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vom demo-
graphischen
Selbstmord
Noch nie ist die Weltbevölkerung so schnell gewachsen wie sie es zur Zeit tut. Der soeben veröffentlichte Bericht der UN-Bevölkerungsorganisation UNFPA (United Nations Fund for Population Activities) schätzt die Weltbevölkerung auf knapp 5,5 Milliarden und prognostiziert das Erreichen der 6 Milliarden Grenze für 1998.
Noch nie lebten soviele Menschen in Luxemburg: laut der letzten Volkszählung waren es am 1. März 1991 385 317. Dies entspricht einer Zunahme von 20 000 seit der vorigen Volkszählung von 1981. Seit der ersten Nachkriegszählung 1947 ist der Trend unverändert positiv und die 400 000 Grenze wird noch vor dem Jahre 2000 überschritten werden.
Die Luxemburger Regierung hat schon zum zweiten Mal einen bevölkerungspolitischen Bericht beim renommierten Pariser "Institut d’études démographiques" in Auftrag gegeben, der allgemein unter dem Namen des Autors bekannt ist: nach Calot I im Jahre 1978 wurde 1991 Calot II vorgestellt. Über ein Jahr ist mittlerweile vergangen, doch die Resonanz in der Öffentlichkeit ist diesmal wesentlich geringer als bei der Publikation des ersten Berichtes.
Weltweit wächst die Bevölkerung dramatisch; in Luxemburg ist dieses Wachstum zwar weniger dramatisch, aber dennoch seit der Gründung unseres Staates vor 152 Jahren unaufhaltsam. Angesichts dieser Tatsache scheint es zunächst paradox, daß die
beiden Calot-Berichte hauptsächlich die Frage stellen, wie man das Bevölkerungswachstum mit familien- und steuerpolitischen Maßnahmen anheizen könne. Calot und seine Auftraggeber verstehen sich als Rufer in der Wüste, die glauben ihr Kampfschrei "Mehret euch" treffe auf taube Ohren und dabei werden sie von der Springflut des nationalen und internationalen Bevölkerungswachstums hinweggespült. Dieses Paradox zu verstehen, ist das Hauptanliegen unseres Dossiers.
Auf besonderes Interesse stößt Calot bei der "Action Familiale et Populaire", deren Präsident immer wieder auf diesen Bericht zu sprechen kommt. Auch wenn mal en passant Calots "teure Berichte" als überflüssig bezeichnet werden, da in ihnen nur das stehe, was alle "die das Sagen in Luxemburg haben", schon immer wußten, so müssen sie doch zur Belegung der eigenen Position herhalten. Diese faßt N. Estgen folgendermaßen zusammen: "Wir wissen es alle … daß a) unser Land eine dramatische Geburtenkrise aufweist; b) dadurch die Überlebenschancen des Luxemburgers in seiner Nationalen Identität durch eine chronische und akute Schwindsucht sehr ernst gefährdet sind." (N. Estgen, Das Jahr der Familie, LW 25.2.1992).
Genug Luxemburger zu haben, genug gute Luxemburger, das sei das geistige Vermächtnis, das Batty Esch Emil Schaus im KZ Dachau anvertraut hat, so wenigstens behauptet es die AFP. Unser Dossier wird
zeigen, daß eine gewisse Demographie diesem nationalistischen Diskurs ein wissenschaftliches Mäntelchen verpaßt.
Zum Inhalt: Charel Margue stellt im ersten Beitrag die Haupteckwerte der demographischen Entwicklung Luxemburgs zusammen.
Es folgt eine kritische Untersuchung der wissenschaftlichen und politischen Kontexte der Demographie, in der Fernand Fehlen u.a. die Angriffe, die letztes Jahr auf Calot in Frankreich geführt wurden thematisiert. Die demographischen Thesen von Georges Als zur Bedrohung der nationalen Identität durch den Geburtenrückgang werden widerlegt.
Jean-Paul Wictor vergleicht die zwei Calot-Berichte und zeigt, daß es in Luxemburg keinen Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher und demographischer Entwicklung gibt. In einem zweiten Beitrag befaßt er sich mit einem Modell zur Beschreibung der Kosten, die ein Kind verursacht und diskutiert dessen sozial-, steuer- und familienpolitischen Konsequenzen.
Michel Pauly nimmt das Kapitel über die Immigration im Calot-Bericht zum Anlaß, sich über den Begriff der Nationalität Gedanken zu machen.
Was fehlt?
Der Bevölkerungspolitik und ihrer Hilfswissenschaft, der Demographie, geht es um die Kontrolle der weiblichen Fruchtbarkeit, sei es um in den Industrieländern die Zahl der Kinder zu erhöhen, sei es um in der sog. Dritten Welt die Zahl der Kinder zu senken. Zielscheibe dieser Politik sind also hauptsächlich die Frauen. Leider ist ein Beitrag zu diesem wesentlichen Aspekt nicht zustande gekommen.
Ein Artikel über die Entwicklung des demographischen Diskurses in Luxemburg, von den allerersten Volkszählungen bis zu den heutigen bevölkerungspolitischen Debatten wird im Herbst folgen.
Worum es bei der ganzen Debatte um den sogenannten "demographischen Selbstmord" geht, zeigt ein Leitartikel im Luxemburger Wort (Iz, Wir selbst tragen die Verantwortung, LW 18.12.1991), in dem es heißt: "Wollen wir tatsächlich als Volk überleben? … Es gibt nur eine Möglichkeit, die Luxemburger Kultur, Sprache und alle übrigen nationalen Eigenarten weiterleben zu lassen: für Nachwuchs sorgen, damit die Kinder das Luxemburger Erbe übernehmen können."
Alle Beiträge dieses Dossiers kommen auf verschiedene Art und Weise zur gemeinsamen Schlußfolgerung, daß solche Sprüche auf dem Hintergrund der realen demographischen Entwicklung unseres Landes nicht haltbar sind. Denn eine natalistische Politik, also eine Politik, die mit familienfördernden Maßnahmen die Zahl der Geburten steigern will, kann, wenn sie überhaupt greift, was noch zu beweisen bleibt, in Luxemburg höchstens marginalen Charakter haben. Die Nachfrage der Wirtschaft nach Arbeitskräften ist in Luxemburg weit größer, als daß sie durch Geburten zu decken wäre, selbst wenn die Luxemburger Familien, das von den Natalisten geforderte Soll erbringen würden. Also sind wir auf Einwanderer und Einpendler angewiesen. Dies gilt es, als eine der wesentlichen Besonderheiten der Luxemburger Gesellschaft anzuerkennen und ins Positive zu wenden.
Luxemburg braucht seine Ausländer, deshalb muß es ihnen etwas bieten, zum Beispiel das Wahlrecht auf kommunaler und nationaler Ebene.
Graphique 1: La population résidente
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