Familiengeschichte und Geschichten einer Familie
Buch von Georges Erasme, "De Friedland au Blitzkrieg 1807-1940"
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Vor einigen Monaten erschien von Georges Erasme ein neues Buch:
De Friedland au Blitzkrieg 1807-1940 mit dem vielversprechenden Untertitel: Histoires d’une famille luxembourgeoise.
Auf 220 Seiten unternimmt es der Autor, durch die Zusammenstellung von Dokumenten, Zitaten und Geschichten ein ansprechendes, vielseitiges aber persönliches Bild seiner Familie zu zeichnen. Man möchte annehmen, daß er sich den Titel seines Buches von 1989 "How to remain what you are" nun nicht nur als nationales sondern auch als persönliches Leitmotiv gewählt hat, um seine Leser durch 130 Jahre Familiengeschichte von einer Schlacht zur anderen zu führen.
Es ist in Luxemburg eigentlich nicht üblich, die Geschichte seiner Familie zu schreiben und zu veröffentlichen. Gleiches gilt ja auch für Memoiren, die nur selten in einem kleinen Lande, wo jeder jeden kennt, noch etwas Neues bringen können. Und dennoch hat das vorliegende Werk den Rezensenten sofort in seinen Bann geschlagen. Lang ist es her, daß auf dem Luxemburger Büchermarkt ähnlich Erfrischendes veröffentlicht wurde. Auf meisterliche Art gelingt es dem Autor, eigene literarische Fiktion in Verbindung mit Familiendokumenten und den Geschichten von Javotte, die seine Mutter in den fünfziger Jahren verfaßt hat, zu einem Ganzen zu verbinden, das uns ein Mosaikbild einer vergangenen Gesellschaft zeichnet, einer Gesellschaft, die aus den umliegenden Kulturen schöpft und doch ganz luxemburgisch ist.
In einem einleitenden Kapitel (Les origines du Luxembourg) zeigt der Autor in einer distant ironischen Weise wie die verschiedensten Politiker des 19. Jahrhunderts eigentlich ohne es zu wollen, Luxemburgs Unabhängigkeit begründet haben und wie dann nach und nach die Luxemburger daraus ihre nationale Unabhängigkeit gebaut haben. Doch bis zum Zweiten Weltkrieg starben die Luxemburger nicht so sehr für ihr Land als vielmehr im Dienste anderer Nationen (S. 12 f.). Die Frage nach dem Ursprung des kollektiven Verhaltens der Menschen im Krieg schließt die Einleitung.
Dann entführt Erasme uns auf die napoleonischen Schlachtfelder, auf denen die Soldaten im wahrsten Sinne des Wortes hingeschlachtet wurden. Mit Michel Muller treffen wir hier den Ur-Ur-Großvater des Autors, der als Überlebender der Schlacht von Friedland mit der Ehrenlegion ausgezeichnet wurde und dann, demobilisiert, als Zollbeamter (Douanier) im neuen holländischen Königreich tätig war. Die belgische Revolution verwirrt ihn wohl etwas, aber schließlich entscheidet er sich für das übriggebliebene Großherzogtum. Der Sohn, Pierre Muller, wird
ebenfalls die Laufbahn des Douaniers einschlagen. Sein Sohn, Félix Michel Muller, wird als Ingenieur beim Bau von Eisenbahntunnels auf Korsika mitwirken, einem abenteuerlichen Unternehmen, wenn man den Zeitzeugen glauben darf. Nach seiner Heirat blieb der wohl unternehmungslustige Mann dann aber im Lande und baute hier nun weitere Eisenbahntunnels auf der Atterlinie. Der Vater des Autors, Jules Muller, wurde auch Ingenieur nicht so sehr aus Überzeugung denn als Notlösung, denn der Arztberuf war dem am Abitur Gescheiterten verschlossen.
Dem Andenken des Vaters sind die folgenden Seiten gewidmet. Wir begegnen einem musikalisch begabten Dorfjungen, der von seinem Professor René Engelmann stark geprägt wird. Dessen Selbstmord stößt bei dem jungen Studenten auf Verständnis. Er widmet sich in der Folgezeit der Leichtathletik. 1913 erringt er den Titel eines "Champion du Grand-Duché en Sports Athlétiques", schafft aber das Abitur nicht. Zuerst in Zürich, dann durch die Kriegsereignisse in München eingeschrieben, schließt er seine Studien erfolgreich ab, einige Tage vor dem Kriegsende. Das Studentenleben der Luxemburger in München erscheint wie außerhalb der kriegerischen Welt. Schlaufen und Bergsteigen werden zur Lieblingsbeschäftigung. So kennt der Vater Deutschland und seine Sitten und Gebräuche und glaubt sich gegen sie gefeit.
Was väterlicherseits so glatt und unkompliziert aussieht, wird nun mütterlicherseits komplizierter und nicht immer verifizierbar. Hier spielt der literarische Genius des Autors hinein, dem man eine starke Neigung zu seinen Vorfahren mütterlicherseits nicht abstreiten kann.
Das Schicksal dieser Vorfahren zeichnet sich auf dem Wiener Kongreß ab, als Apach, Perl und Schengen, die einstmals zur selben Pfarrei gehört hatten, zu drei verschiedenen Ländern kamen. Die Geschichte der Ur-Großeltern Joseph Erasmus Gradwohl aus Perl und seiner Ehefrau Marie Cathérine Mettelock aus Öttingen ist ein typisches soziales Drama, wie es in den Zeiten ohne Sozialversicherungen wohl gängig anzutreffen war. Der vom Tod gezeichnete Erasme beschreibt sein trauriges Los und hofft auf Gott. Sein Tod bringt seine Frau und ihre drei Kinder nach Lothringen zurück, das nun nach dem preussisch-französischen Krieg an das Deutsche Reich fällt. Dennoch werden die Kinder "à la française" erzogen. So auch der Großvater Erasme, der 1893 eine Luxemburgerin heiratet und sich in Rümelingen niederläßt.
Von seiner Mutter schreibt der Autor: "Ma mère a donc grandi, avec peu de fortune, équipée de tenacité lorraine, d’ingénuité luxembourgeoise, d’ambition huguenotte et de sensibilité juive. Spirituelle, très
Auf meisterliche Art gelingt es dem Autor, eigene literarische Fiktion in Verbindung mit Familiendokumenten und den von seiner Mutter geschriebenen Geschichten zu einem Ganzen zu verbinden, das uns ein Mosaikbild einer vergangenen Gesellschaft zeichnet.
musicienne, vive et travailleuse, elle fut bien reçue chez ses parents plus aisés, que ce fussent les Jaans à Luxembourg, les Baden à Trèves ou les cousins huguenots qui, riches et mondains, habitaient Berlin." So begegnen wir der Autorin der "Histoires de Javotte", um die sich alles dreht. Georges Erasme sind die autobiographischen Züge dieser Geschichten nicht entgangen, und an Hand der fragmentarischen Notizen über Javotte erahnt er die Jugendzeit seiner Mutter und zeichnet sie nach.
1922 heiraten Jeanne Gradewohl und Jules Muller in Rümelingen. Von nun an tauchen die Erinnerungen des Autors mit auf und bestimmen den Grundton der Bilder. Die Kinderzeit schildert der Autor als glücklich, wenn auch etwas einsam (Einzelkind). Das Leben verläuft, vom Rythmus der "Schmelz" geprägt, ohne umwälzende Ereignisse in Düdelingen. Die gutsituierte Familie Muller (der Vorwurf des "Kapitalisten" bleibt dem Jungen in der Schule nicht erspart) denkt sozial und übt christliche Nächstenliebe, so wie es damals üblich war. Batty Weber beeindruckte den Jungen so stark, daß er einen "Abreißkalender" abschrieb und vom Lehrer wegen des gelungenen Aufsatzes gelobt wurde.
Von besonderer Bedeutung wurden für den Autor die letzten Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. So bringt er seine Überlegungen über Frankreich und Deutschland, zeigt den starken Einfluß den die Frankophilie seiner Mutter auf ihn ausübte, dann die Korrekturen, die durch die Kriegslektüre und Kriegsspiele erfolgten. Nur so konnte er ein guter Luxemburger werden. (Je considère que pour devenir un bon Luxembourgeois il faut passer par un stade de francophilie et de germanophilie, confrontation indispensable pour relativiser nos nationalismes). Die Aufenthalte in Freudenstadt wurden durch den aufkommenden Nationalsozialismus unterbunden. Dennoch verbrachte die Familie ihre Ferien in den folgenden Jahren in Berchtesgaden, dort wo der Vater im Ersten Weltkrieg während seiner Studienzeit seine Freizeit verbrachte. Diese Aufenthalte in Deutschland sieht der Autor heute als von seinen vier Begegnungen mit Hitler geprägt. Doch darf man nicht annehmen, daß diese Begegnungen offizieller Art gewesen seien. Die erste in Oberammergau wird nachträglich als recht konfuses Sehen eines schnurrbärtigen Mannes im dunklen Anzug beschrieben, die zweite als eine in einer Staubwolke entschwindende Autokolonne in Berchtesgaden. Erst die dritte Begegnung 1937 in München scheint bewußter gewesen zu sein, gepaart mit der Enttäuschung, als Ausländer nicht am nationalistischen Enthusiasmus teilhaben zu dürfen. Die Eindrücke insbesondere von der Ausstellung über "Entartete Kunst" aber auch die Hinweise auf das Verschwinden der jüdischen Geschäfte haben den jungen Erasme nachdrücklich geprägt. Die vierte Begegnung fand dann einige Jahre später in Echternach statt. Auch sie scheint geprägt vom vagen Erahnen mehr als vom bewußten Sehen. Hitler, der die luxemburgische Fahne grüßt, fast ein unvorstellbares Bild?
Die Erinnerungen an die Studienzeit in Echternach beschließen die nun praktisch als Memoiren fortgesetzten Geschichten der Familie. Ohne sie mit Namen zu nennen werden die beiden Direktoren, Nicolas Didier und Nikolaus Goetzinger, auf magi-
strale Weise beschrieben. Das Leben in der "Bullett" läuft ab mit allen Erscheinungen pubertärer Erfahrungen und Erlebnisse jugendlicher Schüler und mit den damals üblichen Reaktionen der Autoritäten. Sport wird erstaunlicherweise kleingeschrieben, dafür aber Gebet groß. Man kann sich vorstellen, welche "Erfolge" diese religiöse "Erziehung" hatte. Knappe Beschreibungen einiger Professoren und Mitschüler schließen dieses Kapitel.
Die Hundertjahrfeiern unserer Unabhängigkeit haben den dreizehnjährigen Autor stark beeindruckt und ermüdet. Drôle de guerre und deutscher Einmarsch beschließen die Erinnerungen dieses Bandes. Dazwischen gestreut die herrlichen Erzählungen der "3e section": (Rückzug nach Dunkerque, Einschiffung und Ankunft in England, Rückkehr nach Frankreich, Gefangennahme und Flucht). Etwas verwirrend weil Fiktion (Socrate) und Realität (Henri Koch) verbindend und im Vorbeigehen der Exilregierung (nicht der Großherzogin!!!) ihre Unentschlossenheit in Lissabon vorwerfend, erzählt Erasme die Geschichte des "Patrouilleur" und des Raben Socrate, der den Lauf der Geschichte verändert hat!
Das denkwürdige Begräbnis des Großvaters Erasme in Rümelingen scheint den Untergang der luxemburgischen Unabhängigkeit zu symbolisieren, aber man findet hier auch schon die ersten Zeichen des Widerstandes gegen die Kollaboration. Doch dies war nicht mehr das Thema dieses Bandes. "Témoins des tour-
"J’étais resté enfant unique."
Photo und Bildzeile aus dem besprochenen Buch, S. 121
mentes, 1940-1948′ wird der zweite Band heißen, der dann diese Geschichten der Familie weiterführt.
Das bei Editpress erschienene Werk leidet unter einer ganzen Reihe von Druckfehlern, die die Lektüre etwas stören, ansonsten ist die Aufmachung recht gelungen. Besonders hervorzuheben ist die umfangreiche Ikonographie, insbesondere aus dem umfangreichen Familienalbum. Sicher wird der Leser aus dem Süden des Landes noch mehr aus diesen Geschichten
erfahren, da sich seine Umwelt hier widerspiegelt. Doch auch der Leser aus dem übrigen Großherzogtum und sicher auch aus dem Grenzgebiet wird sich im Schicksal der Familie Muller wiederfinden.
Darüber hinaus bietet der Autor mannigfache Reflektionen über das Wesen des Nationalismus und des Krieges, so daß das Werk mehr ist als nur Geschichte(n) einer Familie. Paul Dostert
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