Die Armen und die Kultur

Öberlegungen der "Université Quart Monde"

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Überlegungen der "Université Quart Monde"

Es ist das Jahr der Kultur, aber nicht alle gehen hin. Zum Beispiel die Armen nicht. Und die Kultur kommt auch nicht zu ihnen, im Jahr aller Kulturen. Bei der "Université Quart Monde" machten sich die Armen Gedanken darüber. Doch wen interessieren die schon? Wer hört auf sie? Auch die "forum"-Redaktion wußte nicht recht, was sie mit diesen Überlegungen, die "ATD-Quart Monde" ihr zur Verfügung gestellt hat, anfangen sollte. Auszüge aus dem Gesprächsprotokoll sollen trotzdem hier veröffentlicht werden. Auch Arme haben zur Kultur etwas zu sagen und ein Recht, gelesen zu werden. Die "forum"-Redaktion wäre auch bereit, einen Leseabend mit Luxemburger Schriftstellern bei der "Université Quart Monde" zu sponsoren. Doch haben die Armen Interesse daran? Unsere Gegenfrage zeigt, wie wenig die "Kultur des Dialogs" entwickelt ist.

Kultur ist was man empfindet, was man gern hat. Der Mensch ist Körper, Seele und Geist, das Alles ist ein Ganzes. Das muß sich ausdrücken können. Ich male, weil es mir Freude macht. Das ist wichtig. Eine Seele muß mit einer anderen Seele teilen, was sie fühlt, was sie bewegt. Ich habe bis 15 Jahre gemalt. Ich habe aber keine Seele gefunden, die mich verstanden hat, die mitgeklungen hat. Niemand hat mich anerkannt. Ich will aber anderen Menschen zeigen, was ich kann, was ich in meinem Herzen trage.

Ich höre gerne Musik zu Hause am Radio. Ich nehme aber nichts auf Kassetten auf, weil ich mich nicht auskenne. Jeden Sonntag morgen höre ich Radio. Ich habe ein kleines Kofferradio. Während ich das Essen vorbereite, singe ich immer mit, dann fühle ich mich besser. Früher habe ich mir die Lieder aufgeschrieben. Meine Mutter sagte mir immer: Du wirst einmal Sängerin.

Wenn ich auf die Straße gehe, dann werde ich angestarrt. Ja, so ist das. Aber wenn eine Veranstaltung ist, dann gehe ich hin. Ich kann mich amüsieren. Die Weihnachtsfeier, das ist schön. Früher in der Fastnacht habe ich mich immer verkleidet. Die Leute sagten: Du bringst gute Laune mit. Weshalb soll ich auch den Kopf hängen lassen?

Kultur ist, was angeboren ist, was man in sich hat, eine Begabung. Ein Maler hat eine Begabung. Man hat eine Begabung für das Weben, das Stricken. Ich habe eine Begabung zum Nähen. In jedem Menschen steckt etwas drin. Jeder Mensch kann etwas. Nur nicht jeder weiß es. Wir, die Armen, zeigen es auch nicht so in der Öffentlichkeit, wie andere das tun.

Ich würde gerne eine Skulptur machen, aber das ist teuer. Ich habe auch das Gefühl, ich würde versagen,

Miroslav Bartak
in: Eine Feine Gesellschaft

nichts zustande bringen. Die Phantasie ist da, aber ich werde nicht angeleitet. Ich bin in keiner Gruppe, wo ich das machen könnte. Ich bin auch nicht darüber informiert, wo ich das lernen könnte.

Ich spreche nicht viel, aber ich male viele Dinge, die ich mir wünsche. Es muß aber Leute geben, die uns die Möglichkeit geben und uns Mut machen, uns auszudrücken. Es gibt nämlich auch Leute, die einen davon abhalten, etwas zu machen.

Das Glück in der Familie ist für mich wichtig. Was hast du davon, wenn du ein schönes Haus hast, reiche Möbel und du bist nicht glücklich! Meine Familie ist das Wichtigste. Alles andere, der Besitz, das Geld, ist nicht das, was zählt. Es hat keinen Wert, denn es vergeht. Aber die Liebe, das Zusammenhalten wird bleiben. Ich möchte mit anderen Menschen zusammen sein, die es ehrlich meinen. Eine schöne Beziehung ist von großem Wert. Ich hatte Menschen, mit denen ich eine schöne Beziehung haben konnte. Leider sind sie nicht mehr da und ich fühle mich allein.

*In unserer Kultur müssen die armen Familien zurückstehen. Im Jahr der Familie ist nicht geschehen. Jetzt haben wir das Jahr der Kultur. Viel Geld wird ausgegeben, um zum Beispiel den Bahnhof zu restaurieren. Die armen Familien können aber nicht an den Kulturmanifestationen teilnehmen. Sie können es sich nicht leisten. Sie gehören nicht dazu. In unserer Gemeinde, die eine kleine Gemeinde ist, werden keine Lehrgänge organisiert und es gibt auch nichts in den Ferien für die Kinder.

Ich frage mich oft: Haben die Familien in kleinen Gemeinden kein Recht auf Kultur wie die anderen in größeren Gemeinden? Um in die Stadt oder nach Ettelbrück zu fahren, da fehlen oft die Verbindungen. Wenn man einen halben Tag für den Zug und den Bus opfern muß, dann bleibt nicht viel Zeit übrig, um etwas Schönes schauen zu gehen. Und doch ist die Kultur wichtig für uns. Ich habe das gesehen, als mein Sohn mit ATD die Ausstellung über Kutter besichtigen war. Es hat ihm sehr gefallen.

Kultur ist nicht nur, von allem etwas zu wissen. Für mich ist Kultur, mit jedem gut sein, sich verstehen, einander annehmen, so wie man ist. Auch gegenüber den Ausländern soll man keine Vorurteile haben. Das ist auch Kultur. Es ist wichtig, sich die Hand zu geben und zu sagen, daß wir zusammenhalten. Da fehlt es den Luxemburgern an Kultur.

Die Armen müssen die Möglichkeiten haben, teilzunehmen, ohne verstoßen zu werden. Die Reichen sollen auch zu den Armen kommen, in unser Haus in Beggen. Sie würden sich wundern, was wir fertigbringen. Wir müßten eine Ausstellung organisieren, mit all den Sachen, die wir hier in Beggen gemacht haben. Diese Ausstellung sollte auswärts sein, wo auch andere Ausstellungen stattfinden, wo viele Leu-

te vorbeikommen, Arme und Reiche. Sie würden sich wundern, was die Armen zustande bringen. Sie würden uns fragen und wir könnten ihnen antworten. Sonst kann das sich nicht ändern. Wir zeigen das, was wir können, und daß wir stolz darüber sind. Wir schämen uns nicht, wir schauen nicht auf den Boden, nein, das wollen wir nicht.

Ich nehme an keinen kulturellen Manifestationen teil. Hie und da gehe ich zu einem Fest, wenn ich Geld habe. Ins Kino würde ich gerne gehen, um gute Filme zu schauen, um zu lachen. Ich möchte, daß alle Kinder mitgehen, aber dann ist es zu teuer.

Ich möchte schon zum Karneval, zu den Festen, mit einem Ballon fliegen, an Malwettbewerben teilnehmen. Ich gehe nirgendwo, weil ich glaube, daß da feinere Leute sind und daß ich nicht dazu passe.

Wir können mit andern unsere Kenntnisse teilen, wenn wir Kontakte knüpfen, mit ihnen sprechen. Ich zeige anderen, was ich zum Beispiel mit Salzteig mache. Die Menschen aus unserer Straße kommen mich um Rat fragen. Sie fragen mich, wie das geht und ich sage es ihnen. Andere kann man teilnehmen lassen, wenn man das, was man gemacht hat, zeigt. Das ist ein Mittel, um mit anderen Leuten zu sprechen und Kontakte zu machen.

Ich meine, wenn wir hier im Quart Monde zusammen etwas anfangen, wenn einer dem anderen hilft, dann können wir auch etwas Großes, wie zum Beispiel eine Skulptur, zustande bringen.

Das Leben ist schwer. Es bringt immer viel Streß. Oft ist es schwer zu ertragen. Ich knüpfe gerne Teppiche. Aber all die Sorgen lassen mir keine Zeit.

Ich möchte gerne in das Theater gehen, denn das erleichtert. Aber ich kann nicht dahin gehen.

Ich habe nicht viel Kontakt nach draußen, zu den anderen Menschen. Ich werde nicht viel beachtet.

Aber ich will von allen Menschen respektiert werden, auch wenn mein Leben schwer ist.

Ich fühle mich nicht wohl, weil ich allein bin. Es ist keiner da, der mir helfen kann, wenn mich etwas bedrückt. Ich bin froh, wenn es Sonntag ist, dann kann ich mich erholen. Sonntags bin ich die Gesellschaft. Dann fühle ich mich besser und es ist gleich, ob ich montags wieder arbeite oder nicht.

Ich habe schon probiert, zu Hause den Fernseher einzuschalten, aber es beruhigt mich nicht. Ich schalte aus, ich kann mich nicht konzentrieren. Momentan habe ich das Gefühl, von niemanden gebraucht zu werden.

Ich nehme an keinen kulturellen Manifestationen teil. Hie und da gehe ich zu einem Fest, wenn ich Geld habe. Ins Kino würde ich gerne gehen, um gute Filme zu schauen, um zu lachen. Ich möchte, daß alle Kinder mitgehen, aber dann ist es zu teuer.

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