Die Zukunft der Kirche

Auszug aus Statement beim "Katholikentag von unten" am 7.6.1980 in Berlin

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Hans Küng:

Die Zukunft der Kirche

Der folgende Text ist ein Auszug aus einem Statement von Hans Küng, das dieser bei einer Veranstaltung des "Katholikentages von unten" am 7.6.80 in Berlin abgegeben hat. Es zeigt u.E. sehr deutlich, dass der umstrittene Theologe keineswegs nur ein Kritiker seiner Kirche ist, sondern ein Optimist, dessen Vertrauen in Gottes Kirche auch uns beflügeln sollte. (Text entnommen aus: Publik-Forum, Nr. 73, 27.6.1980)

Wenn ich an die Kirche der Zukunft denke: Ich kann mir mit dem besten Willen nicht vorstellen, daß Er, auf den sich das Christentum beruft, daß Er, wenn er wieder käme, sich in den umstrittenen Fragen heute so einstellen würde wie die römischen und oft auch deutschen Kirchenautoritäten:

  • daß er, der die Pharisäer vor unerträglichen Lasten auf den Schultern der Menschen warnte, heute alle „künstliche“ Empfängnisverhütung als Todsünde erklärte;
  • daß er, der gerade Versager zu seinem Tische lud, allen wiederverheirateten Geschiedenen seinen Tisch auf immer verbieten würde;
  • daß er, der ständig von (für seinen Unterhalt sorgenden) Frauen begleitet war und dessen Apostel — mit Ausnahme von Paulus — allesamt verheiratet waren und blieben, in der heutigen Situation den ordinierten Männern die Ehe, allen Frauen aber die Ordination verböte;
  • daß er so die Gemeinden zunehmend ihrer Kapläne und Pfarrer beraubte und ihnen Ersatzteucharistien anböte;
  • daß er, der Ehebrecherin und Sünder in Schutz nahm, in delikaten und gewiß differenziert-kritisch zu beurteilenden Fragen wie vorehelicher Geschlechtsverkehr, Homosexualität und Abtreibung so harte Verdikte ergehen ließe …
  • Nein, ich kann mir auch nicht denken, daß Er — käme Er heute wieder — einverstanden wäre,
  • wenn man im ökumenischen Bereich die Konfessionsverschiedenheit als Ehehindernis aufrechterhielte, ja, neuerdings für katholische Laientheologen (ähnlich wie für protestantische Pfarreranwärter) zum Hindernis für den Eintritt in den pastoralen Dienst machte;
  • wenn man die Gültigkeit der Ordination und Abendmahlsfeier der protestantischen Pastoren bestritte;
  • wenn man die offene Kommunion und gemeinsame Eucharistiefeiern, den gemeinsamen Bau von Kirchen und Pfarreizentren und einen ökumenischen Religionsunter-

richt verhinderte;

  • wenn man die eigenen Theologen, Studentenpfarrer, Kapläne, Religionslehrer, Journalisten, Verbandsfunktionäre, Verantwortlichen in den Jugendverbänden statt mit Gründen überzeugt, mit Dekreten, „Erklärungen“ und Missio-Entzug zu zähmen versuchte …

Soll etwa das die Kirche der Zukunft sein? Nein, man kann, wenn man christlich sein will, nicht Freiheit und Menschenrechte für die Kirche nach außen fordern und sie nach innen nicht gewähren. Man kann dringende kirchliche Reformen in Deutschland nicht ersetzen durch große Worte über Europa, Dritte Welt und den Nord-Süd-Konflikt auf Synoden, Kirchentagen und Papstkundgebungen. Man kann Gerechtigkeit, Frieden und Menschenwürde nur dort predigen, wo es die Kirche und ihre Führung nichts kostet.

Und aus der katholischen Kirchengemeinschaft hören wir zunehmend durchaus repräsentative Stimmen aus verschiedenen Organen, Verbänden und Gruppierungen, die von der Amtskirche unzweideutig eine andere Grundeinstellung fordern. Und gerade die allerneuestens von der Amtskirche provozierte „Kundgebung enttäuschter Gefühle und Hoffnungen“ ist gewiß nicht nur für die Schweizer Vereinigung für die Anliegen von Konzil und Synode „eine Chance für eine verantwortete und kritische Kirchlichkeit“: „Diese sollte in Zukunft für die Aufgaben der Kirche in der Welt genutzt werden. Dazu ist es nötig, daß sich die Kirchenleitungen ernsthaft auf die Situation der Christen einlassen, die ihren Glauben in verschiedenen Aufgabenbereichen zu bewähren haben (z. B. Seelsorge, Erziehung, Politik, Kultur).“

Kirche der Renovation und Innovation — das bedeutet für die Kirche der Zukunft (vgl. die Erklärung der Jugendseelsorger des Bundes der Katholischen Jugend in der Diözese Rottenburg-Stuttgart):

  • „Kirche, die sich dem Evangelium aussetzt und damit Christus als Maß und Grund erfährt und sichtbar macht.
  • Kirche, die nicht Selbstzweck ist, sondern Weg zu Christus, Sakrament, Zeichen des Heils für unsere Welt.
  • Kirche, in der menschliche Begrenzung, Schuld und Sünde nicht verschwiegen, sondern als Ausdruck ihres Unterwegsseins verstanden werden.
  • Kirche, die sich als wanderndes Gottesvolk weiß, die sich stets erneuern und reformieren muß.
  • Kirche, die sich des Beistands des Geistes Gottes bewußt ist, die reich ist durch die Vielfalt gelebten Glaubens und deshalb gelassen und mit Vertrauen Gegensätze aushalten, Experimente zulassen kann.
  • Kirche, als ein Ort der Brüderlichkeit, in der Christen miteinander teilen — auch ihren Glauben —, in der sie sich tragen und ertragen lernen, in der es Streit geben kann und Versöhnung geben muß.
  • Kirche, in der Vorurteile abgebaut und Konflikte fair ausgetragen werden, wo nicht Herrschaft und Macht, sondern Gewaltlosigkeit und Dienst Lebensprinzipien sind.“

Vielen Menschen ist das, was sich in den letzten Monaten in unserer Kirche abgespielt hat, wie eine gespenstische Groteske vorgekommen. Katholiken verkrallen und zerfleischen sich im Kampf um Orthodoxie, Glaubensformeln und Unfehlbarkeit, während die Welt um sie herum in Scherben zu fallen droht. Diese Realitätsblindheit ist selber der größte Ausdruck für die Krise der Kirche, in der wir gegenwärtig stecken. Wir nehmen in seinen wahren Dimensionen schon gar nicht mehr wahr, was in der Welt vorgeht! Darum muß es doch gehen:

  • In einer Welt, die immer kälter, brutaler, unbewohnbarer geworden ist;

● in der die Ressourcen immer knapper und die Verteilungskämpfe immer härter werden;
● in der sich die großen politischen und ideologischen Systeme immer unversöhnlicher und waffenklirrender gegenüberstehen;
● in der das gegenseitige Mißtrauen wächst und die Rüstungsspirale sich ständig weiterdreht;
● in einer Welt, in der das Verhältnis von Verwaltenden und Verwalteten, Mächtigen und Ohnmächtigen, Reichen und Armen immer inhumaner wird, in der der Ausgleich zwischen Technologie und Humanität, zwischen Ökonomie und Ökologie immer schwieriger herzustellen ist, weil die Verhältnisse es nicht zulassen: da, meine ich, hätten Christen in der Tat einen entscheidenden, unverzichtbaren Beitrag zur Beförderung des Wohles der Menschheit zu leisten! In diesen weit komplexeren gesellschaftlichen Fragen erwarten katholische

Christen weiterführende Antwortvorschläge auch von ihrer Kirchenleitung. Hier hätten sie gerne konstruktivere Hilfe!

„Der Ruf nach Einheit der Kirche, um in der heutigen Welt ihren Beitrag dazu leisten zu können, wurde“, ich zitiere zum Schluß nochmals die Bundesleitung der Katholischen Jungen Gemeinde, „mit einem Weg beantwortet, den wir für den falschen halten: Zu glauben, durch innere Disziplinierung die Gefährdungen der Zeit zu überstehen. Wenn Jesus zu seinen Freunden sagt: Wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren und verliert es schon. Wer aber sein Leben einsetzt und hingibt, der wird es gewinnen und gewinnt es schon (nach Johannes 12, 25), so gilt das im gleichen Maß für seine Kirche. Wir wollen keine Kirche um ihrer selbst willen, wir wollen eine Kirche die ‚Zeichen der Einheit der Menschen mit Gott und der Menschen untereinander‘ (Kardinal Döpfner) ist.“

Der Weg Jesu, der Weg der Freiheit, den er gegangen ist, war kein Einfordern von Dogmen und Gesetzen. Es war die Aufforderung: Ändert euch (ständig), habt Mut, frei zu sein und die Verantwortung für euer Leben und das Leben eurer Mitmenschen zu übernehmen. Gott ist bei euch. Jesus hat vorgelebt, was ein solches Leben in verantworteter Freiheit konsequent bedeutet. Auch wenn wir diesem Anspruch nicht genügen, können wir nicht anders, als diesen Maßstab an unser Handeln und an das der gesamten Kirche anzulegen.“

Dafür also setzen wir uns ein, dafür kämpfen wir. Nein, trotz allem: wir geben nicht auf, wir resignieren nicht. Wir hier unten überlassen die Kirche nicht denen da oben, denn: Wir allesamt sind selber Kirche! Und für die Zukunft dieser Kirche vertrauen wir in all unserem Arbeiten, Denken, Kämpfen und Beten auf den, der allein der wahre Herr der Kirche ist!

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