Die Bibel von Bush gegen den Koran der Taliban?

Interview mit dem Befreiungstheologen und Wirtschaftswissenschaftler Franz Hinkelammert

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Die USA, die Globalisierung und die Verzweiflung in der Dritten Welt. Fragen an den Befreiungstheologen und Wirtschaftswissenschaftler Franz Hinkelammert

Professor Hinkelammert, der Schock nach den Terroranschlägen in den USA ist noch keineswegs verdaut, umso größer ist die Versuchung, zur Bewältigung der Vorfälle die Welt nun in Gute und Böse aufzuteilen.

Franz Hinkelammert: Wir müssen sehen, dass bei diesen Vorfällen ein Paradigma des Selbstmordattentates abläuft, das es uns überhaupt nicht erlaubt, die Welt nun in diese beiden Lager aufzuteilen. Vor allem ist zu bedenken, dass dieses neue Paradigma zuerst in den USA- nicht den islamischen Ländern – zu beobachten war: Da tauchten bereits in den 80er Jahren Attentäter auf, die in Schulen eine Menge Kinder und anschließend sich selbst umgebracht haben. Dieses Muster hat sich seither wiederholt.

Aber die Motive für diese Gewalttaten sind nicht die gleichen geblieben.

Hinkelammert: Unabhängig von den Motiven lässt sich die immer gleiche Struktur des Vorgehens beobachten: Man macht ein Attentat auf Leute, die man gar nicht kennt, und exekutiert hinterher sich selbst, oder man ergibt sich und wird – wie im Fall des Attentates in Oklahoma – hingerichtet. Diese Art von Attentaten nahmen ihren Anfang in den USA, tauchten später auf in Japan, in China, in Afrika, vor einem Jahr in Nepal, in Hongkong und parallel dazu gab es Selbstmordattentäter in Palästina. Und schließlich war dieses gigantische Selbstmordattentat vom 11. September, das sich vom ursprünglichen Typus dieser Attentate lediglich dadurch unterscheidet, dass hier eine ganze Organisation dahinter steht.

Wo sehen Sie die Hintergründe für dieses neue "Paradigma des Selbstmordattentates"?

Hinkelammert: Da ist etwas geschehen in unserer Kultur …

Sie meinen die westliche Kultur?

Hinkelammert: Ja, wobei wir davon ausgehen müssen, dass die westliche Kultur inzwischen

globale Kultur geworden ist: Länder mit anderen Kulturen sind gleichsam zu Subkulturen der globalen Kultur geworden. Von daher sind auch diese Katastrophen, die auftauchen, letztlich ein Teil dieser westlichen Kultur. Es ist zu bedenken, dass wir die berühmten Türme von New York bereits in amerikanischen Filmen schon etliche Male haben zusammenbrechen sehen. Und es gibt auch elektronische Spiele, in den der Spieler Flugzeuge so lenken muss, dass sie auf das Empire State Building aufprallen. Und diese Spiele werden von keinem anderen Konzern verkauft als von Microsoft.

Was hat das zu bedeuten? Man könnte einfach sagen, dass sich mit solchen Spielen Geld machen lässt. Aber weshalb kann man mit so etwas Geld verdienen? Was ist das für eine Kultur, die so etwas hervorbringt?

Sie meinen, dass die zweifelhaften Erzeugnisse der westlichen Kultur am Schluss auf sie selber zurückfallen?

Hinkelammert: Tatsächlich fällt das auf die westliche Welt zurück. Und unter diesem Aspekt wäre auch die Globalisierungsstrategie zu untersuchen, die zu immer größerer Naturzerstörung und zu einer gewaltigen Ausgrenzung großer Teile der Weltbevölkerung führt.

Der Befreiungstheologe Leonardo Boff warnt in diesem Zusammenhang vor einer weltweiten sozialen Apartheid.

Hinkelammert: Das trifft eindeutig zu. Und eine solche Entwicklung ist mit den Menschenrechten nicht zu vereinbaren. Wir müssen feststellen, dass mit der Strategie der Kapitalakkumulation die Geltung der Menschenrechte annulliert wird. Das schafft eine soziale Katastrophe, aber auch eine Katastrophe im Bewusstsein von Menschen, die feststellen müssen: Ich habe nicht mehr Rechte als ein Hund. Menschenwürde gibt es nicht. Wenn du über Geld verfügst, hast du sie, wenn du keins hast, nicht.

"Wir müssen feststellen, dass mit der Strategie der Kapitalakkumulation die Geltung der Menschenrechte annulliert wird. Das schafft eine soziale Katastrophe, aber auch eine Katastrophe im Bewusstsein von Menschen, die feststellen müssen: Ich habe nicht mehr Rechte als ein Hund."

"Das Fatale der gegenwärtigen Globalisierungsstrategie liegt darin, dass sie ein Bewusstsein erzeugt, das zwischen Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit operiert."

Welches sind die Konsequenzen dieses globalen Ausgrenzungsprozesses?

Hinkelammert: Die von der Ausgrenzung betroffene Bevölkerung protestiert. Doch wie lautet die Antwort der Mächtigen dieser Welt auf diese Proteste? Es gebe keine Alternative zu dieser Form der Globalisierung. Man kann sich kaum vorstellen, was bei den Menschen vor sich geht, die man so behandelt.

Das Ergebnis ist das, was die Verantwortlichen dieser Globalisierungsstrategie erwarten: Fatalismus. Und irgendwie haben auch die Selbstmordattentate einen zutiefst fatalistischen Hintergrund. Es ist ein unglaublich militanter Fatalismus, der da zum Ausdruck kommt: Es ist nichts mehr zu machen, also bringen wir uns um und reißen so viele Leute wie möglich mit in den Tod! … Und genau da liegt ja auch das Fatale der gegenwärtigen Globalisierungsstrategie: dass sie ein Bewusstsein erzeugt, das zwischen Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit operiert.

Ist es demnach zu kurz gegriffen, die Terroranschläge bloß mit dem "Gegensatz" zwischen der westlichen, christlich geprägten Welt und dem Islam zu verbinden?

Hinkelammert: Ich halte das für völlig falsch. Und zwar einfach deshalb, weil das neue Paradigma des Selbstmordattentates in allen Kulturen auftaucht. Ich glaube nicht, dass es einen Unterschied ausmacht, wenn nun ein Selbstmordattentäter einen Turban trägt und ein anderer sich einen Zylinder aufsetzt. "Die Bibel von Bush gegen den Koran der Taliban" – das ist für mich eine völlig wahnwitzige Entgegensetzung! Denn weder die Bibel von Bush noch der Koran der Taliban sind das, was diese heiligen Bücher des Christentums und des Islams im Grunde aussagen. Und dieses Problem finden wir in der ganzen Geschichte des Christentums und wahrscheinlich in allen Religionen.

Als Wirtschaftswissenschaftler haben Sie sich kritisch mit den Mechanismen des globalen Marktes auseinander gesetzt. Wo liegt das Hauptproblem der Globalisierung?

Hinkelammert: Dass die Welt global geworden ist, bestreitet grundsätzlich niemand. Problematisch ist allerdings die Globalisierung des Nutzenkalküls als Marktkalkül. Denn diese bringt indirekte Effekte hervor, die sich heute als globale Bedrohungen äußern: soziale Ausgrenzung, innere Auflösung der zwischenmenschlichen Beziehungen und die Zerstörung der Natur. Sie machen sich als Sachzwänge geltend, die die heutige Totalisierung des Nutzenkalküls als Marktkalkül unvermeidlich begleiten.

Sie misstrauen dem Prinzip der "Selbstregulierung des Marktes". Und Sie sprechen von einem "zynischen" oder auch "nihilistischen" Kapitalismus. Was meint das?

Hinkelammert: Tatsächlich entdecken wir bis heute eine regelrechte Mystifizierung des Marktes. Noch immer treffen wir auf den Irrtum, wonach der vermeintlich sich selbst regulierende Markt wie durch eine "unsichtbare Hand" geleitet werde und letztlich das Allgemeininteresse sichere. Doch die gegenwärtigen Auswirkungen der Globalisierung widerlegen eindeutig dieses auf den Markt bezogene Harmoniedenken. Die Realität sieht ganz anders aus: Diese Globalisierung basiert auf einem nihilistischen System und annulliert die Menschenrechte.

Was müsste verändert werden?

Hinkelammert: Die Antwort auf die negativen Auswirkungen der Globalisierung kann nicht die Abschaffung des Marktes sein. Dieser Versuch hat sich in der Vergangenheit als illusorisch erwiesen. Was wir aber brauchen, ist eine Intervention der Märkte – darin sehe ich die Überlebenschance für die Menschheit: Nötig ist eine völlige Neugestaltung des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der Außenhandelspolitik. Dass eine gänzliche Öffnung der Märkte Wahnsinn ist, macht die Not bei uns in Costa Rica deutlich: Der ganze Bauernstand wurde seit 1980 zerstört. Wir importieren nun die Zwiebeln aus den USA – und produzieren stattdessen Blumen für die US-Märkte.

Das Interview mit Franz Hinkelammert führte Benno Bühlmann (aus Publik-Forum, Nr. 20, 26. Oktober 2001)

Aktuelle Bücher von Franz Hinkelammert: Der Schrei des Subjekts. Vom Welttheater des Johannesevangeliums zu den Hundejahren der Globalisierung. Edition Exodus 2001, 411 Seiten, 62,- DM; Kultur der Hoffnung. – Für eine Gesellschaft ohne Ausgrenzung und Naturzerstörung. Edition Exodus 1999, 208 Seiten, 48,- DM; Kritik der utopischen Vernunft. Eine Auseinandersetzung mit den Hauptströmungen der modernen Gesellschaftstheorie. Edition Exodus 1994, 320 Seiten, 45,- DM

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