Erst war die Angst da. Und dann wollte ich unbedingt etwas tun.

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(…) Angst hatte die resultate Frau, der bislang keiner ein X für ein U vorgemacht hatte, vor dem Altenheim. Seit ihrem 60. Lebensjahr, so erinnert sie sich, tauchten bei ihr bedrückende Vorstellungen von großen Zimmern auf, in denen rüstige Alte dicht an dicht gedrängt lagen. „Die Vorstellung, einmal in ein Heim abgeschoben zu werden, mich in eine Untertanenstellung begeben zu müssen, einfach nur weil ich alt bin, war mir ganz schrecklich“.

„Es hat mir wenig genutzt, daß wohlmeinende Zeitgenossen trösteten, es gäbe ja auch gute Heime, daß man mir erklärte, ich könne ja Probewohnen und meine Möbel mitnehmen. Mir war klar: Altenheim bedeutet Einbahnstraße Richtung Tod, Abfallprodukt der Leistungsgesellschaft zu sein, zu nichts mehr nütze, lediglich wie ein Parasit erduldet.“

Die herbe Kritik an den von Kommunen oder Wohlfahrtsverbänden getragenen Alteneinrichtungen kommt bei der 71jährigen nicht von ungefähr. Sie hat selbst längere Zeit als Pflegerin in einem Heim gearbeitet und sich immer wieder um ältere Heimbewohner gekümmert.

„Jedesmal wenn in der Zeitung von einem Heimskandal die Rede war, wunderte ich mich, daß es so lange gedauert hat, bis einer was merkte. Die Zustände in unseren Altenheimen schreien doch zum Himmel“, meint sie.

Ihre Angst vor einer möglichen Heimeinweisung, Angst vor der verordneten Unmündigkeit kam also nicht von ungefähr.

Als Inge Viet wenig später beim Frühjahrsputz unglücklich von der Leiter stürzte und mit einem Knochenbruch zur

zeitweiligen Bettlägerigkeit verdammt wurde, war ihr klar: „wenn ich nicht in ein Heim will, muß ich ganz schnell eine andere Wohnmöglichkeit finden, bei der spätere Pflege nicht ausgeschlossen ist“.

Einschüchternd: die Tatsachen

Inge Viet ging daran, sich über bestehende und in Gründung befindliche Wohn-Selbsthilfegruppen zu informieren. Das war 1975. Zu diesem Zeitpunkt lebten rund 9 Millionen Bundesbürger über 65 Jahre in der Bundesrepublik.

Der größte Teil – etwa 60 Prozent – lebte bei der Familie oder entfernten Verwandten. 2,7 Prozent der über 65jährigen war in eines der Altenheime, die es in Variationen zwischen Wohnanlagen bis zu Pflegeheimen gibt, untergebracht.

Ein Drittel der Älteren lebte allein, zum Teil in viel zu großen und schwer zu versorgenden Wohnungen, zum Teil in kleinen „altengerechten Appartements“, wie die Politiker die Wohnsituation der über 65jährigen gerne nennen.

Hinter dieser Formulierung verschwindet, daß 45 Prozent der betagteren Mieter in Wohnungen ohne Bad leben, 25 Prozent nicht einmal eine eigene Toilette zu ihren Wohnbereich zählen können, von Kohleschleppaktionen für die Ofenheizung ganz zu schweigen.

An dieser Situation ändert im übrigen auch die Stellungnahme des Bundesministeriums für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau recht wenig, die in einer neu erschienen Schrift „Wie wir wohnen: ältere Menschen“ erschienen ist. Darin heißt es lapidar und aussagelos, die „Altenhaushalte schneiden bei einem Vergleich der Wohnungsversorgung nicht schlecht ab. Die im Zeitraum zwischen 1972 und 1978 erreichten Verbesserungen in der Wohnungsversorgung fallen für die Altenhaushalte positiver aus als für die Gesamtmasse der Haushalte.“

Wohngruppen, Wohngemeinschaften der Generationen oder Gemeinschaftswohnanlagen für jüngere und ältere Menschen schienen zu dieser Zeit noch eher Luftschlösser als machbare Realität zu sein.

Der sogenannte „Rentnerrebell von Rohracker“, der mit drei gleichaltrigen Männern in Stuttgart eine Wohngemeinschaft gründete, um auf diese Weise Ko-

sten zu sparen und nicht alleine leben zu müssen, wurde in dieser Zeit als erstes und einziges Wohnmodell hochgelobt.

„Dabei war der Wiedemann ganz schön autoritär und er scheuchte seine Mitbewohner mehr, als daß etwas gemeinsam ging“, erinnert sich Inge Viet an dieses Wohnmodell, über das sie sich ebenso eingehend informierte wie etwa über das Wohnprojekt Kriembarg in Hamburg.

Hier wohnen 17 Erwachsene und 17 Kinder in fünf bunten Häusern mit verwildertem Garten, mit Hunden, Katzen, Gemüseanbau und gegenseitiger Hilfe von der Kinderbetreuung bis zur Krankenpflege zusammen.

„Die Kinder waren damals das stärkste Motiv zusammenzubleiben, es ist uns gelungen, bei auseinanderbrechenden Paarbeziehungen den Kindern beide Elternteile zu erhalten“, erzählen die Kriembarg. Erfahrungen der älteren Mitbewohner werden in das tägliche Leben ganz selbstverständlich und ohne ideologische Verbissenheit einbezogen.

„Mir erschien diese Wohnform geradezu ideal, doch die Kriembarg haben mir auch deutlich gemacht, wie schwer es ist, für über 30 Personen geeignete Wohnmöglichkeiten zu finden“, sagt Inge Viet.

Ein bißchen Abenteuer, ein bißchen Prägmatismus

Aus all diesen Erwägungen heraus entstand dann schließlich ihr Konzept, in dem ein bißchen von allen Möglichkeiten enthalten ist, in das die Vorstellungen der autonomen Berliner Frauengruppe „Offensives Altern“ ebenso eingingen, wie simple Sparsamkeitsüberlegungen beim Zusammenlegen zweier bislang getrennter Haushalte.

Fünf Grundregeln waren für die inzwischen zur Wohnungsexpertin gewordene Inge Voraussetzung für den Start der Generationengemeinschaft, die vor drei Monaten Wirklichkeit wurde. Jeder der hier mit wohnen wollte, mußte so große Eigenständigkeit wie möglich behalten. Dies sollte sich auf abgeschlossene Räume ebenso beziehen, wie auf die freie Zeiteinteilung.

Jeder Mitbewohner sollte jeden Tag einmal erfahren, wie es den anderen geht,

ob in irgend einem Bereich Hilfe nötig ist. Die gegenseitige Hilfe sollte sich auf möglichst alle Bereiche beziehen. Kinderhüten, Pflege im Krankheitsfall, gemeinsames Einkaufen und auch mal das Montieren einer Lampe sollte ganz selbstverständlich je nach Zeit und Fähigkeiten funktionieren. Für Klönschnacks, Besprechungen und gemeinsame Feste wünschten sich alle eine große Gemeinschaftsküche oder eine andere Begegnungsstätte.

Natürlich spielten auch ökonomische Gesichtspunkte eine Rolle. „Warum sollte jeder seinen Haushalt mit elektrischen Geräten, Waschmaschinen vollstopfen, wenn es gemeinsam doch einfacher und billiger geht“, fragt Inge Viet, die sehr schnell Interessenten für ihr Modell gefunden hatte, wobei es in der Planungsphase immer wieder Wechsel gab und mehr „Bewerber“ als ihr lieb war. Inzwi-

schen haben sich die sechs gut kennengelernt und angefreundet.

Selbst ein geeignetes Haus, in dem sechs Leute bequem leben können, ohne sich auf die Füße zu treten, fand sich inzwischen. „Komisch geschaut hat nur der Hausmakler, der sich unter unserer Gruppe wohl nichts Gutes vorstellen konnte“, erinnert sich Helmut Liebig, der als Junior zur Gruppe gehört.

Manchmal lassen sie sich auch gern bestaunen

Die 71jährige Inge, ein Ehepaar mit 17jährigem Sohn, zwei alleinstehende Frauen, eine davon schwanger, gehören nun zu der Wohngemeinschaft zwischen 17 und 70, die seit zwei Monaten das Zusammenleben probt und ganz optimistisch in die Zukunft schaut.

„Wir wollen ja nicht nur reine Harmonie, wir wollen nichts vereinheitlichen, sondern uns gegenseitig stützen, so gut wir können“, scheint für die 32jährige Inka schon eine gute Voraussetzung zum Gelingen zu sein.

Und Maritta (29) findet die Vorstellung, daß Inge einmal später für ihr Kind sorgt, wenn sie unterwegs ist, „als eine richtige Ermutigung“.

Patentrezepte haben die Kieler auch nicht entwickelt, aber sie sind offen für Anregungen, Wandlungsprozesse und Veränderungen in ihrem häuslichen Miteinander. „Ich denke, die Wohngruppen müssen erst einmal angefangen werden, die Älteren müssen sich damit anfreunden, dann werden sie zur echten und machbaren Alternative für die Ghettos der Alten“, vertritt Inge Viet ihr Konzept. (…)

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