Facebook ist nicht das Tagebuch des 21. Jahrhunderts

Der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski im Interview über die Frage, was Literatur im digitalen Zeitalter ausmacht

Könnten Sie unseren Lesern kurz Ihren Forschungsschwerpunkt vorstellen?

R.S.: Mein Forschungsschwerpunkt ist digitale Literatur, digitale Kunst und digitale Kultur. Als Literaturwissenschaftler habe ich mich ursprünglich für Literatur im Internet interessiert und einiges dazu publiziert. Dann habe ich gemerkt, dass man insgesamt im Bereich der digitalen Kunst auf sehr interessante Sachen stößt. In der Kunst hat mich insbesondere all das interessiert, was von Browsern und Apps unterstützt wird, sowie Digital Media, die dann auch stark politisch orientiert ist. Die kulturellen Aspekte der neuen Medien haben meine Arbeit der letzten fünf Jahre geprägt.

Inwiefern haben sich Sprache, Kommunikation, Narration und Literatur durch die digitale(n) Revolutione(n) verändert?

R. S.: Es hieß einmal, „niemals wurde so viel geschrieben wie heute“, und wenn das Schreiben auch Reflexion bedeutet, wären die Menschen noch nie nachdenklicher als heute, so kontemplativ und reflexiv wie jetzt. Mir ist das zu schnell gedacht. Man muss nämlich auch in Betracht ziehen, was für Texte eigentlich ausgetauscht werden und wie reflexiv diese tatsächlich sind.

Der andere Punkt ist die Frage, ob wirklich so viel geschrieben und erzählt wird oder nur eine Visualisierung der Kommunikation stattfindet, also eine Verschiebung der Kommunikation in Bereiche, wo wir nicht wirklich nach Worten suchen, sondern unseren Gefühlen und Gedanken Ausdruck geben. Das kennen Sie ja von Apps wie Snapchat, indem Sie einfach von dem, was Sie gerade machen, ein Foto nehmen und den Vorgang nicht mehr in Worten beschreiben müssen. Viele Wertäußerungen erfolgen nur noch über Klicks wie den Like-Button. Das sind dann wortlose Bewertungen, die eben auch völlig begründungs- und reflexionslos sind.

So dürfen wir auch die Facebook-Timeline und Chronik nicht als Tagebuch des 21. Jahrhunderts missverstehen, zumindest wenn wir ein Tagebuch als etwas definieren, wo wir das, was wir erlebt haben oder uns geschehen ist, retrospektiv reflektieren und versuchen ihm einen Sinn zu geben.

Das passiert auf der Timeline ja nicht, wir reagieren immer aus dem Moment heraus, verbinden die Dinge nicht miteinander und haben vielleicht schon heute vergessen, was wir vor drei Tagen gepostet oder gesagt haben. Insofern glaube ich schon, dass wir das Narrative verlieren. Es gibt ja in der Wissenschaft die Unterscheidung zwischen dem narrativen und dem episodischen Identitätstypen und ich glaube, dass wir eher episodisch orientiert sind und jetzt aus dem Moment raus sagen, was Sache ist. Dann gehen wir schon zum nächsten Moment über, ohne die einzelnen Momente zu verknüpfen.

Allerdings muss ich dazu sagen, dass es sich dabei um eine Entwicklung handelt, die in der Theorie und Kulturwissenschaft z.B. schon Sigmund Baumann lange vor Internet, Facebook und den sozialen Netzwerken als das Selbstverständnis des spät- oder postmodernen Individuums besprochen hat. Insofern würde ich sagen, dass die Technologien und neuen sozialen Netzwerke etwas verstärken, was sich am Ende des 20. Jahrhunderts schon entwickelt hatte.

Wie wird das Seelen- und Gesellschaftsleben der Menschen durch die Hinwendung zu einem episodischen Gedächtnis beeinflusst?

R.S.: Ich würde sagen, dass die Menschen vielleicht mehr für den Moment leben, was allerdings gar nicht mal so negativ ist. In meinem Buch äußere ich mich kritisch gegenüber dem Zwang, in einer narrativen Gesellschaft die eigene Identität ständig narrativ konstruieren zu müssen. Es kann befreiend sein, wenn ich einfach in diesem Moment lebe und mich episodisch erlebe. Das sind philosophische Fragen, die man nicht so einfach bewerten kann. Für mich ist das Narrative einfacher, wahrscheinlich aus ästhetischen Gründen.

Sie sagen, dass die Sprache sich durch das Digitale verändert hat und dass eine Entwicklung von Sprache zu Bild und von linearer Kommunikation und Narration zum Nicht-Linearen stattfindet. Können Sie das erläutern?

R.S.: Den Gegensatz zwischen Linearität und Nicht-Linearität erkennt man am Hypertext, einer Technologie, von der man sich in den 90er Jahren eine Revolution zum Skeptizismus und zur Ironie versprach, weil man durch Hyperlinks das Wissen relativieren und mit anderen Kontexten verbinden könne und nichts für sich alleine stünde. Heute sieht es eher so aus, als ob statt einer postmodernen und skeptizistischen Wende genau das Gegenteil durch den Hypertext entstanden ist.

Tatsächlich ist es wahrscheinlicher, dass man aus einem ersten Kontext zugunsten eines anderen wegspringt. Der Vorteil einer linearen, durch den Autor vorgegebenen Gedankenführung ist natürlich, dass der Autor sich bewusst entscheiden kann, mit welchen Gedanken er anfängt und wie diese auszubauen sind. Wenn ich diesen linearen Gedankengang jetzt nicht mehr vorgegeben habe, weil die Hypertextstruktur unsere Kommunikationswege immer mehr bestimmt und ich die Gedanken in kleine Häppchen aufteilen kann, die ihrerseits für sich abgeschlossen sind, ich also nicht mehr auf das aufbauen kann, was vorangegangen ist, entziehe ich mich praktisch diesem wohlorchestrierten Unterwegsein in einem Denkraum und bin dann nur sporadisch oder episodisch von Information zu Information unterwegs, was sich aber nicht mehr miteinander zu einem tieferen Wissen verbinden lässt.

In einem rezenten Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung1 führen Sie an, dass Sie Dichtung als eine Art Gegenmittel zu einer Algorithmisierung der Kommunikation, die alles in Schwarz und Weiß einteilt, verstehen. Ist dies nicht eine reduktive Sicht auf die Art und Weise, wie die sozialen Medien von den Menschen benutzt werden?

R.S.: Wo sehen Sie hier den Reduktionismus?

Kommunikation kann auf den sozialen Medien durchaus komplexer auftreten. Als Beispiel könnte man zahlreiche Debattiergruppen nennen, die oftmals zu einem guten Austausch von Argumenten zwischen Leuten aus der ganzen Welt führen. Und dabei werden Argumente und Ideen nicht nur auf richtig oder falsch reduziert.

R.S.: In dem Interview mit der NZZ beziehe ich mich vor allem auf die Like-Dislike-Entscheidung, doch sobald wir zusammen reden und uns austauschen, ist es ja schon komplexer. Was ich damit sagen will, ist, dass man sich durch soziale Medien die Mentalität des Dualismus antrainiert, und zwar in einer erst einmal ganz unpolitischen Art und Weise, einfach dadurch, dass man irgendwelche Dinge „liked“ und nicht „liked“. Doch auch im Unpolitischen hat dieses Vorgehen politische Folgekosten.

Sie bieten Literatur und Dichtung bzw. das dichterische Denken und Leben als ein Gegenmittel zum populistischen Dualismus an. Was meinen Sie damit? Wie kann das dichterische Denken uns helfen, aus dem Sumpf der Vereinfachungen auszusteigen?

R.S.: Es gibt ja in der Literaturwissenschaft diesen Begriff des ethischen Lesens oder auch des „ethical turn“. Darunter sind zwei Dinge zu verstehen. Einmal, dass die Literatur uns mit Perspektiven auf die Welt und das Leben konfrontiert, die zu einer Horizonterweiterung führen und uns die Vielfalt des Lebens verstehen lassen.

Das andere ist, dass Literatur uns ein Gefühl dafür gibt, wie unterschiedlich man etwas interpretieren kann; dass es eben verschiedene Sichtweisen auf ein Gedicht oder eine Handlung im Roman gibt, so dass wir merken, dass das Leben eigentlich komplizierter ist als in unserer Alltagsvorstellung, wo wir vieles, das uns nicht passt, herausschneiden und wegsortieren.

Bei Gedichten redet man wirklich über einzelne Begriffe, und das erweitert natürlich die Sensibilität für Sprache. Bei Gedichten oder meinetwegen bei Texten von Songs – die uns heutzutage vielleicht näher sind, merken wir, wie kompliziert es ist, die richtigen Wörter zu finden. Und gerade darum geht es: das Gefühl für die Verschiedenartigkeit der Perspektiven zu entwickeln. Das ist, denke ich, ein nachhaltigerer Ansatz, den Populismus zu bekämpfen, als „Fact-checking“ etwa, was bei eingefleischten Populisten ohnehin nicht funktioniert.

Natürlich kann man auch Poesie missbrauchen. Es gibt ja auch bei Gedichten ganz unterschiedliche Formate. Nehmen Sie nur die Vormärzliteratur im 19. Jahrhundert, die ja sehr auf Revolution orientiert war. Das sind keine sehr komplexen Texte, die die Vielfalt der Sprache darlegen, sondern sehr ideologische. Das trifft natürlich auch auf Parteidichtungen oder Revolutionsdichtungen jeglicher Art zu. Insofern ist Poesie keine Garantie für Ambiguität. Die Gedichte, an die ich dachte, sind dann eher von George oder Rilke.

Was verstehen Sie unter digitaler Literatur oder der „digital poetry“? Was unterscheidet diese Kategorien von herkömmlicher Dichtung und Literatur?

R.S.: Das kann alles Mögliche sein. Entscheidend ist nur, dass es sich um mehr als Text handelt und nicht nur als solcher im digitalen Medium auftritt, denn das macht ein Werk noch nicht zur digitalen Poesie. Das Werk muss praktisch über das Literarische hinausgehen und andere Ausdruckweisen miteinbeziehen. Das kann schon die multilineare Navigation durch einen Text sein, also das Schreiben durch den Raum, wie es Jay David Bolter mal nannte.

Dieses Schreiben wäre vergleichbar mit der konkreten Poesie, da schon die Anordnung der Buchstaben im Raum bzw. dem Papier eine Bedeutungsebene hinzugefügt. In den digitalen Medien haben Sie noch den Zeitfaktor. Sie können interagieren, und wenn Sie auf ein Wort klicken, kann dieses sich verändern oder verschwinden.

Auch ohne Interaktionsebene können Sie das Wort so programmieren, dass es sich verändert. Das ist dann kinetisierte, konkrete Poesie. Es gibt dann verschiedene Varianten das auszuführen; all das müsste man berücksichtigen, wenn es um die Bedeutung eines Gedichtes geht, das Sie per Zufall aus dem Internet nehmen.

Ein schönes Beispiel ist Bit.Fall von Julius Popp. Es handelt sich um eine Installation, die drei Meter hoch und zehn Meter lang ist. Oben sind hunderte Ventile so angebracht, dass Wassertropfen herunterfallend Wörter bilden. Die Wörter nimmt Popp aus den News, den Headlines aus dem Internet, und schreibt sie faktisch mit Wasser. „Mit Wasser schreiben“, das ist natürlich etwas, dass Sie mit normalem Text nicht machen können. Aber in diesem Falle müssen Sie natürlich auch noch bedenken, dass die Wörter ja News sind, und die Vergänglichkeit der News wird faktisch durch die Darstellung durch Wasser noch einmal unterstützt. Nichts ist so alt auf WhatsApp wie die Meldung vor einer Stunde – hier haben Sie das Wasser, das diese Vergänglichkeit der News noch einmal unterstützt.2

Wie pessimistisch oder optimistisch sind Sie, wenn es um die Entwicklung des Internets geht, das einerseits Reduktion und Dualismus befördert, andererseits eine neue Komplexität entstehen lässt?

R.S.: Ich denke, das ist gar nicht die Frage. Es gibt ja so viele Dinge, welche die digitalen Medien erschaffen haben, auf die wir nicht mehr verzichten wollen. Aber viele Technologien haben einen Preis, den wir manchmal nicht erkennen. Selbst wenn wir ihn erkennen, wollen wir ihn zahlen, da die Vorteile eben doch sehr groß sind. Denken Sie nur mal daran, wie wir mit unseren privaten Daten umgehen, sie an Google und Facebook weitergeben und dafür personalisierte Informationen erhalten, die wir auch wollen.

Soll man jetzt pessimistisch sein, weil wir uns transparent machen? Sollen wir optimistisch sein, weil die Technologie uns das Leben einfacher macht? Das kommt darauf an, wie man die Dinge gewichtet.

Es gibt allerdings auch Fragen, die die Gesellschaft im Ganzen betreffen und nicht nur uns als Einzelne. Wenn es um „Big Data“ geht, d.h. die großflächige Analyse sozialen Verhaltens, dann ist es sicherlich problematisch, wenn wir großzügig mit unseren Daten umgehen. Selbst wenn man nicht großzügig seine Daten zur Verfügung stellt, wird man ein Opfer der Profilbildung, die durch die Daten anderer ermöglicht wird. Ich werde gegen die Profile anderer gegengerechnet und es wird festgestellt, ob ich ein Normalverhalten an den Tag lege oder nicht. Oder bin ich etwa schon dadurch auffällig, weil ich meine Daten nicht herausgebe?

Sind Sie der Meinung, dass der Begriff „Digital Humanities“ zukunftsträchtig ist oder nur eine Modeerscheinung bleiben wird?

R.S.: Es kommt darauf an, was man unter „Digital Humanities“ versteht. Im Großen und Ganzen geht es ja darum, dass digitale Medien als Forschungsmethode eingesetzt werden. Das „close reading“ wird dabei praktisch ersetzt durch „distant reading“, bei dem Algorithmen digitalisierte Texte prüfen, analysieren und bestimmte Texthäufigkeiten und Konstellation erkennen, was uns neue Erkenntnisse bringen kann. Das kann interessant sein, wenn es uns zu neuen „close readings“ und neuen Konstellationen führt.

Digital Humanities dürfen aber nicht darauf reduziert werden, dass wir die digitalen Medien als Methode einsetzen, sondern wir müssen sie auch zum Forschungsgegenstand selber machen. Dazu brauchen wir mehr Geisteswissenschaftler – und nicht Computer – und wir brauchen die Bereitschaft, über die digitale Welt zu forschen und zu reflektieren. u

Besten Dank für das Gespräch!

(via Skype am 19.02.2018 SC/YL)
https://ww.nzz.ch/feuilleton/die-gefahr-liegt-in-der-zahl-ld.1342263

Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.

Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!

Spenden QR Code