Freiwillige Feuerwehr: eine bewährte Tradition

Interview mit Georges Scheidweiler, Chef der Division d'incendie et de sauvetage (Administration des services de secours)

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Interview mit Georges Scheidweiler, Chef der Division d’incendie et de sauvetage (Administration des services de secours)

forum: Herr Scheidweiler, wie ist die Koordinierung der nationalen Feuerwehr geregelt?

Georges Scheidweiler: Ich bin seit der Schaffung der Administration des services de secours 2004, die den Service d’incendie et de sauvetage und die Protection civile unter einem Dach vereinigt, für die Feuerwehreinsätze auf nationaler Ebene zuständig. Die regionalen Einsätze werden von den 13 regionalen Koordinatoren auf freiwilliger Basis gesichert. Sie haben in den einzelnen Kantonen die Befehlsgewalt und gewährleisten die Organisation, wenn ein Einsatz mit mehreren Korps durchgeführt werden muss.

In letzter Zeit hat man öfters in der Presse lesen können, dass das Engagement in traditionell ehrenamtlichen Bereichen, wie der freiwilligen Feuerwehr oder dem Zivilschutz, rückläufig ist. Wie steht es konkret um die Bestände der freiwilligen Feuerwehr? Was sind Gründe für das Abnehmen dieser ehrenamtlichen Tätigkeit?

G.S.: Die freiwillige Feuerwehr besteht zur Zeit aus etwa 9 200 Mitgliedern, davon 538 Frauen, und rund 6 000 aktiven Helfern, die an Einsätzen teilnehmen. An der Jugendfeuerwehr beteiligen sich 1 677 Jungen und Mädchen. Vor Jahren gab es hierzulande etwa 265 Feuerwehrkorps bei einer Bevölkerung von 400 000 Einwohnern. Mittlerweile haben viele Wehren fusioniert, so dass jetzt noch 200 Korps existieren. Es gibt

eine starke Tendenz zu einem Korps pro Gemeinde. Im Vergleich zum Ausland stehen wir allerdings nicht schlecht da. In Belgien zum Beispiel gab es vor Jahren auch 265 Korps mit rund 10 000 Mitgliedern, aber für eine Bevölkerungszahl von 10 Millionen. So gesehen, haben wir trotz rückläufiger Zahlen immer noch einen sehr hohen Prozentsatz an

Viele Menschen arbeiten nicht mehr in ihren Dörfern und sind daher nicht direkt vor Ort, wenn ein Einsatz ansteht.

Menschen, die sich in der freiwilligen Feuerwehr engagieren. Ebenso wie in Deutschland oder Österreich gibt es hier eine bewährte Tradition der freiwilligen Feuerwehr, manche Korps sind älter als 150 Jahre. Auch bleiben die Mitglieder den Korps über viele Jahrzehnte treu. Wohingegen in Frankreich viele Feuerwehrleute im Durchschnitt sieben bis acht Jahre im Dienst bleiben, gibt es hier Mitglieder, die seit über 30 Jahren bei der Feuerwehr und/oder im Zivilschutz tätig sind. Wir profitieren immer noch von den Familientraditionen, bei denen sich das Engagement über mehrere Generationen erstreckt.

Es mangelt also wie gesagt nicht so sehr an Kontinuität und Nachwuchs, sondern das Hauptproblem liegt in der Verfügbarkeit der freiwilligen Helfer. Viele

Menschen arbeiten nicht mehr in ihren Dörfern und sind daher nicht direkt vor Ort, wenn ein Einsatz ansteht. Aus einer kürzlich veröffentlichten Studie geht hervor, dass nur 8,63% der aktiven Mitglieder bei ihrer jeweiligen Gemeindeverwaltung angestellt sind. Dieselbe Studie belegt, dass es vor allem zwischen 7 und 18 Uhr zu Engpässen kommt, nach Feierabend geht es dann wieder. Wochentags können wir also nur auf ein Viertel der aktiven Mitglieder zählen, in der Nacht, am Wochenende und an Feiertagen steht die Hälfte zur Verfügung.

Was die sinkenden Zahlen bei der Jugendfeuerwehr anbelangt, so gibt es heute für die Jugendlichen viel mehr Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten als früher. Beim Übergang von der Jugendfeuerwehr zu den Erwachsenen gehen uns auch Mitglieder verloren, weil man in diesem Alter oft andere Interessen entwickelt, eine Freundin hat, ins Berufsleben einsteigt oder zur Uni geht. Ein weiteres großes Problem sind die Immobilienpreise. Viele junge Menschen können sich in ihrem Dorf keine Wohnung mehr leisten und ziehen in eine andere Gemeinde oder ins nah gelegene Ausland. Auch so gehen uns viele wertvolle Kräfte verloren.

Was kann unternommen werden, um den bestehenden Problemen entgegenzuwirken?

G.S.: Zum Teil sichern unsere weiblichen Helfer den Feuerwehr- oder Krankenwagendienst. Aber auch hier gibt es

Veränderungen, da heutzutage immer mehr Frauen berufstätig sind. Was können wir tun? Wir versuchen zum Beispiel die Menschen durch Erste-Hilfe-Kurse zu sensibilisieren und sie somit für den freiwilligen Hilfsdienst zu gewinnen. Es gab die Kampagne „Hëllef es hëllefen!“ mit Plakatwerbung, Pressemitteilungen oder Anzeigen im Kino. Auf den Plakaten sind Menschen aus verschiedenen Nationen abgebildet, denn wir wollen nicht nur Luxemburger rekrutieren, sondern auch ausländische Mitbürger. Das Innenministerium plant außerdem spätestens Anfang nächsten Jahres erstmals eine Umfrage bei der Bevölkerung, um zu erfahren, ob die Menschen zufrieden sind mit unseren Hilfskräften, ob sie selbst engagiert sind bzw. warum sie sich nicht engagieren. Allgemein könnte ich mir vorstellen, dass das Ansehen der freiwilligen Hilfskräfte ziemlich gut ist. Oft wissen die Leute den freiwilligen Dienst am Mitmenschen zu schätzen.

Könnte die von Marco Schank in seiner parlamentarischen Anfrage oder auch von Alexandre Krieps angesprochene Anerkennung durch eine kleine Entschädigung einen Anreiz bieten!

G.S.: Bei der freiwilligen Feuerwehr gibt es in der Tat bisher keine Anerkennung finanzieller Art, nicht einmal für den Kommandanten oder den Gerätewart. Jetzt kam der Vorschlag vom Abgeordneten Krieps, den Helfern einen Euro pro Einsatz, Bereitschaftsdienst oder Übung als symbolische Anerkennung zu geben. Seit Jahren werden auch schon andere Vorschläge diskutiert, wie zum Beispiel das Bezahlen der Autosteuer oder einen Zusatz bei der Krankenversicherung. Falls eine finanzielle Entschädigung eingeführt werden sollte, muss man die Erfahrungswerte abwarten, um zu sehen, ob sich etwas geändert hat. Für viele Mitglieder wird diese Art der Anerkennung nichts an ihrem Engagement ändern, denn sie empfinden es als eine Ehre, in der freiwilligen Feuerwehr oder im Zivilschutz zu helfen. Sie möchten ehrenamtlich weiterarbeiten und nicht zum Volontariat, was eine finanzielle Entschädigung bedeuten könnte, übergehen.

Was unternehmen die Gemeinden, um die Sicherheit ihrer Bürgerinnen und Bürger zu gewährleisten? Müsste nicht allgemein ein höherer Grad an Professionalisierung angestrebt werden!

G.S.: In der Gemeinde Esch/Alzette zum Beispiel werden Gemeindearbeiter und -beamte, die in der freiwilligen Feuerwehr sind, während ihrer Arbeitszeit für den Bereitschaftsdienst freigestellt. Diese Maßnahme wirkt dem Problem der Verfügbarkeit entgegen. Die Einführung dieser so genannten gemischten Korps sollte auch in die Überlegungen der künftigen Nordstad einfließen. In Esch, Ettelbrück oder Dudelange wurde der Kommandant ganztags eingestellt.

Das macht aus ihm jedoch kein hauptberuflicher Feuerwehrmann, weil er ja die auf Gemeindeebene existierende Feuerwehrkarriere mit den diesbezüglichen Examen usw. nicht eingeschlagen hat. Im Moment laufen außerdem Diskussionen, ob die freiwillige Feuerwehr auch für den Rettungsdienst, der bislang nur vom Zivilschutz durchgeführt wird, eingesetzt werden sollte. Dieses Jahr gab es in diesem Bereich eine gewisse Öffnung. Seit ein paar Monaten wird die Feuerwehr parallel zum Rettungsdienst bei einem Unfall alarmiert, da sie meist früher vor Ort ist und bereits einige Vorkehrungen für die späteren Hilfsmaßnahmen treffen kann.

Daneben plant unsere Verwaltung in Zukunft, auf Basis des IVL, sechs Regionen

nen zu schaffen – statt der bestehenden Kantonen – mit sechs regionalen Inspekturen, die in ihrer jeweiligen Region operieren würden. Die Professionalisierung macht sich auch im Zivilschutz bemerkbar. Da es hier ebenfalls das Problem der Verfügbarkeit gibt, laufen gerade Examen für die Einstellung des ersten hauptberuflichen Krankenwagenfahrers.

Schließlich wird es Änderungen in der Ausbildung der freiwilligen Feuerwehr geben. Die Gesetzgebung sieht bisher keine obligatorische Ausbildung vor. Die vorhin erwähnte Studie besagt jedoch, dass die meisten zumindest eine Grundausbildung besitzen. Nur diejenigen, die Kommandant eines Korps werden wollen, müssen bislang eine Ausbildung machen. Im neuen Entwurf der Dienstvorschrift wird die Ausbildung nun Pflicht. Auch der so genannte „congé sapeur“ wurde reformiert und erlaubt nun eine Freistellung zu Ausbildungszwecken von 42 Tagen im Jahr. Außerdem werden wir statt auf Wochenendkurse, verstärkt auf Kurse innerhalb der Woche setzen, u. a. auch um das Familienleben zu entlasten. Wir müssen uns den neuen Gegebenheiten der Gesellschaft anpassen.

Letzte Frage: Wie funktioniert eigentlich die Zusammenarbeit zwischen professioneller und freiwilliger Feuerwehr? Wie sind die Aufgabengebiete verteilt?

G.S.: Die Berufsfeuerwehr ist in erster Linie bekanntlich zuständig für die Gemeinde Luxemburg. Mit der Zeit hat es sich dahingehend entwickelt, dass sie öfters in den anderen Gemeinden aushelfen, wenn die Notwendigkeit besteht. Die Stadt Luxemburg ihrerseits profitiert davon, Freiwilligenkorps zu haben und hat eine Mannschaft aus aktiven Mitgliedern, die u. a. an den Wochenenden aushelfen, zusammengestellt. Bei komplizierten Einsätzen, bei denen spezialisiertes Material gebraucht wird, wie im Falle eines Chemieunfalles, kommt die Berufsfeuerwehr zum Einsatz, weil sie das entsprechende Material besitzt. Auch ist sie die einzige im Land, die über eine spezialisierte Interventionsgruppe für die Rettung aus Höhen und Tiefen verfügt.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Das Interview fand am 24.9.2007 statt./LH)

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