Fiktionen der Macht
Public Viewing statt Public Opinion?
Dieser Inhalt wurde anhand eines gescannten Dokuments mithilfe von optischer Zeichenerkennung (OCR) und künstlicher Intelligenz (KI) digitalisiert. Er kann Fehler oder Ungenauigkeiten enthalten.
Sonja Kmec Oliver Kohns
Politische Macht ist an sich unsichtbar. Sie benötigt eine Verkörperung in einer sichtbaren Gestalt. Der Körper des Herrschers ist der traditionsreichste Ort dieser Verkörperung. Wie Ernst Kantorowicz in seiner berühmten Analyse The King’s Two Bodies (1957) herausarbeitet, besitzt der Monarch im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit immer mehr als nur einen Körper: Neben seinem sterblichen biologischen („natürlichen“) Körper verfügt er über den unsterblichen „politischen“ Körper, durch den er die Würde und Macht der Monarchie verkörpert. Rituelle Inszenierungen dieser Körpersymbolik bestimmen entsprechend das politische Leben des Mittelalters: Wappen, Portraits (gemalte und geschriebene), Embleme, Devisen, höfische Maskentänze oder auch
Prozessionen bei einer königlichen Hochzeit, Taufen, Bestattungen und joyeuses entrées stellen die politische Ordnung symbolisch dar.
Die „zwei Körper des Königs“ kann man unterschiedlich verstehen.$^{1}$ Zum einen gab es eine, von den Monarchen selbst gepflegte, konzentrische Vision vom König als Person, die ihn als Verkörperung monarchischer Macht legitimiert. Stirbt die Person, lebt das Amt weiter: „Le roi est mort, vive le roi!“$^{2}$ Zum anderen aber versuchten aufmüpfige Adlige die Ausübung der königlichen Herrschaft vom König selbst zu trennen, indem sie den Thronerben oder einen anderen Zweig der Dynastie als alternative, bessere Herrscher ins Spiel brachten. Man denke zum Beispiel an die Opposition, die sich auf Maria Stuart stützte um gegen ihre Cousine Elisabeth, Königin von England, aufzubegehren.$^{3}$ Eine noch radikalere Trennung oder Exzentrierung der beiden Körper des Königs findet man in konstitutionellen Monarchien, wo tatsächliche Machtausübung und Symbolisierung der Macht auf getrennten Schienen laufen.
Da Kantorowicz’ Analyse bereits mit den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts endet, bleibt zu fragen, ob und wie die Symbolik der zwei Körper in der Moderne fortgeschrieben wird. Der Imperativ der Volkssouveränität, d. h. die Forderung nach vollständiger Übereinstimmung zwischen Herrschenden und Beherrschten, steht – wie Carl Schmitt bemerkt – in einem grundsätzlichen Gegensatz zum Konzept der Repräsentation (der Überhöhung sterblicher Menschen als Verkörperung einer unsterblichen Würde).$^{4}$ An die Stelle der „King’s Two Bodies“ tritt in der Moderne daher der „Körper der Nation“$^{5}$ und
Des Kaisers neue Kleider – Illustration von Vilhelm Pedersen (1849)
Sonja Kmec hat einen Lehrstuhl für Kultur- und Geschichtswissenschaften (Luxemburger Studien) an der Universität Luxemburg. Oliver Kohns leitet das Forschungsprojekt „Ästhetische Figurationen des Politischen“ an der Universität Luxemburg.
konsequenterweise – insofern auch das Volk neben seinem physischen Körper eine idealisierte Verkörperung seiner Einheit annehmen muss – die „People’s Two Bodies“, die zwei Körper des Volkes.
Bühnenwechsel
Nicht mehr der Hof, sondern das Parlament ist dann die politische Bühne oder Arena in der Moderne. Diese beliebte Metapher wurde auch mit Blick auf die Luxemburger Chambre des députés gebraucht. So beschreibt der Feuilletonist Batty Weber im April 1914, wie die Abgeordneten sich in Szene setzen, insbesondere wenn sie in der Zuschauerloge weibliches Publikum erblicken:
„… taucht ein Hut auf mit einer weißen Reiherfeder oder aber mit einer lebhaft gefärbten Vogelschwinge und der Herr Staat sieht den weiblichen Farbenfleck und spricht mit seelenvollerem Augenaufschlag von dem Segen der Jauchegruben und anderen Dingen, die ihn ganz besonders frappiert haben“.
„Stierkämpfe“ – so Batty Weber in seinem Abreißkalender einige Jahre später – seien für das weibliche Publikum wesentlich interessanter als Monologe über Steuergesetze. Er selbst ist auch Zuschauer der Corrida und kein Matador, aber Politik ist für ihn Selbstdarstellung und/oder Öffentlichkeitsarbeit. Sie wird maßgeblich geprägt durch die Zuschauer, Leser und Wähler. Die Wirkung der Inszenierung auf die Zuschauer lässt sich auch erkennen an der Aussage einer Zeitzeugin, Berthe Schmitz, die als Schülerin anwesend war, als 1919 Marguerite Thomas-Clement als erste Frau in die Abgeordnetenkammer einzog (als einzige weibliche Abgeordnete bis 1965):
„Eine Geschlechtsgenossin hatte sich in die Arena gewagt, hatte den Mut aufgebracht, als erste Frau in der luxemburgischen Geschichte politische Verantwortung zu übernehmen und hatte feierlich geschworen ihr Bestes zu tun“.
Die Theatralität der politischen Selbstdarstellung erwähnt auch Erna Hennicot-Schoeppen in einem Rückblick auf Pierre Werners Regierungszeit, wo manche Debatten geprägt waren von „interventions homériques, interruptions interminables et tribunes du public en effervescence“. Augenzwinkernd verweist die Ausstellung „iLux. Identitäten in Luxemburg“ (Musée 3 Eechelen) auf die politische Bühne und zeigt Ausschnitte aus einer rezenten Parlamentsdebatte zum Thema Werteunterricht in einem Kasperltheater.
Sind in einer konstitutionellen Monarchie Politiker austauschbar und abwählbar geworden, stellt sich die
Frage nach der Rolle der verbliebenen Monarchen. Ihnen bleibt nach dem Ende der monarchischen Macht nur noch die Verfügung über eine politische Symbolik ohne jede Referenz. Jean Paul beschreibt diesen Vorgang in einer Fußnote seines Romans Siebenkäs (1796/97) im Anschluss an die Symbolik der zwei Körper:
„Die Teufel mußten, sagt der Koran, dem Salomo dienen. Nach seinem Tode wurd’ er ausgestopft und durch einen Stab in der Hand und durch einen andern, ans Steißbein gestemmten auf einen so scheinbar-lebendigen Fuß gesetzt, daß es die Teufel selber nicht früher merkten, als bis die Hinterachse von Würmern zernagt wurde und der Souverän umkugelte“.
Nach der Französischen Revolution ist der symbolische Körper des Königs eine leere Hülle geworden, die nur noch für arme Teufel eine lebendige Monarchie vorgaukeln kann. Wenn es in Europa weiterhin Monarchen gibt, repräsentieren diese keine Macht mehr, sondern allenfalls noch Popularität: Könige und Großherzöge werden zu festangestellten Celebrities. Das konnte einmal mehr die Luxemburger Prinzenhochzeit im Oktober 2012 vorführen: Der Mainstream der Berichterstattung fokussierte sich auf die Hutwahl der Damen und den Kuss der Brautleute, neben der Kommerzialisierung aller möglichen Produkte. Dasselbe Schema zwischen Volksbegeisterung und professioneller Adelsberichterstattung findet sich bei den Hochzeiten der Thronfolger von Spanien, Niederlande, Norwegen etc. in den letzten Jahren.
Politiker und Medizinmänner
Die Macht muss auch in der Moderne durch eine Verkörperung sichtbar gemacht werden. Machtausübung ist in modernen Demokratien allerdings vollkommen anders strukturiert als in den vormodernen Monarchien. Macht ist in der modernen Gesellschaft nicht in einer zentralen Spitze konzentriert, sondern auf viele Instanzen verteilt: Die Komplexität der Machtverteilung ist radikal gestiegen. Der Soziologe Niklas Luhmann erklärt diesen Prozess durch die Aufteilung der modernen Gesellschaft in „Teilsysteme“, die sich „funktional“ voneinander unterscheiden: Jedes gesellschaftliche System – z. B. Wirtschaft, Religion, Wissenschaft, Politik – hat grundsätzlich verschiedene Interessen und Kommunikationsregeln.
Politik kann daher keine übergreifende Steuerung der Gesellschaft mehr beanspruchen, Politiker können keinen direkten Einfluss mehr auf wissenschaftliche oder wirtschaftliche Entwicklungen nehmen.
Die Macht der Politiker beruht grundlegend auf politischen Fiktionen – ohne deswegen irreal zu sein: Indem Politiker als mächtig wahrgenommen werden, werden sie mächtig.
© Archiv Luxemburger Wort
Dass Politiker nichtsdestotrotz immer wieder eine große Macht über wirtschaftliche Prozesse behaupten, ist für Luhmann kein Widerspruch zu seiner Theorie. Macht ist Luhmann zufolge in der Moderne wesentlich eine Fiktion der Macht. Damit radikalisiert sich die Bedeutung politischer Symbolik und Inszenierung: Macht wird nunmehr nicht durch Fiktionen inszeniert sondern wird selbst zur Fiktion oder zur diskursiven Konstruktion. Die Macht der Politiker beruht demnach grundlegend auf politischen Fiktionen – ohne deswegen irreal zu sein: Indem Politiker als mächtig wahrgenommen werden, werden sie mächtig.
Politische Ämter erscheinen in dieser Perspektive in erster Linie als eine „Form des Erscheinens von Macht“ sowie als „eine friedliche Form der Präsentation und Ausübung von Macht“.$^{14}$ Politiker spielen dieses Spiel von Machtzuschreibung und Machtausübung, indem sie sich als machtvolle Gestalter inszenieren und dabei eine Macht behaupten, über die sie „tatsächlich“ nicht verfügen. Etwas provokant folgert Luhmann eine Apologie der politischen Verstellung:
„Rechtfertigung und Heuchelei sind politische Optimierungsstrategien, mit denen man im Code gut/ schlecht kommuniziert, ohne das ausgeschlossene Dritte, die Realität, kontrollieren zu können“.$^{15}$
Die politische Rhetorik, genauer gesagt der in ihr erhobene Anspruch auf Steuerung der Gesellschaft, wird in dieser Perspektive als sozusagen systembedingt notwendige Fiktion ausgelegt:
„Wie bei den Hopi-Indianern der Regentanz scheint das Reden von Ankurbelung der Wirtschaft, Sicherung des Standorts Deutschlands, Beschaffung von
Arbeitsplätzen eine wichtige Funktion zu erfüllen; jedenfalls die, den Eindruck zu verbreiten, daß etwas getan wird und nicht einfach abgewartet wird, bis die Dinge sich von selber wenden.“$^{16}$
Der Vergleich zwischen Medizinmännern und Politikern ist bemerkenswert: Nicht nur, weil das politische und wirtschaftliche Geschehen genauso unvorhersagbar und unregulierbar wie die Wetterlage scheint, sondern auch, weil Politiker als betrügerische Magier und ihre Wähler als leichtgläubige „Wilde“ dargestellt werden.
Die Figur des Politikers ist essentiell fiktional: Sie ermöglicht der Gesellschaft den Glauben, den Gewalten der Natur/des globalen Marktes nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Die Macht des Politikers ist zwar fiktional, das hindert sie allerdings nicht daran – insofern der Glaube der Machtlosen an die Macht diese instituiert –, zugleich real und tatsächlich wirksam zu sein.
Luhmanns theoretische Konstruktion kann sicherlich hier und da kritisiert werden. Die Annahme einer grundsätzlichen Trennung der Sphären zwischen Politik und Wirtschaft stellt mit Blick auf die politische Macht der Rating Agencies oder die „Katarisierung“ der Luxemburger Wirtschaft in den letzten Jahren eine nicht unproblematische Vorannahme dar. Luhmanns Angriff auf den – aus seiner Perspektive naiven – Glauben an die Möglichkeit der Steuerung gesellschaftlicher Prozesse durch die Politik partizipiert an der Tradition des Liberalismus. Demzufolge sei „alle Macht“ immer schon und grundsätzlich „korrumpiert“ und daher „die Konstanz des Fortschritts an einen konstanten Machtverlust gebunden“.$^{17}$ Auch Luhmanns Theorie der
Politik ist in diesem Sinn eine politische Theorie, sie ist in eine eigene politische Agenda und ihre Tradition eingebunden.
Dennoch erlaubt Luhmanns Theorie eine andere Perspektive auf die symbolische Inszenierung von Politik in der Moderne. Auch die demokratischen Politiker der Gegenwart haben, wie die kulturwissenschaftliche Forschung beschrieben hat, einen „politischen Körper“.¹⁸ Dieser inszeniert allerdings nicht mehr eine Macht, die dem Machthaber qua Amt zustehen würde: Politische Macht existiert in der demokratischen Gegenwart wesentlich in der Suggestion eines guten Bildes der Macht – sowie im Erzählen einer guten Geschichte der Macht. „Never before has there been such a trend to view political life as a deceptive narrative designed to replace deliberative assemblies of citizens with a captive audience, while mimicking a sociability in which TV series, authors, and actors are the only things they are familiar with“,¹⁹ kommentiert Christian Salmon kritisch.
Nicht umsonst werden Parteienlisten von bekannten Namen und vor allem wohlbekannten Gesichtern (têtes connues) angeführt. Nicht das politische Programm, sondern die politischen Heldengeschichten bilden den Stoff, aus dem unsere kollektiven Träume sind. ♦
1 Vgl. Ernst Kantorowicz: Die zwei Körper des Königs, Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters [1957]. Übers. von Walter Theimer. Stuttgart 1992, S. 373.
2 Vgl. Amy Schmitter: Representation and the Body of Power in French Academic Painting. In: Journal of the History of Ideas 63 (2002), S. 399-424, hier S. 411f.
3 Vgl. Victoria Kahn: Political Theology and Fiction in The King’s Two Bodies. In: Representations 106/1 (2009), S. 77-101, hier S. 79.
4 Vgl. Carl Schmitt: Verfassungslehre [1928]. 10. Aufl. Berlin 2003, S. 205 und 235.
5 Quentin Skinner: Die drei Körper des Staates. Übers. von Karin Wördemann. Göttingen 2012, S. 68.
6 Vgl. Eric L. Santner: The Royal Remains. The People’s Two Bodies and the Endgames of Sovereignty. Chicago, London 2011.
7 Vgl. Philip Manow: Im Schatten des Königs. Die politische Anatomie demokratischer Repräsentation. Frankfurt am Main 2008, S. 19.
8 Vgl. Christiane Huberty & Sonja Kmec: La Chambre des Députés: un lieu de pouvoir et de mémoire? In: Marie-Paule Jungblut (Hg.): Les maisons Richard et Printz: regards sur un quartier historique de la ville de Luxembourg. Luxembourg 2006, S. 103-129, hier S. 125f.
9 Batty Weber: Abreißkalender (156), 2. April 1914.
10 Berthe Schmitz, zit. nach Renée Wagener, Sprecherin der Frauen: Marguerite Thomas, die erste Luxemburger Abgeordnete. In: G. Goetzinger, A. Lorang und R. Wagener (Hg.): ‚Wenn nun wir Frauen auch das Wort ergreifen…‘ 1880-1950. Frauen in Luxemburg. Luxembourg 1997, S. 99-112, hier S. 101 (unsere Kursivsetzung).
11 Erna Hennicot-Schoepges: Pierre Werner à la Chambre des Députés. In: R. Kirt und A. Meisch (Hg.): Innovation – intégration. Mélanges pour Pierre Werner. Luxemburg 1993, S. 535-545, hier S. 537.
12 Jean Paul: Siebenkäs. In: ders.: Sämtliche Werke. Hrsg. von Norbert Miller. Abt. I, Bd. 2. München, Wien 1959, S. 28.
13 Vgl. Manfred Schneider: Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft. Berlin 2010, S. 274.
14 Vgl. Niklas Luhmann: Die Politik der Gesellschaft. Hrsg. von André Kieserling. Frankfurt am Main 2002, S. 91.
15 Ebd., S. 113.
16 Ebd.
17 Hannah Arendt: Was ist Autorität? [1957]. In: dies.: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken. München 2012, S. 159-200, hier S. 162.
18 Vgl. z.B. Ulrich Haltern: Obamas politischer Körper. Berlin 2009.
19 Christian Salmon: Storytelling. Bewitchung the Modern Mind. Übers. von David Macey. London, New York 2010, S. 95.
metaxy@uni.lu mission culture scientifique et technique http://metaxy.uni.lu
LES JEUDIS DES SCIENCES SOLECULAIRE GENERALE
LEÇON 175 (SOMESTRIEL 1991)
Liebestränke und Hexensalben in Kunst, Literatur und Oper
Hans Maurer Universität des Saarlandes
24.01.2013 17:30
Auditoire B02 Campus Kirchberg
Scopolamin und Hyoscyamin (Atropin) sind die Hauptwirksteife vieler Nachtschattentgenwache wie Tolkische, Engelstrompette, Stechapfel, Bissenkraut oder Airaune. Seit Menschen gedenken sind deren toibergenden, heilbringenden oder berauschenden Wirkungen bekannt. Diese Wirkungen sind über die Jahrtausende in zahlreichen Werken der Kunst, Literatur und Oper verarbeitet worden, so z.B. in Homer Odyssee, in Goethes Faust, sowie in vielen Opern, z.B. Humberdsches Hörsel & Gretel, Vivaldis Orlando Juriose, Donizetti’s L’elisir d’amore oder Wagners Tristan und Isolde. Lassen Sie sich entführen zu einer spannenden, amüsanten, reichlich bebilderten und klingenden Kulturreise durch die Jahrhunderte.
Als partizipative Debattenzeitschrift und Diskussionsplattform, treten wir für den freien Zugang zu unseren Veröffentlichungen ein, sind jedoch als Verein ohne Gewinnzweck (ASBL) auf Unterstützung angewiesen.
Sie können uns auf direktem Wege eine kleine Spende über folgenden Code zukommen lassen, für größere Unterstützung, schauen Sie doch gerne in der passenden Rubrik vorbei. Wir freuen uns über Ihre Spende!