Jungen werden nicht missbraucht — oder?

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Der sexuelle Mißbrauch von Mädchen ist kein Tabu-Thema mehr. Daß Jungen ebenfalls in hohem Maße gefährdet sind, geht in der öffentlichen Diskussion meist unter. So ist auch wenig darüber bekannt, welche Folgewirkung zum Beispiel pädophile Handlungen für die betroffenen Jungen haben.

"Sexuell mißbrauchte Jungen?! Die gibt es doch kaum. Im Gegensatz zu mißbrauchten Mädchen fallen die nicht ins Gewicht. Soll mit diesem Thema nicht nur von der sexuellen Gewalt gegen Mädchen und Frauen abgelenkt werden?" Solche Aussagen sind bei uns in der BRD bei Diskussionen über die sexuelle Ausbeutung von Kindern immer noch zu hören. In den USA ist man da schon weiter: Großangelegte und zum Teil repräsentative Untersuchungen zeigten dort, daß etwa jeder siebte bis zwölfte Junge sexuell ausgebeutet wird (1). Diese Ergebnisse lassen

vermuten, daß fast genauso viele Jungen wie Mädchen sexuell mißbraucht werden. Selbst wenn dies nicht richtig sein sollte, sind doch die häufig in der deutschen Literatur angegebenen Zahlenverhältnisse zwischen Jungen und Mädchen von 1:5 bis 1:9 falsch. Wahrscheinlicher ist ein Verhältnis von 1:2. Außerdem wurde festgestellt, daß viele der Menschen, die Frauen vergewaltigen und Kinder mißbrauchen, selbst in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlebt haben (2).

Sexueller Mißbrauch von Jungen kann angesichts dieser Tatsachen, und daß auch bei uns seit kurzem einige Männer ihr Schweigen brechen, nicht länger ignoriert werden.

Jungen werden in erster Linie durch Familienmitglieder oder Bekannte sexuell ausgebeutet. Fremde sind seltener die Täter. Manfred, 21 Jahre, erzählt:

"Das hat ganz harmlos angefangen. Am Anfang habe ich selbst nicht gewußt, was ich darüber denken sollte. Es war nämlich so, daß meine Eltern eine Gaststätte hatten und die haben sonntags immer ausgeschlafen. Wir Kinder waren da schon viel früher wach, und ich bin immer zu meinem vier Jahre älteren Bruder ins Zimmer gegangen. Es fing dann ganz spielerisch an. Er sagte zu mir: ‚Guck mal mein Schwanz wird größer, wie ist das denn mit deinem?‘ Es steigerte sich mit: ‚Probier doch mal, das schmeckt ganz gut im Mund.‘ Und nachher hieß es: ‚Man kann das Ding auch in den Arsch stecken.‘ Und dann hat er das gemacht. Es hat angefangen, als ich acht, neun Jahre alt war und fünf Jahre gedauert."

Kommt es – wie bei Manfred – zu sexueller Gewalt innerhalb der Familie, sind bei Jungen im Gegensatz zu Mädchen meist nicht Väter die Täter, sondern eher Brüder oder Vettern. Jungen werden überhaupt seltener von Familiemitgliedern sexuell ausgebeutet als Mädchen. Jungen werden häufiger Opfer von Erziehern, Lehrern, Nachbarn und Bekannten.

Uwe, 28 Jahre, Student berichtet:

"Ich bin im Alter von ungefähr zwölf bis 14 Jahren sexuell mißbraucht worden. Der Täter war der damals etwa 55jährige ehemalige Lehrer meines Vaters. Der nähere Kontakt kam so zustande, daß meine Eltern und der Täter sich am Wochenende auf einem Campingplatz getroffen haben. Der Kontakt zwischen meinem Vater und dem Täter war schon enger in Form von gemeinsamen Spaziergängen und Kartenspielen. Und wir kannten seine Familie ganz gut. Der Mann war verheiratet und hatte Kinder."

Täter: Der Biedermann von nebenan

Ähnlich wie bei Manfred und Uwe dauert die sexuelle Ausbeutung von Jungen oft Jahre. Und besonders, wenn die Täter Familienmitglieder oder Menschen sind, die das Kind kennt, bleibt es selten bei einmaligen Übergriffen. Zudem kommt es dann häufiger zu versuchtem oder vollzogenem Oral- oder Analverkehr, wie etliche Studien belegen (3).

Die größte Gefahr droht Jungen also nicht durch den minderbegabten greisen Lustmolch, der in dunklen Parks Kinder überfällt, sondern von ganz unauffälligen Männern. Der Mythos vom "schwarzen Mann" ist durch viele Untersuchungen widerlegt worden. Manfreds Erfahrungen auf dem Jungenstrich, den er im Anschluß an den sexuellen Mißbrauch durch seinen Bruder im Alter von zwölf bis 16 Jahren regelmäßig aufsuchte, sind ein weiterer Beleg:

"In dem Park sieht man viele Autos mit Kindersitzen. Die meisten Männer sind wohl Familienväter. Sie kommen in der Mittagspause oder nach der Arbeit in den Park und hoffen, daß ein netter Schüler vorbei-

Was passiert denn nun wirklich, wenn ich es erzähle? Dann will doch niemand mehr mit mir spielen und mein Freund oder meine Freundin sein, oder?

in: "Wenn ich darüber…"

kommt. Es waren auch Schwule dabei, aber nicht so viele wie Familienväter."

Frauen machen bei der sexuellen Gewalt gegen Jungen etwa zehn bis 15 Prozent der Täter aus. Jungen werden also ähnlich wie Mädchen in der Regel durch Männer mißbraucht. Vielfach übersehen wird bei der Diskussion um die Täter auch, daß Jugendliche einen erheblichen Anteil der Menschen ausmachen, die Kinder sexuell mißbrauchen. Über 90 Prozent sollen nach amerikanischen Erfahrungen selbst Opfer sexueller Gewalt sein (4).

Die Studien zur männlich-homosexuellen Prostitution in der BRD weisen in eine ähnliche Richtung. Sehr viele der befragten Strichjungen haben sexuelle Gewalt in Kinderheimen durch ältere Heimkinder oder Heimerzieher erlebt (5). Weiter gestützt wird diese These durch die Aussage eines Pädophilen. Fritz, 40 Jahre, erzählt:

"Wo ich im Heim gearbeitet habe, habe ich die ersten Gleichgesinnten kennengelernt. Das ist hochinteressant. Von den Päderasten, die ich kennen, waren 80 Prozent im pädagogischen Bereich tätig – entweder Pfarrer, Sozialarbeiter oder Lehrer."

Eine Auseinandersetzung mit den Pädophilen und ihren Positionen ist – wie schon Fritz‘ Aussage zeigt – bei der Diskussion der sexuellen Ausbeutung von Jungen unerläßlich, da sich anscheinend das sexuelle Interesse der meisten Pädophilen auf Jungen richtet.

Neuere Untersuchungen haben gezeigt, daß viele der Täter offenbar selbst mißbrauchte Kinder sind. Für einen als Kind mißbrauchten Mann kann die Vergewaltigung eine Wiederholung der eigenen Kindheit unter umgekehrten Vorzeichen bedeuten. Indem er die Rolle des Aggressors übernimmt, versucht er die Gefühle der Ohnmacht und Verlassenheit seiner Kindheit zu überwinden.

Für einen erheblichen Teil der sexuellen Gewalterfahrungen von Jungen sind folglich Pädophile verantwortlich. Die Pädophilen, die Jungen bevorzugen, nennen sich auch Päderasten. Das Wort Pädophile kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Kinder lieb/gern haben. Pädophile fühlen sich zu Kindern hingezogen. "Diese Zuneigung unterscheidet sich von dem, was im allgemeinen unter ‚kinderlieb‘ verstanden wird dadurch, daß sie auch sexueller Art ist" (6). Für die Pädophilen sind ihre Kontakte mit Kindern aus folgenden Gründen keine sexuelle Gewalt: Erstens seien pädophile Beziehungen keine ungleichen Beziehungen, in denen die Machtpositionen extrem verschieden sind, denn "gerade Pädophile sind häufig die idealen Pädagogen, weil sie ein tiefes Interesse für Kinder haben … Sie haben Respekt vor dem Kind und sind nicht dazu geneigt, sich herablassend gegenüber dem Kind zu verhalten, sondern sie sehen das Kind vielmehr als gleichwertig an" (7).

Fritz dazu: "Zwischen Junge und Mann besteht kein Machtgefälle. Gut, natürlich mache ich Dinge, um dem Jungen zu helfen. Für mich ist aber der Grundsatz dabei: Nur wenn er will. Das bezieht sich keinesfalls nur auf die Sexualität, sondern auch auf die anderen Dinge. Ich bin kein Lehrer, ich bin kein Vater, ich bin ein Freund."

Wann Zärtlichkeit schadet

Weiterhin gehen die Pädophilen davon aus, daß für Kinder Sexualität mit Erwachsenen eine ganz normale Angelegenheit wäre, wenn sie nicht durch gesellschaftliche Verbote unterdrückt würden. Fänden die sexuellen Kontakte ohne körperliche Gewalt statt, seien sie folglich auch keine sexuelle Gewalt, sondern eher eine sexuelle Befreiung. Schließlich hätten pädophile Beziehungen kaum negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder, was durch Untersuchungen belegt sei. Schäden würden vielmehr erst durch die Reaktion der Umwelt verursacht (8). Noch einmal Fritz: "Ich glaube, daß Schäden angerichtet werden, wenn Eltern eine pädophile Beziehung mit Gewalt unterbinden. Die Beziehung selbst richtet keinen Schaden an, wenn sie gleichberechtigt und gewaltfrei abläuft".

Dem ist folgendes entgegenzuhalten:

  • In unseren gesellschaftlichen Verhältnissen besteht zwischen Kindern und Erwachsenen immer ein strukturelles Machtgefälle: Die Pädophilen schreiben den Kindern den Status zu, gleichberechtigt zu sein. Sie verleugnen dabei die Ungleichheit der psychischen, kognitiven und psychosexuellen Entwicklung und die fehlende Entscheidungsgewalt eines Kindes in allen wichtigen Lebensbereichen. Wenn Kinder aber so gut wie nichts selbst entscheiden dürfen, wie sollen sie dann aber gerade pädophile Beziehungen in freier Entscheidung aufnehmen können? Hinzu kommt außerdem noch, daß Kinder nicht die volle Bedeutung der "Erwachsenen-Sexualität" kennen. Kinder können folglich nicht als gleichberechtigte Partner wissentlich in sexuelle Kontakte einwilligen oder sie ablehnen (9).

  • Zwischen dem Erwachsenen und dem Kind besteht hinsichtlich des sexuellen Anteils der pädophilen Be-

ziehung eine "Disparität der Wünsche" (19). Natürlich haben Kinder sexuelle Bedürfnisse, die sie auch ausleben sollen. Aber "aus der kindlichen Neugier an sexuellen Dingen einen Wunsch nach sexuellen Kontakten abzuleiten, ist ebenso unangemessen, wie aus der kindlichen Neugier an Tätigkeiten, die Erwachsene ausüben, einen Wunsch nach Berufstätigkeit abzuleiten" (11). Ein Kind, das auf den Schoß eines Mannes klettert, und ihn dabei zärtlich umarmt, will deshalb nicht genital verführt werden. Von einigen Männern wird aber gerade ein solches kindliches Verhalten als ein äußerer Anlaß für die sexuellen Kontakte angegeben.

"Sie wollte, daß ich zärtlich zu ihr bin und kletterte mir immer auf den Schoß. Sie sagte ’nein‘ als ich zum Sex überging, aber ich glaubte ihr nicht, denn warum wollte sie sonst alles andere?" (12).

  • Sexuelle Kontakte ohne körperliche Gewaltanwendung können sehr wohl schädlich sein. Gerade sexuelle Übergriffe innerhalb einer vertrauensvollen Beziehung scheinen gravierende Folgen zu haben. Von 24 mißbrauchten Jungen und 61 mißbrauchten Mädchen zeigten über 70 Prozent Verhaltensauffälligkeiten, obwohl nur wenige Übergriffe aggressiver Natur waren. Und vor allem die Jungen reagierten mit antisozialen und aggressiven Verhaltensweisen, wenn sich der sexuelle Kontakt über längere Zeit mit einem emotional vertrauten Menschen hinzog (13). Der Vertrauensverlust und die Tatsache, daß sich das Kind verraten fühlt, werden als die dafür entscheidenden Gründe genannt. Das Ausmaß der Schädigung hängt also gar nicht allein davon ab, ob der sexuelle Kontakt aggressiv oder nicht-aggressiv ist, wie das die Pädophilen behaupten.

Zusätzlich läßt sich zumindest für einen Teil der Betroffenen vemuten, daß ihr nach außen angepaßtes und funktionierendes Leben keinesfalls als Zeichen der Unschädlichkeit gewertet werden kann. Denn daß häufig große Kraftanstrengungen notwendig sind, um zum Beispiel Partnerschaftsprobleme zu kontrollieren, die zumindest teilweise aus den sexuellen Kontakten resultieren, wird häufig übersehen. Victor, 30 Jahre, ist im Alter von zehn Jahren von seinem Vater auf nicht-aggressive Weise genital gestreichelt worden. Heute ist er verheiratet und Hochschuldozent. Nach außen also ein scheinbar folgenloser Übergriff. Doch Victors Bericht belohnt uns eines Besseren:

"Meine katastrophale Unfähigkeit mit Frauen in Beziehung zu treten, war für mich Anlaß eine Psychotherapie zu beginnen. Ich hatte damals so große Probleme, daß ich Selbstmordgedanken hegte… Ich kam mit mir als Mann überhaupt nicht mehr zurecht: mit einer Frau zu schlafen, erscheint mir noch heute als eine schier unüberwindbare Schwierigkeit" (14).

  • Sehr kritisch zu sehen, ist auch der Verweis der Pädophilen auf positive Auswirkungen der sexuellen Kontakte. Nach ihren Aussagen entstehen die vermeintlich positiven Effekte daraus, daß sie sozial und emotional vernachlässigten Kindern finanzielle und emotionale Zuwendung geben. Die psychischen Folgen, die eventuell aus dem sexuellen Anteil der Beziehung resultieren, würden durch diese Liebe wieder aufgewogen.

Richtig daran ist sicherlich, daß viele der sexuell ausgebeuteten Jungen, den Sex mitmachen oder gar suchen, um Liebe zu bekommen. Manfred begründet damit seine sexuellen Kontakte zu den Männern im Park: "Ich wollte halt Wärme, mal kuscheln oder so. Die Wärme, die hat mir immer gefehlt, deswegen habe ich das immer mitgemacht. Ich kann mich nicht erinnern, daß meine Mutter oder mein Vater mich je umarmt haben."

Aber ein schädliches Verhalten kann und darf nicht damit gerechtfertigt werden, daß es ein vermeintlich noch größeres Übel bekämpft. Die Lösung sozialer Probleme von Kindern kann deshalb nicht in der Pädophilie liegen, sondern muß durch die Lösung der sozialen Probleme selbst angegangen werden (15).

Eine Form sexueller Gewalt

Pädophile Kontakte sind eine Form von sexueller Gewalt. Damit soll nicht eine neue Zwangsmoral propagiert werden; ein offener, körperlicher Umgang von Kindern und Erwachsenen ist wünschenswert. Aber es soll deutlich werden, daß eine Gesellschaft, in welcher die Gegensätze von Reife und Unreife, von Macht und Ohnmacht, von Wissen und Unwissen, von Erwachsenen und Kindheit nicht existieren, eine Utopie ist. Und zumindest solange bis diese Utopie nicht verwirklicht ist, bleibt jeder sexuelle Kontakt zwischen einem Kind und einem Erwachsenen sexuelle Gewalt.

Die Theorie, daß der sexuelle Mißbrauch die Wiederkehr eines selbsttätigen Schicksals ist, hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen: Neuere Untersuchungen haben gezeigt, daß viele der Täter offenbar selbst mißbrauchte Kinder sind. Erklärt wird der Weg vom Opfer zum Täter mit dem Abwehrmechanismus "der Identifikation mit dem Aggressor". Der Täter versucht sich durch die Reinszenierung des selbsttätigen Traumas von Ohnmachtsgefühlen zu befreien. "Für einen als Kind mißbrauchten Mann kann die Vergewaltigung eine Wiederholung der eigenen Kindheit unter umgekehrten Vorzeichen bedeuten. Indem er die Rolle des Aggressors übernimmt, versucht er die Gefühle der Ohnmacht und Verlassenheit seiner Kindheit zu überwinden. Das spezielle Körperteil, mit dem er so beschämend erniedrigt wurde, erlangt besondere Relevanz als Waffe in speziellen Situationen" (16).

Die psychische Struktur der Täter

Deutlich wird durch diese Aussage auch, daß sexuelle Gewalt nicht in erster Linie sexuell motiviert ist, sondern eher dazu dient, Dominanz- und Machtbedürfnisse zu befriedigen und Haß auszudrücken. Eine andere Erklärung ist, daß diesen Männern aufgrund ihrer Lebens- und Lerngeschichte alternative Fähigkeiten fehlen, um zwischenmenschliche Kontakte aufzunehmen. Sie folgen ihren Erfahrungen und stellen auf die für sie einzig mögliche Art eine Beziehung her. Sie nähern sich dem Kind auf sexuelle Weise.

Drittens wird angenommen, daß einige der Männer ihre in der Kindheit erlebten sexuellen Kontakte mit Erwachsenen in der Erinnerung als sexuell erregend empfinden. Sie glauben dann, ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen, daß solche Erlebnisse für Kinder nicht unangenehm sind, sondern Spaß machen.

Wenn jedoch der am eigenen Leib erfahrene sexuelle Übergriff der einzige Grund für die spätere Tat wäre, müßten folgende drei Thesen richtig sein: Erstens müßten alle mißbrauchten Kinder zu Tätern werden. Zweitens müßten alle Täter in ihrer Kindheit mißbraucht worden sein. Und drittens müßten Frauen mindestens ebenso häufig wie Männer sexuelle Gewalt ausüben. Keiner der drei Punkte trifft zu. Es muß also noch andere Entstehungsbedingungen geben.

Carlo Schmitz

Sexuelle
Gewalt ist
nicht in
erster Linie
sexuell
motiviert,
sondern
dient eher
dazu,
Dominanz-
und Macht-
bedürfnisse
zu befrie-
digen und
Haß auszu-
drücken.

Der amerikanische Psychologe N.A. Groth beschreibt einen Teil der Täter als in ihrer psychologischen Entwicklung gehemmt (17). Dies ist meist entweder auf Überbehütung oder auf emotionale Vernachlässigung zurückzuführen. Diese Menschen identifizieren sich derart mit Kindern, daß sie meinen, ihre emotionalen Bedürfnisse würden sich mit denen der Kinder decken. Sie wenden sich bevorzugt gleichgeschlechtlichen Kindern zu, da sie sich mit ihnen besser identifizieren können. Ihre sexuelle Orientierung erleben sie nicht als beunruhigend. Sie sind zufrieden, wenn sie sexuelle Kontakte zu Kindern haben. Diese Art von Sexualität stellt für diese Menschen eine Lösung von Entwicklungs- und Persönlichkeitsproblemen dar. Groth nennt diese Menschen "fixierte Täter". Das deckt sich in etwa mit dem, was allgemein unter "Pädophilie" verstanden wird. Neben den "fixierten Tätern" entwickelt Groth eine zweite Kategorie: die "regressiven Täter". Ihre Kindheit und Jugend ist auch durch vielfältige, aber nicht so einschneidende Verlassenheitserfahrungen geprägt. Sie konnten im Gegensatz zu den "fixierten Tätern" normale Kontakte zu Gleichaltrigen aufnehmen. Dennoch scheint ihre Entwicklung, je näher sie dem Erwachsenenalter kommen, durch unterschwellige Gefühle von Schwäche und Unzulänglichkeit belastet zu sein. Meist sind sie verheiratet. Ihr Selbstbild und Identitätsgefühl wird durch die sexuellen anforderungen ihrer Partnerinnen bedroht. Sie haben Angst, als "Mann" zu versagen. Eine emotionale Krise, ausgelöst meist durch Schwierigkeiten mit der Partnerin, aber auch durch berufliche, soziale oder finanzielle Probleme, führt zum sexuellen Übergriff. Da ihre eigentliche sexuelle Orientierung sich auf Erwachsene bezieht, entwickeln sie nach dem sexuellen Mißbrauch oft Scham- und Schuldgefühle. Diese Männer wenden sich häufiger Mädchen zu. Sexueller Mißbrauch stellt bei ihnen einen Lösungsversuch einer speziellen Lebenskrise dar.

Groths‘ Modell blieb nicht unkritisiert. Vor allem bemängelte man, daß es fast nur die individuelle Ebene beschreibt. In der Tat kann man ohne die soziokulturelle Ebene einzubeziehen, das Phänomen der sexuellen Ausbeutung von Kindern nicht erklären. Vor allem die männlichen Sozialisationsbedingungen scheinen in Wechselwirkung mit den individuellen Faktoren den sexuellen Mißbrauch zu bedingen. Ein Mann, der als Junge emotional vernachlässigt wurde und sexuelle Gewalt erlebt hat, fühlt sich deshalb schwach und verlassen. Von ihm als Mann wird aber Stärke, Dominanz und Durchsetzungsvermögen gefordert. Dies gilt besonders im sexuellen Bereich. Er wendet sich Kindern zu, da sie schwächer, kleiner und jünger sind. Bei ihnen kann er dominieren und sich stark fühlen. Er braucht keine Angst zu haben zu versagen. Hier ist er ein "richtiger Mann".

Zudem werden in der Kinderpornographie und der Werbung Kinder als "kleine Verführer" dargestellt. Dadurch wird die Tendenz verstärkt, daß sexuelle Kontakte mit Kindern vom Makel des Verbotenen befreit werden. Gerade in der Kinderpornographie machen Jungen einen hohen Anteil der Darsteller aus.

Auf der individuellen wie auf der soziokulturellen Ebene gibt es natürlich noch weitere Entstehungsbedingungen. Die Darstellung der wohl wichtigsten Ur-

sachen reicht aber aus, um zu zeigen, daß sexuelle Gewalt nur durch das Zusammenwirken verschiedener individueller, soziokultureller und situativer Faktoren entsteht.

Viele der Jungen empfinden ihre sexuellen Gewalterfahrungen als für sich schädlich. Trotzdem darf nicht geleugnet werden, daß sich nicht aus jedem sexuellen Kontakt notwendigerweise negative Folgen für die Jungen ergeben. Die kindliche Psyche ist offenbar in weitaus größerem Maße als angenommen fähig, milde Traumata ohne bedeutende Beeinträchtigungen der seelischen und sexuellen Entwicklung zu verarbeiten. Wichtig ist zudem, daß nicht jede Form der sexuellen Ausbeutung von Jungen in der gleichen Weise traumatisch ist. Erhebliche Folgen sind beispielsweise zu erwarten, wenn:

  • die Beziehung zwischen Kind und Täter vertraut ist,
  • Gewalt angewendet wird,
  • die Kinder oral- oder Geschlechtsverkehr erleben
  • der Täter ein Erwachsener ist,
  • die Eltern negativ auf die Aufdeckung der sexuellen Ausbeutung reagieren,
  • die Kinder häufig verhört werden.

Weniger traumatisch, so wird angenommen, ist der sexuelle Mißbrauch, wenn keine körperlichen Übergriffe stattfinden, wenn die Eltern das Kind unterstützen oder wenn der Täter selbst noch ein Kind ist.

Jungen sind ähnlich wie Mädchen nach einem sexuellen Übergriff häufig sehr ängstlich und haben Schlafstörungen. Sie zeigen weiterhin manchmal regressive Verhaltensweisen oder lassen in ihren schulischen Leistungen nach. Sie sind zuweilen autoaggressiv, in Extremfällen kommt es auch zu Selbstmordversuchen. Manche Jungen landen im Prostitutionsmilieu oder in der Drogenszene. Sie entwickeln meistens ein niedriges Selbstwertgefühl und haben Schwierigkeiten, anderen zu vertrauen. Sie fühlen sich schnell ungeliebt und ausgenutzt.

Neben diesen Folgen zeigen Jungen im Gegensatz zu Mädchen aber häufiger nach außen gerichtetes, aggressives Verhalten: Jungen werden vielfach selbst zu Tätern, sie verhalten sich aggressiv oder delinquent. Eine amerikanische Untersuchung kam zu dem Ergebnis, daß 80 Prozent aller verurteilten Kriminellen als Kinder sexuell oder körperlich mißhandelt wurden (18). Das sexuell aggressive und delinquente Verhalten der Jungen stellt einen Versuch dar, die durch den Mißbrauch erfahrene Schwäche und Ohnmacht zu überwinden. Die Jungen versuchen, dem Bild eines "richtigen Jungen" in besonderer Weise zu entsprechen, um ihre "Männlichkeit" zurückzugewinnen. Die geschlechtsspezifischen Sozialisationsbedingungen sind also nicht nur an der Entstehung der sexuellen Gewalt beteiligt, sondern sie spielen auch bei der unterschiedlichen Verarbeitung der sexuellen Erlebnisse von Jungen und Mädchen eine bedeutende Rolle. Daß Jungen bisher nur selten über ihre Mißbrauchserlebnisse sprechen – auch dafür sind die Sozialisationsbedingungen mitverantwortlich. Jungen dürfen ja nicht schwach sein und um Hilfe bitten. Also schweigen sie lieber. Dieses männliche Rollenbild aufzubrechen, würde vielen Jungen helfen, sich mit ihren Mißbrauchserfahrungen anders als bisher auseinanderzusetzen. Damit wäre ein erster Schritt getan, den Weg vom

Opfer zum Täter zu durchbrechen und sexueller Gewalt gegen Jungen, Mädchen und auch Frauen präventiv zu begegnen.

Dirk Bange, Diplom-Pädagoge der Beratungsstelle für Kinderschutz in Unna.

(Mit Genehmigung der Herausgeber übernommen aus "Psychologie heute", Januar 1990.)

(1) Baker, A./Duncan, S.: Child Sexual Abuse: A Study of Prevalence in Great Britain. In: Child Abuse and Neglect. Vol. 9/1985, 457-467.

Los Angeles Times: The Times Poll: 22% in Survey were Child Abuse Victims. 25.08 und 26.08.1985.

Risin, L.J./Koss, M.P.: The Sexual Abuse of Boys: Prevalences and Descriptive Characteristics of childhood victimisation. In: Journal of Interpersonal Violence. Vol. 2/1987, 309-323.

(2) Groth, N.A.: Sexual-Trauma in the Life histories of Rapists and Child Molestors. In: Victimology. Vol. 4/1979a, 10-16.

(3) Farber et al.: The Sexual Abuse of Children: A Comparison of Male and Female Victims. In: Journal of Clinical Child Psychology. Vol. 13/1984, 294-297.

Rogers, C.M. /Terry, T.: Clinical Intervention with Boy Victims of Sexual Abuse. In: Stuart, J.R./Greer, J.D. (Hrsg.): Victims of Sexual Aggression: Treatment of Children, Women and Men. New York 1984, 91-104.

(4) Knopp, F.H.: a.a.O., 14ff.: Marquit, C.: Der Täter, Persönlichkeitsstruktur und Behandlung. In: Backe, L. u.a. (Hrsg.): Sexueller Mißbrauch von Kindern in Familien. Köln 1986, 118-126.

(5) Schmidt- Relenberg, N. u.a.: Strichjungengespräche, Darmstadt-Neuwied 1975, 121f.

(6) Sandfort, T.: Pädophile Erlebnisse, Braunschweig 1986, 19.

(7) Bongersma zitiert nach Sandfort

(8) Bernard, F.: Pädophilie. In: Albrecht-Désirat, K./Pacharzina, K. (Hrsg.): Sexualität und Gewalt. Bernsheim 1979, 79 ff.

(9) Bange, D.: Die Mauer des Schweigens. Sexuelle Ausbeutung von Jungen. In: Sozial Extra. 10/1988, 37.

(10) Dannecker, M.: Das Drama der Sexualität, Frankfurt am Main 1987, 84.

(11) Rust, G.: Sexueller Mißbrauch – ein Dunkelfeld in der Bundesrepublik Deutschland. Aufklärung, Beratung und Forschung tun not. In: Backe, L. u.a. (Hrsg.): a.a.O., 7-20.

(12) Kavemann, B./Lohstöter, I.: Väter als Täter. Reinbek bei Hamburg 1984, 24.

(13) Fiedrich, W.A. et al.: Behavior Problems in Sexually Abused Young Children. In: Journal of Interpersonal Violence. Vol. 3/1986, 21-28.

(14) Kazis, C.: Dem Schweigen ein Ende. München 1988, 117.

(15) Amendt, G.: Nur die Sau rauslassen? Zur Pädophilie-Diskus-

Ob Kneifen, Boxen, Ringen – ich laß mich zu nichts zwingen.

sion*. In: Sigusch, V. (Hrsg.): Die sexuelle Frage. Hamburg 1982, 141-167.

(16) Hedlund, E.: Ergebnisse einer Umfrage unter verurteilten Vergewaltigern. In: Heinrichs, J. (Hrsg.): Vergewaltigung. Die Opfer und die Täter. Braunschweig 1986, 78-86.

(17) Groth, N.A.: The Incest Offender. In: Sgroi, S.M. (Hrsg.): Handbook of Clinical Intervention in Child Sexual Abuse, Lexington 1982, 215-239.

(18) Assmann, K.: Hilfe für alle Beteiligten. Wie man in den USA das Problem der mißhandelten Kinder angeht. In: Frankfurter Rundschau. 04.06.1988, 5.

in: "Kein Anfassen…"

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