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Die tieferen "Beweg" gründe des vielstrapazierten Begriffs "Freiheit" werden uns erst dann verständlich, wenn wir den Bewegungs- und Freizügigkeitsdrang des Menschen in seiner ganzen Wichtigkeit und Rangordnung erkennen. Dieses Erkennen wird erschwert durch eine fatale Begriffsverwirrung, die sich in unserm wohlstandverwöhnten, kollektiven Unterbewusstsein eingeschlichen hat: wir sind derart sedentär geworden, in unserer "sitzenden" Lebensweise, in unserer Sesshaftigkeit, in unserm stets unveränderten Ansässigsein, in unserm egoistischen Besitzanspruch auf "unser" Stück Boden und Land, dass wir darüber das Know how, was Freiheit eigentlich bedeutet, glatt vergessen haben. Vor allem haben wir vergessen, was "Freisein" für die andern, für die Besitzlosen, bedeutet.

Freiheit drückt sich vor allem in Bewegungs- und Aufenthaltsfreiheit aus, so wie ihr krassestes Gegenteil, die physische Gefangennahme, sich am fühlbarsten in der körperlichen Fesselung oder der Festhaltung eines Menschen hinter Gittern und Gefängnismauern ausdrückt.

Als Stopsignal der individuellen Freiheit gilt beim Militär der Befehl "Stillgestanden!", also die kommandierte Unterdrückung jedweder Körperbewegung. Sie ist klassischer Ausdruck des absoluten Ka-

Kadavergehorsams geworden. Der Befehl "Rührt euch!" hebt diese Zwangsunterbindung der Freiheit wieder auf und lässt nach der auferzwungenen Immobilität eine befreiende Körperbewegung wieder zu.

Das Recht auf dieses "Sich-rühren-dürfen", auf Bewegung, auf freies Reisen und auf das Niederlassen dort, wo es dem Einzelnen beliebt, ist eines der ersten Grundrechte des Menschen. Dass es ihm so wichtig ist, hängt vermutlich direkt mit dem Ursprung des Menschengeschlechts zusammen: erst als seine unmittelbaren Vorfahren sich auf die Hinterbeine stellten und mit ihrem neuen, aufrechten, weitblickenden Gang den langen Marsch in die Ferne der Zukunft begannen, konnte sich das Gehirn des späteren Menschen entwickeln, konnte sein Horizont sich erweitern, sein Wille sich entfalten und sein Freiheitsdrang Ziel und Sinn bekommen. Der Drang zur geographischen Fortbewegung, zur Freiheit im Raum ist dem Menschen zuinnerst bis heute geblieben. Die andern Menschenrechte mögen wertvoller und subtiler erscheinen: die Meinungsfreiheit, die Glaubensfreiheit, die Versammlungsfreiheit, das Recht auf Bildung und auf Arbeit. Primär aber liegt das Recht auf freie Bewegung und Niederlassung, zusammen mit den elementarsten Rechten auf Leben und Selbsterhaltung, auf Nahrung und Wohnung,

auf sexuelle Erfüllung und auf Selbständigkeit ganz im Vordergrund des Begriffs "frei sein".

Die freie Körperbewegung gibt den innersten menschlichen Emotionen Ausdruck, den "höchsten" Gefühlen, wie der Freude, der Liebe, der Hingabe an das, was als das Allerhöchste betrachtet wird, was immer es sei. Bewegung drückt aber auch die "tiefsten" Gefühle aus, die Reue, den Zorn, den Hass und die Angst.

Als Nelson Mandela befreit wurde, feierte ganz Schwarz-Afrika die Freiheit in einem spontanen, tagelangen Tanz der Massen. Pilgernd oder wallfah-

wallfahrend huldigen Gläubige ihrem Gott. Von Meister zu Meister wandernd lernten die Handwerker ihren Beruf.

Der Reumütige hingegen wirft sich nieder in Zerknirschung, der Zornige marschiert aggressiv auf den Widersacher zu, der Geängstigte flüchtet vor der Bedrohung. Alle inneren "Regungen" äussern sich in Bewegung und Gebärde. Das Theater, das Ballett, die Pantomime zumal, jede den Menschen darstellende Kunst lebt von der Freiheit der Bewegung.

Rosch Krieps

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