Frauenbewegung in Luxemburg

Von ihrer Entstehung bis zur Institutionalisierung

Der Verbund Mouvement de libération des femmes (MLF) wurde Anfang 1972 in Luxemburg gegründet, zu einer Zeit, in der sich in allen europäischen Ländern ein feministisches Bewusstsein herausbildete.1 Der MLF war jedoch nicht die erste „Frauenbewegung“ in Luxemburg. Bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts sind Aktivitäten zur Verbesserung der Lage der Frauen zu verzeichnen. Diese entstammten hauptsächlich dem Verein für die Interessen der Frau (VIF), der sich für weibliche Bildung und Erwerbstätigkeit einsetzte und als erste hiesige Frauenbewegung gelten kann. In Deutschland wurden ähnliche Frauenvereine schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet, stellten aber auch Forderungen hinsichtlich der politischen Gleichstellung der Frauen, was man für die luxemburgische Frauenbewegung nicht unbedingt festhalten kann. Nichtsdestotrotz hat der VIF und vor allem seine Gründerin Aline Mayrisch die Weichen für die Bildung junger Frauen gestellt. Im Jahre 1919 wurde das allgemeine Wahlrecht in Luxemburg eingeführt, jedoch ist dies nicht auf die „Alte Frauenbewegung“ zurückzuführen, und es blieb für lange Zeit die einzige konkrete Gleichstellung, die den Frauen in Luxemburg gewährt wurde.2 Rechtlich und wirtschaftlich blieben sie in vielerlei Hinsicht Bürger(innen) zweiter Klasse.

In den 1970er Jahren begann sich die Situation der Frauen zu ändern. Im Zuge der 68er-Bewegung wurde vielen Frauen die Begrenztheit ihrer (beruflichen und privaten) Lebensplanung bewusst und sie waren nicht länger gewillt, diese hinzunehmen. Aus diesen Öberlegungen heraus entstand der MLF in Luxemburg, der sich über die Jahre hinweg als eine autonome und basisdemokratisch orientierte Bewegung präsentierte. Es war eine sehr heterogene Vereinigung, in der sich Frauen aus unterschiedlichen Gründen und aus verschiedenen Milieus zusammenfanden, jedoch mit ein und demselben Ziel: die Stellung der Frau in der Gesellschaft zu verändern und zu verbessern.

Die 68er-Bewegungen beeinflussten auch die Frauen in Luxemburg, wenn auch nicht in so starkem Ausmaß wie im Ausland. Die Frauen beteiligten sich an den Protestbewegungen, fanden sich aber zumeist in untergeordneten Positionen wieder. Diese Problematik hat sich auch in der Erinnerung einer früheren Aktivistin des MLF eingebrannt: „… d’Studentebeweegung war schonn déck am gaangen, Mee 68, Generalstreik a Frankräich, wou eng ganz Rei gesellschaftlech Ännerungen ebe sech schonn ugedeit hunn an de Problem ass eben, datt […] déi Fraen, déi do iergendwéi sech och Gedanke gemaach hunn iwwert gesellschaftlech Ännerungen, si sinn ni zur Sprooch komm an deene Beweegungen. Wann et an deene gréisste revolutionärste Beweegungen, déi ech weess net wat nach gesot hunn, dat war ëmmer entweder Niewewiddersproch oder esou, bis se sech endlech eng Kéier selwer bequemt hunn an dunn hu si gesot, elo geet et es duer …“3

Motivation fanden sie in der Gestalt weiblicher Vorbilder und in Büchern. Die Lektüre von Simone de Beauvoir hat auch in Luxemburg eine gewisse Wirkung nicht verfehlt. Ihr Buch Le Deuxième sexe (1949) legte theoretische Fundamente und provozierte
mit der Aussage: „On ne naît pas femme, on le de­vient.“ Die Neue Frauenbewegung spitzte diese These zu dem Leitwort zu: Man wird nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht. Weitere Inspiration fanden spätere Aktivistinnen in der Gestalt weiblicher Gymnasiallehrerinnen wie Lydie Schmit4 (1939-1988) und Nelly Moia5 (geb. 1938), die ihren Schülerinnen Beauvoir und ähnliche Literatur nahebrachten: „… wéi dunn déi Literatur komm ass an eben och déi Proffe wéi d’Lydie Schmit […], dat huet een Numm einfach op dat gesat a wéi ech dunn d’Simone de Beauvoir entdeckt hunn, do hunn ech dat esou a mech eragesaugt […] et sinn nach anerer déi esou fille wéi ech, ech sinn net alleng op der Welt …“6

Und nicht selten schilderten die Beteiligten Vorfälle und Erlebnisse, die ihre Kindheit geprägt hatten und sie schon früh auf Ungerechtigkeiten aufmerksam machten: „… bei mir war et esou, ech mengen ech war als Kand och scho revoltéiert, als klengt Meedchen, esou datt ech wa mir gespillt hunn, datt d’Jongen dann d’Gewierer kritt hunn an esou an dann hu si zu eis gesot an Dir bleift doheem an dir kritt kee Gewier an esou Tricken an ech fanne wéi dunn d’Fraebeweegung komm ass, an ech hunn ugefaangen d’Simone de Beauvoir ze liesen, dat huet esou Wierder ginn, mengem Malaise deen ech als Meedche verspuert hunn, well ech ëmmer geduecht hunn, ma Nondikass, ech hätt och gären en Zuch fir ze spillen, ech krut awer keen, well ech ee Meedche war an esou all déi kleng Geschichten.“7

Hinzu kam ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass die Rechte der Frauen in Luxemburg stark beschnitten waren: „… d’Nelly Moia […] huet an deenen éischte Joren als Proff sech immens engagéiert fir eis eben z’erkläre wat Feminismus ass a wat speziell d’Problemer vu Fraen zu Lëtzebuerg sinn. Hat huet eng Kéier een Affekot mat an d’Klass bruecht, a meng Klass, an eis erkläert, deen huet eis erkläert, datt be­stuete Fraen tatsächlech rechtlech wéi Mannerjäreger wieren. D’Nelly huet eis eben erkläert, […] datt do dringend misst eppes geännert ginn …“8

Der Code Napoléon machte verheiratete Frauen zu Unmündigen. Die bestehenden Ungleichheiten der Stellung der Frau im Code civil, der viele Frauen „skandalisierte“, gab Anlass zur Mobilisierung.

Ein weiteres Ziel war es das Private politisch zu machen. Es galt Themen wie weibliche Sexualität, das Recht auf den eigenen Körper, eine gerechte Aufteilung der Haushaltsarbeit und der Kindererziehung, das Recht der Frauen auf Arbeit und gleichen Lohn sowie Gewalt gegen Frauen an die Öffentlichkeit zu bringen. Die Anfangsjahre des MLF waren durch den Einsatz für die Eherechtsreform und die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruches gekennzeichnet. Die Kampagne zur Eherechtsreform fand schon im Mai 1972 ihren Höhepunkt in einer Demonstration vor der Abgeordnetenkammer, an der sich auch andere Frauenorganisationen beteiligten. Nachdem 1974 das neue Ehegesetz verabschiedet worden war, stellten die Selbstbestimmung der Frau bezüglich des Kinderkriegens und die Änderung des Abtreibungsparagraphen die wichtigsten Forderungen dar. Nach dem Inkrafttreten einer als „unbefriedigend“ angesehenen Indikationsregelung im Jahre 1978 verfolgte der MLF den „Kampf“ um die reproduktive Selbstbestimmung mit andern Mitteln. Im Januar 1980 wurde die Beratungsgruppe Info-femmes ins Leben gerufen, die auch einen regelmäßigen Telefondienst zu Fragen der Abtreibung und Verhütung anbot. Die wichtigste Struktur war jedoch das Frauenzentrum, wo u.a. besagter Telefondienst eingerichtet wurde. Das Frauenzentrum wie auch das „Frauen-Bistrot“ bot vielen Frauen innerhalb und außerhalb des MLF einen Ort, wo sie — eigenen Aussagen zufolge — zum ersten Mal eine Welt fanden, in der sie sich ausleben und frei reden konnten über Themen, die sie beschäftigten.

Ausgehend von einer Reform des Eherechts setzte sich der MLF auch für andere Belange der Frauen ein und war zudem international gut vernetzt. Das Verhältnis des MLF zu der internationalen Frauen­bewegung war vielseitig. Auf der einen Seite erklären ehemalige Aktivistinnen, dass ausländische Bewegungen sie sehr inspiriert hätten. So reisten sie ins Ausland, um sich Frauenzentren anzusehen und übernahmen Aktionen wie die berühmte „Ich habe abgetrieben“-Kampagne. Auf der anderen Seite schlug sich die internationale Kooperation in Solidaritätsbekundungen nieder, so unterstützte der MLF zum Beispiel Frauen aus Nicaragua und Nigeria, die sich gegen sexuelle Verstümmelung einsetzten. Außerdem reihten die Mitgliedschaft und die Teilnahme in der ICASC (International Campaign on Abortion, Sterilization and Contraception) den MLF in einen internationalen Kontext ein.

Ab den 1980er Jahren war innerhalb des MLF ein Rückgang der Mitgliederzahlen zu verzeichnen. Der anfängliche Elan schien zum Stillstand gekommen zu sein und der Nachwuchs, der die Arbeiten und Zielstrebungen des MLF weitergeführt hätte, blieb aus. Wie viele andere Frauenbewegungen im Ausland suchte auch der MLF nach anderen Möglichkeiten seine Ziele zu verwirklichen. Nachdem im Jahre 1992 eine Weiterführung des MLF als feministische Bewegung aussichtslos schien, wurde, zusammen mit Aktivistinnen aus anderen Kreisen, das Frauendokumentationszentrum Cid-femmes (Centre d’information et de documentation des femmes— Thers Bodé) gegründet. Im Jahre 1989 wurde im Familienministerium der Service de la promotion de la condition féminine eingerichtet. Seit 1995 gibt es ein eigenständiges Ministerium für Frauenförderung, das im August 2004 zum Ministerium für Chancengleichheit umbe­nannt wurde. Eine zentrale Kampagne, die 1995 gestartet wurde, versucht in den Gemeinden Luxemburgs eine Politik der Gleichstellung der Geschlechter anzuregen.9 Obwohl Luxemburg die 1989 in Kraft getretene internationale Konvention über die Beseitigung aller Formen von Diskriminierung gegenüber den Frauen ratifiziert hatte, wurde das Gleichheitsprinzip von Frauen und Männern erst 2006 ausdrücklich in die luxemburgische Verfassung aufgenommen.10

Diese Institutionalisierung wird von den ehemaligen MLF-Frauen auf der einen Seite begrüßt, auf der anderen Seite allerdings beklagen sie den Verlust einer autonomen Frauenbewegung. Ein gewisser Grad an Eigeninitiative ging sicherlich mit der Auflösung des MLF verloren; dies teilt der Luxemburger MLF mit den anderen Frauenbewegungen in ganz Europa.

Junge Frauen engagieren sich heute nur noch selten für Frauenthemen und Frauenrechte und wollen meist auch nicht mit feministischen Theorien in Verbindung gebracht werden. Auch die am Erzählcafé vom 24. April 2008 teilnehmenden Frauen griffen dieses Thema auf und schilderten ihre persönlichen Erfahrungen. So gab eine Rednerin an, dass das Wort Feministin als Schimpfwort gelte, da Frauen oft sofort in die Defensive gehen und klarstellen würden, dass sie zwar „für Frauenpolitik und Gleichstellung“ seien, aber auf keinen Fall Feministinnen seien. Solche Aussagen würden sie sehr oft hören. Was unter „Feminismus“ zu verstehen ist, darüber herrschten auch innerhalb des MLF unterschiedliche Auffassungen. Allerdings wird „Feminismus“ von den ehemaligen MLF-Frauen generell positiv gewertet, während sie anmerken, dass dem Konzept heute oft ein negativer Stempel aufgedrückt wird, wenn es z.B. als „männerfeindlich“ interpretiert wird. Diese Aussagen lassen darauf schließen, dass es in der Diskussion, ob man „Feministin“ sei oder nicht, vor allem um die negative Konnotierung des Begriffs geht und nicht um das zu Verhandelnde.

Rückblickend kann man mit Sicherheit behaupten, dass das Engagement der Aktivistinnen und ihrer weiblichen und männlichen Unterstützer zu gesellschaftlichen Umbrüchen und zum Umdenken beitrug. Die Frauen des Luxemburger MLF haben viel erreicht: Sie haben die erste subventionierte Kindertagesstätte gegründet und die Initiative für die Einrichtung des ersten Hauses für misshandelte Frauen ergriffen. Es ist Frauen heute möglich, weitgehend frei über Sexualität zu reden, gegen häusliche Gewalt vorzugehen, gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit einzufordern, etc. Die Möglichkeit, ein eigenes Konto eröffnen und verwalten zu können, erscheint heute selbstverständlich. Dem MLF gelang es auf diese Anliegen aufmerksam zu machen sowie das öffentliche Bewusstsein für verschiedene Tabuthemen (Abtreibung, sexuelle Verstümmlung, etc.) zu wecken. Bis heute ist dadurch Einiges angestoßen worden. Vielleicht manchmal nur implizit, aber dennoch wirksam: Die Gleichheit von Frauen und Männern in Luxemburg ist durch eine relativ rezente Reform in der Verfassung verankert. Ehe- und Scheidungsrecht werden erneut diskutiert und überarbeitet. Auch die Diskussion um die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen entbrannte in letzter Zeit neu. Dies zeigt, dass weiterhin Handlungs- und Diskussionsbedarf besteht, denn die rechtliche Gleichstellung garantiert noch nicht die faktische Gleichstellung. Dies wird deutlich im fortbestehenden Lohngefälle, im erschwerten Zugang von Frauen zu Führungspositionen, in ihrem höheren Armuts­risiko, in der weiterhin gängigen Doppel- bzw. Dreifachbelastung von Frauen durch Beruf, Familie und Haushalt, etc.

Mit Blick auf den MLF und die während seiner aktiven Phase behandelten Themen sowie bezüglich der Frauenthematik im Allgemeinen besteht indes auch über diese Masterarbeit hinaus weiterhin Forschungsbedarf.

 

1.Der vorliegende Artikel basiert auf einer Masterarbeit (Universität Luxemburg 2010). Ziel dieser Arbeit ist es, die Frauenbewegung, welche die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wesentlich geprägt und die Gesellschaft grundlegend verändert hat, mit zum Teil neuen Methoden zu beleuchten. Die Arbeit fügt sich in den Forschungsansatz „Oral History“ ein, dessen Grundlage das mündlich Erzählte ist. Frauen, die diese Bewegung gegründet und mitgestaltet haben, stehen hier im Mittelpunkt durch die Untersuchung der mündlichen Öberlieferungen. In sogenannten Erzählcafés, die 2007 und 2008 vom Frauendokumentationszentrum Cid-femmes organisiert wurden, sowie Experteninterviews berichteten diese Frauen von ihrem Wirken, Mitwirken und Engagement, das sich entweder über längere Zeit zog oder auch kurze Episoden in ihrem Leben prägte. Die Frauen bewerteten das subjektiv Erlebte aus einer gewissen zeitlichen Distanz heraus.

2.Diesbezüglich siehe: Renée Wagener, „…wie eine frühreife Frucht“. Zur Geschichte des Frauenwahlrechts in Luxemburg,Luxemburg 1994.
3.Archives Cid-femmes, Erzählcafé vom 13. Dezember 2007, Zeitangabe 0:38:27.
4.Lydie Schmit war Politikerin, LSAP-Parteipräsidentin von 1974-79, Präsidentin der sozialistischen Fraueninternationale von 1980-84 und EU-Abgeordnete von 1984-88.
5.Nelly Moia war auch Publizistin und Fotografin.
6.Archives Cid-femmes, Erzählcafé vom 13. Dezember 2007, Zeitangabe 1:05:58
7.Archives Cid-femmes, Erzählcafé vom 13. Dezember 2007, Zeitangabe 1:05:58
8.Archives Cid-femmes, Erzählcafé vom 13. Dezember 2007, Zeitangabe 0:32:59
9.Ministère de l’Egalité des chances, Droits égaux pour filles et garçons, femmes et hommes, Luxemburg 2006, S. 22-24.
10. Ebd., S. 27.