Johannes XXIV. verkauft den Vatikan

aus: Publik-Forum 1, 1985

Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.

Die Journalisten der Weltpresse waren eben daran zu rätseln, welche Schlagzeile sie für Neujahr 2000 setzen lassen sollten, als die Telexe ihnen wie gewünscht eine Sensationsmeldung hereintippten: „Der Papst verkauft den Vatikan.“

In der Tat hatte Papst Johannes XXIV. auf den 30. Dezember ein Konsistorium einberufen. Aber statt bloß die Glückwünsche der Kardinäle entgegenzunehmen und die gewohnte kirchen- und weltpolitische Rundschau zu geben, die im Grunde nichts sagte, vor allem nichts veränderte, hatte er sein ganz in Eigenregie und im Geheimen entwickeltes Zukunftsmodell des Petrusdienstes vorgelegt, das die Welt aufhorchen ließ.

Er hatte in seiner Rede ausgeführt: „Das II. Vatikanische Konzil hat das historische Kirchenbild verändert und Impulse gegeben, die theologisch-theoretisch die Zustimmung gefunden haben, aber die pastoral-strukturell bisher noch nicht in die Praxis umgesetzt wurden. Es liegt mir sehr daran, zu gewissen Auswirkungen des Konzils mutig ja zu sagen… Nicht nur Kleider machen Leute, auch Gebäude prägen den Menschen. Das Barock- und Renaissance-Milieu des Vatikans hat jahrhundertelang dazu beigetragen, in diesem kirchlichen Verwaltungszentrum einen Stil und eine Mentalität zu schaffen, die innerhalb dieser Gebäude schwerlich zu verändern sind; abgesehen davon, daß sich diese Räumlichkeiten als sehr teuer im Unterhalt und unfunktionell für die Arbeit erweisen. An der Schwelle des dritten Jahrtausends scheint mir daher der Zeitpunkt gekommen zu sein, historischen Ballast abzuwerfen…“

Deshalb habe ich beschlossen, den Vatikan mitsamt den Museen an eine europäische Kulturinstitution zum Kauf anzubieten. Aus dem Erlös werde ich anderswo ein bescheidenes, funktionelles Verwaltungszentrum für die lateinische Kirche erbauen lassen. Ich betone: Für die lateinische Kirche. Ich verstehe darunter die Kirche der altchristlichen Länder der westlichen Welt, die aus der römischen Kultur herausgewachsen sind und die Kirche, wie sie konkret lebt, in ihrer historischen Gestalt geformt haben. Bezüglich der anderen Kontinente hat es dem Heiligen Geist und mir gefallen, ihrem je eigenen Kulturempfinden entgegenzukommen, ihnen nicht die ‚westliche‘ Kirche aufzuerlegen, ihnen eine große Autonomie und Kompetenz zu überlassen, so daß das Evangelium bei ihnen Fleisch und Form annehmen und seine neue Geschichte beginnen könne und so in Lateinamerika la-

lateinamerikanische, in Afrika afrikanische, in Asien asiatische Kirche werde…

Wenn der Vatikan verkauft wird, will das heißen, daß auch der Kirchenstaat nicht länger besteht, will das heißen, daß auch die Funktion der Nuntien zu Ende geht.

Ich selber werde meinen Sitz nach Jerusalem verlegen, um dort, unbelastet von allen geschichtlichen Animositäten, die mit dem Namen Rom verbunden sind, der größeren Ökumene zu dienen. Da alle Kirchen sich nach Einheit sehnen, aber – mit Recht – nicht unter die Römische Kurie geraten wollen, glaubte ich, daß der Nachfolger Petri ein neues, evangeliumsgemäßes Modell vom „Zeichen der Einheit“ anbieten sollte, das alle Kirchen annehmen könnten, um so vor der Welt der nichtchristlichen Religionen und des Unglaubens endlich wieder als eine Kirche mit dem gemeinsamen Zeugnis von Christus dazustehen. Ich werde deshalb möglichst bald mit den anderen christlichen Kirchen in Fühlung treten, um zu erfragen, ob sie zu einem gemeinsamen Konzil – nennen wir es einmal Jerusalem II – bereit wären, um dort die Grundlagen zu legen,

Zeichnung: Jaks

auf denen man sich, unbeschadet der verschiedenen Traditionen, gegenseitig als die eine Kirche Christi anerkennen würde. Ich meine nämlich, daß nur die verschiedenen kontinentalen katholischen Kirchen, zusammen mit den orthodoxen und protestantischen Kirchen, alle gemeinsam einigermaßen das Kirchesein ausschöpfen und die ‚Katholik‘ in ihrer Fülle und Vielfalt in Erscheinung treten lassen. Ich möchte zudem in Jerusalem versuchen, die drei monotheistischen Religionen, die dort vertreten sind – Christentum, Judentum, Islam – und sogar die anderen großen Religionen zu einer Art Ökumene zusammenzubringen. Denn ich bin überzeugt, daß alle Gott suchenden und Gott liebenden Menschen einander nahe sein müssen und daß, wie alle Kirchen, so

auch nur alle Religionen zusammen die Fülle des Wirkens des Heiligen Geistes zum Ausdruck bringen können…

Ich weiß, daß ich noch nicht alle Auswirkungen dieses Beschlusses absehen kann, wie auch Johannes XXIII., als er das Konzil ankündigte, dessen Folgen nicht vorhersehen konnte. Aber ich glaube, im Geiste Jesu und des Konzils gehandelt zu haben und ich bitte alle Schwestern und Brüder in den Kirchen, es in diesem Geiste aufzunehmen und zu dessen Durchführung bereitwillig mitzuwirken. So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Evangelium.“

Nun hatte also G. Morselli in einem gewissen Sinn recht bekommen. Er hatte 1974 den Zukunftsroman „Roma senza Papa – Rom ohne Papst“ geschrieben. Er stammte vom rechten Flügel der Kirche und hatte mit Bestürzung davon Kenntnis genommen, wie Johannes XXIII. angefangen hatte, an den guten alten Traditionen des päpstlichen Hofes zu rütteln, nicht mehr allein zu essen, für die Audienzen keine feierlichen Reden mehr zu halten, den Vatikan zu verlassen und in Rom und Italien Streifzüge zu machen; wie Paul VI. aufgrund des Konzils diesen Weg weiterging, die Tiara verkaufte, die „Sedia gestatoria“ abschaffte, den Bischöfen nahelegte, mit 75 Jahren auf das Amt zu verzichten. Morselli erblickte darin einen Dammbruch, dessen letzte Auswirkungen er jetzt schon „ad absurdum“ führen wollte: es werde soweit kommen, daß der Papst den Vatikan verkaufte, daß er sich im Provinzstädtchen Zagarolo mit seinen wenigen Begleitern in einem Motel einmiete, daß er keine Audienzen, keine Reden mehr halte, da er der Meinung sei, was die Kirche zu sagen habe, hätte sie schon längst gesagt.

Was Johannes XXIV. nun geplant hatte, war freilich etwas ganz anderes und entsprach nicht einer defätistischen Panik, sondern vielmehr einer prophetischen Vision. Weiteste Kreise reagierten mit Überraschung und Enthusiasmus. Man ahnte, daß nun die Akten der (auf einer gefälschten Urkunde beruhenden) „Konstantinischen Schenkung“, wonach Kaiser Konstantin den Papst und die Kirche mit Titeln und Territorien und Vorrechten bedacht habe, endgültig dem Archiv übergeben würden, daß sich das Blatt des 2. Jahrtausends mit seinem kirchlichen Triumphalismus und Exklusivismus und deshalb auch mit seinen Schismen wende und nun mit dem 3. Jahrtausend ein neues Kapitel Kirchengeschichte beginnen. Walbert Bühlmann

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code