Die politische Landschaft nach den Kammerwahlen

Versuch einer Beschreibung der Wahlergebnisse (Teil 1)

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Will man einen Fisch photographieren, so wird man dies nicht von vorne oder von oben tun, denn sonst erscheint immer nur ein dünner Strich auf dem Bild. Man kann es von der Seite tun und erhält somit sein Profil, das keine Auskunft über seine Dicke gibt. Wenn man ihn aber unter dem richtigen Winkel erwischt, hat man einen guten Eindruck sowohl von seinem Profil als auch von einer Dicke. Einen Fisch photographieren heißt einen drei-dimensionalen Gegenstand auf einem zweidimensionalen Photo abbilden. Die Methode, die wir hier anwenden, versucht dasselbe mit den Wahlergebnissen zu machen. Man kann sich eine Partei oder einen Kandidaten als Punkt in einem vieldimensionalen Raum vorstellen. Dadurch, daß man den richtigen Standort wählt, bildet man die Punkte des Wahlergebnisses in einem Raum mit weniger Dimensionen ab, ohne allzuviele Informationen zu verlieren.

Im folgenden Beitrag wollen wir die Wahlergebnisse mit der statistischen Methode der Korrespondenzanalyse beschreiben. Es handelt sich dabei um ein Verfahren, das die Informationen, die im Gesamtergebnis enthalten sind, so reduziert, daß sie leicht interpretiert werden können. Dies ist besonders anschaulich möglich, wenn die Ergebnisse in eine Ebene projiziert werden, wo die Entfernungen der einzelnen Parteien zu einander unmittelbar sichtbar werden. Dabei sind zwei Probleme zu bedenken:

  • Erstens enthält diese zweidimensionale Projektion nur mehr einen Teil der Informationen. Diesen wollen wir als Erklärungsanteil bezeichnen.

  • Zweitens müssen die beiden Achsen interpretiert werden. Hierzu besitzt man das Instrument der Faktorladung, die den Beitrag angibt, den die einzelnen originalen Punkte an der Entstehung dieser Achse haben.

  • Drittens muß jeweils gefragt werden, wie gut die Abbildung jedes einzelnen Punktes auf einer Achse ist.

Doch der Leser soll sich nicht von diesen Überlegungen abgeschreckt fühlen, wir werden versuchen im folgenden Text die Ergebnisse darzustellen, ohne auf statistische und zahlenmäßige Details einzugehen.

Ausgangspunkt der Untersuchung sind die Ergebnisse der Parteien jeweils nach Kantonen, Gemeinden bzw. nach Stadtvierteln für die Stadt Luxemburg. Diese geographisch-administrative Einteilung deckt sich größtenteils mit einer sozio-ökonomischen Einteilung des Landes, die sich wiederum politisch in der Verteilung der Stimmen auf die Parteien auswirkt.

Wir beschreiben zunächst das ganze Land, indem wir die 12 Kantone untersuchen. Dann wenden wir uns den Bezirken Zentrum und Süden zu und widmen der

Die Methode der Korrespondenzanalyse erlaubt es die Wahlergebnisse anschaulich darzustellen. Versteckte Grundstrukturen werden so sichtbar gemacht.

Stadt Luxemburg eine gesonderte Untersuchung.
Aus Zeitgründen konnten wir die zwei kleinsten
Wahlbezirke (Osten und Norden) nicht im einzelnen
untersuchen.

Die Landesresultate nach

Kantonen aufgeteilt

In einer ersten Abbildung sind die Resultate aller
großen Parteien für die zwölf Kantone dargestellt. Da
einige Parteien nicht in allen Wahlbezirken kandi-
dierten, haben wir die vier grünen Listen und die vier
rechten Listen (NB, LERP, LMLKV, REP) zusam-
mengefaßt; die ganz kleinen Listen haben wir nicht
berücksichtigt. Demnach haben wir in dieser Darstel-
lung noch 7 Parteien bzw. politische Familien.

Die erste, horizontale Achse (mit 59% Erklärungsan-
teil) zeigt einen Gegensatz zwischen dem Minette
und dem Rest des Landes, der sich in einem geogra-
phischen Gegensatz zwischen LSAP und KP auf der
einen Seite, sowie der DP auf der anderen Seite aus-
drückt. Man kann diese erste Achse also als einen
rechts-links Gegensatz interpretieren, der auch heute
trotz allem Gerede über Volksparteien, bestimmend
für das Luxemburger politische Feld ist. Auf dieser
Achse finden wir nacheinander KPL, LSAP, CSV
und DP. Da dem politischen Gegensatz ein geogra-
phischer Gegensatz entspricht, bleibt das Minette
(bzw. der Kanton Esch) eine politisch eindeutig links
situierte Region.

Die zweite, vertikale Achse (mit 24% Erklärungsan-
teil) stellt den Gegensatz zwischen Luxemburg-Stadt
und den ländlichen Regionen dar. Neben der ersten

rechts-links-Achse ist das Wahlverhalten also durch
ein Stadt-Land-Gefälle geprägt. Die Partei, die am
stärksten von diesem Gegensatz geprägt ist, ist die
KPL. Dies besagt, daß sie ihre Wähler eher im städ-
tischen als im ländlichen Raum findet.

Durch diese beiden Achsen sind 83% der ursprüng-
lichen Information erklärt. Wir haben mit der Abbil-
dung 1 also schon ein ziemlich informatives Bild der
Luxemburger politischen Landschaft, die es jetzt im
einzelnen zu untersuchen gilt.

Es fällt auf, daß die CSV fast im Mittelpunkt der Dar-
stellung steht. Sie ist also die wahre Volkspartei im
Zentrum des politischen Feldes: jenseits der rechts-
links und der Stadt-Land-Unterschiede. Diese Stel-
lung kann man auch als eine Allgegenwart interpre-
tieren: die CSV ist eine Partei, die ziemlich überall
ihre Stimmen bekommt.

Im Gegensatz zur CSV ist die DP stärker im städti-
schen Bereich verankert und ihre Distanz zu den
linken Parteien KPL und LSAP ist größer als die der
CSV.

Auf der zweiten Achse, die wir als Stadt-Land-
Gefälle bezeichnet haben, ragt die LSAP weiter in
den ländlichen Bereich hinein als die CSV. Dieses
Paradox wird dadurch erklärt, daß die LSAP im städ-
tischen Ballungsraum um die Hauptstadt unterreprä-
sentiert ist, gleichzeitig aber auch einige ländliche
Hochburgen hat, die wir im unteren Teil der Darstel-
lung erkennen.

Die Stellung, die die Grünen in dieser Abbildung ein-
nehmen, zeigt, daß diese Partei ein eher städtisches
und tendenziell "linkes" Wählerpotential anspricht.

In der Untersuchung der einzelnen Wahlbezirke wird eine Unterscheidung zwischen den zwei Strömungen, GAP und GLEI, eine Differenzierung dieser Aussage erlauben.

Die 5/6-Liste ihrerseits ist eindeutig im ländlichen Raum und rechts von der CSV angesiedelt. Clerf, Diekirch, Remich und Vianden: dies ist die geographische Verortung der 5/6-Aktion. Die geringe Entfernung zu den drei großen Parteien zeigt, daß sie ihre Stimmen von diesen (und hauptsächlich von der CSV) bekommt.

Die vier rechten Parteien, die wir für unsere Untersuchung zusammengefaßt haben, finden sich am oberen Rande und nach links, Richtung Minette, gerückt. Heißt das, daß diese Parteien "linke" Parteien sind? Auf dieser Ebene zeigt die Nähe zu den linken Parteien, lediglich daß die rechten ein ähnliches Wählerpotential anziehen, zum Beispiel ein eher städtisches. Wenn man eine dritte Achse mit weiteren 8% Erklärungsanteil berücksichtigt, rücken die Wählerpotentiale von KPL und Rechten wieder merklich auseinander. Auf dieser Achse finden wir in der Tat eine große Entfernung zwischen den Rechten und der KPL, die die beiden Endpunkte dieser Achse bilden, sowie eine große Nähe zwischen 5/6 und CSV.

Es sei nocheinmal darauf hingewiesen, daß die Abbildungen, die wir hier veröffentlichen, immer die zwei ersten Achsen darstellen. Sie sind somit die wichtigste Projektion, stellen aber nur einen Teil der Information dar, der durch die Abbildung weiterer Ebenen mit anderen Achsen ergänzt werden müßte. Aus Platzgründen können wir leider nicht alle Dia-

gramme veröffentlichen, nehmen aber im Text hin und wieder Bezug darauf.

Die Resultate der Südgemeinden

Die Ergebnisse der 25 Südgemeinden wurden nach derselben Methode verarbeitet. Nur wurden diesmal die GAP und die GLEI separat aufgetragen. Nach einem ersten Versuch wurden die beiden absoluten Hochburgen der 5/6-Aktion im Süden, Frisange und Reckange, die beiden Gemeinden deren Bürgermeister auf dieser Liste kandidierten, eliminiert, weil die atypisch hohen Ergebnisse, die zweite Achse der Abbildung absolut bestimmten. Abbildung 2 stellt somit eine um diese Hochburgen bereinigte Darstellung dar.

Die erste Achse mit 75% Erklärungsanteil, in unserer Abbildung horizontal dargestellt, stellt einen LSAP-DP Gegensatz dar, dem ein ähnlicher geographischer Gegensatz wie in der ersten Abbildung entspricht. Diesmal handelt es sich um die Unterscheidung Minette (hauptsächlich vertreten durch Schifflingen, Kayl, Rumlingen) auf der einen Seite und den Randgemeinden der Stadt Luxemburg (Kopstal, Mamer) sowie den ländlichen Gemeinden des Bezirks (Kehlen, Simmern) auf der anderen Seite. Also auch hier, wie bei der ersten Untersuchung auf Landesebene, noch immer ein Gegensatz rechts-links, der im Südbezirk noch wesentlich bestimmender ist als auf Landesebene.

Südgemeinden

| Leud | Dipp | GAP | Peta |
| — | — | — | — |
| 5/6 Garn | CSV | Hobs Basch | Schiff |
| Roes | GLEI | Koer | KPL Sanem |
| Mond | | Bett | |
| Sptft | | Clem | Kayl Diff Esch |
| Kehl | | REC | LSAP |
| Kops | | Stfrt | Rumlg |
| DP | | | Dude |
| Mam | | | |

Die zweite, vertikale Achse ist die CSV-Achse. Gemeinden, die besonders stark zu dieser Dimension beitragen, sind Bascharage, Hobscheid, Petingen. Die zweite Achse kann man im Süden nicht geographisch interpretieren. Die CSV hat als einzige Partei eine hohe Faktorladung auf dieser Achse, wir wollen sie deshalb als CSV-Achse bezeichnen: oben hoher, unten geringer CSV-Einfluß.

In dem so beschriebenen Feld ergibt sich folgendes Bild:

  • Um die LSAP und KP herum finden wir alle Gemeinden des Kantons Esch, die klassischen Stahlarbeiterstädte des Südens. Auch Steinfort findet sich hier wieder, während Petingen mit den ländlichen Gemeinden schon zur CSV hin tendiert.

  • Den zweiten Pol bildet die DP mit den östlichen Randgemeinden der Hauptstadt. Zwischen den beiden Einflußgebieten der DP und der LSAP/KPL finden wir einen diffuseren Bereich mit den südlichen Randgemeinden und den ländlichen Gemeinden. Frisingen und Reckingen, die wir hier nicht dargestellt haben, gehören auch zu diesem diffusen, zentralen CSV-Bereich.

Außer den vier großen Parteien finden sich alle kleinen Parteien in diesem diffusen zentralen Feld. GAP und Rechte tendieren eher zur linken, GLEI und 5/6 eher zur rechten Seite. Bei den Rechten sieht man hier auch wieder, daß sie eher im Arbeitermilieu außerhalb des CSV Einflusses angesiedelt sind, während die 5/6-Liste auch wieder sehr nahe bei der CSV verortet ist. Die GLEI findet sich irgendwo zwischen CSV und DP wieder.

Eine dritte Achse mit weiteren 7% an Erklärungswert, hebt die Sonderstellung der KPL gegenüber sämtlichen anderen Parteien hervor.

Ein Vergleich der Abb. 2 mit dem (nicht abgedruckten) entsprechenden Bild für die Kammerwahlen von 1984 zeigt keine wesentlichen Unterschiede. Umso interessanter sind die kleinen Details. So steht 1984 die GAP dort, wo heute die GLEI steht, während die GAP 1989 näher zur LSAP gerückt ist. Bedeutet dies einen Einbruch in die Wählerschichten der LSAP?

In der nächsten "forum"-Nummer werden wir auf einen Vergleich mit früheren Wahlen zurückkommen und auch versuchen die Frage zu beantworten, inwieweit die 5/6-Bewegung das politische Feld verändert.

Die Resultate der Zentrumsgemeinden

Die erste horizontale Achse stellt wieder den Gegensatz rechts-links bzw. DP-LSAP dar, der sich auch in einem geographischen Gegensatz wiederfindet: z.B. in der Achse Strassen-Lintgen. Es fällt allerdings auf, daß dieser Gegensatz mit nur 41% Erklärungsanteil nicht so stark ist wie im Süden (75%) und auf Landesebene (59%). Das Gewicht des zweiten Gegensatzes ist allerdings größer: mit 28% bestimmt die 5/6-Liste diese Achse: typische Ortschaften sind hier Berg und Bissen.

In diesem Feld finden wir auf der einen Seite die DP mit den für diese Partei charakteristischen Gemein-

den: die Stadt Luxemburg und ihre Schlafstädte:
Strassen, Bartringen, Hesper, Walfer. Die CSV
findet sich auch hier wieder im Zentrum der Abbil-
dung. Die LSAP ist am Rande mit ihren typischen
Gemeinden: Lintgen, Steinsel, Lorentzweiler.

Auch hier zeigt sich, daß die 5/6-Liste ein eher länd-
liches Phänomen (Berg, Fischbach, Bissen …) ist, das
auf der rechts-links-Achse jedoch der CSV sehr nahe
kommt.

GLEI und GAP sind hier auf gleicher Höhe auf der
rechts-links Achse.

Eine dritte Achse mit 12% Erklärungsanteil wird
durch den Gegensatz zwischen CSV auf der einen
Seite und KPL sowie Extremrechten auf der anderen
Seite gebildet. Eine für diese Achse typische Ge-
meinde ist Larochette, die Ortschaft mit dem höch-
sten Ausländeranteil. Trägt man diese Werte auf,
ergibt sich ein Dreieck von KPL, Rechten und Laro-

Ergebnisse der Kammerwahlen vom 18. Juni 1989

für die einzelnen Viertel der Stadt Luxemburg in Prozent der abgegebenen Stimmen

| | KPL | DP | CSV | LSAP | GLEI | NB | GAP | 5/6 | REP | DESSOU |
| — | — | — | — | — | — | — | — | — | — | — |
| CENT | 3.87 | 25.13 | 38.94 | 15.34 | 4.33 | 2.64 | 3.40 | 5.56 | 0.37 | 0.42 |
| BEGG | 2.74 | 20.52 | 26.63 | 25.29 | 6.45 | 3.54 | 4.60 | 8.95 | 0.63 | 0.65 |
| BELA | 3.36 | 28.34 | 32.09 | 14.79 | 7.43 | 2.22 | 3.83 | 6.55 | 0.54 | 0.85 |
| BON | 4.32 | 23.58 | 27.35 | 24.21 | 4.47 | 4.89 | 3.65 | 6.16 | 1.01 | 0.36 |
| BOS | 3.73 | 23.95 | 26.89 | 22.99 | 5.47 | 4.73 | 4.76 | 6.39 | 0.42 | 0.67 |
| CESS | 3.67 | 30.44 | 30.60 | 15.13 | 4.35 | 1.87 | 3.75 | 9.00 | 0.82 | 0.37 |
| EIDO | 4.29 | 26.54 | 29.86 | 19.67 | 4.51 | 2.86 | 4.07 | 7.03 | 0.49 | 0.67 |
| CENS | 2.89 | 23.68 | 32.93 | 17.51 | 7.29 | 2.90 | 3.63 | 7.56 | 0.66 | 0.93 |
| GASP | 3.68 | 23.59 | 33.21 | 18.24 | 6.30 | 3.45 | 4.34 | 6.55 | 0.36 | 0.27 |
| HAMM | 3.50 | 23.88 | 32.85 | 20.23 | 5.74 | 3.20 | 3.57 | 6.26 | 0.55 | 0.23 |
| HOLL | 3.66 | 25.21 | 32.22 | 20.49 | 5.25 | 3.16 | 3.52 | 5.66 | 0.60 | 0.24 |
| KIRC | 4.23 | 25.46 | 30.69 | 17.57 | 7.23 | 2.01 | 4.67 | 4.67 | 0.95 | 2.53 |
| LIMP | 2.89 | 27.67 | 34.06 | 13.09 | 7.32 | 1.89 | 5.38 | 6.78 | 0.53 | 0.38 |
| MERL | 4.22 | 22.99 | 38.78 | 14.51 | 6.33 | 2.87 | 4.17 | 4.99 | 0.54 | 0.61 |
| RMU | 5.25 | 21.25 | 31.78 | 20.29 | 5.55 | 3.53 | 4.96 | 5.97 | 0.35 | 1.06 |
| NEUD | 5.03 | 24.56 | 26.20 | 23.76 | 4.77 | 3.92 | 3.48 | 6.56 | 0.79 | 0.94 |
| PACG | 6.39 | 26.14 | 31.18 | 16.58 | 4.92 | 5.90 | 2.90 | 4.74 | 1.17 | 0.08 |
| GARE | 5.17 | 24.01 | 27.24 | 21.01 | 5.40 | 5.22 | 4.41 | 6.06 | 0.97 | 0.52 |
| WEIM | 4.05 | 24.83 | 31.31 | 18.93 | 5.73 | 3.38 | 4.06 | 6.41 | 0.65 | 0.65 |
| moyenne | 3.91 | 25.09 | 31.04 | 18.76 | 5.90 | 3.42 | 4.16 | 6.47 | 0.61 | 0.63 |

chette, die sehr nahe beieinanderliegen. Dies darf aber nicht falsch interpretiert werden: es heißt lediglich, daß neben den in Abb. 3 dargestellten Unterschieden das geographische Stimmenaufkommen der beiden Parteien teilweise Ähnlichkeiten aufweist. Politisch interpretiert ist diese dritte Achse ein Ausdruck dafür, daß es einen Unterschied zwischen CSV- und KPL-Wählerpotential gibt. Neben dieser Banalität enthält sie aber auch die Information, daß es Ähnlichkeiten zwischen dem Potential der KPL und der Rechten gibt. Haben also die Kommunisten trotz ihres prozentualen Zuwachses im Zentrum Stimmen an die Rechten abgegeben? Kann man diese 3. Achse als die Protestwähler-Achse bezeichnen, auf die sich zwei Protestwählerparteien in einem gleichen Gegensatz zur zentralen Partei, der CSV, wiederfinden? Im Süden war ein Beitrag der KPL zur ersten rechts-links Achse klar gegeben, im Zentrum ist dieser verschwindend klein: kann man die KPL im Süden also als Arbeiterpartei und im Zentrum als Protestpartei betrachten?

Die Wahlresultate in der Stadt Luxemburg

In der Luxemburger Presse werden traditionsgemäß die Ergebnisse aller Luxemburger Gemeinden veröffentlicht, dabei wird die kleinste Gemeinde, Neuenhausen mit 139, Wählern die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt wie der Stadt Luxemburg mit ihren 69.385 Wählern. Daß die Viertel der Stadt Luxemburg eigenständige politische Gebilde mit sehr verschiedenen, spezifischen Wahlverhalten sind vergißt man dabei. Deshalb veröffentlichen wir in einer Tabelle die Ergebnisse für 20 Viertel, die wir aus den 120 Wahlbüros zusammengefaßt haben. Diese Ergebnisse bilden die Grundlage für unsere Untersu-

chung.

Die erste, wichtigste Achse der Stadt Luxemburg stellt den CSV-LSAP-Gegensatz dar und trägt 43% zur Erklärung bei. In der Stadt-Luxemburg ist dieser rechts-links-Gegensatz nicht so groß wie im Süden und im Landesdurchschnitt, er hat aber einen ähnlichen Wert wie im Zentrum. Das typische CSV-Viertel ist Limpertsberg, das typische LSAP-Viertel der alte, nördliche Teil von Bonneweg.

Die zweite Achse mit 20% Erklärungsbeitrag wird von der "Dessouroux"-Liste und von der Nationalbewegung bestimmt. Auch wenn der Beitrag nur 20% beträgt, so ist die Unterscheidung, ob ein Viertel NB, also extreme Rechte, oder Dessouroux, also "gemäßigte Extremisten" wählt, ein wesentliches Merkmal für die Beschreibung der städtischen Viertel. Typische Viertel für diese Achse sind Kirchberg, eine Hochburg der "gemäßigten", und Pfaffenthal, Clausen und Grund die Hochburg der Nationalbewegung

Eine dritte Achse, die hier nicht abgebildet wurde, stellt einen Gegensatz zwischen der KPL und Dessouroux auf der einen Seite und der 5/6-Liste auf der anderen Seite dar. Typische Viertel sind Beggen und Cessingen für die 5/6-Liste und auf dem Gegenpol wiederum Kirchberg, wo Dessouroux wohnt.

Abb. 4 stellt also einen vom CSV-LSAP-Gegensatz und von der Extremisten-Achse geprägten Raum dar, in dem sich die einzelnen Viertel einordnen lassen. Wir erkennen ein Einflußgebiet der CSV: Limpertsberg, Merl, Zentrum, Belair, Cessingen. Im Mittelpunkt finden wir Weimerskirch, Hamm, Gasperich, Hollerich, Rollingergrund und Dommeldingen. Hier ist auch die 5/6-Liste angesiedelt, die also ein zentrales Element des Wahlverhaltens der Stadt Luxemburg darstellt. Weiter links auf der ersten Achse

CENT Centre

BELA Belair

BON Bonnevoie Nord

BOS Bonnevoie Sud

CESS Cessange

EIDO Eich,Dommeldange

CENS Cents

GASP Gasperich

HAMM Hamm

HOLL Hollerich

KIRC Kirchberg

LIMP Limpertsberg

MERL Merl

RMU Rollingergrund

NEUD Neudorf

PACG Paffenthal, Clausen,

Grund

GARE Gare

WEIM Weimerskirch

finden wir die LSAP mit ihrem Einflußfeld: Bonneweg, Bahnhofsviertel, Neudorf und Beggen.

Die KPL liegt näher zur Mitte als die LSAP, das heißt es gibt weniger ausgeprägte KP-Viertel, die KPL hat weniger Hochburgen. Für den Wahlbezirk Zentrum hatten wir schon darauf hingewiesen, daß die KP hier im Gegensatz zum Süden eine Protestwählerpartei ist. Auch in Luxemburg-Stadt scheint sie weniger in den klassischen Arbeiter- und Handwerkervierteln verankert als die LSAP. In diesem Bereich ist jedoch die Nationalbewegung angesiedelt, die aus einem ähnlichen Wählerreservoir zu schöpfen scheint wie die LSAP (und die KPL).

Auch Jemp Bertrands "Republikaner" finden sich in diesem Bereich wieder, während die 5/6-Liste und die gemäßigten Nationalisten eher im Feld der CSV und der DP angesiedelt sind.

Die Position von GAP und GLEI bestätigt wiederum das schon für die zwei Bezirke gesagte: auch hier liegt die GLEI weiter "rechts" als die GAP.

Ein Vergleich mit der Wahl von 1984 zeigt einige wesentliche Verschiebungen. Das Ergebnis der Wahl von 1984 ist in Abb. 5 dargestellt, die hier jedoch nicht im einzelnen diskutiert werden soll. Der inzwischen geübte Leser wird dies selber tun können oder in "forum" Nummer 99 nachlesen können. Auch 1984 war die Hauptachse durch einen LSAP-CSV-Gegensatz bestimmt, damals lag der Erklärungsanteil dieser Achse bei 57%, heute ist er auf 42% gefallen. Am auffälligsten ist die Sogwirkung der 5/6-Liste, die jetzt im Zentrum steht und die Viertel, die 1984 für die LSAP (Hamm, Weimerskirch), die CSV (Rollingergrund) oder die DP (Hollerich) typisch waren, in ihre Richtung gezogen hat.

Die zweite Opposition von 1984, DP-GAP, tritt jetzt angesichts der rechts-extremen Listen in den Hintergrund.

Listenstimmen und persönliche Stimmen

Da uns die Stimmenverteilung für 210 Kandidaten von 10 Listen für die 120 Wahlbüros zur Verfügung standen, haben wir versucht, das Stimmenaufkommen der einzelnen Kandidaten mit unserer Methode zu beschreiben. In einer Ebene werden also 210 Punkte aufgetragen, von denen jeder eine Person darstellt. Die Punkte wurden durch einen Buchstaben ersetzt, der nach folgendem Schlüssel die Parteizugehörigkeit angibt:

| K | KPL | D | DP |
| — | — | — | — |
| C | CSV | S | LSAP |
| E | GLEI | 5 | 5/6 Liste |
| N | Nationalbewegung | G | GAP |
| M | Dessourroux | | |
| R | Republikaner | | |

Wenn alle Kandidaten nur Listenstimmen erhalten würden, würden die 210 Punkte aufeinanderfallen und wir erhielten das gleiche Bild wie Abb. 4. Je unterschiedlicher die einzelnen Kandidaten einer Liste gewählt wurden, desto weiter gehen die Punkte ihrer Kandidaten auseinander und bilden eine Wolke, die mehr oder weniger dicht ist. So entsteht die Abb. 6, die leichter zu lesen ist, wenn man die einzelnen Buchstaben in einer symbolischen Farbe nachzeichnet. Die erste Achse entspricht in etwa derselben Achse, die wir in der Abbildung für die Parteien gefunden haben, erklärt jedoch nur noch 41% der Information. Die zweite Achse erklärt 12% und eine genauere Untersuchung der Faktorladungen der 210 Kandidaten zeigt, daß diese Achse eine Differenzie-

Das Ergebnis aller 210 Kandidaten in der Stadt Luxemburg

rung zwischen den Spitzenkandidaten und dem Listenfußvolk darstellt. Besonders deutlich zu sehen für Jacques Santer, Mady Delvaux, Hary Ackermann und Jup Weber.

Den höchsten Anteil an Listenstimmen (80%) hat die 5/6-Liste, deshalb bilden ihre Kandidaten eine dichte Traube im Zentrum des Feldes, aus der sich der Spitzenkandidat J. Simon leicht heraushebt und etwas deutlicher Dr. Montbrun, Psychiater und Musiktherapeut, der als bekannter Arzt ins DP- bzw. GLEI-Umfeld eindringt.

Die DP-Spitzenkandidaten stehen mitten in der DP-Wolke. Besonders hervorgehoben sind nur die Kandidaten Kik Schneider und Simone Beissel, die sich in der GLEI-Wolke wiederfinden.

Vielleicht muß zwischendurch noch einmal in Erinnerung gerufen werden, was dieses Bild aussagt und wie es interpretiert werden kann. Jup Weber ist ein ideales Beispiel, um dies zu erläutern. Er befindet sich mitten in der CSV-Wolke, dies bedeutet eigentlich nur, daß er in Wahlbüros, in denen die CSV viele Stimmen bekommen hat, auch viel gewählt wurde. Da die Punktwolke der GLEI nicht identisch mit der CSV-Wolke ist, die GLEI also in anderen Wahllokalen ihre Stimmen erhält als die CSV, darf man daraus schließen, daß Jup Weber von vielen CSV-Wählern panaschierte Stimmen erhalten hat. Genauso kann man sagen daß der DP-Theoretiker Kik Schneider und die DP FEP-Anwältin Simone Beissel für typische GLEI-Anhänger wählbar sind.

Die Abbildung zeigt ein weiteres interessantes Ergebnis, wenn man die GLEI mit der GAP vergleicht: einige GAP-Vertreter befinden sich in der GLEI-Wolke, doch kein GLEI-Vertreter im GAP-Umfeld.

Es scheint also, daß Jup-Anhänger auch noch die eine oder andere Stimme der GAP geben, zum Beispiel der Spitzenkandidatin Thers Bodé, der Gemeinderätin Fabiana Bartolozzi oder der bekannten Botanikerin Tun Welter. Die Stellung der GAP etwas links von der zentralen Achse wirft also die Frage auf, ob sie ihre Listenstimmen von links bekommt und von rechts zusätzlich Panaschierstimmen bekommt. Die klare Trennung der beiden grünen Listen scheint daraufhinzudeuten, daß es zwei spezifische Wählerpotentiale gibt, die eine Einheitsliste nur bedingt ausschöpfen könnte.

Bei den Sozialisten nimmt die Spitzenkandidatin Mady Delvaux eine besondere Stellung ein. Die Tatsache, daß sie im Diagramm hoch oben steht, zeigt daß sie die typische Spitzenkandidatin ist. Die Tatsache, daß sie verglichen mit dem LSAP-Feld, nach rechts gerückt ist, zeigt, daß sie Stimmen von DP- und CSV-Wählern genauso wie von GLEI-Wählern erhalten hat. Aus dem Diagramm geht hervor, daß auch Robert Krieps und Robert Goebbels Stimmen aus dem "bürgerlichen" Lager erhalten.

Die Wolke der KPL-Kandidaten liegt mitten in der LSAP-Wolke, was auf eine gewisse Überschneidung der Wählerpotentiale und ein gegenseitiges Panaschieren hinweist. Aus der KP-Wolke treten klar 2-3 Kandidaten nach rechts hervor, es sind H. Wehenkel, F. Grisius und an dritter Stelle Z. Bernard. Besonders die beiden ersten – ein Professor und ein Anwalt – scheinen für das "bürgerliche" Lager wählbar zu sein.

Die Kandidaten der NB sind sehr stark geklumpt, die NB ist also eine

Partei mit vielen Listenstimmen (82%). Nur drei Kandidaten treten hervor: hauptsächlich die erste

Vergleich der Ergebnisse der GAP und der GLEI für die Gemeinden der Bezirke Süden und Zentrum

Kandidatin in der alphabetischen Reihenfolge, dann die offizielle Spitzenkandidatin, die aus irgendwelchen Gründen nicht als Erste auf dem Stimmzettel stand, und der eigentliche Hauptprotagonist der Liste, P. Peters. Daß die unbekannte Frau Birden sehr hoch über ihrer Parteiwolke steht, zeigt, daß etliche Wähler der NB zwei Stimmen auf den ersten Kandidaten gegeben haben.

Die Republikaner sind klar von der NB differenziert, scheinen sich aber etwas mit den "gemäßigten" Nationalisten zu überschneiden. Beide Listen haben einen hervorragenden Spitzenkandidaten: die Republikaner Jemp Bertrand, der sich mitten zwischen DP und CSV wiederfindet, alles in allem also ein respektabler bürgerlicher Kandidat; die moderaten Luxemburger haben G. Dessouroux, der eine einsame Spitzenstellung oben auf der Achse der Spitzenkandidaten einnimmt, seine Liste war also keinesfalls seinem persönlichen Erfolg gewachsen.

Auch hier zeigt sich, daß NB und die anderen beiden extremen Listen unterschiedliche Wählerschaften ansprechen: die NB eher Leute, die tendenziell "links" wählen, die zwei anderen eher "bürgerliche" Wähler. Die 5/6-Liste scheint ähnliche Wähler wie Bertrand und Dessouroux anzusprechen, so daß man behaupten darf, daß deren Kandidatur sicherlich diesen beiden geschadet hat, der Nationalbewegung hat sie aber kaum Stimmen weggenommen.

Eine weitere Achse mit einem Erklärungsanteil von 10% stellt den Unterschied zwischen den Protestpar-

teien und den etablierten Parteien dar. Hier finden wir die Nationalbewegung, den "gemäßigten" Luxemburger und die Republikaner auf einer Seite klar getrennt von allen anderen Parteien, bis auf die Kommunisten, die sich auch im Feld der Protestparteien befinden.

Zusammenfassung

Die Ergebnisse, die sich bei der Untersuchung auf Landesebene gezeigt haben, wurden von den Detailuntersuchungen bestätigt: prägendes Moment des Luxemburger politischen Feldes ist noch immer der rechts-links Gegensatz.

Die Zusammenfassung der 4 rechts-extremen Listen ist nicht gerechtfertigt, da die genauere Untersuchung gezeigt hat, daß zwei verschiedene Wählerpotentiale angesprochen werden: die Nationalbewegung ein eher städtisches, "linkes"; Bertrand und Dessouroux ein eher bürgerliches Publikum.

Die 5/6-Liste erscheint in unserer Untersuchung nicht als Protestpartei, sondern eher als typisch bürgerliche Partei, die demnach hauptsächlich Stimmen von CSV und DP abgezogen hat.

Raymond Bisdorff
Fernand Fehlen

Wir danken Pierre Beck, der bei der Datenverarbeitung und Auswertung mitgeholfen hat. Das eigentliche Auswertungsprogramm wurde, in Ermangelung eines professionellen Programms, von R. Bisdorff geschrieben.

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