Kapital für Entwicklung

Einleitung in das Dossier

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L’Année Internationale du Microcrédit 2005

Kapital für Entwicklung

Mikrokredite, als Beitrag zur Linderung der Armut in der Dritten Welt, stehen hoch im Kurs. Die UN haben das Jahr 2005 zum „Internationalen Jahr des Mikrokredits“ erkoren. Weltweit finden Veranstaltungen statt, der geistige Vater dieser Idee, der Wirtschaftswissenschaftler und Gründer der Grameen Bank in Bangladesh, Mohammad Yunus, ist ein gern gesehener Gast auf Empfängen der internationalen Finanz. Und auch in Luxemburg finden Konferenzen zum Thema statt, denn die Akteure der Entwicklungshilfe und der Finanzbranche sehen gute Chancen, die großzügige Kooperationspolitik des Landes mit der Ausstrahlung seines Finanzplatzes zu verbinden (vgl. www.microfinance2005.lu).

Das Konzept der Mikrokredite geht davon aus, dass zu viele Menschen in den Armutsregionen der Welt keinen Zugang zu Kapital haben, d.h. für klassische, kommerzielle Banken nicht kreditwürdig sind und sich deswegen aus eigener Kraft nicht aus Armut und „Unterentwicklung“ befreien können. Ihre Einbindung in die Geldwirtschaft, die Perspektive einer geschäftlichen Aktivität, die Absicherung durch Systeme der kollektiven Verantwortung, die zu enorm hohen Rückzahlungsquoten führen – all das scheinen Mikrokredite zu einem idealen Instrument der „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu machen.

In Luxemburg sind insbesondere zwei ONGs in diesem Bereich aktiv: ADA (Appui au développement autonome) und SOS-Faim. Sie erklären in ihren Beiträgen den Ansatz der Mikrofinanz und wie die praktische Durchführung vor Ort vonstatten geht. Als konkretes Beispiel wird die Bank Kafo Jiginew in Mali vorgestellt, die sowohl von SOS-Faim Belgien, als auch von ADA und

dem luxemburgischen Fonds „Luxmint“ unterstützt wird. Kooperationsminister Jean-Louis Schiltz weist in seinem Text auf die Verbindungslinien hin, die im Bereich der Mikrokredite zwischen Kooperationspolitik und Finanzplatz bestehen. Zwei Beiträge behandeln diese mögliche Komplementarität im Einzelnen: Der LSAP-Fraktionspräsident Ben Fayot erläutert seinen Gesetzesvorschlag, der auf die Aufhebung der Abonnementstaxe für solche Investmentfonds hinausläuft, die sich ausschließlich im Bereich der Mikrofinanz engagieren. Fayot stellt aber auch gleich die Gretchenfrage im Zusammenhang mit der angestrebten Zusammenarbeit zwischen Finanzsektor und Entwicklungspolitik: „Qui va dominer ce partenariat?“

Mikrokredite können keinen Ersatz darstellen für die soziale Infrastruktur des Staates und für die Netzwerke der Solidarität, an denen Kooperationspolitik und Entwicklungshilfeorganisationen gemeinsam arbeiten.

Für Jean-Jacques Picard von der ALFI (Association luxembourgeoise des fonds d’investissement), ist der Mikrofinanzsektor ein „hybrides Gebilde aus kommerziellem Finanzsektor und wirtschaftlicher Entwicklungshilfe“. Die Diskussion um die Mikrofinanz ist für die luxemburgische Fondsindustrie ein Aspekt in dem Bestreben, in Luxemburg sogenannte „Ethik-Fonds“ anzusiedeln, d.h. solche Finanzprodukte, die die sozialen, umweltpolitischen und ethischen Anliegen der Investoren respektieren.

Im Zusammenhang mit der Mikrofinanz stellt sich für die luxemburgische Fondsindustrie die Frage nach der Kontrolle der geförderten Finanzinstrumente und –institute.

Abschließend bringt ein Beitrag von Ingo Ritz, Geschäftsführer der deutschen Nichtregierungsorganisation „NETZ – Partnerschaft für Entwicklung und Gerechtigkeit“, die Bedenken auf den Punkt, die dem Konzept mittlerweile von verschiedenen Seiten entgegengebracht werden und die z.B. auch im Beitrag von Ben Fayot mit anklingen. Am Beispiel von Bangladesh, dem „Mutterland“ der Kleinkredite, wird aufgezeigt zu welch negativen Entwicklungen die Verbreitung der Mikrokredite auch führen kann.

Eine grundsätzliche Kritik am System der Mikrokredite erscheint jedoch in keinem der Beiträge. Eine der wenigen Kritikerinnen des „Rechtes der Armen auf Verschuldung“, die mexikanische Journalistin Ximena Bedregal, schreibt (in Triple Jornada, Juni 2001): „Wo keine staatlichen sozialen Sicherungssysteme mehr existieren, vermittelt das Mikrofinanzierungswesen: Wenn du es mit einem Kleinkredit nicht schaffst, bist du für Scheitern und Armut selbst verantwortlich.“

Mikrokredite können tatsächlich keinen Ersatz darstellen für die soziale Infrastruktur des Staates und für die Netzwerke der Solidarität, an denen Kooperationspolitik und Entwicklungshilfeorganisationen gemeinsam arbeiten.

JST

PS: Das CITIM (Centre d’Information Tiers Monde, www.astm.lu) bietet für die Arbeit in Schulen einen pädagogischen Koffer zum Thema Mikrofinanz an.

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