Die luxemburgische Monarchie in Zeiten von Krieg und Frieden

Über Legitimation, Funktion und Nutzen

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Die luxemburgische Monarchie in Zeiten von Krieg und Frieden

Ab 1890 konnte das noch junge Großherzogtum Luxemburg auf eine eigene Dynastie zur Begründung und Behauptung seiner Eigenstaatlichkeit verweisen. Die Funktion unserer Monarchie bestand danach und während knapp hundert konfliktreichen Jahren darin, die Eigenständigkeit des Landes (nach außen) und die Einheit der Nation (nach innen) sichtbar zu machen. Dieses Modell war für den Kleinstaat Luxemburg höchst erfolgreich. Seit den 70er Jahren stellt sich die Frage nach der Funktion der Monarchie in Friedenszeiten. Ihre derzeitige Instrumentalisierung zur Vermarktung des Wirtschaftsstandortes Luxemburg könnte ein kurzsichtiger Ansatz, vielleicht sogar riskanter Weg sein.

Eine eigene Dynastie sichert den Anspruch auf einen eigenen Staat

Als im Jahr 1890 der König der Niederlande und Großherzog von Luxemburg ohne männlichen Nachfolger verstarb, eröffnete sich für das seit 1815 von Den Haag aus mitregierte Großherzogtum die Chance auf Zuerkennung eines eigenen Herrschers und damit auf eine stärkere internationale Anerkennung seiner Eigenstaatlichkeit. Die geringe Bedeutung (um nicht zu sagen relative Armut) der Familie Nassau-Weilburg war für die nach Absicherung ihrer Unabhängigkeit strebenden politischen Führer Luxemburgs ein Glücksfall. Dass diese durch den Erbvertrag der Oranier zum Zuge kommende Familie keine herrschende europäische Adelsfamilie war und keine anderweitigen ‚Verpflichtungen‘ mehr besaß, gewährleistete, dass das neue Herrscherhaus sich tatsächlich in Luxemburg niederlassen würde und sein Schicksal mit dem Schicksal des Landes verbinden konnte. Die politischen Notabilitäten des damaligen Luxemburgs sahen in der eigenen Dynastie eine gewisse Garantie vor den Begehrlichkeiten Belgiens und Frankreichs, die wiederholt die Souveränität des jungen Großherzogtums in Frage stellten.

In den ersten zwei Jahrzehnten war die aus dem Stammschloss in Wiesbaden-Bieberich übergewechselte, frischgebackene großherzogliche Familie weitgehend mit sich selber beschäftigt. Alter, Krankheiten, die Geburt von sechs Prinzessinnen und der darin zum Ausdruck kommende, fast zwanghafte Wunsch die Erbfolge durch einen (männlichen) Thronfolger zu sichern, markierten die Ereignisse am Hof. Die

Regierungsgeschäfte überließen die jeweils nur kurz amtierenden Herrscher¹ den von der Kammer eingesetzten Regierungen aus Notablen und aufstrebender Industriebourgeoisie. Als sich im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts kein männlicher Nachfolger mehr ankündigte, klärte die Familie mit Zustimmung der Kammer 1907 noch rechtzeitig ihren Familien- und Erbfolgevertrag, um das Land nicht schon

wieder an einen anderen Zweig der Nassauer zu verlieren. Damit war die Thronbesteigung der ältesten Tochter Wilhelm IV., Marie-Adelheid gesichert.

Marie-Adelheid: Das Rad wird nicht zurückgedreht

Der wechselseitigen Identifizierung zwischen Großherzogin und Landesbewohnern stand 1912, 22 Jahre nach der Thronbesteigung des ersten Nassauers, nichts mehr im Wege: Marie-Adelheid war in Luxemburg geboren, konnte also in gewisser Weise als Luxemburgerin angesehen werden, und sie war auch noch wie ihre Schwestern durch eine glückliche Bestimmung des Familienvertrages katholisch getauft worden. Die ursprünglich protestantische Herrscherfamilie der Nassau-Weilburgs konnte damit in Zukunft das religiöse Leben ihrer Untertanen teilen.

Adelheid besaß alle Eigenschaften einer Märchengestalt und als Märchengestalt wurde sie auch bei ihrer Thronbesteigung gefeiert. Jugend, Schönheit, Charakterstärke und eine mystische Ader zeichneten sie aus und brachten ihr enorme Sympathien in der Bevölkerung ein. Als diese, die vollkommene Unschuld symbolisierende Kindkönigin mit 18 Jahren auf den Thron stieg, erwartete niemand, dass sie ihre Aufgabe in einer Weise ernst nehmen sollte, die die monarchische Staatsform Luxemburgs wieder bedenklich in die Nähe des Absolutismus rücken sollte. Innerhalb weniger Jahre brachte Marie-Adelheid durch eine enge Auslegung ihrer verfassungsmäßigen Prärogativen sowohl die Linke als auch die Liberalen in der Kammer gegen sich auf (u.a. Verzögerung des Schulgesetzes 1912, Auflösung der Kammer 1915). Während der Zeit der deutschen Besetzung 1914-18 hatte sie sich zudem in einer Weise kompromittieren lassen, die sie zum Jahreswechsel 1918/19 im Ausland politisch untragbar machen sollte. Während Frankreich sie als Gesprächspartnerin ablehnte, die Anhänger der Republik in Luxemburg die Monarchie stürzen wollten, versuchte Belgien die politische Unruhe für eine Annexion seiner ehemaligen südlichen ‚Provinz‘ zu nutzen. Am 15. Januar 1919 trat Marie-Adelheid zugunsten ihrer Schwe-

ster Charlotte zurück und verließ am gleichen Tag für immer das Land, um die Dynastie und die Unabhängigkeit des Landes zu retten.

Ihre Jugend hatte sich als Unerfahrenheit erwiesen, ihre Charakterstärke als Starrsinnigkeit und ihre Religiosität hatte sie dazu verleitet, ihren irdischen Auftrag in erster Linie vor Gott zu verantwor-

teten statt vor den durch Zensuswahlrecht gewählten Abgeordneten. Marie-Adelheid lag mit ihrem Verständnis von der verfassungsmäßigen Aufgabe der Monarchie nicht in Übereinstimmung mit der Praxis ihrer Vorgänger und auch nicht mehr in Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen. Im Winter 1918/19 kristallisierte sich an ihrer Person nicht nur die Frage nach dem Fortbestand der Monarchie, sondern auch nach der Unabhängigkeit des Landes, so geriet sie gewissermaßen unter die Räder der Geschichte. Es blieb den Zeitgenossen das Bild einer tragischen Gestalt, einer Art Iphigenie auf Schloss Berg, eines Kindes, das Volk und Land mit Begeisterung als Herrscherin adoptiert hatten, das dann aber den Erwartungen nicht entsprach und verstoßen wurde. Der luxemburgischen Dynastie blieb ihrerseits die traumatische Erinnerung an eine Katastrophe, der die Familie nur knapp entronnen war.¹

Charlotte: Dynastie und Monarchie bewähren sich

Die Entente und insbesondere Frankreich hatten die Annexion Luxemburgs durch Belgien abgewendet und einer Thronbesteigung Charlottes zugestimmt, jedoch unter der Bedingung, dass das Land wieder wie vor Marie-Adelheid als konstitutionelle Monarchie regiert würde. Die eigentlichen Geschäfte sollten erneut ganz in den Händen der gewählten Regierung liegen. Zumindest die Verfassungswirklichkeit entsprach in Zukunft dieser Maxime. Um die Monarchie vom Volk legitimieren zu lassen und gleichzeitig die Gefahr aus Belgien endgültig abzuwahren, hatte die Kammer zusätzlich ein Referendum angesetzt, das positiv für die Anhänger der Monarchie ausging (28. September 1919). Obwohl man davon ausgehen muss, dass heute nur noch wenige der damaligen Wähler leben, beruft sich die Monarchie selbst in jüngster Zeit noch auf den Ausgang dieses Referendums, um unserer Staatsform und der Dynastie eine zusätzliche demokratische Legitimation zu geben (vgl. die Rede von Großherzog Jean am 24. Dezember 1999²).

Charlotte war pragmatischer, charmanter und zurückhaltender als ihre ältere Schwester und es gelang ihr, gestärkt durch das Referendum, das verlorene Vertrauenskapital langsam zurückzugewinnen. Selbst während den harten politischen Auseinandersetzungen in den dreißiger Jahren (Maulkorbgesetz 1936³) mischte sie sich – zumindest öffentlich – nicht in das politische Tagesgeschäft ein. Ende der dreißiger Jahre, als sich der nächste Krieg ankündigte, hatte sie die Statur einer Landesmutter längst erreicht. Die Hundertjahrfeier der Unabhängigkeit 1939 sah die Einheit zwischen Nation und Thron verwirklicht, demonstrativ scharte sich das Land in Erwartung des Sturmes um die Landesfürstin. Als die ersten deutschen Soldaten einmarschierten, verließ Charlotte mit dem Großteil der Regierung das Land, konnte auf ihrer Irrfahrt die Alliierten erneut vom Existenzrecht Luxemburgs überzeugen und nutzte später in London die Mikrofone der BBC, um ihren Landsleuten daheim Mut zu machen.⁴ Für Luxemburg machte es sich in diesen

Jahren bezahlt, dass einem gekrönten Haupt in den USA und Großbritannien hohe Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde unabhängig von der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Bedeutung des Landes.

Anders als die Regierung war Charlotte nach Kriegsende völlig unkompromittiert. Sie war zum Sinnbild einer gemeinsam erkämpften Freiheit und Unabhängigkeit geworden. Durch sie ließen sich alle Widersprüche und menschlichen Enttäuschungen der Kriegsjahre und insbesondere die Zerreißprobe der Kollaboration aufheben. Es blieb das mythische Bild einer geschlossenen Einheit des Luxemburger Volkes angesichts einer nur äußeren Gefahr. Während der unmittelbaren Nachkriegszeit besuchte Charlotte die stark zerstörten Ortschaften Luxemburgs und verband die verschiedenen Landesteile und die Bevölkerung in einem gemeinsamen nationalen Projekt des Wiederaufbaus.

Charlotte inkarnierte selbst nach ihrer Abdankung im Jahre 1964 und bis zu ihrem Tod 1984 die Landesmutter, die ihr Volk durch den Sturm geführt hatte. Im siegreichen Kampf gegen die äußere Gefahr konnte die nationale Identität, d.h. das Bewußtsein von der nationalen Eigenheit und der Wille zur (national)staatlichen Eigenständigkeit seinen vorläufigen Höhepunkt erreichen: Diese nationale Identität war untrennbar mit der Person der Großherzogin Charlotte verbunden.

Jean: Die Generation der Resistenz

Jean, der im Mai 1940 Luxemburg als Jugendlicher verließ, kehrte 1944 als Befreier zurück. Seine spätere Legitimität entsprang insbesondere einer Szene, die tausendmal in Wort, Ton und Bild wiederholt wurde, sodass sie selbst heute der jüngeren Generation gegenwärtig ist: Der Einzug der amerikanischen Befreier mit dem Erbprinzen Jean gewissermaßen an der Spitze. Joseph Petit hat dieser Szene ein sprachliches Denkmal gesetzt, bei dessen Formulierung das klassische Motiv der Heimkehr des Odysseus als Vorbild gedient haben dürfte.

„Quand le Prince Jean mit pied à terre au Knuedler, on ne le reconnut pas au premier instant, tant il avait changé. Le garçon délicat, timide, hésitant que chacun portait comme tel en sa mémoire, s’était transformé en un jeune officier fort, grand, large d’épaules, dont les forces physiques s’étaient développées et dont le regard franc et droit était plein d’assurances. Sa figure bronzée, aux traits virils et accusés, avait un air martial qui trahissait l’exercice militaire et que soulignait encore une petite moustache.

Le Prince pénétra à l’intérieur de l’Hôtel de Ville et y trouva le Prince Felix. Père et fils se saluèrent dans l’émotion. Ce fut alors que, soudain, tous reconnurent le Grand-Duc héritier. La joie était intense. Les ovations, les acclamations de la foule redoublèrent lorsqu’il parut à la fenêtre de l’Hôtel de Ville à côté de son père.“⁵

Selbst in dieser Darstellung spürt man aber, dass „père et fils“ nur Abgesandte sind, die das Erscheinen der „mère“ vorbereiten. Für die Generation der luxemburgischen Resistenz („ons Jongen“) war Jean damit sicherlich die Identifikationsfigur. Gemeinsam hatten sie für die Großherzogin und für das (Mutter-)Land gekämpft. Doch als Identifikationsfigur

für die damalige Generation der Resistenz spielte er seine Rolle im Auftrag, d.h. im Schatten seiner Mutter. Selbst nach dem Thronwechsel 1964 blieb er der Rolle des Sohnes verhaftet – zu übermächtig war die Aura der großen, alten Dame.⁶ Und nach ihrem (in gewisser Weise zu späten) Tod erschien er eher wie ein freundlicher Onkel (der sich für alles mit ehrlichem Mitgefühl interessierte, ohne weiter auffallen zu wollen), als dass man in ihm noch den heroischen Landesvater hätte sehen können.

Jean: Mission impossible oder Mission accomplie?

Großherzog Jean wurde unmerklich älter, das Land um ihn herum aber seit Mitte der siebziger Jahre immer jünger. Spätestens der Regierungswechsel von 1974 und die Stahlkrise markierten den Wechsel und einen Bruch mit der bisherigen Entwicklung. Nation und Eigenstaatlichkeit schienen durch die Einbindung in die entstehende europäische Staatenunion gesichert. Das neue Motiv der Luxemburger Gesellschaft hieß jetzt Sicherung und Ausbau des Wohlstandes und für dieses Projekt stand mit den jungen liberalen Ministern auch eine neue Generation von Politikern bereit, die beste

Photo: Archives grand-ducales

Beziehungen zur Wirtschaft hatten. Das Land veränderte sich in rasantem Tempo sowohl äußerlich (viele der in den vorigen 150 Jahren langsam gewachsenen und gebauten Zeugnisse der Vergangenheit fielen innerhalb weniger Jahre der Abrißbirne und der Verkehrsplanung zum Opfer), als auch wirtschaftlich (Abbau der heimischen Industrieproduktion, Ansiedlung weiterer, in erster Linie amerikanischer Betriebe, Neuausrichtung des bestehenden Finanzplatzes und Weiterentwicklung des Medienstandortes) und schließlich politisch und gesellschaftlich (Zurückdrängung des Einflusses der Kirche, politisches Aufbegehren der Jugend gegen gesellschaftliche Verkrustungen und dauerhafte Aufnahme einer großen Zahl ausländischer Arbeitskräfte).

Jean stand als erster Luxemburger Großherzog vor der Frage, was die Aufgabe eines Monarchen in Friedenszeiten sein soll. Leadership war sicherlich nicht gefragt, das hatte schon seine Tante Marie-Adelheid erfahren müssen. Aber wenn die Bedrohung von außen weggefallen ist, blieb immer noch die moralische Autorität nach innen. Hätte nicht auch in Luxemburg der Staatschef die grundlegenden Fragen der Gesellschaft stellen und aus einer sicheren Perspek-

tive heraus die langfristigen Herausforderungen beim Namen nennen können? Ob Großherzog Jean dies versucht hat, bzw. ob die Regierung ihm genügend Spielraum gelassen hat, die Rolle der moralischen Autorität einzunehmen, ist für mich schwer zu beurteilen.7

Ansätze dazu lassen sich in den meisten Weihnachtsansprachen des Großherzogs finden.8 Aber ein wirklich authentischer Standpunkt, der von den Medien und der Öffentlichkeit hätte aufgegriffen und diskutiert werden können, ist in den von der Regierung mitformulierten, offiziellen Reden nicht auszumachen. Man darf unterstellen, dass die Reden des Staatschefs in den letzten Jahrzehnten für die luxemburgische Öffentlichkeit keinen hohen Aufmerksamkeitswert mehr hatten und dass sich parallel zu der vom Publikum erlebten Diskretion der großherzoglichen Familie ein wechselseitiges Verhältnis der Indifferenz etablierte.

Seit Mitte der 80er Jahre repräsentierte der Großherzog nur noch die Vergangenheit. Bei den großen Feiern zur 150-jährigen Eigenstaatlichkeit (1989) und dem 100-jährigen Bestehen der Dynastie (1990) wurden die großen Krisen des Jahrhunderts beschworen. Und zur 50-Jahr-Feier der Befreiung

vom nationalsozialistischen Deutschland (1994) war die Mission Großherzog Jeans endgültig erfüllt. Der Krieg war nun wirklich zu Ende, die Gefahr für Luxemburg nur noch eine vage Erinnerung.

Henri: Welche Rolle für die Monarchie in Friedenszeiten?

„Großherzog Jean ist Charlottes Sohn und steht stellvertretend für die Generation der Resistenz.“ In diesem Satz ließe sich die Legitimität des noch amtierenden Staatschefs zusammenfassen. Dessen Sohn Henri ist hingegen zumindest in den Augen der breiten Öffentlichkeit eine vollkommene Neuschöpfung. Was der Historiker Gilbert Trausch am 16.1. in der Impuls-Sendung auf RTL-Télé Lëtzebuerg mit Blick auf Jean und Henri sagte, trifft zumindest für Henri wirklich zu: Der zukünftige Großherzog erbt die Monarchie in gutem Zustand, muss aber seine Legitimität erst noch begründen.

Henri wurde jedoch frühzeitig – fern von den Augen der Öffentlichkeit – in den Dienst der Wirtschaft eingebunden und ist deshalb auch kein völlig unbeschriebenes Blatt. Noch vor dem Abschluss seines politikwissenschaftlichen Studiums in Genf9 wurde er 1978 zum Ehrenpräsidenten des im gleichen Jahr von der Regierung geschaffenen Board of Economic Development ernannt, dessen Aufgabe darin besteht, den Wirtschaftsstandort Luxemburg im Ausland bekannt zu machen.10 Bei einer Vielzahl von Prospektionsreisen insbesondere in die USA, Kanada, Japan und Korea vertrat Erbprinz Henri in den vergangenen zwanzig Jahren die Interessen des Wirtschaftsstandortes Luxemburg. Es gelang wie in den 50er und 60er Jahren internationales Kapital in großem Maßstab nach Luxemburg zu leiten und ausländische Industrie- und Dienstleistungsunternehmen bei uns anzusiedeln. Welchen tatsächlichen Anteil die Inanspruchnahme des Erbgroßherzogs daran hatte, darüber läßt sich natürlich nur spekulieren. Aber ähnlich wie zu Zeiten seiner Großmutter Charlotte, die bis zu Roosevelt vordringen konnte, um die Interessen Luxemburgs auf dem europäischen Schlachtfeld

Januar 1976, 80. Geburtstag von Großherzogin Charlotte, Foto: Jean Weyrich

zu verteidigen, verfehlt auch heute bei australischen, asiatischen und insbesondere US-amerikanischen Wirtschaftskreisen die vollkommen anachronistische Anziehungskraft eines echten Prinzen nicht ihre Wirkung: Der Kindheitstraum vom gekrönten, natürlichen Herrscher wird in dem Abgesandten des exotischen Kleinstaates Luxemburg greifbar. Wirtschaftsminister Henri Grethen beschreibt den Erfolg dieses Phänomens in der RTL-Sendung vom 16.1. 2000 folgendermaßen: „Da ginn Diren op fir eng Letzebuerger Delegation, dei normalerweis nëtt oder nëmme ganz schwëier géifen opgoen.“ Und der frühere Hofmarschall Guy de Muyser spricht bei der gleichen Gelegenheit stolz von einem „Quality label“, ohne sich scheinbar bewusst zu sein, welches reduktive Potential für Monarchie und Dynastie in dieser Formulierung liegt.

Welche Rolle dem Prinzen bei diesen Reisen abverlangt wurde, läßt sich aus einem aktuellen Werbefilm über den Medienstandort Luxemburg schließen, der auf CD-Rom verschickt wird. Der 1998 von einer britischen Gesellschaft im Auftrag von Mediaport Luxembourg (The Luxembourg Government Media and Communications Development Agency) produzierte Film 11, richtet sich offensichtlich an amerikanische, australische, japanische und vielleicht britische Investoren aus dem Bereich Informationstechnologien und Medien und soll die Vorzüge des Standorts Luxemburg auf diesem Sektor herausstreichen. Das ‚Promotion‘-Werk, sicherlich von höchster Regierungsstelle abgesegnet, beginnt mit dem Auftritt eines jungen Herrn, der – in gut geschnittenem Anzug, selbstsicher und gelassen im Sessel (im Hintergrund schwere, helle Vorhänge, goldene Vasen und Säulen) – ein kleines Land anpreist, im Herzen Europas, von dem sicherlich jeder als internationales Finanzzentrum gehört hat, das aber noch so viel mehr zu bieten hat: „it has so much more to offer“. Diese kurze Einleitungszene endet mit den Worten: „This country is Luxembourg. It is my country!“ Durch Überblendung von Titel und Namen ist dem Zuschauer der junge Mann als „H.R.H. Crownprince Henri of Luxembourg“ kenntlich gemacht worden.

Ergroßherzog Henri und Goodyear-Präsident Sam Gibara, New York Okt. 1999. Foto: Paul Lenert

Der insgesamt knapp 8 Minuten lange Film stellt dann die Vorteile Luxemburgs im Mediensektor ins rechte Licht. In einer Sequenzfolge werden auch die Stabilität des Großherzogtums und die politischen Voraussetzungen für seine erfolgreiche Wirtschaftspolitik als Argument ins Feld geführt. Das Land wird aus dem Off als wohlhabend („Luxembourg is more than any other european country a comfort zone“) und seine Regierung als stabil und außerordentlich erfolgreich bezeichnet: „its secure, dynamic and flexible government has helped the country to achieve excellent economic growth over the last decade.“ Dabei sieht man tatsächlich einen schwarzen Mercedes der S-Klasse mit verdunkelten Scheiben vor dem Palais anhalten – dann Schnitt und beim Wort „„government“ sieht man den jungen Fürst aus der Eingangsszene (wir erinnern uns: „It is my country!“) vor einer Art parlamentarischen Versammlung eine Rede halten. 12

Der Eindruck, der hier von Luxemburg erweckt werden soll, ist ganz klar der eines wohlhabenden, idyllischen Kleinstaates, dessen Regierung von einem aufgeklärten – jungen, dynamischen und wirtschaftsfreundlichen – Fürsten geleitet

wird. Diese Darstellung mag dem Traumbild des amerikanischen Investors entsprechen, vielleicht sogar dem Ziel einer am Bild Monacos ausgerichteten Marketingstrategie, aber es handelt sich – vorsichtig gesagt – um politischen Unfug.

Wieviel Kredit ist bereits verspielt?

Der ehemalige Hofmarschall Guy de Muyser, dem wir schon das Wort „Quality Label“ verdanken, hat noch eine weitere interessante Formulierung in der Talkrunde vom 16. Januar eingebracht: In dem Bestreben Ergroßherzog Henri in Schutz zu nehmen auf die Frage von Gilbert Trausch: „War das Figaro-Interview Mitte Dezember und das was dabei gesagt wurde mit der Regierung abgesprochen?“ warf er ein, dass Henri sehr wohl wisse, was er sagen könne und ab welchen Punkt er Zurückhaltung zeigen müsse, er sei durch seine vielen Auslandsreisen ja „auch viel weiter impliziert worden“ als sein Vater.

Es ist gerade diese „Implikation“, die Anlass zu Sorge bereiten sollte. War sie auch für das bestehende Wirtschaftsmodell Luxemburgs bislang von Vor-

teil, so birgt sie doch für die Monarchie und die Dynastie einige Risiken. Gerade in einem Land wie Luxemburg, dessen Wirtschaft durchaus auch Grauzonen aufweist, kann die Nähe zum – wie sagte man früher noch – internationalen Großkapital auch einmal kompromittierend sein. Die Risiken werden noch erkennbarer, wenn man gewisse Veränderungen in der Gesellschaft mit in die Kalkulation einbezieht: einerseits eine veränderte Wahrnehmung von der Monarchie in der Öffentlichkeit, d.h. ihre fortschreitende „Entzauberung“, und andererseits eine durch wirtschaftlichen Konkurrenzdruck, aggressivere Berichterstattung der in- und ausländischen Medien. Das „unterirdische Beben“, das Anfang des Jahres durch die luxemburgische Öffentlichkeit und einen Teil unserer Presse ging, als Zahlen über das Privatvermögen der Familie Nassau aus britischen Medien übernommen wurden, gibt eine Ahnung von dem, was kommen kann.

Für Henri kann diese „Einbindung“ schon heute eine Hypothek darstellen. Seinem Sohn Guillaume sollte man es besser gleich ersparen, im Interesse der Wirtschaft instrumentalisiert zu werden. Die luxemburgische Regierung, die Familie Nassau und das Land werden andere – nachhaltigere – Möglichkeiten finden, um aus der Monarchie in Friedenszeiten einen Nutzen zu ziehen.

Jürgen Stoldt

Ein Dank gilt André Linden für zahlreiche wertvolle Hinweise und Anregungen.

1 Die Herrscher im einzelnen: der als alter Mann auf den Thron kommende Adolph von Nassau, 1890-1905, sein kranker Sohn Wilhelm IV., 1905 – 1908 bzw. 1912, und die Regentin Marie-Anne von Bragança, die Frau von Wilhelm IV., 1908-1912.

2 Vgl. zum „Krisenjahr 1918-19“ das Dossier in forum, Nr. 112, Juni 1989.

3 „(…) D’konstitutionell Monarchie, déi d’Lëtzebuerger duerch de Referendum vom 28. September 1919 gewiellt han, as e Garant fir Stabilitéit. (…)“. Der Historiker Gilbert Trausch hat dagegen jetzt angedeutet, dass das Referendum von 1919 die Monarchie nicht auf Dauer legitimieren kann: „Dat ass een Akt, op deen kann en sèch nèt emmer beruffen.“ (RTL-Télé Lëtzebuerg, 16.1. 2000)

Erbgroßherzog Henri und André Lussi, Präsident der Cedel-Gruppe (heute: Clearstream). Photo: SIP

4 vgl. zur Geschichte des „Maulkorbgesetzes“ das Dossier „Die Demokratie in Gefahr“, in forum Nr. 97, Juli 1987.

5 Joseph Petit, Sur le chemin du devoir, Luxembourg, 1962, S.57.

6 Noch in einer Publikation aus dem Jahre 1994 über die „Großherzogliche Familie von Luxemburg“, herausgegeben vom staatlichen Service Information et Presse behält Großherzogin Charlotte den letzten Auftritt: Die Broschüre schließt mit einem Beitrag über das 1990 auf der Place Clairefontaine in der Hauptstadt errichteten Monument zu ihren Ehren- und das obwohl die Herausgeber von der chronologischen Reihenfolge her sehr wohl die Hundertjahrfeier der Dynastie, in deren Mittelpunkt Großherzog Jean stand, als abschließenden Höhepunkt der Publikation hätten wählen können.

7 Es wäre insbesondere interessant, die Haltung des Großherzogs während der Stahlkrise, Mitte der 70er Jahre, zu untersuchen.

8 Zum Beispiel in der Rede vom 24. Dezember 1990:

„Ich wëll gläich ënnersträichen, datt ët och an eisem Land nach Nout u Leed get, ëm déi mir äis bekëmmere nussen.

Doriwwer eraus musse mir agesin, datt ee gudden Deel vu Problemer, mat dene mir äis erëmschloe mussen, direkt Konsequenz van eisem materielle Fortschrëtt sin. Firwat brëcht een Drëttel vun alle Bestietnesser esou frei ausenaner? Firwat falen esou vill Leit an Depressionen oder gi vun Drogen ofhängeg? Firwat fannen d’Leit mat klengen Akommes bal keng Wunnéng méi?

Firwat komme nær zu bestëmmte Stonne nët méi eraus oder eran an eis Stied? Firwat riskëiere mir an Europa eiser jonker Generation eng Einwelt ze hannerloossen, déi keng richtëg Liewensqualitéit méi garantéiert?

Dat sin ekanter Froen, déi drop hiweisen, datt ëmmer nach méi, nët onbedingt och ëmmer besser ass.“

9 Ob Erbprinz Henri in seinen Studienjahren in Genf die Nähe und den Rat des großen Luxemburg-Freundes, Bankiers und Industriellen Henri J. Leir († 1900 in Oberschlesien, † 1998 in New York) suchte, kann nur genottmaßt werden. Leir, der damals noch offizieller Berater der luxemburgischen Wirtschaftsmünster war, und einen seiner drei Wohnsitze (neben Luxemburg und New York) im benachbarten Lausanne hatte, muss zu den geistigen Vätern des Board of Economic Development gerechnet werden, hat er doch in den 50er und 60er Jahren in eigener Person diese Rolle teilweise wahrgenommen und mit Erfolg eine Reihe amerikanischer Unternehmen zur Niederlassung in Luxemburg bewegen können (u.a. Dupont de Nemours 1962). Leir pflegte seit Ende der dreißiger Jahre enge Beziehungen zu Luxemburg und zur großherzoglichen Familie und gehörte in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu den bevorzugten Bankiers der europäischen Adelsfamilien. Sein Wirken könnte nicht unerheblich den materiellen Wohlstand der Familie Nassau begünstigt haben.

10 Zwischen 1959 und 1963/64 bestand schon ein „Board of Industrial Development“. Es war nach dem Zusammenbruch der Luxemburger Lederindustrie von Wirtschaftsmünster Paul Elvinger eingerichtet worden, um amerikanische Industrieunternehmen für ein Engagement insbesondere im Norden des Landes zu veranlassen. Ehrenvorsitzender dieser Einrichtung war der Bruder des Großherzogs, Prinz Charles († 1977).

11 Die Wahl einer nicht-luxemburgischen Filmgesellschaft für die Produktion dieses Filmes spricht Bände darüber, inwieweit die luxemburgischen Medienpolitiker tatsächlich den Fähigkeiten der heimischen Film-, Video und Kommunikationsbranche vertrauen.

12 Die Aufnahme stammt aus dem Hemicycle auf Luxemburg Kirchberg, wahrscheinlich anlässlich einer Festveranstaltung, bei der Erbgroßherzog Henri eine Laudatio hielt.

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