Die Alternativpresse – eine Alternative zur Presse?
Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
Wer ein Dossier über den Pressemarkt in Luxemburg zusammenstellt, muß auch ein Wort über die sog. Alternativpresse verlieren. Mit Auflagen von rund 1000 (‚Perspektiv‘, ‚forum‘) bis 2400 (‚Kéisécker‘) Stück erreichen die drei bekanntesten Organe dieser Presse fast die Auflage des ‚Journal‘. Bei einer Bevölkerung von 340 000 Einwohnern haben sie eine prozentual höhere Auflage als vergleichbare Zeitschriften im Ausland. ‚Publik-Forum‘ z.B. hat in der BRD eine Auflage von knapp 20 000 Stück, also ein Exemplar auf 3 000 Einwohner, ‚Témoignage Chrétien‘ verkauft rund 100 000 Nummern, also je eine auf 500 Franzosen, während ‚forum‘ z.B. ein Exemplar auf 340 Luxemburger los wird. Dabei erscheinen ‚TC‘ jede Woche, ‚R-F‘ alle 14 Tage, während ‚De Késécker‘ sechsmal, ‚forum‘ achtmal und ‚Perspektiv‘ zehnmal im Jahr erscheinen.
Doch nicht nur die Auflagenzahlen der Alternativpresse sind verhältnismäßig hoch. Es gibt zudem eine recht vielfältige Zeitschriftenzahl. Diese Auflagenhöhe und Vielfalt scheinen dem allgemeinen luxemburgischen Pressemarkt zu entsprechen. Es ist bekannt, daß es kaum eine Gegend auf der Welt gibt, wo soviele Zeitungen und Zeitschriften gelesen, soviele Fernsehprogramme geschaut und soviel Rundfunksender gehört werden können. Und da (fast) alle nach den Prinzipien der kommerziellen Rentabilität geführt werden, ist anzunehmen, daß alle diese Presseorgane auch ihr Publikum haben. (Vgl. A. Heiderscheid, Particularités de la presse luxembourgeoise. Communication faite à l’Institut Grand-Ducal, Section des sciences morales
et politiques le 7 juillet 1978) Abwesend auf dem Markt sind, von der ephemären ‚rouder Wullmaus‘ Anfang der 70er Jahre abgesehen, eigentlich nur satirische Zeitungen. Eine Hauptursache, wanwörtlich des sowieso großen vielfältigen Pressemarktes in Luxemburg Alternativzeitschriften recht gut gedeihen, ist aber wohl in der Tatsache zu suchen, daß alle Tageszeitungen parteigebunden sind, und auch das bislang einigermaßen unabhängige ‚Lëtzeburger Land‘, in dem auch mal kritische Beiträge über unser Gesellschaftssystem und Kulturleben zu lesen waren, driftet immer deutlicher ins rechte DP-Lager ab.
Die Vielfalt der Titel der Alternativpresse läßt sich schon aus einer kurzen Aufzählung erkennen: Neben ‚forum‘, das ‚kritische Informationen über Politik, Kultur und Religion‘ in einer radikal-christlichen Perspektive vermittelt, neben ‚Perspektiv‘ welche ebenfalls alle Aktualitätsbereiche abdeckt und ein Sprachrohr für die gesamte Linke sein will, gibt es eine ganze Reihe von ‚Fachzeitschriften‘: ‚De Késécker‘, ursprünglich eine Zeitschrift für Natur- und Umweltschutzfragen, seit Jahren auch gesellschaftspolitisch engagiert, weil diese Probleme allgemeine politische Lösungen erfordern, hat seinen Themenkreis seit zwei Nummern sehr stark erweitert und bringt auch Beiträge über ‚Dritte Welt‘, ‚Behinderte‘, ‚Friedenspolitik‘, ‚Kirche und Glaube‘, ‚Kultur‘, so daß man auch hier von einer allgemein informierenden Zeitschrift reden kann. ‚Brennpunkt 3. Welt‘ hingegen bleibt eine auf die Probleme der 3. Welt und ihre Abhängigkeit von den Industrie-
in: Le Monde, 23/3/80
ländern ausgerichtete Zeitschrift. ‚Vivre 81‘ steht ausschließlich im Dienst der Behinderten. ‚Public – Chrèschen am Dialog‘ bringt Kommentare über gesellschaftliche Probleme in rein christlicher Sicht.
Erwähnt seien auch noch Jugendzeitschriften wie ‚De Kregéliert‘, der sein Erscheinen nach 8 Nummern aber offenbar eingestellt hat. Ein Teil seiner Mitarbeiter schreibt nun in ‚Zouistän – Zäitschrift für fräi Expressioun‘. Solche Zeitschriften haben meistens nur einen kurzlebigen Charakter, ihre Existenz ist aber nicht zu unterschätzen. Durch den militanten Verkauf vor allem im Studentenmilieu erreichen sie z.T. hohe Auflagen. Wichtig ist auch die politische Bewußtwerdung, die in erster Linie bei den Mitarbeitern durch diese Pressearbeit eingeleitet wird. Ihre Rolle im Mai 1968 wird wohl niemand geringschätzen. Von Jugendlichen oft in Eigenregie gemacht, dauern sie meistens allerdings nur solange wie bestimmte Leaderpersönlichkeiten Zeit und Interesse dafür haben. Das Ziel ‚allen eine Möglichkeit zur freien Aussprache‘ zu geben – auf die Gefahr hin, widersprüchliche Beiträge einfach nebeneinander abzudrucken – genügt meistens nicht, um das Projekt über Personalkrisen hinweg weiterleben zu lassen. In dieser Hinsicht sind die eingangs genannten Zeitschriften sicher stärker strukturiert, ihre Zielsetzung ist klarer definiert und ihre Fortdauer somit sicherer.
Mancher Leser wird etwas erstaunt sein, daß keine weiteren Zeitschriften hier genannt werden. Die Definition der ‚Alternativpresse‘ ist in der Tat sehr umstritten. Man könnte an mehrere Kriterien denken: Presseorgane ohne Gewinnzweck, Presseorgane, die nicht nur Partei- oder Vereinsmitglieder erreichen
(das will wohl keine Zeitschrift, ist de facto aber bei sehr vielen der Fall), Presseorgane, die ohne Berufsjournalisten arbeiten. Keines dieser Kriterien ist völlig zufriedenstellend: viel Gewinn wirft auch die Tagespresse kaum ab; auch Vereine und Parteien können eine alternative Bewegung sein; ‚Publik-Forum‘, ‚T.C.‘ arbeiten mit Berufsjournalisten, und bei einer Zusammenlegung von ‚Kéisecker‘, ‚Perspektiv‘ und ‚forum‘ wäre das auch in Luxemburg denkbar. Eher noch wird man die Definition in der ‚Alternative‘ sehen: Presseorgane, die bewußt andere Informationen und Kommentare veröffentlichen als in der etablierten Presse verbreitet werden. Aber was heißt ‚anders‘? Und tun die Organe der kleinen Parteien das nicht auch?
Die Wichtigkeit dieses Kriteriums geht auch aus der Entstehungsgeschichte der meisten Alternativblätter hervor. Als am 31.1.1976 ‚forum‘ Nr. 1 erschien, war dies eigentlich nur ein neuer Name für eine seit Januar 1972 bestehende Zeitschrift, das ‚Bulletin d’information de la ‚Jugendpor Lëtzeburg“. Und dieses Informationsblatt war geschaffen worden, weil ganz einfach die katholische Tagespresse Informationen betreffend die damals sehr aktive ‚Jugendpor‘ nicht mehr veröffentlichen wollte, nicht einmal die Meßankündigungen. Das ‚Bulletin‘ sollte diesen für die Gemeinschaft oft leben wichtigen Informationsmustausch nun bewerkstelligen und ging daher anfangs auch nur an die Meßbesucher der ‚Jugendpor‘. Mit zunehmender politischer und theologischer Bewußtwerdung, in der Zeit der hoffnungsvollen Anfangshase der Diözesansynode, wurde aber sehr bald versucht, einen Leserkreis über die ‚Jugendpor‘ hinaus zu finden, um Meinungen und Informationen, die uns in unserer christlichen Ueberzeugung wichtig schienen, auch andern Menschen mitzuteilen, die nur das ‚Luxemburger Wort‘ lassen. Häufig wurden in diesem Sinne einfach nur Beiträge aus ausländischen katholischen Presseorganen nachge-
druckt. ‚forum‘ ist heute sicher mehr als nur eine Alternativzeitschrift mit Komplementarinformationen zum L.W. (Vgl. Einleitung S. 1). Doch diese Funktion hat ‚forum‘ leider bis heute noch nicht verloren, obschon 1974 eine mit wissenschaftlicher Akribie verfaßte Studie die Einseitigkeit der L.W.-Informationspolitik belegte, und obschon mehrere Interventionen in der Synode die Luxemburger Kirche auf den Schaden aufmerksam machten, den sie – die Kirche – durch die Unsachlichkeit leidet. Ein diesbezüglicher Synodenbeschluß trug übrigens den ‚forum‘-Argumenten weitgehend Rechnung, in der L.W.-Direktion verschloß man Augen und Ohren umso fester.
‚Perspektiv‘ hat eine durchaus ähnliche Entstehungsgeschichte. Nachdem 1974 die LSAP an der Regierungskoalition beteiligt war, wurden an der Parteibasis, vor allem von Seiten der Jugend, immer häufiger Stimmen laut, die eine echte sozialistische Politik an Stelle des sozialdemokratischen Krisenmanagements verlangten. Sehr bald veröffentlichte das ‚tageblatt‘ – nunmehr Regierungspresse – ihre Beiträge nicht mehr und zum großen Teil verliefen sie auch die sozialistische Partei bzw. wurden sie ausgeschlossen. So wurde der ‚Sozialistische Arbeitskreis‘ (SOAK) gegründet, der die ‚Alternative‘ herausgab, aus der nach einer Spaltung die heutige ‚Perspektiv‘ hervorging, in der das linke Meinungsspektrum von der Sozialdemokratie über die KP bis zu den Trotzkisten reicht. Sie ist bis heute die einzige Zeitschrift in Luxemburg, in der (fast) alle linken Tendenzen zu schreiben bereit sind, während das ‚t‘ immer weniger, trotz der Wahlniederlage von 1979, das Sozialistische in der Zeitung hervorstreicht.
Auch ‚Kéisécker‘, ‚Brennpunkt‘, ‚Vivre 81‘ sind so als Alternativen zur Tagespresse entstanden, weil die Anliegen dieser Gruppierungen – Umweltpolitik, Dritte Welt, Behinderte – in der etablierten Presse ungenügend berücksichtigt wurden.
Es bleibt die Titelfrage zu beantworten, ob die Alternativpresse wirklich eine Alternative zur herrschenden Presse darstellt. Aus jedem einsichtigen Gründen kann die Antwort nur nein lauten. Aber die
Alternativpresse darf hoffen, durch ihre Existenz einen gewissen Einfluß auf die herrschende, parteigebundene Presse auszuüben. Allein schon die hohen Auflagenzahlen dürften zur Genüge beweisen, daß die Unzufriedenheit mit der herrschenden Presse groß ist und ein echtes Bedürfnis nach ‚andern‘ Informationen, Analysen, Meinungen besteht. Es ist auch kaum übertrieben zu behaupten, daß das Bewußtsein der Parteien für ‚Alternativ‘-themen wie Umweltpolitik, Dritte Welt, u.ä. wächst, auch wenn das Umdenken offenbar schwer fällt.
Auch die verärgerten Ueberreaktionen eines L.W.-Direktors auf ‚forum‘-Initiativen (LW-Analyse, z.B.) – ähnliches läßt sich in Bezug auf ‚Perspektiv‘ von der ‚t‘-Leitung berichten – wagen wir insofern als positiv zu interpretieren als sie zeigen, daß die Alternativpresse auch dort ernstgenommen wird. Vor allem wird durch sie eine festgefahrene Gewohnheit dieser Leute in Frage gestellt: das Blockdenken. Gewohnt, immer nur den Gegner im andern Lager anzugreifen und von dort Hiebe zu erwarten, sehen sie sich plötzlich Kritik im eigenen ‚Lager‘ ausgesetzt, oder besser, die ‚Lagerfronten‘ beginnen zu verschwimmen. Die ‚Verwirrung der Geister‘, wie abbé Heiderscheid das nennt, war aber für solche Blockdenker und kalte Krieger noch immer die größte Gefahr. Für ‚forum‘ wird aber auf Grund des christlichen Versöhnungsauftrags und der in der Pastoralinstruktion ‚Communio et Progressio‘ definierten Rolle der Presse als ‚öffentliches Forum, auf dem das Gespräch der Menschen hin und her geht‘, das die Menschen befähigen soll, ‚an ihrem Platz das Leben der Gemeinschaft aktiv mitzugestalten‘, der stete Auftrag bleiben, diese Fronten aufzubrechen. Einiges glauben wir sogar schon erreicht zu haben, auch wenn die katholische Tagespresse sich bislang von allen betroffenen Institutionen noch am renitentsten zeigt. Aber selbst der beigeordnete Chefredakteur des ‚Luxemburger Wort‘ hatte unsere Redaktion vor zwei Jahren zu einem fruchtbaren Gespräch in die neuen Redaktionsräume in Gasperich eingeladen, und es schien uns, daß das starre Blockdenken auch in der L.W.-Redaktion nicht mehr allzulange überleben kann – und wird.
m.p./Seko
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!