Erbauliche Worte, berstende Welt

Postscripta zu einem europäischen Kultur-Kolloquium im Stadttheater von Esch-Alzette

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Postcripta zu einem europäischen Kultur-Kolloquium im Stadttheater von Esch-Alzette (26.-29. September 91)

1. Die Stadt. Das Theater. Der Direktor.

Die Methode mag verunsichern: Guy Wagner, Theaterdirektor in Esch, kümmerte sich beim Zusammenstellen seiner Gästeliste überhaupt nicht um Hierarchie, Repräsentativität und Nomenklatura. Er lud sich "Freunde" ins Theater. Dabei setzte er stärker auf Gefühle denn auf irgendeine "legitimierte Kompetenz". Die Rechnung ging auf. Da saß eine bunte Menschengruppe (1) beisammen, deren einziger gemeinsamer Nenner wohl eine ausgeprägte Sympathie

für das vielfältige Geschehen im Escher Stadttheater ist. Die meisten hatten schon künstlerisch und beruflich mit diesem Theater zu tun. So gelang das Kunststück, eine intime Gesprächsrunde einzufädeln, die sich zu keinem Zeitpunkt ins Formelle oder Zeremonielle verflüchtigte.

Auf den ersten Blick ist das Escher Stadttheater der ideale Ort, um "Europäisches" zu erörtern. Esch ist eine europäische Stadt, fast ein exemplarischer melting-pot, geprägt von der Kultur des sogenannten "schaffenden Volkes". Das Escher Kulturhaus bemüht sich mit Erfolg, diese Prägung nachzuvoll-

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ziehen und ein inter-kulturelles Programm anzubieten. Ein europäisch orientiertes Theater in einer europäisch bewohnten Stadt: könnte man sich bessere Rahmenbedingungen für ein Treffen europäisch Gesinnter wünschen? Dennoch kommt es auch hier auf den zweiten Blick an. Esch ist auch eine sterbende Stadt, ökonomisch auf zunehmend wackeligen Füßen, die zudem von miserablen Politikern in den kulturellen Ruin getrieben wird. Reihum wird alles Authentische veräußert, alles originäre einer tumbten Fortschrittsideologie geopfert. Die Stadt verliert ihr Gesicht. Sie wird mehr und mehr zur sterilen Kulisse, von den städtischen Kommerzanten ausgeschlachtet für ihre eigennützigen Wareninszenierungen.

Ist nicht vielleicht die Besessenheit, mit der Kulturschaffende auf Wirkung bedacht sind, der eigentliche Trugschluß?

Zur Zeit brüstet sich der Bürgermeister mit einer besonderen Leistung. In Esch wird die längste Fußgängerzone – lies: Geschäftsstraße- des Landes soeben eingeebnet. Unter dem frischen Beton verschwinden die Widersprüche und Ungereimtheiten einer zerfahrenen Stadtpolitik. Plattgewalzt und begraben unter dem endlosen Teppich aus Betonplatten wird das soziale Profil der Stadt: die Frage, woher zum Beispiel plötzlich die randalierenden Skinheads in den Straßen von Esch kommen, wird mit der Planierraupe ebenso nivelliert wie etwa die Frage, wie es den Ausländerkindern ergeht in den wrackähnlichen Escher Primärschulen, oder die Frage, wieso es in einer Metropole mit langer klassenkämpferischer Tradition nicht möglich sein soll, neben der katholischen Doktrin in der Volksschule auch eine parallele Laienmoral-Schiene einzurichten, oder die Frage, warum das autonome Kulturzentrum im alten Schlachthof partout kaputtgeritten werden muß?

Der zweite, genauere Blick sagt demnach: das Escher Stadttheater – und hier läßt sich wohl wirklich eine europäische Symptomatik erkennen – ist immer weniger Ausdruck und Spiegelbild des Lebens in

dieser Stadt. Immer mehr wird es zur Oase, zum isolierten Raum, wo die Utopie zwar nach wie vor propagiert wird, aber nicht mehr überspringt, nicht mehr ins Leben greift. Insofern ist das Escher Stadttheater langsam auch zur Fluchtburg für unbelichtbare Träumer geworden. Die Initiative, ein Kolloquium namens "Europe culturelle 2000" einzuberufen, ist auch der einsame Entschluß eines "lonely guy", der von der städtischen Bürokratie bei seinen Unternehmungen allzuoft kläglich im Stich gelassen wird. Je mehr der Escher Theaterdirektor Guy Wagner sich stark macht für ein zeitverbundenes, kruziale Fragen aufwerfendes Programm, umso krasser tritt zutage, wie umfassend mittlerweile diese gleichen Fragen in der Gesellschaft verdrängt und ausgeschaltet werden. Eine der wesentlichen Erfahrungen des Kolloquiums war: Die Kulturschaffenden stellen Fragen, die im politischen Vakuum erhallen. Das Escher Kolloquium war also auch eine einsame Angelegenheit, bestritten von einer Handvoll einsamer Querulanten in der einsamsten Ecke einer Stadt, die ansonsten förmlich aus den Fugen fährt vor lauter lukrativem Aktivismus.

2. Der Intellektuelle: Exot und Exilant?

Die Frage ist, was ein Kolloquium dieser Art bewirken kann. Die Gegenfrage lautet: Soll es überhaupt etwas bewirken? Ist nicht vielleicht die Besessenheit, mit der Kulturschaffende auf Wirkung bedacht sind, der eigentliche Trugschluß? Denn paradoxerweise waren die Teilnehmer durchgehend mit ihrer eigenen Wirkungslosigkeit konfrontiert. Sie läßt sich heute deutlicher belegen als je zuvor, wenigstens in ihren politischen Konsequenzen. Möglicherweise träumten die Intellektuellen bis vor kurzem noch von einer zentralen Warte, einer Art Mittelpunkt des Denkens und Argumentierens, von dem aus sie die Welt zumindest theoretisch in den Griff bekommen könnten.

Das Escher Kolloquium war auch ein Versuch, diesen Standort räumlich zu rekonstruieren: da waren Kulturschaffende unterschiedlicher Herkunft und Interessenlage gebeten, in einer Art Enklave gemeinsam zu forschen nach einem neuen Ansatz, die Welt zu interpretieren, aber eben nur von außenher, nicht aus dem Inneren heraus. Der Siebenbürger Schriftsteller Paul Schuster hat das Unbehagen an diesem Versuch auf eine Weise formuliert, die zugleich das gesellschaftliche Scheitern der Kulturschaffenden beschreibt: Ein Kolloquium dieser Art dürfe nicht in einem geschlossenen Theater ablaufen, sondern müsse sich bewußt mitten unter den Menschen ansiedeln, beispielsweise in einem der zahlreichen Zigeunerslums an der Peripherie von Bukarest.

Dies ist eine schöne Metapher. Denn sie sagt dreierlei: zum ersten sondern sich die Kulturschaffenden zu sehr ab, haben ihr Elfenbeinturm-Syndrom nie überwunden. Zum zweiten sind die Kulturschaffenden gefordert, aktive Solidarität zu üben mit den Unterdrückten und sich nicht zu verschanzen hinter ihren schönen Menschenrechtsbekenntnissen auf dem Papier und auf der Bühne. Zum dritten darf Kultur kein Ersatz für konkretes Handeln sein, oder, anders gesagt: das Kolloquium darf sich nicht selbst genügen, sondern kann bestenfalls ein Signal zum

Aufbrechen, zum Schaffen, zum Einmischen sein. Genau hier aber liegt auch der wunde Punkt. Wie können Kulturschaffende, die sich in großen Teilen Europas auf dem ungeordneten Rückzug befinden – Rückzug auch in die Geborgenheit von Kolloquien –, bewegt werden (oder sich selber bewegen), praktisch einzugreifen in gesellschaftliche Verhältnisse, die sich zusehends der Kulturschaffenden entledigen?

Mit einer sehr einfachen, sehr überzeugenden Geste hat Paul Schuster einen möglichen Weg aufgezeigt, wie eine Versammlung von Intellektuellen sich wenigstens elementar verbrüdern kann mit jenen, die keine Stimme haben und kein Gewicht. Er hat unter den Teilnehmern Geldspenden gesammelt, um einem befreundeten Zigeuner ein Akkordeon kaufen zu können. Dieser Mann ist Musiker, kann sich aber das Arbeitsinstrument nicht leisten. Schusters Geste geht über das übliche, karitative Gehabe in den Kreisen der Begüterten hinaus. Denn sie enthält einen Entwurf für eine künftige europäische Kulturpolitik: es geht um nichts anderes, als die Mittel bereitzustellen, damit alle Menschen in Europa ihre spezifische Kultur frei und autonom praktizieren können. In diesem Sinne bedeutet der Kauf eines Akkordeons mehr als hundert feierliche Resolutionen, die in kostspieligen Marathonsitzungen ausgeheckt werden von noch kostspieligeren europäischen Gremien, die meist ihr teures Wortgeklingel schon für das Einläuten einer neuen Kulturära halten.

Zurück zur Eingangsfrage: Was kann ein Kolloquium dieser Art bewirken? Die Antwort ist: Nichts, wenn es beim gepflegten Debattieren und den hehren Einsichten bleibt. Selbst die kritischsten Intentionen, die schärfsten Analysen, die blumigsten, in Resolutionen gebündelten Erklärungen bleiben toter Buchstabe, wenn die Kulturschaffenden sich nicht auch als Handwerker der Humanität verstehen. Die Antwort ist: Vieles, wenn das Debattieren als eine Art Trampolin benutzt wird, um Ideen, Konzepte, Utopien (trotz aller Verschleißerscheinungen ein unveräußerlicher Begriff!) weit hinaus zu befördern und jenseits der geschlossenen Zirkel auszuprobieren. Aber: Der Traum vom Intellektuellen als Vermittler und willkommener Aufklärer war immer eine Konstruktion, ein Wunsch nach harmonischen Weltbildern. Jetzt, im gründlich gewandelten Europa, zeigt sich, daß selbst dieser Wunsch keinen Platz mehr hat. Die Intellektuellen, die Künstler, die Kulturnacher werden schneller marginalisiert, als sie verkraften können. Dies war das eigentliche, große Thema des Escher Kolloquiums.

3. Verunsicherung und Ratlosigkeit

Vielleicht begreift man die innere Dynamik dieses Kolloquiums schneller, wenn man die rhetorische Frage stellt: "Was ist dabei herausgekommen?" Herausgekommen ist eine dreifache "déclaration", die am Ende des Treffens der Presse und somit der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. In diesem Dokument berichten die Teilnehmer kurz und bündig, zu welchen Schlüssen sie im Verlauf ihrer Gespräche gekommen sind. Allerdings verdeckt dieses Dokument mehr als es enthüllt. Die zum Teil forschen Forderungen und Absichtserklärungen könnten zur Ein-

Einschätzung verführen, hier hätten ein paar energische Damen und Herren vier Tage lang nach starken Formeln gesucht, um den gesamteuropäischen Kulturschlamassel möglichst effektvoll zu rügen und zu maßregeln.

Tatsächlich aber geschah in den Gesprächsrunden etwas ganz anderes. Die Geschichte des Kolloquiums ist die Geschichte einer Identitätskrise. Nicht überhöht, nicht auf der Ebene von Strukturen und Institutionen, sondern sehr persönlich und privat: das Selbstverständnis der Kulturschaffenden ist so nachhaltig erschüttert, daß es vorläufig zu verbindlichen Standpunkten und Verlautbarungen gar nicht mehr kommen kann. Verunsicherung und Ratlosigkeit beherrschten die Debatten. Das Sprechen wurde streckenweise zum Gestammel, weil die Begriffe reihum zerbröckelten, sobald man sie in den Mund nahm. Mit dem Zusammenbruch einer Ideologie ist eine ganze Sprache zusammengebrochen. Die Wörter werden plötzlich verdächtig, weil keiner mehr so recht entscheiden kann, ob sie nicht vielleicht zulange und zu intensiv eingespannt wurden für Zwecke, die schließlich ihre ursprüngliche Bedeutung aushöhlten. Kann man noch guten Gewissens von "Demokratie" sprechen? Kann man "Kommunismus" sagen, ohne fast automatisch die Entfremdung des Begriffs mitzudenken und mitzuvermitteln?

Nicht nur die Sprache ist zusammengebrochen, auch das, worüber zu sprechen wäre, sei zweideutig und suspekt geworden. Aus dieser doppelten Zwickmühle versuchten die Teilnehmer am Kolloquium sich herauszuarbeiten. Es mag ihnen ansatzweise gelungen sein, ein paar neue Worte für neue Situationen zu finden. Aber der Tenor der Gespräche war das Gehen über zerbrechliches Eis. Völlig unklar ist im Augenblick die Rolle, die Intellektuelle und Kulturschaffende im künftigen Europa spielen könnten. Wo wäre ihr Ort? Was wäre ihr Anliegen? Die "déclarations d’Esch" umschiffen diese zentralen Fragen mit ein paar markigen Einwürfen, ein paar militant klingenden Merksätzen. Denn die Antwort auf diese Fragen könnte nur sein: Keiner weiß es. Die Intellektuellen verharren in einer unergiebigen Wartestellung. Die Weltgeschichte zieht mit rasender Geschwindigkeit vorüber, und sie wissen nicht mehr, wo und wann sie aufspringen sollen auf den fahrenden Zug.

Längst haben die Intellektuellen ihren Status als Referenzgruppe eingebüßt, bei der man sich gelegentlich erkundigt, wie denn die Lage der Welt zu beurteilen sei. Das Urteil dieser Gruppe spielt fast keine Rolle mehr. Unabhängige Meinungen haben ohnehin nicht länger Konjunktur: gefragt ist zunehmend der bedenkenlose Zuspruch, die affirmative Reverenz an die neue Weltordnung. Nicht einmal mehr ihrem eigenen Anspruch, wenigstens zeitweise einen sezierenden Blick auf die herrschenden Verhältnisse zu werfen, können die europäischen Intellektuellen noch einlösen. Es ergeht ihnen nicht besser als dem gewöhnlichen Sterblichen: alle zusammen verpassen wir mittlerweile ganze Kapitel der Weltgeschichte, kommen nicht mehr nach mit Kommentieren und Analysieren, weil die Ereignisse eine extreme Beschleunigung erreicht haben, die uns nicht nur den Atem, sondern auch den Verstand verschlägt. Wir hinken alle zusammen hilflos hinter einer Welt

Der Traum vom Intellektuellen als Vermittler und willkommener Aufklärer war immer eine Konstruktion, ein Wunsch nach harmonischen Weltbildern. Jetzt, im gründlich gewandelten Europa, zeigt sich, daß selbst dieser Wunsch keinen Platz mehr hat.

einher, die sich vor unseren Augen buchstäblich immer wieder überschlägt.

Auffallend ist beispielsweise, daß in den "déclarations d’Esch" (die ja trotz ihrer Bruchstückhaftigkeit immerhin Anspruch auf das Aufzählen der wichtigsten Sorgen erheben) kein Wort steht über die ver-

Philippe Rochette
Le Monde

heerenden Auswirkungen des Golfkriegs auch auf die europäische Kultur. Die unheimlich voranschreitende Militarisierung Europas wird ebensowenig erwähnt, wie die schlimme Befestigung unserer Privilegien, die mittlerweile mit Waffengewalt gegen den Rest der Welt verteidigt werden. Dies liegt nicht etwa an einem Versäumnis der Kolloquiumteilnehmer. Daß nicht mehr geredet wird vom Golfkrieg, liegt daran, daß der Golfkrieg schon Ewigkeiten entfernt scheint. Er wurde mittlerweile überlagert von anderen, weltumstürzenden Ereignissen. Innerhalb dieser Beschleunigung verliert auch der Intellektuelle die Fähigkeit, einigermaßen zuverlässige Positionen zu beziehen.

4. Vom Verschwinden der kulturellen Bedürfnisse

Mit dem Instrumentarium der mehr oder weniger unverrückbaren Ideologie ließ sich das Weltgeschehen immerhin noch beschreiben und in Kategorien fassen. Daß der ideologische Blick sich meist über alle komplexen Wirklichkeiten erhaben fühlte, wurde erst deutlich, als die Ideologien einstürzten und das reale Leben zutage trat. Mit dem Verlust der Ideologie gerieten die Intellektuellen in schwere Verlegenheit. Erst "après coup", als alle Beurteilungsmuster ihre Eindeutigkeit verloren hatten, wurde ihnen bewußt, daß sie womöglich jahrzehntelang mit allzu bequemen und simplen Rastern gearbeitet und gedacht hatten. Jetzt gilt es, nicht nur eine neue Sprache zu erkämpfen, nicht nur eine neue Orientierung ausfindig zu machen, es heißt auch, Abschied nehmen von einer zählebigen Illusion: daß nämlich Kultur etwas Selbstverständliches sei, ein Grundbedürfnis, das allen sozialen und politischen Entwicklungen standhalte.

Eine rabiate Ernüchterung wird ausgelöst durch die Kolonisierung der ehemaligen DDR. Vor der Wiedervereinigung erreichten uns aus diesem Land fast unglaubliche Nachrichten: dort würde gelesen mit einer Intensität wie sonst nirgendwo, Bücher würden geradezu verschlungen, die hochwertigen Theater seien zum Bersten voll, die Menschen kümmerten sich liebevoll um ihre kulturellen Schätze. Jetzt, wo das eiserne Gesetz der freien Marktwirtschaft zupackt, stellt sich heraus, daß einige dieser lieblichen Nachrichten wohl wirklich stimmten. Aber genauso unsentimental räumt das neue System auf mit allen kulturellen Ersatzbefriedigungen. Denn Lesen war nur solange beliebt, als es nicht die Möglichkeit zum Reisen, Kaufen, Geldausgeben, Konsumieren gab. Die Theater verloren ihr Publikum abrupt genau in dem Augenblick, als den ehemaligen DDR-Bürgern "grenzenlose Freiheit" in Aussicht gestellt wurde nebst einem Dauerabonnement auf die Segnungen kapitalistischer Konsumvielfalt. Daß die Freiheit sich nicht einstellt und der neue Reichtum erst als Fata Morgana sichtbar wird, spielt in Bezug auf den kulturellen Einbruch offenbar keine Rolle. Mit den neuen, kapitalistischen Zielsetzungen verschwindet der Drang, sich kulturellen Genüssen zuzuwenden. Die Wissenschaftsfakultäten, die Künstlervereinigungen, die Verlage, die Theaterbetriebe werden abgewickelt, weil sie keiner ökonomischen Effizienz mehr gerecht werden und keiner Rentabilitätserwartung mehr entsprechen.

Das völlig verunsichernde Fazit könnte sein: Kultur floriert im Mangel, im Überfluß wird sie selber überflüssig. Kultur wäre demnach Ersatz für fehlende materielle Bequemlichkeit. Welche Lehren kann der Kulturschaffende aus einer solchen Folgerung ziehen? Betrachten wir zunächst die Karikatur seiner Rolle: er hätte es mit dem gesamten kapitalistischen System aufzunehmen. Er wäre der universelle Rebell, der ewige Prediger wider den Konsumrausch, der institutionalisierte Meuterer gegen die Zerstörung der sogenannten "geistigen Werte". Er bliebe also, was er sich immer einbildete, zu sein: ein Stellvertreter, zu dem das sprachlose Volk aufblickt, um die passenden Worte zu erhaschen für alle Eventualitäten des Lebens, ein Missionar, der stets mit dem rechten moralischen Rüstzeug einschreitet, sobald die böse Politik den guten Humanismus bedroht.

Diese Rolle würden den Kulturschaffenden maßlos überfordern. Er kann nicht in drei Kostümen gleichzeitig auf den Laufsteg der Geschichte treten und dann auch noch aus dem Stand ein dreifaches Salto vorwärts schlagen. In Wirklichkeit ist der Kulturschaffende zum Anachronismus geworden, zu einem kuriosen Überbleibsel aus Zeiten, wo das Denken noch geholfen und die Kunst noch beeindruckt hat. Der Kulturschaffende ist in Wirklichkeit aus der sich selber überrollenden Weltgeschichte herauskämpft und sieht entsetzt zu, wie die Welt nicht nur ohne ihn zurechtkommt, sondern auf seine Kritiken, Kommentare und Empörungen mit großer Leichtigkeit verzichtet. Dabei hilft es nichts, daß einige Kulturschaffende neuerdings in politische Ämter aufgestiegen sind. Was zunächst aussieht wie eine grandiose Aufwertung des Kulturellen, kann genauso gut die zielstrebige Vereinnahmung der Kultur durch die Politik sein. Wie schnell sich übrigens Kulturmenschen ändern, sobald sie auf der politischen Ebene

aktiv werden, bewies der Schriftsteller Vaclav Havel in seiner Rolle als tschechischer Staatspräsident: Während der Putschtage in der (gewesenen) Sowjetunion ließ er 6.000 Soldaten an die tschechisch-sowjetische Grenze verlegen, um zu verhindern, daß Flüchtlinge illegal in die Tschechoslowakei eindringen könnten. Die humanistische Attitüde scheint also spätestens dann zu kapitulieren, wenn die politische Demagogie ihren Tribut fordert.

5. Kein Fazit. Kein Schluß. Alles offen.

Welche Kultur es künftig in einer totalitären, europäischen Warenwelt geben kann, läßt sich kaum voraussagen. Sicher ist nur: die Zeit der hohen Statements, der erbaulichen Prazezepte und schöngeistigen Empfehlungen, der unerschütterlichen Gewißheit, in letzter Instanz könne die Kultur stets ein felsenfester Zufluchtsort sein, ist vorläufig beendet. Und die Diskussion darf sich längst nicht mehr allein um europäische Kultur, europäische Perspektiven, europäische Zukunftsentwürfe drehen. In einem Augenblick, wo eben wir Europäer andere Kulturen mit Stacheldraht und Maschinengewehren zurückweisen, ist es unbedingt notwendig, eine Kulturdebatte auf Weltniveau zu führen. Die kulturelle Freiheit der Europäer darf nicht in alle Ewigkeit auf Kosten der kulturellen Unfreiheit zahlloser außereuropäischer Völker verteidigt werden.

Ebenso sicher ist: der Intellektuelle in Europa muß Abschied nehmen von seiner Rolle als "Instanz" und "Autorität". Wie schwer es fällt, genau von dieser Vorstellung des ratgebenden, trostspendenden, exakt urteilenden Schutzengels abzukommen, läßt sich zwischen den Zeilen der "déclarations d’Esch" gelegentlich herauslesen. Da heißt es an einer Stelle: "Große Besorgnis erfüllt die Teilnehmer angesichts des Schweigens der einst führenden Köpfe der west-europäischen Linken, die sich vor dem Zusammenbruch des Ostblocks entschieden für die Achtung der Menschenrechte eingesetzt haben." Dieser Besorgnisse liegt offenbar eine alte, romantische Vorstellung zugrunde: der Intellektuelle wird beschworen in seiner Funktion als "führender Kopf".

Nun hat die rezente Geschichte, ob in Europa oder anderswo, ja eben dem Zeitalter der "führenden Köpfe" ein frappantes Ende gesetzt. Die Intellektuellen sind von dieser Pleite nicht ausgenommen. Wenn also die ehemals führenden Köpfe schweigen, so hat das seinen guten Grund: ihre grandiosen Predigten sind nicht mehr gefragt. Zu welcher Verwirrung übrigens Intellektuelle fähig sind, die sich anmaßen, Propheten des richtigen und wahren Lebens zu sein, zeigt sich jeweils dann, wenn die zementierten Weltbilder der Wirklichkeit nicht mehr standhalten. Man braucht nur nachzulesen, was sich Intellektuelle wie Hans Magnus Enzensberger oder Wolf Biermann an panischen Äußerungen leisteten, als der Golfkrieg ihre eigenen Denkgebäude gründlich durcheinanderwirbelte. Ihre araberfeindlichen Auslassungen beweisen im Grunde, wie schnell die vielbeschworene europäische Kultur umschlagen kann in aggressive Selbstbehauptung, sobald die jahrhundertealten Privilegien "von außen" in Frage gestellt werden.

Das Escher Kolloquium hat vielleicht erste Wegmarken in eine andere Richtung gesetzt: Der Intellektuelle wäre künftig eher ein bescheidener Skeptiker, einer, der Gefühle nicht länger niederkämpft mit großartigen Reflexionen, der seiner Intuition Raum gibt und nicht allein seinen starren Überzeugungen. Er wäre auch einer, der zugeben kann, daß nichts fertig, nichts zu Ende gedacht, nichts endgültig verfaßt ist. Er wäre also ein Verfechter des Offenen, des Unbeschränkten. Um dazu fähig zu sein, muß er seinen Standort wechseln. Er darf nicht länger über dem "commun des mortels" thronen, sondern muß seine Heimat mitten unter den Menschen finden. Im Grunde genommen ist der Intellektuelle nur ein besonders Bevorteiligter, der formulieren kann, was die Menschen in einer bestimmten Zeit, einer bestimmten Phase der Geschichte, einer bestimmten Situation denken und fühlen. Daher sollte er kein Wortführer sein, sondern ein vorsichtiger Wortanbieter. So sollte auch dieser Artikel gelesen werden: als Bruchstück, als mögliche Interpretation, die keine andere Interpretation ausschließt.

Guy Rewenig

(1) Vier Tage lang diskutierten, lernten, forschen im Escher Stadttheater folgende Menschen aus Europa: Arnold Wesker (Dramatiker, Großbritanniens), Fernando Arrabal (Dramatiker, Spanien), Françoise Lalande (Dramatikerin, Belgien), Denise Leclerc (Theaterleiterin, Frankreich), Denis Declerck (Theaterleiter, Frankreich), Gérard Gélas (Theaterleiter, Frankreich), Michèle Le Dœuff (Forscherin, Frankreich), Martine Feldmann (Theatermacherin, Frankreich), Pierre-Olivier Scotto (Theatermacher, Frankreich), Jean-Paul Zehnacker (Schauspieler, Frankreich), Gérard Dahan (Komponist, Frankreich), Renan Demirkan (Schriftstellerin/Schauspielerin, Deutschland), Felicitas Frischmuth (Schriftstellerin, Deutschland), Rafaela Wilde (Künstler in Aktion, Deutschland), Barbara Hemkes (Redaktion "Paroli", Deutschland), Hildegard Dieterich (Kultur des Friedens, Deutschland), Anke Pätzold (Kulturfabrik-Leiterin, Deutschland), Toni Krahl (Musiker, Deutschland), Paul Schuster (Schriftsteller, Rumänien), Anise Koltz (Schriftstellerin, Luxemburg), Guy Rewenig, (Schriftsteller, Luxemburg), Mars Klein (Professor/Schriftsteller, Luxemburg), Paul Kremer (Professor, Luxemburg), Camille Kerger (Komponist, Luxemburg).

Das Sprechen wurde streckenweise zum Gestammel, weil die Begriffe reihum zerbröckelten, sobald man sie in den Mund nahm. Mit dem Zusammenbruch einer Ideologie ist eine ganze Sprache zusammengebrochen.

Philippe Honoré
in: Le Monde

Die (ausgezeichnete) Organisation lag in den Händen von Philippe Lardaud, Roger Seimetz, Ariel Wagner (die zudem monumentale Übersetzerdienste leistete) und Guy Wagner.

Zur Eröffnung des Kolloquiums spielten Stage-Teilnehmer der Sommerakademie des CEPA "Lumière-Lumières", eine szenische Darbietung unter der Leitung von Martine Feldmann und Pierre-Olivier Scotto. Zum gleichen Anlaß hielt der Schriftsteller Dschingis Aitmatov in seiner Rolle als Botschafter eine halb schriftstellerische, halb diplomatische Ansprache. Von Mikis Theodorakis stammten die "Thesen zur europäischen Kultur an der Schwelle des 21. Jahrhunderts", die in Abwesenheit des Verfassers

vorgetragen wurden. Ein Vertreter des Luxemburger Kulturministeriums und eine Vertreterin des Escher Schöffenrats lasen jeweils eine Rede vor, die sie nicht geschrieben hatten.

Vier Filmemacherinnen aus München, Vivien Treuleben, Monika Bangerter, Katja Dringenberg und Jolanta Szczelkanz-Gugolz hielten den Verlauf des Kolloquiums im Bilde fest. Sie zeigten mit ihrer intensiven, unaufdringlichen Arbeitsweise, worum es den Kulturschaffenden über alle Gesprächslust und Debattierbesessenheit hinaus gehen sollte: um das einfühlsame, unnachgiebige (oft einsame, oft harte) freie Schaffen.

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