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Kommt das Thema "Frauenemanzipation" auf, rangieren die Reaktionen von einer durch vorgetäuschtes Ach-Ja-Interesse übertünchten Langeweile und Unbetroffenheit zu einer oft überraschenden Aggressivität, die von der Verunsicherung des Gesprächspartners zeugt. Manchmal wird die Diskussion auch auf die persönliche Ebene verlagert, und man wird als total unglaubwürdig dargestellt, wenn man von Emanzipation spricht und nicht mit einem Tyrannen verheiratet ist oder sich abends nach der Schicht nicht noch um kleine Kinder und einen dem Alkohol verfallenen Mann kümmern muss. Selten hat wohl ein Problem so stark emotionelle Reaktionen hervorgerufen, selten hat es auch zu so unreflektierten Aeusserungen bei Männern und Frauen hingerissen, weil es ihrer beiden Leben direkt berührt, weil es etwas ins Wanken zu bringen droht, woran beide seit Jahrtausenden gewohnt sind: die Stellung des Mannes als Leiter, Denker und Beschützer und die Rolle der Frau als gehorchendes, fühlendes, schutzbedürftiges Wesen. Dass der Mann sich in dieser Rolle manchmal überfordert fühlt, ist evident; dass viele Frauen aus dieser ihr zugedachten Welt herauswollen, ist ebenso klar; dennoch blocken viele jede Diskussion ab, weil Befreiungen aus Rollen, Auflösung bestehender Zustände, Definieren neuer Ordnungen und Inhalte eine ganze Menge Kraft und Nerven kosten, die meistens schon total von professionellen und materiellen Sorgen in Anspruch genommen werden. Dazu kommt, dass durch eine neue Ordnung notgedrungen die einen Vorrechte verlieren, die anderen unter Umständen einige erobern; trotzdem bleiben sie verunsichert, weil man ihnen noch nie die Chance gegeben hat, aktiv an dem Aufbau und der Gestaltung einer neuen Ordnung mitzuarbeiten.
Was ist das denn überhaupt für ein Phänomen, das soviel Angst, Unsicherheit und Aggressivität hervorruft? Was ist das "eine emanzipierte Frau"? Je nach Gebrauch klingt die Bezeichnung abwertend, gleichbedeutend mit frustriert, hässlich, lesbisch, oder nachsichtig – freundlich, pseudo-progressiv, auf der auslaufenden 60er Welle schwimmend. Sind Frauen mit aussergewöhnlichen Talenten und Fähigkeiten, wohl auch aussergewöhnlichen Chancen, emanzipiert, wenn sie sich in einer reinen Männerwelt mit den Spielregeln der Männer behaupten? Die Jeanne d’Arcs, Katharinas oder Marie Curies sind uns genau so fern, wie ihre männlichen Kollegen, denen sie als Beweis für ihre vermeintliche Toleranz und als Ausnahmen, die die Regel bestätigen, dienen.
Ist eine Frau emanzipiert, die sich die Verhaltensregeln und Wertvorstellungen der Männer aneignet und alles daran setzt, um von ihnen als ihresgleichen angesehen zu werden? Sie hat eine Maske aufgesetzt, sie ist nicht emanzipiert, sondern spielt eine der vielen Frauenrollen, und sie trägt auch nichts zur Emanzipation ihrer Geschlechtsgenossinnen bei. Gelingt es auch immer mehr Frauen, sich in sogenannte Männerkarrieren emporzuarbeiten, verdienen die Frauen in den Leichtlohngruppen immer
noch weniger als die Männer und werden Arbeitnehmer entlassen, sind es in der Regel als erstes die Frauen.
Oder ist eine Frau emanzipiert, wenn sie – enttäuscht durch ihr bisheriges Gefühlsleben (die von Männern und Frauen so liebevoll als "frustriert" titulierten) oder aus mutigem Bekenntnis zu ihrer Neigung – sich Frauen zuwendet, als "Mann mit Busen", ein nuanciertes Urteil, mit dem viele erschreckte Männer ihre Frauen von den "Emanzen" fernzuhalten suchen?
Emanzipation ist nicht gleichbedeutend mit Befreiung, sie ist nur der Anfang. Man ist nicht emanzipiert – befreit, wenn man sich tagtäglich mit Vorurteilen, Einschränkungen und Aengsten auseinanderzusetzen hat. Opposition als art pour l’art hat wenig konstruktiven Sinn und verschleißt zuviel Kraft. "Ein emanzipierter Mensch ist nicht einer, der seine "wahre Natur" verrät oder über sie hinauswächst, im Gegenteil, erst wenn ein Mensch emanzipiert, mündig, frei ist, hat er die Gelegenheit seiner wahren Natur zu folgen, er selbst zu werden. Emanzipation bedeutet also, dass ein Mensch für sich selbst entscheiden kann, wie er leben möchte, und dass er auch die Verantwortung für sein Handeln übernimmt." (1)
Für sich selbst entscheiden können, wie man leben möchte, bedingt aber materielle Unabhängigkeit und für die Frau ganz konkret ein eigenes Einkommen, eine Arbeitsstelle. Die Doppelbelastung, die durch die zusätzlichen Haushaltspflichten entsteht, ist schon zu einem klassischen Topos in diesem Zusammenhang geworden. Man könnte ihr begegnen durch eine gemeinschaftliche Organisation und Bewältigung dieser Arbeiten (Gemeinschaftsküchen und -waeschereien), aber solange der moderne Mensch auf Abkapselung in dem "Nest" des Eigenheimes getrimmt wird, werden diese schon im 19.Jhr. von August Bebel und Clara Zetkin vorgebrachten und in diesem Wahlkampf von der "Wiert Tech"-Liste wieder aufgegriffenen Forderungen Zukunftsmusik bleiben. Viele Männer legen auch Wert darauf, klarzustellen, dass sie ihrer Frau etwas bieten können, dass sie nicht zu arbeiten braucht, dass sie immer genügend Geld hat und machen kann, was sie will. Die Frau empfängt also mit ihrem Haushaltsgeld geradesoviel Freiheit, wie der Mann ihr zugesteht. Voraussetzung einer Entscheidungskraft über das eigene Leben aber ist nun einmal die materielle Unabhängigkeit, die Möglichkeit den Mann zu verlassen und dennoch zu überleben. Erst dann wird auch das Zusammenleben ein freier und mündiger Entschluss.
Vieles zum vorgefassten Bild der Frau als Hüterin der nunmehr 4 Ks (Küche, Kinder, Kirche, Konsum) wird durch die Erziehung in Schule und Religionsunterricht weitergegeben. Diese Vorurteile sind so schwer zu durchbrechen, weil sie von höheren Instanzen vermittelt werden, da sie doch die Zelle unserer Gesellschaft erhalten und untermauern: die Familie. (sic!) Solange die Frau einerseits ei-
nem Nimbus des Heimchens am Herd, andererseits der Vorstellung eines verlockenden, von allen Illustrierten, Reklamen und Kinoplakaten strahlenden Potenzrequisits gerecht werden muss, kann sie sich nicht emanzipieren. Gerade diese beiden Frauenbilder scheinen die Männer am meisten anzuziehen, können sie sich doch beherrschen. Beides, Suppe und Sex, kann man bezahlen und sich somit freikaufen. Viel komplexer wird die Situation, wenn Männer sich Frauen gegenüber sehen, die sich weigern eine Rolle zu spielen, die ganz einfach sich selbst zu sein versuchen. Sehr oft müssen diese Frauen ihre Freiheit mit Einsamkeit und der Verachtung ihrer Umwelt bezahlen. Jagt in der Tat ein kontraktarmer und einer tiefen Beziehung unfähiger Mann von Frau zu Frau, wird er mit leichtem Neid als Playboy tituliert, tut eine Frau das gleiche, schwanken die Bezeichnungen zwischen Nymphomanin und Nutte.
Aber an sich geht es mir ganz und gar nicht darum, die aggressive Haltung der Männer gegenüber selbstsicheren Frauen zu verurteilen, denn Aggressivität und unnuancierte Urteile sind immer Zeichen einer inneren Unsicherheit, Zeichen des Wunsches jemand von seinen Ansprüchen abzubringen, um die seinen durchzusetzen.
"Wenn man vor etwas Angst hat, so hasst man es, und man hat als Mann seinerseits ein begreifliches Interesse daran, seine Angst nicht erkennen zu lassen. Er versucht sie mit allen Mitteln auch vor sich selber zu verleugnen. Die Frau hat diese geheime Angst des Mannes ebensowenig erkannt und beachtet, weil sie
selbst auch Angst hat und dazu ein geschwächtes Selbstgefühl, denn der Mann versucht seine Aengstlichkeit zu verbergen, indem er der Frau ihre Identität nimmt und ihr Selbstgefühl zerstört." (2)
Unzweifelhaft sind Männer ebensowenig frei und emanzipiert wie die Frauen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Männer zu Normen aufleben müssen, die sie sich selber gesetzt haben und dass sie meistens von Geschlechtsgenossen unterdrückt werden (von politischen und sozialen Zwängen einmal abgesehen), während die Frauen ihre Verhaltensregeln und Werte von den Männern übernehmen.
In ihrem Berufsleben sind die Männer Ausbeutung und Leistungsdruck ausgesetzt; je nach sozialer Stellung verschiebt sich das Gewicht dieser Komponenten. Fliessbandkadenz und Chefetageambitionen verhindern sie, sich auf das zu besinnen, was sie waren ehe sie von der Produktionsmühle erfasst wurden: fühlende, denkende Menschen. In ihrem sexuellen Leben müssen sie zu einem Potenzideal aufleben, das sie selber geschaffen haben und das sie nicht immer erreichen. Sogar in diesem Bereich, wo, wenn nicht Liebe, so doch Genuss vorherrschen soll, läuft der Akkord weiter und die Potenz wird gleichbedeutend mit menschlicher Qualität, ebenso wie der Erfolg im Beruf. Auch die Freizeit des modernen Mannes ist, wie alles andere, geprägt von Konsum und Zwang gewisse Normen zu erreichen. Sie messen sich in m²-Wohnfläche, PS, Promille, Flugstunden und Scheckbeträgen.
All diese Zwänge verhindern, dass der Mann ein mündiger Mensch wird, der zusammen mit der Frau für ein tolerantes, gewaltloses, liebevolles Leben eintritt. So dringend notwendig es ist, die soziale, wirtschaftliche und politische Gleichstellung der Frau zu erkämpfen, so sollen wir Frauen bei diesem Kampfe nicht vergessen, dass der Mann auch Hilfe braucht um sich von den Zwängen zu lösen, denen wir auch unterliegen und die verhindern, dass wir alle, Männer und Frauen, emanzipierte, glückliche Menschen werden.
"So wird das beiderseitige Eintreten für das Gemeinwohl, das mit dem eigenen auf das engste verknüpft ist, im höchsten Grade veredelnd wirken. Es wird
— Je ferais bien partie du M.L.F., mais mon mari ne veut pas.
Sempe
das Gegenteil von dem geschehen, was Kurzsichtige oder Feinde eines auf voller Gleichberechtigung aller ruhenden Gemeinswesens behaupten. Dieses Verhältnis zwischen den beiden Geschlechtern wird in demselben Masse sich verschönern, wie die gesellschaftlichen Einrichtungen Mann und Frau von materieller Sorge und übermässiger Arbeitslast befreien." (3)
Simone Baldauff-Beck
(1) Heidi Wyss, Das Rosarote Mädchenbuch, Ermutigung zu einem neuen Bewusstsein, Frankfurt/Main 1978, S. 154-56
(2) Monica Domeij, Axel Matthes, Nachbemerkung, zur Neuausgabe von: J.F. Albrecht, Heimlichkeiten der Frauenzimmer, oder Die Geheimnisse der Natur hinsichtlich der Fortpflanzung des Menschen; über Befruchtung, Beischlaf und Empfängnis und eheliche Geheimnisse zur Erzeugung gesunder Kinder und Erhaltung der Kräfte und Gesundheit, Leipzig 1851; München 1976, S. 180
(3) August Bebel, die Frau und der Sozialismus, zitiert bei: Luc Jochimsen, Sozialismus als Männersache oder kennen Sie Bebels "Frau"?, Reinek bei Hamburg, 1978, S. 88
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