Grenzpendler: Konkurrenz für die Einheimischen oder Chance für die Luxemburger Wirtschaft?
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Leiner
in: Le travail frontalier …
Actes du colloque oct. 1993
Grenzpendler: Konkurrenz für die Einheimischen oder Chance für die Luxemburger Wirtschaft?
5 565 Personen suchten Ende Januar in Luxemburg eine Stelle. Und die Tripartite sucht nach Erklärungen und Lösungen. Ins Kreuzfeuer geraten sind Grenzpendler, die den Einheimischen die Arbeitsplätze streitig machen. So wenigstens scheint es, wenn man folgende Zahlen der Administration de l’Emploi liest: Von den 4 300 Neueingestellten in der Periode 1994 sind 4 100 Grenzpendler.
In den Warteschlangen unter den Arbeitslosen, die zum Stempeln anstehen, hört man desöfteren ausländerfeindliche Parolen, die sich in letzter Zeit beson-
ders gegen die Grenzpendler richten. Hier finden die Luxemburger und in Luxemburg wohnenden Ausländer ein gemeinsames Feindbild. Diese Schuldzuweisung wird teilweise von Politikern übernommen. So warf Juncker in seiner Antrittsrede den Unternehmern vor, Grenzpendler statt Einheimische einzustellen. Im Letzeburger Land (3.2.1995) wird diese Rede folgendermaßen zusammengefaßt und kommentiert: «Diese disparate Entwicklung führe aber dazu, daß Luxemburg heute Arbeitslosenunterstützung zahlen und in einigen Jahrzehnten den Grenzpendlern hohe Summen an Renten
«Priorité pour l’emploi national» so lautet eine der Hauptforderungen von Le Pen im augenblicklichen französischen Präsidentschaftswahlkampf. Eine Parole, die in Zukunft auch in Luxemburg, zumindest bei den Arbeitslosen und ihren Familien, ankommen könnte.
ins Ausland überweisen müsse. … Viel beunruhigender aber ist, daß Juncker am Mittwoch mit Sprüchen wie: ‚An unseren Grenzen lauert die Massenarbeitslosigkeit‘, und dem anschließenden Aufruf, zuerst einmal Einheimische einzustellen, die niemals unschuldige Symbolik von Bedrohungsängsten und Mobilisierung gegen äußere Feinde aktiviert.»
Robert Weber vom LCGB schlägt in dieselbe Kerbe, wenn er im Luxemburger Wort (11.1.1995) schreibt: «Das Hauptproblem besteht nach wie vor: Mit System wird von den Betrieben am luxemburgischen Arbeitsmarkt vorbei Personal eingestellt! Wir gehen sogar soweit zu behaupten, daß mit System in Luxemburg eine allgemeine Wirtschaftskrise herbeige- redet und dementsprechend auch gehandelt wird.»
«Gefährlich und falsch» sei es, diese «Grenzgänger-Karte» zu spielen, kontert tageblatt-Leitartikler Jos Telen (17.2.1995) und die LSAP Minister Goebbels und Poos warnen davor, Grenzpendler und Einheimische gegeneinander auszuspielen. Steht ein koalitionsinterner Streit ins Haus oder hat sich der Premier lediglich ungeschickt ausgedrückt und besinnt er sich wieder auf seine allgemeinen europapolitischen Bekenntnisse? Geht es ihm vielleicht darum, auf der Rechten bei den ADR-Anhängern Sympathien zu gewinnen? «Priorité pour l’emploi national» so lautet eine der Hauptforderungen von Le Pen im augenblicklichen französischen Präsidentschaftswahlkampf. Eine Parole, die in Zukunft auch in Luxemburg, zumindest bei den Arbeitslosen und ihren Familien, ankommen könnte.
Diese aufkeimende Debatte gibt dem hier vorzustellenden «forum»-Dossier eine ungeahnte Aktualität und Brisanz. Dabei war sein Erscheinen schon lange vorprogrammiert, da es über eine Publikation des STATEC berichten sollte, die ihrerseits wiederum eine Studie des Centre de Recherche Public – Centre Universitaire (CRP-CU) beinhaltet, an der mehr als zwei Jahre lang gearbeitet wurde.
Eine brisante Studie
In einem Forschungsprojekt des CRP-CU wurde in Zusammenarbeit mit dem Centre Commun de la Sécurité Sociale, der Inspection Générale de la Sécurité Sociale und dem STATEC ein statistisches Observatorium des Luxemburger Arbeitsmarktes entwickelt, das es erlaubt, ausgehend von den administrativen Informationen der Sozialversicherung, Arbeitsmarktstatistiken zu erstellen. Das Grenzpendler-Phänomen, das die Entwicklung des Luxemburger Arbeitsmarktes in den letzten zehn Jahren zutiefst geprägt hat, wurde ausgewählt, um die Funktions-tüchtigkeit des Observatoriums zu überprüfen und dessen Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen.
Das Erscheinen dieser Veröffentlichung sowie die aktuelle Diskussion in der Tripartite über den Luxemburger Arbeitsmarkt waren der "forum"-Redaktion Anlaß, ein Dossier zum Grenzpendlerphänomen zusammenzustellen, in dem wir uns keineswegs auf das Referieren der CRP-CU-Studie beschränken, sondern unseren eigenen Beitrag zur Debatte liefern wollen.
Ende 1993, als das Thema noch nicht in der Tages-aktualität war, hatte das Ministère de l’Aménagement du Territoire eine Tagung zu den landesplanerischen Implikationen des Grenzpendlerphänomens organi-siert. Die zahlreichen Beiträge zu dem zweitägigen Kolloquium liegen inzwischen in schriftlicher Form vor. Wir haben für unsere Leser einige Aspekte aus dieser Veröffentlichung zusammengefällt: eine Studie, die die Auswirkungen der Attraktivität des Luxemburger Arbeitsmarktes auf die Betriebe in der lo- thringischen Grenzregion beleuchtet und Erfah-rungsberichte von Vertretern von drei luxemburgischen Betrieben (BGL, Centre hospita- lier und Cactus), die die Rolle der Grenzpendler aus der Sicht ihrer Unternehmen beschreiben.
Bei diesem Kongreß gab es nicht nur Vorträge, son- dern auch die Möglichkeit mit den Vortragenden zu diskutieren. Wir dokumentieren einen Ausschnitt aus dieser Diskussion, in dem es hauptsächlich um fol- gende Fragen geht: Welche Vorteile bringt ihnen der luxemburgische Arbeitsmarkt? Tragen sie dazu bei, die Löhne in Luxemburg zu drücken? Weshalb stel- len die Unternehmer bevorzugt Grenzpendler ein?
Die Grenzpendler selbst sollen auch zu Wort kom- men: deutsche Stimmen zum Pendeln ins Nachbar- land, eingefangen zwischen Perl und Oberbillig, die, wenn man genau hinhört, so deutsch nicht klingen, berichten über die Grenze, die es in Wirklichkeit nicht mehr gibt und über ihre Beziehung zum kleinen Nachbar jenseits der Mosel.
Zu Wort auf indirekte Weise kommen sie im näch- sten Artikel, der eine Diskussion mit einigen Grenz- gängern zusammenfassend wiedergibt, in der man unter anderem erfährt, daß das Luxemburger Wort mit seinem Sonder-Samstagsabo für die Grenzregio- nen ein begehrter Informationsträger für die Arbeits- suchenden im nahen Ausland ist.
"Grenzgänger als soziales Konfliktpotential" heißt ein Artikel, in dem es darum geht, die sozialpoliti- schen Kehrseiten des Grenzgängerphänomens zur Kenntnis zu nehmen und über Begleitmaßnahmen zu dieser wirtschaftlich irreversiblen Entwicklung nachzudenken.
Ein letzter Beitrag plädiert für eine neue grenzüber- schreitende regionale Identität. An Hand der Schweiz und besonders des Dreiländerecks um Basel wird beschrieben, welche Probleme sich dort gestellt haben und wie sie gelöst wurden.
Doch wir wollen unser Dossier mit einer kurzen Dar- stellung der wichtigsten Ergebnisse der Grenzpend- ler-Studie beginnen. Fernand Fehlen, der unseren Le- sern als "forum"-Mitbegründer und Mitherausgeber bekannt ist, hat das Forschungsprojekt am CRP-CU geleitet. Wir haben ihn gebeten, die wichtigsten Er- gebnisse zusammenzufassen. Darüber hinaus macht er sich zum Schluß seines Artikels Gedanken über die Interferenzen zwischen der räumlichen Mobilität der Grenzpendler und der sozialen Mobilität der Lu- xemburger.
In der CRP-CU Studie wurde eine ausführliche Un- tersuchung der Gehälter in Luxemburg durchgeführt,
die zeigt, welche Parameter die Höhe des Verdienstes bestimmen. Diese Untersuchung, die hier nicht in ihrer ganzen Breite dargestellt werden kann, zeigt, daß die Grenzpendler zwar weniger verdienen als die Einheimischen, sie zeigt aber auch, daß dieser Unter-
schied aus der spezifischen Struktur (z.B. das Alter betreffend) dieser Population erklärt werden kann. Die Autoren der Studie haben dieses Kapitel für "forum" zusammengefaßt.
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