Katholikentag 1992 in Karlsruhe
Einige Randbemerkungen
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Mehr als 1400 verschiedene Veranstaltungen in fünf Tagen, ein Programmheft von nahezu 400 Seiten, wem könnte es da gelingen, einen Überblick zu bekommen oder einen zusammenfassenden Bericht zu geben. Auch den verschiedenen Fernsehprogrammen ist das nicht möglich, obschon sie gleichzeitig an verschiedenen Orten drehen können. Eine Fernsehjournalistin des ARD hat in einer Sendung am Sonntagabend über den Katholikentag verschiedenen Leuten die Frage gestellt: "Sind Sie der Meinung, daß Eugen Drewermann dem Katholikentag die Show gestohlen hat?" Dazu bekam sie von einem Journalisten die Antwort, das sei dann die Schuld der Medien. Wenn wirklich 70.000 Menschen am Katholikentag teilgenommen haben und zu dieser Veranstaltung 2000 Plätze in der Halle verfügbar waren, wie könnte da jemand das Publikum monopolisieren? Außerdem wurde diese Sendung life vom ZDF übertragen und es bestand also die Möglichkeit, sich dieses Gespräch auf Video aufzuzeichnen und
während dieses Morgens einer anderen Veranstaltung beizuwohnen. Die Organisatoren des Katholikentags haben leider die Gelegenheit verpaßt, ein theologisches Gespräch zu veranstalten über die verschiedenen Streitpunkte zwischen Eugen Drewermann und seinem Erzbischof Johannes Degenhart. Dass dies durchaus möglich ist, hat das ORF bewiesen in einer Sendung zum Thema Ostern mit Axel Corti als Gastgeber und Teilnehmern aus verschiedenen Konfessionen (Eugen Biser, Religionsphilosoph – Wolfgang Beinert, Professor für Dogmatik – Eugen Drewermann, Theologe – Maria Roth, Religionslehrerin – Rut Rohrandt, Pfarrerin – Albert H. Friedlander, Rabbiner). Hier ging es in einem sehr interessanten Gespräch von über zwei Stunden über das Thema und nicht um eine Person. An dieser Kristallisation um eine Person sind die Medien mitschuldig.
Eine Vielfalt von Veranstaltungen wurde auch angeboten zum Thema Menschenrechte – Lateinamerika – Entwicklungspolitik unter dem Themenkreis V: Unterwegs zur einen Welt; in diesem Themenkreis wurde auch das Problem Flüchtlinge und Asylbewerber behandelt. Bei einer der zentralen Veranstaltungen zu diesem Themenkreis war Sr. Karoline Mayer aus Santiago de Chile eingeladen. (Sie ist den "forum"-Lesern bekannt durch die Vereinigung "Chiles Kinder" aus Bettemburg, welche Sr. Karoline tatkräftig unterstützt.)
Im Zusammenhang mit einem vereinten Europa veranstalteten die Diözesanräte aus Nordrhein-Westfalen ein Forum unter dem Titel: "Ein Beitrag zum Weltfrieden: Keine europäischen Rüstungsexporte", wo auf die Gefahr hingewiesen wurde, daß solange sich die europäischen Länder nicht auf einen gemeinsamen Modus der Kontrolle von Rüstungsexporten
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einigen können, es nach Abschaffung der Binnengrenzen leichter werden wird, Rüstungsgüter unkontrolliert zu exportieren.
Zur gleichen Zeit fand in Karlsruhe der 6. KatholikInnentag von unten statt mit drei thematischen Schwerpunkten: 500 Jahre Conquista – Kolonisierung des Christseins (Kirche, Staat und Gewissen) – Kolonisierung der Sexualität mit ungefähr 70 verschiedenen Veranstaltungen und vielen Informationsständen der Mitgliedsgruppen der Initiative Kirche von unten. (siehe auch "forum", Nr. 134, S.46 und 48). Den drei Hauptthemen war je ein Tag reserviert, daneben gab es aber noch andere Veranstaltungen wie z.Bsp. das Bibelhaus, Theatervorstellungen, Workshops usw.
Die Initiative Kirche von unten wurde 1979 gegründet als Netzwerk von Basisgemeinden, von themenbezogenen Gruppen (Frieden, Schöpfung u .a.), von Gruppen persönlich betroffener Menschen (verheiratete Priester und ihre Frauen, Homosexuelle) und von Einzelengagierten. Die IKvu bereitete zum ersten Mal 1980 in Berlin einen Katholikentag von unten vor, um die Anliegen von Randgruppen in der Kirche auch an eine große Öffentlichkeit zu bringen.
Die Teilnehmer des Katholikentags waren vorwiegend Jugendliche, laut Fernsehberichten waren 70 Prozent unter 30 Jahren. Walter Heinlein, evangelischer Pfarrer der Christuskirche in Karlsruhe und damit auch Gastgeber des Katholikentags, wurde gefragt: "Wie sehen Sie denn das fünftägige Laientreffen? Hat es etwas gebracht? Hat es die Christen nach vorne geführt oder gar zurück?" Er erwiderte: "Es ist ein sehr bewegendes Treffen; es sind sehr viele junge Leute da, man bekommt den Eindruck, daß die Kirche eine junge Kirche ist; das entspricht dann nicht dem Alltag. Insofern kann man sagen, dieser Katholikentag ist aussergewöhnlich. Daß er etwas bewegt, glaube ich nicht. Sobald er vorbei ist, ist er für die meisten vergessen. Er gibt für einige Leute Impulse, aber daß er die Kirche bewegt, glaube ich nicht."
Es bleiben bestimmt für jeden persönliche Erlebnisse, Kontakte, Freundschaften, Denkanstöße, Umdenkprozesse. Ob das aber einen so gewaltigen Zeit- und Geldaufwand rechtfertigt? (Nach Pressestimmen kostete der offizielle Katholikentag 12 Millionen DM, der Katholikentag von unten 300.000 DM).
Josée
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