„Hochverrat am Dritten Reich“

Formen des Widerstands der luxemburgischen Bevölkerung gegen das NS-Regime (1940-1944)

Am 10. Mai 1940 fiel die Wehrmacht ins neutrale Luxemburg ein. Die geflüchtete Regierung und die Großherzogin entschieden sich, nach einigem Zögern, ins Exil zu gehen, um sich auf die Seite der Alliierten zu stellen. Einige Monate später übernahm Gustav Simon als Chef der Zivilverwaltung die Macht in Luxemburg, das de facto ein Teil des Dritten Reiches wurde. Die Politik der NS-Besatzungsmacht zielte auf die Germanisierung und Nazifizierung der Strukturen und der Bevölkerung Luxemburgs ab. Die staatlichen Institutionen wurden abgeschafft, Parteien und Gewerkschaften verboten, das Vereinswesen gleichgeschaltet, die Bewohner1 durch einen Propagandaapparat indoktriniert. Die politischen Verantwortlichen, die im Land geblieben waren, bündelten sich in einer Verwaltungskommission und versuchten mit den Deutschen zu kollaborieren, um die Unabhängigkeit des Landes zu wahren. So kam es, dass die Verwaltungskommission paradoxerweise bei der Abschaffung des luxemburgischen Staates und der ersten Phase der jüdischen Verfolgung Mitverantwortung trug. Doch die NS-Besatzer waren an einer permanenten Zusammenarbeit nicht interessiert und lösten die Verwaltungskommission im Dezember 1940 auf. Spätestens ab Oktober 1940 setzten die ersten Repressionsmaßnahmen ein: Bis zur Befreiung im September 1944 herrschte in Luxemburg ein fremdes Terrorregime, auf eine liberale Demokratie folgte eine Diktatur.2

Reaktionen im Kontext von Diktatur und Terror

Die Bewohner fühlten sich von den politischen Verantwortlichen im Stich gelassen und mussten sich in einer völlig neuen, unberechenbaren und gefährlichen Situation zurechtfinden. Schematisiert man die Reaktionen der Bevölkerung während des Krieges, so verhielt sich eine Mehrzahl der Bewohner Luxemburgs abwartend und passiv, obwohl sie den Nationalsozialisten nicht wohl gesinnt war. Eine Minderheit kollaborierte mit den NS-Besatzern, und eine andere Minderheit widersetzte sich ihnen aktiv. Luxemburger, welche die NS-Ideologie befürworteten, gründen die „Volksdeutsche Bewegung“ (VdB) und traten später der NSDAP bei. Auf der anderen Seite wehrten sich sowohl einzelne Personen als auch organisierte Bewegungen, die ein vielseitiges und oft spannungsreiches Spektrum an politischen Überzeugungen abdeckten,3 gegen die Besatzer. Die Realität war jedoch oft viel komplexer. Henri Wehenkels Buch Entre chien et loup4 zeigt auf beeindruckende Weise Biografien von Personen, die sich zwischen den gegensätzlichen Polen „Kollaboration“ und „Widerstand“ in einer vielschichtigen Grauzone bewegten. So war die kriegsbedingte Wirklichkeit gezeichnet von Kompromisszonen, in denen zwischen Zugeständnis und Ablehnung immer wieder verhandelt wurde, sowohl in Bezug auf den Unterdrückten, als auch auf den Unterdrücker.5

Was bedeutet „Widerstand“?

Was aber bedeutet „Widerstand“ im annektierten Luxemburg? Welche Formen kann dieser annehmen? Eine allumfassende Definition gibt es nicht, und so ist die Geschichtsschreibung reich an Begriffsbestimmungen und Debatten zum „Widerstand“ in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg.6 Der französische Historiker Pierre Laborie versteht unter „Widerstand“ Aktionen, deren bewusste Intention es ist, gegen die NS-Ideologie zu kämpfen mit dem Ziel, dem NS-Regime zu schaden. Diese Aktionen stellen eine Transgression der NS-Ordnung dar und ziehen Repression und Verfolgung nach sich.7 Mit dieser engen Definition lässt sich vermeiden, dass der Begriff „Widerstand“ zu schwammig wird. In der Geschichtsschreibung zum „Widerstand“ in den annektierten Gebieten Westeuropas wird er ebenfalls benutzt.8 Trotzdem muss man betonen, dass in Luxemburg, im Elsass und der Moselle der Handlungsspielraum der Bevölkerung viel kleiner war als im besetzten Frankreich oder in Belgien. Die NS-Besatzungsmacht interpretierte jegliches Aufmucken schnell als „Hochverrat“, da die Menschen als „Deutsche“ angesehen wurden. Den englischen Radiosender BBC zu hören, konnte, wenngleich es kein aktiver Widerstand war, fatale Folgen haben. Auf den Menschen, die sich wehrten, lag ein enormer Druck. Sie riskierten Verhaftung, Folter, Gefängnis, Konzentrationslager und/oder Exekution. Zudem gefährdeten sie ihre Familien und Freunde. Tausende Widerstandskämpfer wurden in Gefängnissen interniert oder in Konzentrationslager deportiert. Hunderte Widerstandskämpfer wurden exekutiert oder starben an den Haftbedingungen. In einer Diktatur zu protestieren, zu revoltieren, Widerstand zu leisten ist demnach keine Selbstverständlichkeit. Dies erklärt, warum sich nur eine Minderheit dazu entschloss, sich zu wehren.

Formen des Widerstands

Versucht man dieses Handeln zu kategorisieren, so kann man zwischen vier Formen von Widerstand unterscheiden.9 Eine erste bestand in der Informationsbeschaffung und -vermittlung. Zum einen versuchten die Widerstandskämpfer der NS-Besatzungspolitik entgegenzuwirken, indem sie Graffitis auf Mauern malten und heimlich Flugblätter und Untergrundzeitungen sowie patriotische Fotomontagen herstellten und verteilten. Auch wenn sich diese Konterpropaganda je nach politischer Ausrichtung der Gruppierungen sehr unterschied, war ihre Grundaussage doch die gleiche: „Wir sind Luxemburger und keine Deutschen“ sowie „Wir kämpfen für die Befreiung unseres Landes“. Zum anderen entstanden Spionagenetzwerke, um den Alliierten wichtige politische, wirtschaftliche und militärische Informationen zukommen zu lassen.

Die Unterstützungsarbeit und Fluchthilfe für Verfolgte des NS-Regimes war eine weitere Form des Widerstands. Untergrundbewegungen sammelten Geld, um Familien in Not zu helfen, z. B. wenn der Vater oder die Mutter verschleppt wurde und nicht mehr für die Angehörigen sorgen konnte. Widerstandskämpfer brachten Verfolgte über die Grenze und/oder organisierten Verstecke im Land. So gelang es den Widerstandsgruppierungen, aber auch Einzelpersonen, rund 2.500 Refraktäre (Zwangsrekrutierte, die dem Stellungsbefehl nicht Folge leisteten) und Deserteure im Land zu verstecken und weitere 1.000 nach Frankreich oder Belgien zu schleusen. Hier sollte man unterstreichen, dass ohne die Solidarität eines nicht zu unterschätzenden Teils der luxemburgischen Bevölkerung dies unmöglich gewesen wäre.

Eine dritte Form des Widerstands stellte der öffentliche Ungehorsam dar. Menschen trugen patriotische Abzeichen, verweigerten den Hitlergruß, lehnten die Mitgliedschaft in der VDB oder der Hitlerjugend ab oder widersetzten sich der obligatorischen Einberufung in den Reichsarbeitsdienst und in die Wehrmacht. Als im Oktober 1940 beispielsweise die Gëlle Fra abgerissen wurde, versammelten sich vor allem Schüler des gegenüberliegenden Athenäums vor dem Monument und protestierten. Die Verhaftungswelle ließ nicht lange auf sich warten. Der Höhepunkt dieses öffentlichen Ungehorsams waren ohne Zweifel die Streikbewegungen im August/September 1942. Nachdem Gustav Simon den obligatorischen Wehrdienst angekündigt hatte, riefen die Widerstandsorganisationen zum Streik auf. Schüler, Lehrer, Arbeiter, Geschäftsleute, Beamte und Bauern kamen diesem Aufruf nach. Auch wenn die Streikbewegungen oft nur einige Stunden dauerten und wirtschaftlich ohne Konsequenzen blieben, so war ihre symbolische und moralische Implikation ein Schlag ins Gesicht der NS-Besatzer. Diese riefen den Ausnahmezustand aus, und ihre Repressionsmaßnahmen waren unerbittlich. 21 per Zufall ausgewählte Männer, die sich am Streik beteiligt hatten, wurden hingerichtet, Hunderte kamen in Gefängnisse und Konzentrationslager oder wurden umgesiedelt.

Der bewaffnete Kampf war die letzte Form des Widerstands und vom moralischen Standpunkt aus betrachtet wohl auch die komplexeste. Auf territorialer Ebene ist Luxemburg klein und überschaubar, zudem gab es wenig Waffen und Munition. Im Gegensatz zu Frankreich und Belgien hatten sich deshalb keine bewaffneten Einheiten im Untergrund (Maquis) gebildet, die Sabotageakte verübten oder die Deutschen überfielen. Trotzdem gab es auch in Luxemburg vereinzelt bewaffneten Widerstand. Im Juni 1942 gelang es Jos Hittesdorf, einen Güterzug entgleisen zu lassen. Als der Widerstandskämpfer Raymond Petit von der Gestapo umzingelt wurde, tötete er einige Gestapobeamte, bevor er sich selbst das Leben nahm, um unter Folter niemanden zu verraten. Im April 1944 wurden fünf Refraktäre von der Gestapo in ihrem Bunker im Wald von Heinerscheid entdeckt. Anstatt sich zu ergeben, entschieden sie sich, ihr Versteck zu verteidigen, und es gelang ihnen auch, ihre Stellung zu halten. Tags darauf sprengte die Gestapo jedoch den Bunker mit Dynamit und tötete die fünf Luxemburger. Auch außerhalb des Landes entschieden sich luxemburgische Bewohner zum bewaffneten Widerstand. Rund 400 engagierten sich im französischen und belgischen Maquis und über 200 in den alliierten Armeen.

Widerstand in der kollektiven Erinnerung

Nach der Befreiung ging der Widerstand in die kollektive Erinnerung ein, und zwar so, dass die Kollaboration marginalisiert und der Widerstand auf die gesamte Nation erweitert wurde. Er umfasste demnach nicht mehr nur eine Minderheit, die sich aktiv zur Wehr setzte. Es handelte sich um einen Prozess, der es den politischen Autoritäten Luxemburgs (ähnlich wie in anderen europäischen Ländern) ermöglichte, den Nationalstaat zu legitimieren und den Wiederaufbau im Kontext der Säuberungen und des Kalten Krieges zu festigen.10 Die vielen Vereinigungen früherer Widerstandskämpfer, die sich seit 1944/1945 formierten, unterstützten diesen Erinnerungsdiskurs zum größten Teil. Dies verhindert jedoch nicht, dass sie sich jahrzehntelang den Zwangsrekrutierten widersetzten, die eine moralische und finanzielle Gleichstellung mit den Widerstandskämpfern forderten.11 Auch Interpretationskonflikte zwischen Widerstandskämpfern und Historikern entstanden, wie z.B. im Musée national de la Résistance in den 1980er Jahren. Im Zuge der Neugestaltung der Ausstellung wollten die Historiker nicht nur auf die 1940er, sondern auch auf die 1930er Jahre eingehen, um die Ereignisse in Luxemburg während des Zweiten Weltkriegs und die politisch-ideologischen Spannungen innerhalb der Widerstandsbewegungen zu kontextualisieren. Die Vereinigungen der Widerstandskämpfer verbreiteten aber durch ihre Erinnerungsmedien, wie z.B. ihre Verbandszeitschriften, das Bild eines geeinten und apolitischen Widerstands und widersetzten sich dieser nuancierteren Interpretation mit Erfolg.12 Man muss also unterstreichen, dass der Begriff „Widerstand“ im Zuge von Erinnerungskonkurrenzen immer wieder polemisiert und stets neu verhandelt wurde – und auch heute noch umkämpft ist.13

  1. In diesem Artikel wird zugunsten der Lesbarkeit allgemein das generische Maskulinum benutzt, Frauen sind in dieser Form eingeschlossen.
  2. Vincent Artuso, La collaboration au Luxembourg durant la Seconde Guerre mondiale (1940-1945). Accommodation, adaptation, assimilation, Frankfurt am Main, Peter Lang, 2013.
  3. Lucien Blau, La résistance au Grand-Duché de Luxembourg (1940-1945): Sociologie, idéologies et programmes, mémoire de maîtrise, Universität Metz, 1984.
  4. Henri Wehenkel, Entre chien et loup, Luxemburg, Editions d‘Lëtzebuerger Land, 2018.
  5. François Marcot, „Comment écrire l’histoire de la Résistance?“, in: Le Débat, 2013, 177, S. 173-185.
  6. François Marcot (Hg.), Dictionnaire historique de la Résistance, Paris, Robert Laffont, 2006.
  7. Pierre Laborie, Les Français des années troubles. De la guerre d’Espagne à la Libération, Paris, Seuil, 2003.
  8. François Marcot, „Comment ,Penser la résistance’?“, in: Alfred Wahl (Hg.), Les résistances des Alsaciens-Mosellans durant la Seconde guerre mondiale (1939-1945), Metz, Centre Régional Universitaire Lorrain d’Histoire Metz, 2006, S. 9-27; Marc Limpach/Marc Kayser, Wir glauben an die Demokratie. Albert Wingert, Resistenzler, Luxemburg, Editions d’Lëtzebuerger Land, 2004, S. 14-24.
  9. Einen guten Überblick zur Geschichte Luxemburgs im Zweiten Weltkrieg und zum Widerstand bietet: …et wor alles net esou einfach: Questions sur le Luxembourg et la Deuxième Guerre mondiale: contributions historiques accompagnant l’exposition: Fragen an die Geschichte Luxemburgs im Zweiten Weltkrieg: ein Lesebuch zur Ausstellung, Luxemburg, Musée d’histoire de la Ville, 2002.
  10. Henry Rousso, Le syndrome de Vichy de 1944 à nos jours, Paris, Seuil, 1990, S. 19.
  11. Elisabeth Hoffmann, La mémoire de la „Résistance“ au prisme d’une histoire comparée des associations d’anciens résistants du Luxembourg, de l’Alsace, de la Moselle et de la Belgique de l’Est (1944-2017), Dissertation, Universität Luxemburg, Universität Lorraine, 2018: http://orbilu.uni.lu/handle/10993/35879 (letzter Aufruf: 15. Mai 2019); Eva Maria Klos, Umkämpfte Erinnerungen. Die Zwangsrekrutieren im Zweiten Weltkrieg in den Erinnerungskulturen Luxemburgs, Ostbelgiens und des Elsass (1944-2015), Dissertation, Universität Luxemburg, Universität Trier, 2017.
  12. Elisabeth Hoffmann, „La médiation de l’histoire de la ,Résistance’ au Luxembourg: une lente émancipation“, in: Hémecht, 2017, 3-4, S. 347-358; siehe hierzu auch den Beitrag von Frank Schroeder in diesem Heft, S. 52-54.
  13. Ich möchte meinem Kollegen Jérôme Courtoy für seine wertvollen Ratschläge beim Korrekturlesen danken.

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