichnen, so würde er vergeblich nach einem Verlag Ausschau halten, der seine Bilder in einem Bilderbuch in die Öffentlichkeit brächte. Das Absatzgebiet ist nun einmal zu beschränkt, um ein solches Wagnis zu riskieren.“⁵ An der Situation eines „parent pauvre“ hat sich in der Tat bis heute wenig geändert.
Im Rahmen eines europäischen Projektes zur Bilderbuchliteratur wurde eine Sammlung von Bilderbüchern (European Picture Book Collection) angelegt⁶, zu der jedes Land, das bei
Indem Rewenig sich von schulmeisterlicher Belehrung der Kinder abwandte, ihr Leben und ihre Sprache in seine Texte hereinholte, mit der Sprache spielerisch kunstvoll umging und die Realität phantasievoll verarbeitete, schuf er Bücher, hinter denen kaum noch die Absicht zu erkennen ist, gezielt für Kinder zu schreiben.
diesen Konferenzen vertreten war, einen Beitrag liefern sollte. Für Luxemburg wurde das Bilderbuch aus dem Benjamin Club „Grisette an d’Chou-pette um Motorrad“⁷ ausgewählt. Diese Wahl war entscheidend dadurch geprägt, dass der Text gleichzeitig in 3 Sprachen die Bilder begleitete. In diesem Sinne spiegelt das Buch nämlich in besonderem Maße die sprachliche und kulturelle Situation Luxemburgs.
Die gleichzeitige Veröffentlichung in mehreren Sprachen ist in der Tat ein für Luxemburg spezifisches Phänomen. In 3 Sprachen, allerdings in 3 unterschiedlichen Ausgaben, erschien auch das
Buch „Kira und sein neuer Freund Fernando“⁸ von Chantal Schenten-Keller, das, wie der Titel bereits andeutet, ebenfalls das Zusammenleben von Kindern unterschiedlicher Nationalität und Sprache thematisiert.
Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe ist das Thema des Kunstmärchens „Numia“ von Josy Braun⁹, das in seiner äußeren Gestaltung durchaus als Bilderbuch angesehen werden könnte.
Allerdings leiden diese Bücher noch zu sehr darunter, dass sie bewusst auf Kinder und auf die Vermittlung von sittlichem Handeln (wenn auch in progressivem Sinne) zugeschnitten sind. Sie entsprechen damit nicht den Forderungen, die Heinrich Wolgast bereits Anfang des Jahrhunderts in seinem Buch über das „Elend der Jugendliteratur“ aufgestellt hat: „Der Begriff der Jugendliteratur in dem Sinne eines Schrifttums, das eigens für die Jugend geschaffen und im allgemeinen auch nur für die Jugend Interesse haben kann, muß fallen“¹⁰.
Wie eine moralische Keule wirkt der Schluss des Buches „Kira et son ami Fernando“: „Peut-être as-tu aussi des enfants étrangers dans ta classe? Si c’est le cas, pense donc à Kira! La couleur de la peau, le pays d’origine et même la langue n’ont pas d’importance quand on veut jouer ensemble. Et si c’est toi, qui vient d’un autre pays, je te dis que ce qui compte ce sont les amis et l’amitié. Le reste tu peux l’oublier.“
Das Bilderbuch in Luxemburger Sprache wartet mithin noch auf die Kopernikanische Wende im Sinne von Wolgast, wie sie Guy Rewenig auf dem Gebiet der Kindererzählung für die Luxemburger Literatur vollzogen hat. Indem er sich von schulmeisterlicher Belehrung der Kinder abwandte, ihr Leben und ihre Sprache in seine Texte hereinholte, mit der Sprache spielerisch kunstvoll umging und die Realität phantasievoll verarbeitete, schuf er Bücher, hinter denen kaum noch die Absicht zu erkennen ist, gezielt für Kinder zu schreiben. Er hat die Kindererzählung zur erfolgreichsten Sparte in der Luxemburger Literatur überhaupt
gemacht und Verkaufszahlen erreicht,
die vor Jahren¹¹ undenkbar schienen.
Dies gibt also Anlass zur Hoffnung,
dass auch das Bilderbuch als Original
eines Luxemburger Schriftstellers /
Illustrators einen ähnlichen Erfolg kennen könnte.
Wenn auch die Enge des Marktes noch
immer besteht, so ist doch gerade das
Bild ein universelles Medium für Geschichten und die Verbreitung eines Bilderbuches über die Luxemburger Grenzen hinweg leicht denkbar. Demgegenüber ist ja gerade die Sprache für Luxemburger Schriftsteller ein Hemmschuh.
Aber offensichtlich fehlt es an der erforderlichen Förderung von Schriftstellern und vor allem auch Illustratoren für Kinderbücher und an Problembewusstsein¹² überhaupt. So muss man mit Bedauern feststellen, dass Luxemburg zu den wenigen Ländern der Welt gehört, die nicht Mitglied des Internationalen Kuratoriums für das Jugendbuch IBBY (International Board on Books for Young People) sind. Dabei handelt es sich um eine Vereinigung, die neben nationalen Preisen für Kinderliteratur den als Nobelpreis der Kinderliteratur bezeichneten Hans Christian Andersen Preis vergibt, der immerhin 1960 an einen seiner berühmtesten Preisträger Erich Kästner in Luxemburg selbst vergeben wurde.
Es wäre den Kindern in Luxemburg zu wünschen, dass in Luxemburg originale Bilderbücher in Luxemburger Sprache entstehen, die es ihnen ermöglichen, sich über den gehörten vorgelesenen Text und über die Betrachtung von Bildern gleichzeitig an das geschriebene Luxemburgisch in einem Bilderbuch heranzutasten und sich in die Welt der Literatur einführen zu lassen. Auf diesem Wege würden ihnen zusätzliche Möglichkeiten der Identifikation, der kritischen Distanzierung und der Reflexion eröffnet.
Das wäre aber nicht nur im Sinne der jungen Klienten, sondern auch im Sinne aller, die an der künstlerischen Produktion, am kulturellen Leben in Luxemburg und an der Entwicklung der Luxemburger Sprache als Literatursprache interessiert sind.
Romain Sahr
¹ Plan d’Etudes: Letzebuergesch, S. 1.
² MAIER, Karl Ernst: Jugendliteratur. Formen-Inhalte-pädagogische Bedeutung, 10. überarb. und erw. Aufl.-Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 1993, S. 16.
³ Vor allem aus diesem Grund sind die gemeinsamen Werke von Jhemip Hoscheit (Text) und Michel Demart (Illustration), die von der Aufmachung her einem Bilderbuch sehr nahe kommen und hohen Ansprüchen an Text und Illustration genügen, nicht als Bilderbuch zu bezeichnen.
⁴ REWENIG, Guy: „S’il n’y avait pas de littérature luxembourgeoise, personne ne le regretterait“ in: LE JEUDI, 6.11.97 und REWENIG, Guy: Auteurs luxembourgeois discriminés? Oui! Et Comment! In: LE JEUDI, 27.11.99.
⁵ NOESEN, Paul: Geschichte der Luxemburger Jugendliteratur, Luxemburg: Verlag der L.K.A., 1951, S. 73.
⁶ Unter der Leitung der englischen Forscherin Penni Cotton fanden bisher zwei Symposien (1996 in Douai und 1998 in Stadtschlaiming) statt, um Fragen der Bilderbuchproduktion in den europäischen Staaten zu untersuchen.
⁷ THEIS, A. & RIES, M. D’Grisette an
d’Choupette um Motorrad, Luxemburg: Joseph Beffort, 1995. Das Buch erschien in 2 Versionen. Die 1. Version enthält den Text in Luxemburgisch, Französisch und Deutsch, in der 2. Version liegen die Texte in Luxemburgisch, Französisch und Portugiesisch vor.
⁸ SCHENTEN-KELLER Chantal: D’Kira a slain neien Frénd Fernando. Kannerbuch, Op der Lay 504
SCHENTEN-KELLER Chantal: Kira und ihr neuer Freund Fernando. Kinderbuch, Op der Lay 505
SCHENTEN-KELLER Chantal: D’Kira et son ami Fernando. Livre pour enfants, Op der Lay 506.
⁹ BRAUN, Josy: Numia. E letzebuerger Määrchen, Esch/Alzette 1994.
¹⁰ WOLGAST, Heinrich: Das Elend unserer Jugendliteratur, Worms 1950 (7. Aufl.), S. 25.
¹¹ Paul Noesen spricht noch von Auflagen von nur 1000 Exemplaren.
¹² In diesem Zusammenhang wäre auch festzustellen, dass bisher kein Klassiker der eigentlichen Bilderbuchliteratur wie Eric Carle, Leo Lionni… in einer luxemburgischen Version veröffentlicht wurde.
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