Die Sonderschule — ein Anachronismus!

Der Universitätsprofessor Dr. Alfred Sander referierte zum Thema "Etappen auf dem Weg zum gemeinsamen Leben und Lernen"

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  • ein Anachronismus!

Der Universitätsprofessor Dr. Alfred SANDER referierte am 2.11.1985 zum Thema
"Etappen auf dem Weg zum gemeinsamen Leben und Lernen".
Anschliessend einige Auszüge aus seinen interessanten Ausführungen.

(…)

"Von den vier Bedingungen", so A. Sander, "die
historisch erklären, warum in Deutschland Sonderschulen entstanden sind, treffen mindestens zwei –
zu grosse Klassen, unausgebildete Lehrer – heute
offenkundig nicht mehr zu. Der dritte Grund – Kultivierung der Ungleichheit unter den Menschen – besteht gegenwärtig in den Köpfen bestimmter Kreise
noch weiter, die in unserer demokratischen Gesellschaft – so hoffe ich – nicht das Sagen haben. Der
vierte Grund – verwaltungsgemäss eindeutige Zuordnung von Kindern zu Schularten – ist meines Erachtens heute noch am stärksten wirksam. (…)"

Begründungen für die Sonderschule, die seit hundert Jahren bis heute eine gewichtige Rolle in der
Diskussion spielen, sind

  1. die Entlastung der Regelschule
  2. das psychische Wohlbefinden des behinderten Kindes und
  3. die optimale Bildung für behinderte Kinder.

Entlastung der Regelschule wird heute zwar kaum
offiziell, aber doch noch in internen Gesprächen
als Zweck der Sonderschule genannt. Man hat den inhumanen Hintergrund dieser Begründung offensichtlich erkannt und hält deshalb in der Öffentlichkeit damit zurück. Schüler aussondern, damit die
verbleibenden – vermeintlich! – ungestörter lernen
können oder damit die Lehrer sich weniger bemühen
müssen, ist in der Tat ein entlarvendes Vorhaben.
(…)

Zur zweiten aufrechterhaltenden Begründung: Das
psychische Wohlbefinden vieler behinderter Kinder
kann sich erfahrungsgemäss nach der Umschulung in
eine Sonderschule tatsächlich verbessern – vorübergehend! Denn nach der Umschulung ist der überfordernde Druck des Mitkommennüssens in der leistungsorientierten Regelschule von den Kindern genommen,
sie werden vor einfachere oder vor spezifisch zubereitete Anforderungen gestellt und leben daher
oft sichtlich auf. Aber: (…) Die Sonderschule
kann nur vorübergehend das psychische Wohlbefinden
der Mehrzahl ihrer Schüler verbessern: sie entlässt sie als Stigmatisierte.

Auch die dritte aufrechterhaltende Begründung, nur
in Sonderschulen könne das behinderte Kind seine
bestmögliche Bildung erhalten, ist so nicht mehr
haltbar. Es gibt inzwischen für fast alle Behinderungsarten praktische Erfahrungen und wissenschaftliche Belege darüber, dass behinderte Kinder unterzusätzlicher sonderpädagogischer Betreuung auch in
Regelschulen optimal gefördert werden können. (…)

Ich möchte mich jetzt einer anderen, aktuelleren

Etappe auf dem Weg zum gemeinsamen Lernen zuwenden:
der Integrationsklasse. Diese Etappe ist an manchen Orten, genauer gesagt: an einigen wenigen
Schulen, bereits erreicht. (…)

Ich meine aber, wir sollten neben den Integrationsklassen nicht die andern möglichen Formen gemeinsamen Lernens und Lebens in der Schule aus den Augen
verlieren. Die Integrationsklasse hat einen gewichtigen historischen Stellenwert in der Gegenwart,
aber ich betrachte sie nicht als die letzte und
höchste Stufe schulischer Integrationsmodelle für
alle behinderten Kinder. Der historische Stellenwert der Integrationsklasse besteht darin, dass sie
den Skeptikern beweist, dass gemeinsames Lernen
nicht nur möglich ist, sondern sogar zu beachtlichen Erfolgen führt, die den Ergebnissen separierten Lernens sowohl behinderter als auch nicht behinderter Kinder nicht nachstehen. Die Integrationsklasse kann aber, historisch betrachtet, im bestehenden Schulwesen auch noch eine andere Funktion
bekommen, indem sie -ich muß dies so hart sagenweiterhin die Zusammenziehung mehrerer behinderter
Kinder in bestimmten Klassen vorsieht und dadurch
vielen anderen Lehrern und Klassen die Anstrengung
des gemeinsamen Lernens fernhält. Integrationsklassen sind – so muss man wohl definieren – besondere
Klassen in Regelschulen; sie sind zwar Klassen, in
denen nichtbehinderte und einige behinderte Kinder
mit zwei Lehrern gemeinsam leben und lernen, aber
sie sind eben besondere Klassen. Die höchste Organisationsstufe der Integration kann das nicht sein.
(…)

DOSSIER

Meine etwas einschränkenden Bemerkungen zum historischen Stellenwert sollen und können nicht den gegenwärtigen humanitären und pädagogischen Wert der Integrationsklassen schmälern. Sie sollen lediglich dazu anregen, an mögliche weitere Entwicklungen zu denken.

Die künftige Weiterentwicklung nach der Etappe "Integrationsklasse" wird, so hoffe ich, verstärkt zum Besuch allgemeiner Klassen in der Regelschule des Wohnbezirks führen. Behinderte Kinder in allgemeinen Klassen benötigen zusätzliche sonderpädagogische Betreuung; also muss wenigstens stundenweise der Ambulanzlehrer, der Stützpädagoge oder ein sonstiger Spezialist zur Verfügung stehen. Denn gemeinsames Leben und Lernen in allgemeinen Klassen des Wohnbezirks darf selbstverständlich keine Verschlechterung in der allseitigen pädagogischen Förderung nach sich ziehen. Ich spreche hier bewusst von allseitiger Förderung – im Unterschied zu der gängigen Formel von behinderungsspezifischer Förderung.(…)

Im Saarland versuchen wir deshalb ein Angebot von mehreren nebeneinanderstehenden Integrationsformen einzuführen. (cf. Artikel über die RICHTLINIEN

für die Förderung der Integration in den Schulen im Saarland) (…)

Bei der Einzelfall-Beratung über die geeignete Integrationsform ist nicht die Behinderung des Kindes ausschlaggebend, sondern der Gesamtzusammenhang zwischen dem Kind, seinem individuellen Lernumfeld und den am Ort vorhandenen schulischen Möglichkeiten einschliesslich ihrer Veränderbarkeit. Die Einzelfall-Diagnose beruht also nicht auf einer Behinderungsdiagnose, sondern auf einer Kind-Umfeld-Diagnose, einer sogenannten ökosystemischen Diagnose. Diese soll spätestens alle zwei Jahre wiederholt werden. (…)

Die skizzierten Etappen "Sonderschule", "Integrationsklasse", und "Allgemeine Klasse", schliessen einander sachlich nicht aus. Sie könnten in naher Zukunft nebeneinander bestehen und den Eltern behinderter Kinder dann endlich ermöglichen, dass Eltern unter fairer fachlicher Beratung die aktuell und individuell beste Schulorganisationsform für ihr Kind finden. Aber nicht von den bestehenden Organisationsformen her darf gedacht werden und entschieden werden, sondern ökosystemisch vom einzelnen Kind her!"

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