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Am 11. August startete eine Sammelaktion von Stofftieren für Flüchtlingskinder in Ex-Jugoslawien, organisiert von der ANCE (Association des communautés éducatives) und der UNICEF, unterstützt von der Supermarktkette CACTUS, in deren Geschäften die Stofftiere auch abzugeben waren.
Prompt waren die Schwarzmaler vom Dienst zur Stelle in Form eines Artikels in der Wochenzeitung Gréngespoun vom 13.8. Aus dem Motto der Aktion – En Teddy fir Sarajevo – wurde ein anklagender Titel: "En Teddy fir de CACTUS – Fragwürdige Werbemethoden einer Supermarktkette". Im Artikel
wurde insbesondere angeprangert, daß der CACTUS bei geringem Einsatz ein recht gutes Geschäft mache, einerseits durch das Anlocken von Kunden, andererseits durch den Gewinn eines menschenfreundlichen Images. Außerdem wurde aus einem Artikel der Zeitschrift Brennpunkt Drëtt Welt zitiert, der das humanitäre Sponsoring beschuldigt, die Hilfsorganisationen davon abzubringen die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe der Miseren zu thematisieren. Daneben fand sich eine Karikatur, deren Geschmacklosigkeit wohl nur noch von der Wirklichkeit übertroffen werden kann: Sie zeigt den Yuppi, wie er einen Teddybären "stilgerecht" zum
Krüppel aufpräpariert unter dem Motto "CACTUS verascht Kanner".
Ein paar Wochen später erschien dann in der Tagespresse und im Grengespoun eine Gegendarstellung vom Präsidenten der ANCE, R. Soisson. Neben an die Adresse von "Grünen" mittlerweile üblichen Höflichkeitsfloskeln ("Bevor man etwas sagt, schreibt oder zeichnet, soll man in der Regel sein Gehirn einschalten", "einseitige Interpretation von lückenhaften Informationen", "bester Scherbenjournalismus") wies Herr Soisson hin auf die selbstlose und aufopferungsvolle Tätigkeit von Privatpersonen und Organisationen, für die der Artikel und die Karikatur eine Beleidigung und ein Fußtritt seien. Die ANCE und die UNICEF seien mangels eigener Ressourcen auf die Unterstützung des CACTUS angewiesen gewesen, hätten aber erreicht, daß der CACTUS auf sein übliches Marketingsymbol in der Werbung verzichte. Schließlich bat er darum, politische Diskurse aus den Hilfsorganisationen herauszuhalten, angesichts des ungeheuren Aufwandes von Diplomatie und Kompromißbereitschaft, der erforderlich sei um für die notleidenden Menschen überhaupt etwas zu erreichen.
War der Artikel des Grengespoun also nur ein Schnellschuß, viel Lärm um nichts? Was soll falsch daran sein, wenn humanitäre Organisationen mit kommerziellen Betrieben zusammenarbeiten?
Firwat nät?
Das humanitäre Sponsoring wirft eine Reihe von Problemen auf, und für eine umfassende und allgemeine Darlegung möchte ich auf das ausgezeichnete Dossier der Brennpunkt-Nummer 85 verweisen. Hier sollen nur ein paar Aspekte der Problematik in diesem besonderen Fall beleuchtet werden:
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Man kann den Impakt des humanitären Sponsoring nicht mit dem einer normalen Werbekampagne vergleichen. Dem CACTUS geht es weniger um eine direkte Förderung des Konsums als um eine Verbesserung seines Images. Die Botschaft lautet: "Wir kümmern uns um das Wohlergehen der Kinder in Sarajevo wie in Luxemburg. Die Welt ist intakt." In Wirklichkeit kümmern sich Supermärkte natürlich nur um Profit und sind mehr oder weniger direkt an vielen menschen- und kinderfeindlichen Entwicklungen beteiligt.
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Es ist bemerkenswert, daß eine große Organisation wie die UNICEF auf die Hilfe eines Supermarktes angewiesen ist. Das Zurückgreifen auf Sponsoring entläßt die staatliche Entwicklungspolitik aus ihrer Verantwortung.
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Es besteht die Gefahr, daß die Sponsoren Einfluß nehmen auf die Inhalte der humanitären Arbeit. Sicher sponsort der CACTUS lieber ein Projekt zugunsten von Kindern als eines zugunsten vergewaltigter Frauen, was Hilfsorganisationen dazu bringen könnte, auf schlecht vermarktbare Aktionen zu verzichten. Auch eine direkte Zensur wäre vorstellbar,
Voyage au cœur des o.n.g. FRIC, BUSINESS ET BONS SENTIMENTS
ANNÉES 60
ANNÉES 80
La charité privée est en train de sortir du moyen-âge. Elle affiche sans complexes son blason redoré aux feux de la modernité. Ni la vente par correspondance, ni le show-biz, ni l’ordinateur, ni la télévision ne l’intimident. Le monde des o.n.g. s’en trouve bouleversé. Pour l’année 87, les subventions proprement dites du gouvernement français ont chuté de 30 % et, pour le moment en tout cas, les contributions des entreprises aux bonnes œuvres font plus de bruit que de gros chèques. Reste la poche des donateurs.
in: Croissance des Jeunes Nations
beispielsweise könnte Nestlé alle Supermärkte auffordern, nur noch solche Organisationen zu sponsoren, die sich nicht an der Anti-Nestlé-Kampagne beteiligen. (Eine Möglichkeit, dies zu vermeiden, bestünde darin, daß spendenwillige Unternehmen in einen Pool einzahlen würden, auf dessen Verteilung auf konkrete Projekte sie keinen Einfluß hätten.)
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Gesponsorte Kampagnen verstärken im allgemeinen das Bild einer Misere, die Menschen aus heiterem Himmel getroffen hat und denen wir dann großzügigerweise helfen. Die Hilfsorganisationen wissen, daß dies meist nicht der Fall ist. Ihre Pflicht ist es, diese Wahrheit auszusprechen und nicht den Aufbau eines falschen Bildes schweigend zu dulden.
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Letzendlich muß man sich fragen, wieweit man beim Sammeln von Geldmitteln gehen kann, ohne seine Glaubwürdigkeit zu verlieren. Es wird wohl niemand behaupten, es sei egal, woher das Geld komme, wenn es nur einem guten Zweck diene – man kann sich z.B. nicht vorstellen, daß eine Hilfsorganisation Waffenhandel betriebe, um mit dem Gewinn den Opfern eines Krieges zu helfen … Zweifelhaft ist
aber grundsätzlich auch die Zusammenarbeit mit Bank-, Industrie- und Handelsunternehmen, deren Profite teilweise aus Quellen wie Kapitalflucht, Waffenherstellung, niedrigen Rohstoffpreisen usw. stammen, und die so einen großen Teil der Misere miterzeugen, die die Hilfsorganisationen dann zu lindern versuchen.
Wou as e Problem?
Angesichts all dieser Bedenken kann man sich, wie das Kinderhilfswerk "Terre des Hommes", dafür entscheiden, gänzlich auf humanitäres Sponsoring zu verzichten. Man kann auch versuchen, die Frage im Einzelfall zu entscheiden, dabei bestimmte Mindestanforderungen an den Sponsoren zu stellen, und den Inhalt der Kampagne nach den Kriterien der Hilfsorganisation zu gestalten und nicht nach jenen der Marketingabteilung des Sponsoren. In diesem Sinne ist die Zusammenarbeit der ANCE und der UNICEF mit dem CACTUS sicher diskutabel; die Entscheidung der beiden Organisationen kann man aber respektieren.
Leider geht Herr Soisson in seiner Gegendarstellung nicht auf die Probleme des humanitären Sponsoring ein; mit einem Hinweis auf die politische Neutralität von ANCE und UNICEF scheint die Sache für ihn abgetan, und er schreibt: "Wir hatten keine Bedenken, die CACTUS-Gruppe in diesem Fall um ihre Unterstützung zu bitten." Und weiter: "Das ist kein Plädoyer für einen discours affudi. Es gibt politische Parteien und Gruppierungen, innerhalb derer ein ‚discours épice‘ stattfinden kann und soll. Aber bitte nicht in Hilfsorganisationen: Sie hätten längst aufgehört zu bestehen." Ist das Problem damit erledigt, die Arbeitsteilung klar? Kann man nun den Kritikern das Maul stopfen mittels Heraufbeschwören der aufopferungsvollen Tätigkeit der Mitglieder in Hilfsorganisationen? Ist die einzige Frage, die sich eine Hilfsorganisation zu stellen hat: Wie kann ich den Menschen am besten kurzfristig helfen, sprich wie kann ich am meisten Scheinchen bzw. Teddys sammeln?
Serguei
Keng Politik w.e.g.!
Herrn Soissons Aussage als Fußtritt auffassen können viele in Hilfsorganisationen aktive Menschen, die sich seit Jahrzehnten bemühen, nicht nur Soforthilfe zu leisten, sondern die Gründe für eine Situation zu verstehen, um diese Situation dauerhaft verändern zu können.
Solche Bemühungen, die oft zu einer kritischen Hinterfragung von Wirtschaftssystem und Außenpolitik des Westens führen, wurden vor nicht allzulanger Zeit als Werkzeuge sowjetischer Propaganda abgetan. Nunmehr scheint es so auszusehen, daß man diese Überlegungen schon an sich in Frage stellt: Hilfsorganisationen haben politisch blind, taub und stumm zu sein.
Wenn das IWF einem Land strenge soziale Sparmaßnahmen verordnet, kann das Land seine Schulden bezahlen – aber Zehntausende von Kindern sterben an Krankheit und Unterernährung. Wenn die Rohstoffpreise fallen, wird der Kaffee im CACTUS noch billiger, aber in den Herstellerländern der ‚3.Welt" steigt die Armut. Wenn unsere Regierungen Diktaturen unterstützen, trägt dies zur weltweiten Stabilität bei, aber Korruption, Unterdrückung und Folter dauern an. Bei ihrer Arbeit stellen die Hilfsorganisationen immer wieder fest, daß Hunger und Armut politische und wirtschaftliche Gründe haben. Dies auszusprechen bedeutet noch keine Aufgabe der politischen Neutralität. Gewiß, daß man die Gründe beim Namen nennt, macht die Arbeit vor Ort nicht leichter, und Diplomatie ist immer vonnöten. Deswegen aber ganz auf ein Hinterfragen zu verzichten und nur möglichst effektive Soforthilfe zu leisten, bedeutet, nicht an die Wurzel des Übels zu kommen und zuzulassen, daß es immer weiterdauert.
Auch durch die komplizierte und verfahrene Lage in Bosnien sollte man sich nicht von politische Überlegungen abhalten lassen. Eine Frage, die sich aufdrängt, ist, warum die Invasion von Bosnien-Herzegowina für die internationalen Staatengemeinschaft erträglicher ist als die von Kuwait. Das Pech der bosnischen Zivilbevölkerung ist, daß es dort kein Erdöl gibt. Die sogenannte "Neue Weltordnung" folgt der Logik der Wirtschaftsinteressen, der Logik des Profits. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, denn genau diese Logik wird vom Partner der ANCE und der UNICEF, der CACTUS-gruppe, als kleines Teil des Ganzen, mitgetragen.
Die größten Zweifel kommen einem aber, wenn es im Communiqué zur Sammelaktion heißt: "Dort, wo sie sich als Flüchtlinge aufhalten, bestehen jedoch ebenfalls Gefahren, dadurch daß die Kriegsschauplätze beständig wechseln. Oftmals müssen die Kinder Tage und Wochen in den Schutzräumen verbringen." Warum wurden die Flüchtlinge nicht in sichere Länder Europas evakuiert? Weil, wie man so schön sagt, unsere Aufnahmekapazität erschöpft ist. Bemerkenswerterweise scheint die Aufnahmekapazität Kroatiens, das selber tief in Krieg und Krise steckt, unerschöpflich zu sein, denn die meisten bosnischen Flüchtlinge sind dort untergekommen. Angesichts der momentanen Entwicklung vermag niemand zu sagen, wie sicher das Leben der in Bosnien oder Kroatien verbliebenen Flüchtlinge ist.
Auch die seelische Notlage der Flüchtlingskinder ist also politisch mitverschuldet, denn die restriktive Aufnahmepolitik der europäischen Staaten hat sie im Kriegsgebiet zurückgelassen. Und wenn sie deshalb
sterben müssen, können die, die nichts mit Politik zu tun haben wollen, immer noch sagen: Mit einem Teddy im Arm stirbts sich leichter … RK
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