Jenseits des Weiblichkeitswahns
Öber die natürlichen Bedingungen der Frauen-Emanzipation (Auszug aus Publik-Forum 12, 1979)
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Über die natürlichen Bedingungen der Frauen-Emanzipation.
Von Ludwig Ebersberger.
Auszüge aus Publik-Forum Nr. 12 vom 15.6.1979
Unlängst „feierten“ wir ein Jahr der Frau. Jetzt haben wir es mit einem Jahr des Kindes zu tun. Beides ist Ausdruck schlechten Gewissens — ein „Jahr des Mannes“ wird es nicht geben. Es versteht sich beinahe von selbst, daß man beide Problemkreise nicht voneinander isoliert sehen kann. Dementsprechend spiegelt sich in der hierzulande heiß geführten Diskussion um die Frage der Frauen-Emanzipation und ihren grundlegenden Mißverständnissen die gesamte Misere unserer Erziehungspraxis, darüber hinaus die Krise unseres derzeit praktizierten Wertsystems, in der von langer Hand angelegte Entwicklungen kulminieren und in unserer aktuellen Situation grundsätzliche Neuorientierungen verlangen.
Es trifft zu, daß die Frau unterdrückt worden ist, seit es geschriebene Geschichte gibt, und zwar in so gut wie allen großen Kulturen. Noch unseren Vätern galt als selbstverständlich, daß die Frau zur Bedienung des Mannes da sei, in China konnten noch im 20. Jahrhundert Frauen nur dann zu Ansehen gelangen, wenn sie auf normale Gehwerkzeuge verzichteten usw. usf., noch heute schließt der Moslem die Frau sogar vom jenseitigen Paradiese aus, nur „Huris“, originär himmlische Geschöpfe, sind gut genug, ihm dort zu Diensten zu stehen.
Im Christentum war die Gleichrangigkeit der Geschlechter von Anfang an grundgelegt. Aber es mußten die hieraus sich entwickelnden Impulse, um sich durchsetzen zu können, erst eine gewisse Verselbständigung erfahren und in antagonistische Wechselwirkung treten zu den stets zum Arrangement zu Bestehendem geneigten christlichen Institutionen. Dies gilt nicht allein für die Frauenfrage, sondern für nahezu alle im christlichen Wertsystem gründenden Emanzipationsbewegungen.
Evolution wird geleugnet
Auch die Befreiungsbewegung der Frau löste sich von den überkommenen Werten. Entsprechend spiegelt sich auch in ihr die Desorientiertheit unserer Gegenwart. Man verwechselt Emanzipation mit Gleichberechtigung. Gewiß: berufliche Gleichbewertung und Chancengleichheit sind Voraussetzungen der Befreiung, und leider sind wir hiervon noch so weit entfernt, daß das Wort „Schande“ hierfür nur als mild betrachtet werden kann — aber keineswegs schon die Befreiung selbst. Dies ergibt sich zwingend allein schon (aber nicht nur) aus den von den biologischen Gegebenheiten her zu definierenden Rechten des Kindes. Aber genau das wollen die heute tonangebenden Frauenrechtlerinnen nicht wahr-
haben. Im Sinne einer extremen Milieutheorie betrachten sie originäre Unterschiede zwischen Mann und Frau als nicht-existent, vielmehr als Kunstprodukt, entstanden aus der traditionellen Erziehungsweise. Schon der Gedanke daran, daß nicht auch Männer Kinder gebären können, versetzt sie in helle Empörung. Unter dem Schlagwort „Heimchen am Herd“ werden Diffamierungskampagnen gestartet gegen den wichtigsten aller Berufe, dem der höchste Wert anvertraut ist, den wir auf Erden kennen: die menschliche Substanz. Man überbietet sich in der systematischen Abwertung spezifisch weiblicher Wesenszüge, von „Weiblichkeitswahn“ ist die Rede, der Hang zu Mäßigung, Ausgleich, Beschränkung auf das Mögliche und Angemessene, zu Bewahrung und Verfeinerung gilt als „reaktionär“, und überall spricht man’s gedankenlos nach. Man negiert damit nicht weniger als eine runde Milliarde Jahre Evolution organischen Lebens, bis hin zu der Zeit, als sich erstmals Unterschiede bil-
Geopferte Frau
deten zwischen beweglichen, unruhigsuchenden, abenteuernd-vagabundierenden, erobernden Mikrogrammen und ortsgebundenen, bewahrenden, nährenden, mit den Grundlagen des Bios verbunden bleibenden Makrogametten, die sich in der Geschlechtspezifität, die allen mehrzelligen Organismen eigen ist, ihre demgemäßen Organisationsformen schufen. Auch im Publik-Forum, Nr. 2/78 (Titelseite) stand zu lesen: „Die Frau muß sich immer alarmiert fühlen, wenn man sie ausdrücklich als Mutter apostrophiert und verehrt. Das bedeutet nämlich immer, daß man sie ins ‚Reich der Mütter‘ hinunterdrängen (man beachte: hinunter!) und ihr die Personwerdung verwehren will“. Erschreckend, gerade weil diese Äußerung von einer so überaus achtenswerten Autorin wie Luise Rinser stammt, die damit ausdrücklich und offenbar ganz selbstverständlich die Welt des Mannes als die höherwertige anerkennt. So argumentierend, werden Frauenrechtlerinnen ungewollt zu Akteurinnen des letzten Aktes der Frauentragödie der vergangenen 3000 Jahre, an dessen Ende nicht die Freiheit, sondern die endgültige Liquidierung der Frau stehen wird.
Was „Gleichberechtigung“ in einer „phallokratischen“ — d. h. in ihrer Gesetzgebung einseitig auf die geschlechtsspezifische Werthaltung des Mannes abgestimmten — Gesellschaft wirklich bringt, offenbarte sich nicht in den Polit-Theorien, sondern in den Praxen der Frauenärzte: die Frau ist gegen-
über dem Manne der dreifachen Belastung unterworfen:
- durch die gleichen Berufspflichten
- durch Aufzucht von Kindern
- durch die Bedienung des Mannes.
Hinzu kommt neuerdings, daß die Frau unter dem Zeichen der „Pille“ — der Mann ist da fein heraus — auch die Last der Konzeptionskontrolle allein tragen muß in Form eines groben Eingriffes in das hochdiffizile Gefüge der neurohormonalen Regelungssysteme, mit merkbar lebensverkürzender Wirkung, besonders bei Mitwirkung des Emanzipationssymbols Zigarette. Und die Altersversorgung: Mütter stehen desto ärmer da, je mehr Kinder sie hatten und je mehr sie sich ihnen widmeten, am ärmsten dann, wenn sie vom Mann verlassen wurden. Kriegsdienst ist als Ersatzzzeit anerkannt, auch für die Flakhelferin. Die Gleichstellung des Witwers mit der Witwe ist auf dem Wege. Und die Mutterschaft? Da Männer nicht in diese Verlegenheit kommen, stellt sich hier die Frage der Gleichberechtigung erst gar nicht!
Das ist die Realität der Phallokratie. (…)
Die Vorherrschaft männlichen diskursiv-analytischen, Lebendiges seziierenden Denkens mit dem ewigen Bemühen, alle Dinge aus einem jeweils einzigen Prinzip heraus zu erklären und technomorph zu beherrschen, ist an Grenzen gestoßen, wir bewegen uns auf Bahnen, die mit exponentiell wachsender Geschwindigkeit ins Nichts führen. Wir stehen unter dem Zwang, Wettrüsten und konkurrierende Raubbautechnik zu beenden und eine Gesellschaft zu schaffen jenseits von Kapitalismus und Sozialismus unter Einpassung in die biosphärische Ordnung mit ihren Kreisläufen, Gleichgewichten und Regelungssystemen. Das wird kaum gelingen ohne komplementäre, ganzheitsbezogene Berücksichtigung aller Lebens- und Erkenntnisbereiche von der Physik bis hin zur religiösen Erfahrung, vor allem nicht ohne die Gleichbewertung der spezifisch weiblichen Wertwelt mit der männlichen. Lassen wir dahingestellt, ob es hierzu unbedingt Priesterinnen geben muß, ob angestrengt werden soll, daß Frauen in den parlamentarischen Gremien paritätisch vertreten sind etc. (letzteres wäre vielleicht ein mutiger Schritt). Wichtig und vordringlich ist, daß in der Frauenbewegung diejenigen Kräfte die Oberhand bekommen, die ihre Identität erkennen und nachdrücklich vertreten als Hüterin der menschlichen Substanz, und — unter den neuen Gegebenheiten — nicht nur das, sondern als die natürliche Anwältin des Bios überhaupt.
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